Filmtitel mit 3...

Legende:

5 Pönis= Einsame Spitze
4 Pönis= Richtig gut
3 Pönis= Geht so
2 Pönis= Mäßig
1 Pöni = Jämmerlich
0 Pönis= Grottig

3 Männer und ein Baby" von Coline Serreau (B+R; Fr 1985; 106 Minuten; Start D: 22.05.1986).

Die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. Das gilt nicht nur für die Erlebnisse auf der Leinwand, sondern manchmal auch für die bei der Entstehung eines Films. Als die französische Autorin, Regisseurin, Schauspielerin und Trapezkünstlerin Coline Serreau vor zwei Jahren mit ihrer Idee für einen neuen Film hausieren ging, glaubten sämtliche Ansprechpartner an einen vorprogrammierten Flop und lehnten eine Unterstützung und Finanzierung des Projekts ab. Die Idee, eine Komödie um drei Junggesellen aufzubauen, die eines Tages unfreiwillig zu “Vätern" werden, hielten die meisten für einen schwachen Filmstoff, der wenig Rendite versprach. Einzig der 33jährige Produzent Jean-Francois Lepetit war damals von dem zehnseitigen Treatment der Allroundkünstlerin angetan und begann bei Verleih- und Produktionsfirmen sowie den Fernsehsendern anzuklopfen, währenddessen die Serreau sich zurückzog, um das Drehbuch zu schreiben: “Die gesamte französische Filmproduktionsszene hat ihr Drehbuch irgendwann einmal in der Hand gehabt“, resümiert der junge Produzent heute, der nach Monaten endlich zwei TV-Stationen fand, die bereit waren, in das Unternehmen mit einzusteigen. Lepetit: “Das Budget war ziemlich niedrig, neun Millionen Francs. Als mittlere Summe für einen französischen Film rechnet man im Allgemeinen 12 Millionen". Der Rest ist inzwischen eine märchenhafte Statistik.

Am 18. September 1985, dem Premierentag in Paris, kamen trotz der Konkurrenz des neuesten James-Bond-Films 5000 Besucher. Eine Woche später, am Premierentag der zweiten Konkurrenz "Mad Max III“, hatte Coline Serreaus Film 10.000 Zuschauer. In den kommenden Wochen stiegen die Zahlen in astronomische Höhen, selbst als “Rambo II" anlief. Bereits am Jahresende hatte der Film die gesamte Hollywood-Konkurrenz (einschließlich "Rocky IV" inzwischen) um Zuschauer-Längen geschlagen. In den ersten 19 Wochen haben den Film mehr als sechs Millionen Franzosen gesehen, inzwischen ist sogar schon die Traumgrenze von sieben Millionen überschritten. Ein Erfolg, der nun auch “amtliche" Honorierungen nach sich zog. “3 hommes et un couffin“ (Originalübersetzt: ‘Drei Männer und ein Korb‘) erhielt bei der diesjährigen französischen Filmpreisverleihung drei “Cesars“ zugesprochen: für den besten Film, das beste Drehbuch und André Dussollier für die beste männliche Nebenrolle. Während der Streifen gleich Frankreich in diesem Jahr beim “Oscar“ - Wettbewerb um den Auslandsfilm vertrat.

Viel Huldigung und Begeisterung für eine Geschichte, einen Film ohne Sex und Gewalt, ohne modische Allüren oder Schnickschnack, sondern für ein charmantes, witziges Amüsement, inhaltsmäßig in wenigen Worten zusammenzufassen ist: Wie sich drei sympathische Monsieurs plötzlich mit Problemen wie supersaugfähigen Windeln, dem richtigen Inhalt von Babyflaschen und dem Verlust ihrer Junggesellen - Freuden herumschlagen müssen. Und wie man dabei, sowieso reichlich genervt, nun auch noch Bullen und Dealer (oder umgekehrt) auszutricksen lernt. Dabei stand am Anfang der Freundschaft und Kumpanei von Pierre, Jacques und Michel der feste Entschluss, in ihrer geräumigen Wohnung niemals eine Frau länger als eine Nacht zu beherbergen. Sie sind typische Singles um die vierzig, die als Architekt, Steward und Comiczeichner ganz gut ausgesorgt und überhaupt keine Lust haben, auf irgendwelche Vorzüge des Lebens verzichten zu müssen. Aus Angst, nun bloß nicht noch mehr im Leben (an Frauen zum Beispiel) zu versäumen, kommen einengende Bindungen jedweder Art nicht in Frage. Sie wechseln ihre Beziehungen wie ihre Hemden, führen einen “geordneten“ Alltag und wären wahrscheinlich auch mehr oder weniger zufrieden über die Lebensrunden gekommen, wenn ihnen nicht doch eines schönen Morgens eine junge Frau zu Füssen gelegen wäre. Sie heißt Marie und dürfte zwischen sechs Monaten und einem Jahr alt sein.

“Dies ist die Frucht unserer Liebe. Ich muss für 6 Monate nach Amerika. Tschüss Sylvie, du weißt schon, die mit dem Muttermal an der Hüfte“, heißt es im Begleitbrief im Korb an Jacques. Der aber hetzt mal wieder um den Erdball und sorgt bei seinen häuslichen Kameraden zunächst für einige Aufregung. Natürlich hatte Jacques ein “Päckchen“ zum kurzen Aufbewahren annonciert, aber man erwartete doch kein lebendiges. Und schon gar nicht eines, das andauernd schreit. Was macht man bloß mit solch einer “Zustellung“, zumal die Besorgung von Babynahrung in unserer hochentwickelten, quasi für jeden Tag anders eingerichteten Zeit nicht ganz einfach ist und selbst die gutmütigste Apothekerin an ihre Erfahrungsgrenzen bringt? Für Pierre und Michel brechen harte Tage an. Sie vernachlässigen ihre Jobs und Freundinnen (oder umgekehrt) und sind zunächst einmal in dem Durcheinander von Windeln und Höschen verschiedener Größen, von Babykost und Fläschchen, die sterilisiert werden müssen, von Wickeln, Baden, Schlafenlegen, den permanenten nächtlichen Störungen völlig verloren. Und stinkesauer.

Sie empfinden Marie als Eingriff in ihre persönliche Freiheit, ohne zu merken, wie sie sich dabei verändern. Marie bestimmt fortan die stressigen 24 Stunden. Zumal sich nun auch getäuschte Rauschgiftdealer einfinden und schon mal die Wohnung verwüsten, währenddessen mittenmal die Polizei auch noch ihre Argusaugen auf die Beiden mit ihrem Baby geworfen hat. Es ist ein Teufelskreis, in den dann auch ein völlig überraschter Jacques nach drei schönen Asien - Wochen einbezogen wird. Aber nun mittenmal können sie von “ihrem Kind“ nicht mehr lassen. Ohne es sich eingestehen zu können, fühlen sie sich in ihrer neuen Rolle sehr wohl. Marie hat ihrem Leben eine ganz neue Art von Freiheit gegeben, einen rührenden Sinn, der ihnen ein Stück eigene Kindheit zurückbringt und plötzlich sehr viel wichtiger ist als die doch sonst so vielbegehrte Freiheit mit dem Alles -Tun - und - Lassen - Können. Flirts und Partynächte ade, vollgemachte Windeln und ein zufriedenes Babylächeln sind jetzt angesagt. Aber dann steht die Mama auf der Matte und holt ihr Kleines zurück. Was soll nur aus Jacques, Pierre und Michel werden?

Nach “Pourquoi Pas? / Warum Nicht !“ (1977), der auch bei uns zu einem vielgeliebten Kultobjekt wurde und in diesen Tagen zur Wiederaufführung gelangt, und “Qu‘est-ce qu‘on attend pour etre heureux?“ (etwa: ‘Was erwartet man um glücklich zu sein?‘) von 1982, der hierzulande nur einmal auf den Hamburger Kinotagen vorgestellt wurde und eine Art liebevoll - komische französische “Broadway Danny Rose“ - Fassung ist, ist nun “3 Männer und ein Baby“ für die heute 37jährige Coline Serreau das komödiantische Meisterstück, das eine vollkommene Verständigung zwischen Publikum und Film herbeiführt. “Ich gehe gern in die Säle mit dem Publikum und sehe wie die Leute lachen, weinen, sich amüsieren, gerührt sind. Und auch die Universalität dieser Antwort zu mir hin berührt mich. Die Dinge, die Situationen, die Gefühle auf der Leinwand sind so, wie ich sie empfunden habe. Man kann einen schönen wirtschaftlichen Erfolg haben und im Innersten wissen, dass dies ein Glücksfall ist, weil der Film nicht sehr gut gelungen ist. Und im Gegenteil dazu, haben einige sehr gute Filme, und das ist leider nicht selten‚ keinen Erfolg gehabt. Man kann sich irren oder nur zu einer schlechten Zeit herauskommen, zu früh, was die Reife des Publikums und seinen Anspruch anbelangt. Für meinen Film aber gibt es anscheinend eine perfekte Übereinstimmung zwischen dem, was ich darstellen will und dem, was die Leute sagen. Das ist in meinen Augen der wahre Erfolg und noch mehr: das Glück, die Harmonie“, erläutert die Regisseurin, die aber nicht nur eine talentierte “Inszenatorin“ war, sondern auch eine professionelle Autorin. Auf so intelligente Weise komische Dialoge durften bislang wohl nur bei Lubitsch, Wilder oder Blake Edwards vernommen werden, während der Einfall, drei Schauspieler gegen ihr Image zu besetzen, dem Film zusätzlichen Reiz gibt und ankommt.

Roland Giraud (Pierre) hat auf der Leinwand sehr oft miese Typen gespielt (“Her mit den Jungs“), hier ist er wunderbar empfindlich, verstört, verantwortungsvoll und richtig verletzt, als die Mama das Baby wieder abholt. André Dussolier (Jacques/“Le beau mariage - Schöne Hochzeit“ / “Die Taxifahrerin“) ist zum ersten Mal eine ganz klare, geradlinige Figur, ein Typ, der die Probleme des Daseins gar nicht erst an sich heranzulassen beabsichtigt. Und Michel Boujenah, der aus Tunesien stammt, zuvor erst einen Film gemacht hatte, aber auf eine große Cabaret- und Music - Hall - Erfahrung bauen konnte, ist in dem Trio der Kindliche, der Zärtliche, der “Frauliche“, der Einzige also, der mit dem Baby fast mütterlich umgeht. Bleibt die Frage, was es wieder mal ist, das den französischen Film im Gegensatz zum deutschen so leicht aber nicht leichtfertig mit dem Alltag im Film umgehen lässt.

Vergleiche mit unterhaltsamen Balladen eines Claude Sautet kommen in Erinnerung (etwa “Die Dinge des Lebens“ oder “Vincent, Francois, Paul und die anderen“). Es ist die Einfachht eben, nicht der Versuch, eine Künstlichkeit aufzubauen, in der tiefsinnige, symbolische Ansprüche in den Vordergrund gestellt werden, sondern eben nur die Stimmungen “um die Ecke“, in den Bistros, den Straßen, hier: in einer Wohnung. Dies mit Charme, Esprit tragikomischem, aber nie verletzendem Witz gewürzt, nicht ausbeuterisch oder denunzierend, ist die Kunst der Einfachheit. Mit Pep und Sinn selbstverständlich, schließlich werden mittenmal die Geschlechterrollen ganz schön auf den Kopf gestellt. “Warum nicht“, behauptet dann auch die Regisseurin. “Die Gesellschaft hat sich verändert, die Frauen sind freier geworden, sie akzeptieren es, wenn die Männer sich um die Kinder kümmern. Und sie haben sogar, wie ich es am Ende des Films andeute, ein Anrecht darauf, selbst bemuttert zu werden. Das liegt jenseits des Feminismus und ist vielleicht ein Thema für die Zukunft…“. Aber für die spätere. Denn zunächst einmal mal ist Hollywood dermaßen angetan von diesem Film, dass die Serreau den Auftrag erhielt, denselben Film nochmal drüben mit “amerikanischen Kerlen“ und einem landeseigenen Baby zu drehen. Bitte sehr, wenn Hollywood europäische Unterhaltungsnachhilfe braucht - warum nicht? (= 5 PÖNIs)

39,90“ von Jan Kounen (B+R; Fr 2007; 100 Minuten; Start D: 31.07.2008); basiert auf einem Bestseller, dem 2001 erschienenen gleichnamigen Insider-Roman von Frédéric Beigbeder (französischer Originaltitel: “99 francs“). Der deutsche Buchtitel steht für den Verkaufspreis von 39,90 DM für die deutsche Erstausgabe. Thema: Die WERBUNG.

Für die Industrie notwendige “Kommunikation“ in Richtung Verbraucher, für Andere heißt es “Werbung ist Umweltgift“ (Werbekritiker Kalle Lasn in seinem Buch “Culture Jamming“). 500 Milliarden US-Dollar werden weltweit jährlich für Werbung ausgegeben, in Deutschland flossen 2007 20,9 Milliarden EURO In die Werbung. FRÈDÈRIC BEIGBEDER war selbst ein erfolgreicher Texter bei der Werbeagentur “Young & Rubicam“, als er den Roman, auf Anraten seines Freundes Michel Houellebecq (“Elementarteilchen“), verfasste. Das hierzulande im “Rowohlt Verlag“ veröffentlichte Buch wurde als Hardcover und als Taschenbuch rund 250.000 mal verkauft. Die Verfilmung wird dem ruhelosen Wut-Buch vollauf gerecht. Dabel im ständigen Blick- und Mittelpunkt: Werbemanager Octave Parango. Dessen verführerisches Motto lautet “Alles ist käuflich; Die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich“. Der Pariser Werbeguru befindet sich permanent auf der Überholspur des Lebens.

Er kokst und hurt, hält sich für den Größten, hat immer eine böse Anekdote parat, einen Spruch für jede Situation. Ein Hochkaräter von professionellem Lügenbold. Bis er sich zum ersten Mal “richtig“ verliebt. Und es vergeigt. Plötzlich ist “mal etwas“ nicht verfügbar, nicht käuflich. Der Zyniker, der sich gerne auch als Künstler sieht, fängt an, denkend aufzuatmen, hat so langsam aber sicher sich und sein “Handwerk“ satt. Beginnt (sich) umzupolen. Beschließt, diesen gigantischen Werbezirkus in seiner ganzen Verlogenheit, Oberflächlichkeit, Manipulation und Menschenverachtung bloßzustellen, anzuprangern.

Der Film: Rasant, spritzig, komisch. Ein irrwitziger Spaß. Eine romantische Frechheit. Mit viel Realitätsgeschmack. Sowie ideenreich und spannend. Vor allem beeindruckend, weil der französische Komiker JEAN DUJARDIN (OSS 117, s. DVD-Kritik) diesen Typ so wunderbar-kotzbrockig vereinnahmt, ihn als tragikomische Ikone regelrecht durchspült. Abstoßend wie anziehend, eklig wie faszinierend, blendend wie surreal. Eine urig-clevere Kopf- und-Bauch-Provokation (= 4 PÖNIs).

300" von Zack Snyder (Co-B+R; USA 2006; 117 Minuten; Start D: 05.04.2007); einem jungen Regie-Spund aus Hollywood, der vorher in der Werbung und im Musik-Video-Bereich tätig war und dessen Debütfilm 2004 das Remake des George A. Romero-Zombie-Klassikers "Dawn Of The Dead" war (auch: "Die Nacht der Zombies").

Sein 2. Kinofilm basiert auf einem 5bändigen Comic von FRANK MILLER ("Sin City") aus dem Jahr 1998 und lehnt sich lose an eine antike Schlacht anno 480 v.Chr.: Sparta (=Griechen) gegen Persien/300 Spartaner gegen eine riesige Übermacht von Perser. Ergebnis: Ein Dauer-Gemetzel; eine Gewalt-/Blut-/Kriegs-Orgie, zu denen die Beats kräftig dröhnen/röhren. Ein Schwerter- und Muskel-Spektakel. Halbnackte geölte Muskelmänner lassen sich brüllend-genüsslich massakrieren; zeitlupenverstärkt, effektvoll-getrickst, ästhetisch-visualisiert; eine Bilderbuch-Choreographie des Terrors: Körper- und Gliedmaßen werden abgehackt; Feinde aufgespießt, das Blut spritzt ununterbrochen, Leichenberge zuhauf; ein Ballett der permanenten Aggression ("...irgendwo zwischen Kriegsdrama, Ballett und Schwulenporno"/"DER SPIEGEL" in dieser Woche). Motto: Töten im Namen der Freiheit!??! In Ehren zu sterben, ist durchaus erstrebenswert. Der Mensch als will fähiges, mutiertes Kampf-Monster.

"300" ist ein ekelerregendes Gewalt-Spektakel; erzählt fragwürdig-lustvoll + immerfort vom "gerechten Krieg"; spielt thematisch mit "guten + bösen Rassen"; handelt von "lebensunwertem Leben", prahlt mit Muskeldominanz und Körperkult. Ist ein übler, faschistoid-naher PROPAGANDAFILM: FÜR Krieg; mit lärmenden Durchhalteparolen; sich dabei "entschuldigend" wie naiv als COMIC-Verfilmung erklärend; sieht sich an wie der NAZI-Durchhaltefilm "Kolberg" (von 1943/45), wo sich Kolberger Bürger mit viel Pathos und "Vaterlandsliebe" einer Übermacht von Napoleons Truppen entgegenstemmen. Naiv, schmutzig, widerlich, gefährlich in Show und Ideologie. Und: Gerne-genüsslich "die im Osten" als d i e Bösewichter malend und interpretationsmöglich auf den "gerechten Irak-Krieg" zielend.

Parallelen zur aktuellen Debatte über den Konflikt zwischen dem christlichen Westen und dem muslimischem Orient liegen jedenfalls auf der kontroversen Hand: George W. Bush wird diesen Film sicherlich nicht ungern betrachtet haben (= 1 PÖNI).

360“ von Fernando Meirelles (GB/Ö/Fr/Brasilien 2011; B: Peter Morgan; 110 Minuten; Start D: 16.08.2012); der 56jährige brasilianische Regisseur startete seine internationale Karriere 2002 mit seinem brutalen „Heimatfilm“ „City of God“, der weltweit mit über 50 Preisen bedacht sowie vierfach für den „Oscar“ nominiert wurde (darunter auch in der Kategorie „Beste Regie“). Ebenso erfolgreich war 2005 seine John Le Carré-Roman-Adaption „Der ewige Gärtner“ (mit Ralph Fiennes), die ebenfalls viele internationale Auszeichnungen bekam, abermals vier „Oscar“-Nominierungen einheimste und Hauptdarstellerin Rachel Weisz die begehrte Trophäe einbrachte. 2008 eröffnete Fernando Meirelles mit seinem Werk „Die Stadt der Blinden“ den Wettbewerb der 61. Filmfestspiele von Cannes.

Der britische Drehbuch-Autor PETER MORGAN, 49, zählt zu den renommiertesten Film-Autoren. Für seine Drehbücher zu hervorragenden Filmen wie „Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht“, „The Queen“ (beide 2006) sowie „Frost / Nixon“ (2008) erhielt er „Oscar“-Nominierungen sowie weitere internationale Preise. Peter Morgan bezieht sich als Drehbuch-Autor für diesen Film auf einen klassischen wie einst skandalträchtigen Bühnenstoff: „REIGEN“ von Arthur Schnitzler. Als am 23. Dezember 1920 am „Kleinen Schauspielhaus“ in Berlin die Uraufführung stattfand, führte sie zu einem der größten Theater-Skandale des 20. Jahrhunderts. Denn in dem Stück geht es, anhand von zehn „Fallbeispielen“, um die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“ (Jenny Hoch: „Vögelei mal zehn“/“Spiegel.de“). In allen sozialen Schichten der Gesellschaft. Beginnend mit der Dirne und dem Soldaten, dem Soldaten und dem Stubenmädchen, dem Stubenmädchen und dem jungen Herrn, dem jungen Herrn und der jungen Frau….bis hin zum Grafen und der Dirne. Was damals als „ungeheuerlich“ galt.

Personelle Figuren-Ähnlichkeiten hier. Die Slowakin Mirka beschließt, sich in dem Callgirl-Ring eines schmierigen österreichischen Loddels „einbinden“ zu lassen. Ein britischer Geschäftsmann „bucht“ sie in Wien, nimmt aber dann doch Abstand. Derweil gibt seine Ehefrau in London ihrem brasilianischen Lover den Laufpass. Doch auch dessen Freundin hat sich von ihm soeben wegen seiner ständigen Untreue verabschiedet. Befindet sich auf der Heimreise nach Rio und begegnet im Flugzeug einem älteren Herrn. Der seit Jahren seine verschwundene Tochter sucht. Mit dem strandet sie wegen des schlechten Wetters in Denver. Wo gleichzeitig auch ein kürzlich entlassener therapierter Sexualstraftäter auftaucht, mit dem die junge Brasilianerin „in Kontakt“ kommt. Phoenix, Paris und schließlich wieder Wien lauten die weiteren Stationen auf diesem Reigen der Leute wie Orte. In dem namhafte Akteure wie JUDE LAW, RACHEL WEISZ, BEN FOSTER, JAMEL DEBBOUZE sowie Sir ANTHONY HOPKINS und auch MORITZ BLEIBTREU (als unappetitlicher deutscher Geschäftspartner von Jude Law) sich die Ehre und Stichworte geben.

Mal sinnlich, mal zärtlich, mal hysterisch. Mal spannend, mal lau. Mal mit exquisiter Verbalstärke, mal mit raffinierter Körpersprache. Mal clever, mal fade. Mal gescheit, mal doof. Vor allem im letzten kriminalistischen Detail sogar richtig unscharf. Plump konstruiert wirkend. Bisweilen schaut dies wie ein schelmisches Menschenstück, dann wieder wie ein läppischer Telenovela-Happen am TV-Nachmittag aus. Mal ist Wohlfühlen, mal Abtauchen annonciert. „360“ ist trotz vielem Promi-Mitmachen ein Film á la weder Fisch noch Fleisch. Kann man, muss man aber nicht unbedingt (im Kino) sehen (= 2 ½ PÖNIs).

3096 TAGE“ von Sherry Hormann (D 2012; B: Bernd Eichinger, Ruth Toma; nach der gleichnamigen Autobiografie von Natascha Kampusch; K: Michael Ballhaus; M: Martin Todsharow; 109 Minuten; Start D: 28.02.2013); natürlich Skepsis. Warum? Dieser Film? Mit dem bekannten Ausgang? Gäbe nicht eine dreiviertelstündige ARD-Dokumentation in der Reihe „Die großen Kriminalfälle“ mehr her? Nach der Filmbesichtigung bin ich geplättet. Und „angetan“. Wenn man es überhaupt SO formulieren darf. Sollte. Aber – dies hier ist die Kritik über einen Film. Und innerhalb dieser Kategorie zählt dieser neue deutsche Film zu den derzeit wertvollsten Überraschungen. Er ist inhaltlich angenehm „dezent“, darstellerisch außerordentlich intensiv, und eben nicht als voyeuristisches Spektakel inszeniert, sondern als entsetzlich bewegendes, berührendes Spannungskammerspiel. Um ein fürchterliches kriminalistisches Ereignis. Um eine unfassbare Tragödie. Die einmal mehr von der dunklen, widerwärtigen Menschen-Seite berichtet. Weshalb einem anderen Menschen unendliches Leid „passiert“. Ist.

Zu den nüchternen, grauenvollen Fakten: Am 2. März 1998 wird die damals zehnjährige Natascha Kampusch entführt. In Wien. Von dem 36jährigen arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil. Am 23. August 2006, nach genau 3096 Tagen, also nach mehr als acht Jahren, gelingt ihr die Flucht. Die überwiegende Zeit verbrachte Natascha Kampusch in einem rund 2 mal 3 Meter kleinen Verlies, das der Entführer unter der Garage seines Hauses in Strasshof bei Wien ausgehoben hatte. Sorgfältig und lange geplant. Der Film „3096 Tage“ handelt von dieser Gefangennahme, der Gefangenschaft. Für die Verfilmung dieses Martyriums wurde „die Zelle“ von Natascha Kampus vom Szenenbildner BERND LEPEL („Der Untergang“/2004) in den Münchner Bavaria Studios originalgetreu nachgebaut. Sozusagen 1:1 so eingerichtet wie damals von Priklopil.

Drei Darsteller, drei wunderbare Schauspieler. Als Vermittler. Nicht als gute oder böse Helden. Sondern als Vermittler von Menschen. Die, darf man es „schicksalhaft“ nennen, zusammen“treffen“. Die kleine Natascha Kampusch: AMELIA PIDGEON, Jahrgang 2001. Aus England. Geboren in Torquay und aufgewachsen im Moretonhampstead. Tochter eines Hufschmieds und einer Friseurin. Trat ohne jedwede Schauspielerfahrung an. Wirkt scheulos. Sagenhaft „normal“. Also voller Ängste, Unsicherheit, Fassungslosigkeit. Eben so wie „man“ wohl als „junges Ding“ reagiert. Auf „das“. Das Gesicht von Amelia Pidgeon. Der Einstieg in diesen Film wirkt ungeheuerlich. Überrumpelnd. Dank dieser großen kleinen (Film-)Person. Natascha Kampusch ab 14: Sie heißt ANTONIA CAMPBELL-HUGHES. Wurde 1982 in Nordirrland als Tochter eines Engländers und einer Irin geboren. Wuchs in den USA, in Deutschland und der Schweiz auf. Konzentriert sich seit 2005 auf ihre Schauspielkarriere. Trat in BBC-Serienproduktionen auf. 2011 spielte sie in „Albert Nobbs“ an der Seite von Glenn Close. Als Antonia Campbell-Hughes im Februar 2012 auf der Berlinale den „Shooting Star Award“ erhielt, begründete die Jury ihr Urteil mit den Worten: „Antonias Schauspiel ist verführerisch minimalistisch, aber beweist zugleich ein überwältigendes Charisma“.

In „3096 Tage“ ist die junge Frau überwältigend. In dem zumeist stillen Bemühen, das seelische Leid, die vielen viehischen Züchtigungen „darzustellen“. Unaufdringlich wie dennoch „kino“-packend die körperlichen Strapazen einer ständig gepeinigten, gequälten, misshandelten, gedemütigten jungen Frau so eindringlich vorzuführen, dass man ES „übernimmt“. Mitbangt. Mit ihr „geht“. Durch diese Qual. Quälerei. Eines widerwärtigen Nicht-Monsters. Eines „ganz normalen“ Muttersöhnchens. Gestörten. Irren. Psychopathen. Dem man in die Fresse springen möchte. Und der doch bisweilen „irgendwie“ auch so „menschlich“ daherkommt. Diesen Wolffgang Priklopil so zu bewegen, hinzukriegen, zwischen Ekel, Wut, Abscheu und „spannender“ Wahnsinnsnähe, ist das Verdienst des 38jährigen dänischen Schauspielers THURE LINDHARDT (in der US-Großproduktion „Illuminati“ 2009 nicht sonderlich aufgefallen). WIE er sich in diese Satansfigur undämonisch hineinbegibt, wie er diese extrem gespaltene „Normalfigur“ völlig unverkrampft, absolut glaubhaft und nie eindimensional vorstellt, ist fürchterlich –gut. Sehr überzeugend sogar. Thure Lindhardt bindet. Vorzüglich. Hochemotional. Bei aller Wut. Bei aller Verzweiflung. Beim Zusehen. Und Zuhören. Mit seinen hölzernen wie gradlinigen Bewegungen. Mit seinen gestörten, verstörenden Gesten. Seinem widerwärtigen „Rumgemache“. Als „Herrscher, Beherrscher“ einer „Partnerin“. THURE LINDHARDT ist entsetzlich „toll“. Dieser Typ unterhält einfach großartig - eklig. Absolut authentisch. Wie eben auch seine „beiden Mädels“.

Wir befinden uns im Kino. Unterhaltung, also Spannung, ist annonciert. Doch diesmal eben nicht als lautes Spektakel, sondern als spannende Unterhaltungsinformation. Über tatsächliches Geschehen. Von neulich. Diesen Kino-Spagat ebenso seriös wie unter die Haut gehend emotional –klug hinzubekommen, ist der immense Verdienst dieses ebenso erstaunlichen wie, pardon, „begeisternden“ deutschen Films (= 4 PÖNIs).

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