„AN IHRER SEITE" von Sarah Polley (B+R; Kanada/USA/GB 2006; 110 Minuten; Start D: 06.12.2007); ist ein KANADISCHER Spielfilm von 2006, der bei der letzten Berlinale im "Panorama"-Programm lief. "Away From Her", so der Originaltitel (mit der Bedeutung des Sich-Entfernens), ist das erstaunliche wie wunderbare Regie-Debüt der heute 28jährigen Schauspielerin und Drehbuch-Autorin SARAH POLLEY, die sich anfangs bevorzugt Independent-Filmen widmete ("Das süße Jenseits" von Atom Egoyan/1997; "Mein Leben ohne mich" von Isabel Coixet/2003; die erste GROSSE Hollywood-Produktion: "Dawn Of The Dead" von Zack Snyder/2004). Polley, die auch das Drehbuch verfasste, adaptierte eine Kurzgeschichte der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro ("The Bear Came Over The Mountain"/erschien bei uns unter dem Titel "Der Bär klettert über den Berg" im Erzählband "Himmel und Hölle" 2006 im Fischer-Taschenbuchverlag).
Thema: ALZHEIMER. Fiona und Grant leben schon seit Urzeiten zusammen. Eine harmonische Ehe, ein liebevoll miteinander umgehendes Alt-Ehepaar. Das den Lebensabend irgendwo außerhalb verbringt, in einem idyllisch am See gelegenen Haus, von wunderbaren Gelb-Braun-Orangetönen des Herbstes umgeben. Die in vielen Ehejahren erworbene Vertrautheit aber bekommt "Risse", denn bei Ihr mehren sich "Aussetzer". Im praktischen Alltag ebenso wie im gedanklichen. Unaufhaltsam nistet sich die tückische Krankheit ein, ganz sachte, unaufgeregt, aber nun nicht mehr zu verbergen. Und sie (be-)trifft Ihn genauso. Fortan wird das gemeinsame Leben völlig anders verlaufen als geplant. "Im Vergessen liegt manchmal etwas Zauberhaftes", lautet zwar ihr gelassen-schmerzhaftes Erkennen, doch mehr und mehr "entschwindet" Sie Ihm. Und Grant muss staunend-betäubt-entsetzt und auch eifersüchtig die Auswirkungen erkennen/begreifen. Denn in ihrer "neuen Welt", im Heim, ist für Ihn kein Platz mehr. "Kann man loslassen, was man am meisten liebt?", lautet der Untertitel zum Film.
Endlich einmal - ein SPIELFILM FÜR ERWACHSENE. Ein Film, der über ETWAS erzählt, dass es in Zukunft immer häufiger geben wird/dass gesellschaftlich weltweit immer häufiger vorkommen wird. Ältere Menschen, noch, wie sie glauben, fit in Körper/Planung/Geist, entschwinden plötzlich/nach und nach im Herbstnebel der DEMENZ. Der letzte ernstzunehmende Alzheimer-Spielfilm stammt aus dem Jahr 2001 und heißt "IRIS". Der britische Regisseur Richard Eyre drehte dieses Biopic-Drama über die irische Schriftstellerin Iris Murdoch, die im Alter von 74 Jahren an Alzheimer erkrankte, mit der phantastischen JUDI DENCH in der Titelrolle; Judi Dench bekam damals für ihre ausdrucksstarke Interpretation der Iris Murdoch eine "Oscar"-Nominierung. Hier hat die britische 60er/70er Filmjahre-Ikone und "Oscar"-Preisträgerin JULIE CHRISTIE ("Darling"/1965; "Doktor Schiwago"; "Fahrenheit 451"; "Mc Cabe & Mrs. Miller"; "Wenn die Gondeln Trauer tragen") den schwierigen Part der Erkrankten übernommen.
Mit leisen, fast ironisch-lächelnden Gesten/Gedanken/Bewegungen ist diese ebenso GROSSartige wie unglaublich altersschöne Darstellerin sehr überzeugend -bewegend/ergreifend/berührend/faszinierend. Sie, die im Kino seit vielen Jahren nur noch gelegentlich auftritt, strahlt eine wunderbare Präsenz/Kraft/Sinnlichkeit aus, ist zugleich mit würdevoller Kostbarkeit und nahegehender Intensität versehen. Eine brillante darstellerische Leistung!!! Ihr (Ehemann-)Partner wird vom 76jährigen GORDON PINSENT, der zu den angesehensten und populärsten Schauspielern Kanadas zählt, vortrefflich-zurückhaltend gespielt.
In weiteren überzeugenden Rollen u.a.: Olympia Dukakis ("Mondsüchtig"/1987/Mutter von Cher) und Michael Murphy (langjähriger Ensemble-Player bei Woody Allen). Dass eine damals 27jährige Regisseurin über SOLCH ein (Alters-)Thema so seriös-leicht wie sensibel, beeindruckend -bilderstark, hochemotional und (landschafts-)atmosphärisch einen unterhaltsam-spannenden Spielfilm zu schaffen vermochte, ist ebenso erstaunlich wie herrlich.
Was für ein schöner, bewegender, kluger Menschen-Film (= 4 PÖNIs)!
„ANIMAL HOUSE" von John Landis (USA 1978; 109 Minuten; Start D: 25.01.1979).
Das Satire-Magazin 'National Lampoon' ist in Amerika ein Markenzeichen für schwarzen Humor und blickt mittlerweile auf eine sechzehnjährige erfolgreiche Spotterei zurück. Die Geschichte dieser Zeitschrift und ihres Einflusses auf das aktuelle Kulturgeschehen. gehört zu jenen Stories, wie sie wohl nur‘ in Amerika entstehen werden können. damit an, dass drei Harvard-Studenten im Jahre 1970 eine Parodie auf das populäre “Life"-Magazin veröffentlichen wollten und sich an einen Reporter eines renommierten Verlagsunternehmen wandten. Der half den Dreien bei ihrer Absicht, und gemeinsam schrieb man gleich danach eine noch erfolgreichere Parodie auf das “Time“-Magazin. Das Team blieb schließlich zusammen und gründete "National Lampoon", eine Zeitschrift, die zu einer monatlichen Goldmine wurde und im Oktober 1974 mit über 900.000 Auflagen zu der erfolgreichsten satirischen Publikation der Welt wurde. Es dauerte nicht lange und “N.L.“ begann sich auch auf anderen kulturellen Gebieten zu betätigen.
Man gab andere Zeitschriften mit ebenso großem Erfolg heraus (“Heavy Metal“), begann auch Bücher wie “This Side of Parodies“, “The Job of Sex“ oder “The High School Yearbook“ zu verlegen (letzteres wurde mit 1.600.000 Exemplaren zum auflagenstärksten Publikation überhaupt).
Dieser Erfolg inspirierte die N.L. dann auch zum Einstieg ins Platten-, Theater- und schließlich Filmgeschäft. Dazu aber benötigte man interessante, neue, kreative Kräfte, deren Gesichter ebenso wenig verbraucht sein durften wie ihr 'anderer' Humor. Schließlich wollte man ja der Linie des Hauses treu bleiben, und die hieß nun mal: Unverschämtheiten um jeden Preis, keine noch so dämliche Anspielungen außer Acht lassen, an keinem Gag vorübergehen, wenn er nur ausreichend frech und. gegen jede bestehende Ordnung war. Der typische N.L.-Humor wird am besten durch ein Titelblatt Mitte der Siebziger charakterisiert, das einen karikierten Hund mit einem Gewehr am Kopf zeigt. Die Unterschrift dazu lautet: “Wenn Sie dieses Magazin nicht kaufen, erschießen wir diesen Hund!“ Und so wurden, nach unzähligen Radio-Shows und Theater-Produktionen, Komiker wie John Belushi, Gilda Radner, Chevy Chase, Bill Murray oder Joe Flaherty zu N.L.-Hauskomikern, die schnell in den Off-Zirkeln der Staaten berühmt und berüchtigt wurden und die dann, wie wir heute wissen, sich selbst einen Namen mit wieder eigenen Shows (“Saturday Night Show“) machten.
Der erste Film von N.L. entstand schließlich im Jahre 1977, bekam den Titel "National Lampoon‘s Animal House" und wurde hierzulande unter dem Titel "Ich glaub‘ mich tritt ein Pferd" herausgebracht.. Er ist wie das Magazin. Eine Aneinanderreihung von durchtriebenen, chaotischen Gags, angesiedelt auf einer privaten School, wo es eine brave, biedere, fleißige Studentenverbindung gibt, und natürlich eine genau das Gegenteil ausstrahlende. Eine die sich nur aufs Ausleben aller Vergnüglichkeiten fokussiert. Eine, die sich "Jetzt leben und später - vielleicht - lernen" auf ihre Fahne geheftet hat, ständig anmotzt und natürlich das Image von N.L. verkörpert.
Damals war hierzulande noch nichts von N.L. und deren überschäumendem Temperament zu hören, folglich packte man diese erste herrliche Unanständigkeit schnell ab, wusste nicht viel damit anzufangen. Gleichwohl wurde der Film weltweit zu einem Hit und spielte über 210 Millionen Dollar ein. John Belushi, der später als einer der berüchtigten “Blues Brothers“ auch bei uns populär werden sollte, war hier schon in seinem Anarcho-Element und fegte durch die aufgewühlte College-Hierarchie wie ein böser Denkzettel. Um ihn herum Prominenz wie Thomas Hulce, dem späteren "Amadeus", oder heutige Stars wie Kevin Bacon, und selbst Donald Sutherland gibt als kauziger Professor eine kurze, schicke Gastrolle ab. Ein herrlicher Blödsinn mit Methode, der dann natürlich weitere folgen mussten. Aber von denen sind die meisten zulande kaum beachtet worden. "N.L.‘s Movie Madness" von 1982 kam erstmals Juli 1984 auf Video heraus, “National Lampoons Vacation“ floppte unter dem Titel “"Die schrillen Vier auf Achse" und auch "N.L.‘s European Vacation" fand als "Hilfe! Die Amis kommen" neulich wenig Interessenten. Schließlich weiß die Statistik noch von einem Streifen von 1982 zu berichten, "N.L.‘s Class Reunion", den sie bei uns als "Ich glaub' mein Straps funkt SOS" im Kono und auf Video zugrunderichteten.
Schade, einen größeren Interessentenkreis hätte diese Reihe mit Sicherheit verdient (= 4 PÖNIs).
„ANLEITUNG ZUM UNGLÜCKLICHSEIN“ von Sherry Hormann (B+R; D 2011; 87 Minuten; Start D: 29.11.2012); basiert auf Motiven des gleichnamigen, 1983 veröffentlichten parodistischen Ratgeber-Bestsellers des österreichischen Psychologen PAUL WATZLAWICK. Und gibt sich zahm und doof wie altes deutsches Komödien-Brot. Aus den Fünfzigern. DAS, was geschieht, ist dümmlich, vorhersehbar, völlig unwitzig. DAS, was dabei gesagt wird, ist jene typisch deutsche Nonsens-Komödienfilmsprache, die weder stimmig noch stimmungsvoll ist. Sondern verkrampf und völlig „theoretisch“: Man müht sich von trockenem Papier-Wort zur simplen Geistes-Träne. Nix wird hier „veranstaltet“, was sich Sehen und Hören lohnt. Alle Beteiligten sind überdick sperrig, linkisch, verpennt. Auf lausige verbale Aha-Pointen getrimmt. Ohne Aha. Mit Sprüchen in Glückskeksen wie „Wenn ich auf mein Unglück trete, stehe ich höher!“ Saukomisch.? Nö.
Ach so ja, wer sind die bemitleidenswerten Mitwirkenden hier in dieser deutschen Anstrengung von und um „triste Beziehungen“: 1.) Tiffany Blechschmid. Typ nettes, abergläubisches Doofchen. Teilt mit Papagei Richard die häusliche Single-Gemeinschaft. Möchte gerne „Mann“ haben, bekommen, gibt sich aber neurotisch „geknallt“. Als „Pessi“(mistin). Weil doch bestimmt bald „weitere Verschlechterungen“ auf sie zukommen. Denkt und zeigt sie. Tiffany mag geblümte Kleider, klobige Turnschuhe und vermag nicht zu Lächeln in ihrem putzigen Feinkostladen. Im angesagten Berlin-Kreuzberg. Dem „Wurstladen“ für besserwisserische Ratschläge. In dem weiteres, ebenfalls reichlich verstörtes befreundetes Personal mit-herumwuselt. Während von draußen“ sich zwei Kerle der unsicheren Tiffany nähern - mit dem schnauzbärtigen Macker-Polizisten Frank (BENJAMIN SADLER) und ihrem früheren, jetzt noch mehr vergeistigten Klavierlehrer Hans Luboschinski (der hier arg unterforderte schwäbische „Tatort“-Hauptkommissar RICHY MÜLLER). Der aber setzt traumatische Erinnerungen frei. Bei ihr. Wozu dann auch ihre tote aufdringliche Mutter (IRIS BERBEN) auftaucht. Unangenehm vorlaut mitmischt. In diesem staubtrockenen bemühten Blödsinn. Von einem total altbackenen, döseligen Emotionsdesaster. Bei dem JOHANNA WOKALEK als bezirkliche Berliner „Amelie“ auch mit ihren hübschen Rehaugen nichts auszurichten vermag außer dieser ewigen nervtötenden Face-Fragezeichen-„Belästigung“. Während MICHAEL GWISDEK als ihr väterlicher Freund Paul gerne abgestandene Lebensempfehlungen aus dem Off beisteuert. Zu dieser dann auch schon mal banalen Klamauk-Plärre (Hund frisst Torte; Klavier saust beim Hochtragen auf die Straße, Polizist säubert Waffe und erschießt sich dabei). Einfach unwitzig.
Sherry Hormann, Dozentin an der Filmschule Köln, die zuletzt den bewegenden, preisgekrönten Film „Wüstenblume“ (2009) gemacht hat, gibt im Titel den Tenor ihres neuen Schaffens unbeabsichtigt vor: Ihr kino-untauglicher Film ist das reinste Unglück (= 1 PÖNI, für den verfressenen Hund).
„ANNA KARENINA“ von Joe Wright (GB/Fr 2011/2012; B: Tom Stoppard; K: Seamus McGarvey; Choreographie: Sidi Larbi Cherkaoui; M: Dario Marianelli; 130 Minuten; Start D: 06.12.2012); es wird “Oscars“ purzeln, für diese geniale, außergewöhnlich bewegungsintensive, tänzerische, schwingende, atemberaubend theatralische, luststarke Choreographie. In einer opulenten Ballsaal-Verführung, die von einzigartiger diskreter Kamera-Brillanz leuchtet, als spektakulärer Schauwert glänzt, mit einem herrlich die Augen füllenden Licht und Design aufwartet. Das die Kostüme einzigartig „maßlos“ erscheinen lässt. Passend zu diesen ungewöhnlichen atmosphärischen Bewegungen, die den Begriff und Zustand „Tanzen“ ganz einzigartig wie wunderbar „eckig“ stimmungsvoll neu definieren. Die gesamte Musikalität hier ist verblüffend, prächtig, exquisit. Von herrlicher Präsenz.
Der literarische Ursprung, zur stofflichen Einstimmung: Der achtteilige Roman-Epos von LEO TOLSTOI stammt von 1877/1878, erzählt von einer attraktiven, liebevollen, verheirateten Bürgerfrau und Mutter, die im Russland von 1874 die feine bigotte Gesellschaft „erschüttert“, indem sie ihren „außerehelichen Gefühlen“ freien (Aus-)Lauf lässt. Was den „moralischen Zaun“ verhängnisvoll öffnet, hinter dem sich bislang Regeln und „Anstand“ duckten. Ein zeitloses Motiv, weder an Ort noch Epoche gebunden; in vielerlei Interpretation sich über die Jahrzehnte stetig wiederholend. Stichwort: Menschen und ihre immerwährenden menschlichen Gefühlswallungen. Hier: Zwischen St. Petersburg und Moskau. Damals.
Die Hauptbeteiligten: Anna Karenina, sympathische, folgende Ehefrau des höheren und angesehenen Beamten Alexej Karenin (JUDE LAW). Die Beziehung ist „normal“. Also steif. Erhaben. Gepflegt. „Korrekt“. Von großer Zuneigung zum kleinen Sohn Serhoza bestimmt. SIE verlässt kurz die „sicheren“ heimischen Gefilde, um die Ehe ihres Bruders, Fürst Oblonski, mit Dolly zu retten. Weitere interne familiäre wie bekanntschaftliche Scharmützel. Wie - schüchterner Gutsbesitzer (Levin) will Dollys Schwester Kitty heiraten. DIE aber schwärmt, und jetzt wird’s emotional „eng“, für den Tausendsassa Wronski. Präzise – für den ungebundenen Kavallerie-Offizier und Grafen Alexej Wronski (AARON TAYLOR-JOHNSON). Doch dann begegnen sich die beiden, Anna Karenina und Wronski, und der „populäre“ Beziehungstaumel kann starten. Denn es „funkt“ sofort. Zwischen ihnen. Die volle emotionale Elektrik. Natürlich müssen sie sich deshalb lange „verbiegen“. Können es aber kaum unterdrücken. Und natürlich kriegt die „empörte“ Gemeinde viel „davon“ mit. Die Tratscherei beginnt. „Man“ hat ein Thema. Zum distinguierten „Aufregen“. So dass der loyale Gatte irgendwann die Fangfrage stellt: Hier bei mir bleiben und es sich „gut“ – behütet – weiter gehen lassen oder Abgang. In den gesellschaftlichen wie allgemeinen Ruin. In das geächtete Abseits. Jenseits der Akzeptanz. Der Gefallsnorm. Da-Sein oder Seele, Essen oder Fühlen. Die bekannte, offensichtlich unvereinbare Leier: Das Geld oder das Ich.
JOE WRIGHT, geboren 1972 in London. Seit 2005 “macht” er fulminantes, ständig „kribbelndes“ Unterhaltungskino. Anfangs mit großartigem literarischen Dufthintergrund einer Jane Austen („Stolz und Vorurteil“/2006 vier „Oscar“-Nominierungen) und eines Ian McEwan („Abbitte“/Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Venedig 2007; sieben „Oscar“-Nominierungen; „Oscar“ für die „Beste Filmmusik“). Danach versuchte sich Joe Wright 2009 an seinem ersten Hollywood-Abenteuer, „Der Solist“, die sensible Biographie über den an Schizophrenie erkranken amerikanischen Cello- und Violinvirtuosen Nathaniel Ayers (Jamie Foxx) und schuf zuletzt, 2010, das Action-Epos „Wer ist Hanna?“, die Story um eine 14jährige Killerin.
Bei seinem neuen Leinwandwerk vermischt Joe Wright die Grenzen zwischen Bühne und Film. Überschwemmt die Szenarien, indem er sie öffnet, zusammenbindet, mit- wie ineinander bewegt. Verflicht. Als eine großräumige charmante Künstlichkeit. Schwelgerisch wie ironisch lächelnd überhöht. Permanent fließend. Als ein fiebriger, feuriger Taumel, dem man „angetörnt“, fasziniert gerne zuschaut. Auf sich (ein-)wirken lässt. In 12 Wochen wurden auf 100 Sets insgesamt 240 Szenen mit 83 Sprechrollen gedreht. Die Außenwirkung dieser neuen „Anna Karenina“-Adaption ist enorm. „Innen“ dagegen kann dieser rauschende, berauschende Taumel nicht mithalten. Was nicht an „Anna“, also der einmal mehr köstlichen 27jährigen KEIRA KNIGHTLEY, liegt, die hier bereits (nach „Stolz und Vorurteil“ und „Abbitte“) bereits zum dritten Mal mit Joe Wright zusammenarbeitet. Sie tritt temperamentvoll in darstellerische Großfußstapfen von Vorgängerinnen wie etwa Greta Garbo (1927 / 1935) oder Vivien Leigh (1948), Jacqueline Bisset (1985) oder zuletzt Sophie Marceau (1997) an: Offenbart Eleganz wie Zähigkeit, femininen Willen wie harsche Selbstzweifel. Zelebriert die „goldene Käfig-Frau“ ebenso furios wie den konsequenten Lust-„Gewinn“.
„Wronski“ wirkt fehlbesetzt. Aaron Taylor-Johnson, vor einiger Zeit formidabel der junge John Lennon in „Nowhere Boy“, zeigt sich als schmuckloser weißer Anzugträger. Wegen DEM? Wirklich – DER Typ ist es, der Anna „verrückt“ macht? Sein Wronski wirkt, pardon, wie ein bemühter Lackaffe, dessen erotische Ausstrahlung an einen künstlichen Blumenstrauß erinnert. Mit begrenzter Charme-Offensive. Eine glatte Fehlbesetzung. Ist dagegen nicht, ganz im Gegenteil, Jude Law als Annas „anständiger“ Gatte. Wie Jude Law diesen von seinen emotionalen Fesseln eingeengten Großbürgerlichen herausstellt, der sich am Beruf „austobt“, um für „Zuhause“ weniger Kräfte aufwenden zu müssen, ist exorbitant. Die charakterliche Maskerade in Rein-, also Selbstunterdrückungskultur. Von Laws herrlich vertrocknetem, gefühlsignorantem Hochbeamten hätte ich gerne mehr genossen als von diesem platten Burschen-Liebhaber Wronski. Der hier Anna „nicht das Gefühlswasser“ körpersprachlich zu reichen versteht. Doch komischerweise oder auch nicht - vermag die missglückte Besetzung der männlichen Hauptfigur nicht den Insgesamt-Genuss schmälern: Denn diese neue „Anna Karenina“- bietet zuviel von dieser die Sinne packenden, die „beweglichen“ Standorte so faszinierend zerpflückenden, pfundigen Augenschmaus-Performance, als dass ein „lächerlicher Zwerg“ wie dieser Lover Wronski hier dies zerstören könnte. Regisseur Joe Wright verbleibt im atmosphärischen Unterhaltungskino-Rennen…(= 3 PÖNIs).
„DIE ANONYMEN ROMANTIKER“ von Jean-Pierre Améris (Co-B+R; Fr/Belg 2010; 79 Minuten; Start D: 11.08.2011); kennen SIE das Gefühl? Wenn man sich einen Film ansieht und die Beteiligten sich „dort“ dermaßen hilflos anstellen, dass man sie nur ständig schütteln und schließlich einen (Aufwach-)Klaps ins Gesicht hauen möchte??? So hier bei dieser französischen Seichtigkeit (mit belgischem Finanzpartner). Mit WEM also haben wir es zu tun?: Mit Jean-René und mit Angélique. Zwei Erwachsenen, die sich ständig kindisch aufführen. Weil sie doch sooooooooooooo – und noch mehr – verklemmt sind. RIESIG verklemmt. Was das Zwischenmenschliche betrifft.
ER, Inhaber einer kleinen Schokoladenmanufaktur, die sich kurz vor der Pleite befindet, schwitzt schon beim Gedanken an die private Begegnung mit Menschen, kriegt die volle Panik. Lässt sich ständig wie bislang erfolglos vom Psychiater beraten. SIE ist „extrem empfindsam“, ist in Sachen Schokoladenkreationen aber ein ebenso erfinderisches wie (natürlich) unbekanntes Genie. Bekommt aber diese ewige Tortur mit den Gefühlen einfach nicht in den Griff. Wenn sie jemanden ansprechen muss, fällt sie schon mal schnell in Ohnmacht. In der Gruppe der „Anonymen Romantiker“ erhofft sie sich Hilfe. Abhilfe. Bisher aber vergebens.
Zwei „Solche“, SOLCH ZWEI. Treffen aufeinander. WAS könnten DAS für feine Delikatessen-Pointen (er-)geben? Was für ein schelmisches Melancholie-Poem? Mit viel Lächel-Charme? Als feines Amüsement? Doch von wegen. Diese Beiden gehen einem ununterbrochen auf den Nerven-Keks. Die kommen einfach nicht aus ihren krampfigen Seelen-Puschen. Verändern sich kaum. Gegen Ende ein wenig. Aber bis dorthin zieht sich ihr Getue, ihr penetrantes Slapstick-Gehabe hin wie flüssiger Kaugummi.
Total LANGWEILIG: Obwohl nur knapp 80 Minuten, vergeht hier die Zeit einfach nicht. Obwohl mit ISABELLE CARRÉ (zuletzt: „Rückkehr ans Meer“ von Francois Ozon) und BENOIT POELVOORDE, dem ekligen belgischen Zöllner aus „Nichts zu verzollen“ von und mit Dany Boon, hochkarätig besetzt, ist dies eine kleine einfältige wie hölzerne nachbarliche Zumutung (= 2 PÖNIs).
„ANOTHER YEAR“ von Mike Leigh (B+R; GB 2009; 129 Minuten; Start D: 27.01.2011); was für ein kostbares Stück Film, wunderbar!!! Der lange Zeit Favorit für die „Goldene Palme“ beim vorjährigen Cannes-Festival war. Was aber nicht verwundert, denn schließlich ist es ein Werk von einem der profiliertesten Filmemacher überhaupt. Der am 20. Februar 2011 67 Jahre alt werdende Brite MIKE LEIGH hat mit fast jedem seiner Filme ein Ereignis geschaffen, etwa: „Nackt“ (1993/“Bester Regisseur“ in Cannes); „Lügen und Geheimnisse“ (1996/“Goldene Palme“ von Cannes); „Karriere Girls“ (1997); „Vera Drake“ (2004/“Goldener Löwe“ von Venedig), zuletzt mit „Happy-Go-Lucky“ (2008/mit der quirligen Sally Hawkins; „Silberner Berlinale Bär“). Und nun ist wieder von einem grandiosen Leinwand-Epos zu berichten: Ganz simpel, ganz klar, ganz einfach, ohne Fallstricke, konstruierte Spannungszusätze, von immenser Humanität und Identifikationswirkung.
Im Mittelpunkt: Das in die Jahre gekommene Londoner Ehepaar Tom & Gerri. Die leben in einem über die vielen Jahre harmonischen, liebevollen, respektvollen Miteinander. In ihrem kleinen Vorort-Häuschen. Im Rhythmus der Jahreszeiten. Denn sie besitzen in der Nähe noch einen Schrebergarten. Den sie gerne hegen, pflegen, ernten. Gerri arbeitet als Therapeutin im Gesundheitsamt; Tom untersucht als Geologe die Bodenbedingungen für zukünftige Bauprojekte. Man ist gesellig. Lädt Freunde ein. Wie Mary (LESLEY MANVILLE), eine alleinstehende, „ziemlich nervöse“ Arbeitskollegin von Gerri. Eine verkrampfte Mammsell, die sich selbst viel im Wege steht. Oder wie der rundliche Ken (PETER WIGHT), einem Jugendfreund von Tom. Der sein Selbstmitleid trinkend pflegt. Und auch mit seinem Solo-Dasein reichlich unzufrieden ist. Und die hektische Mary vergebens anbaggert. Denn DIE will einen „Besseren“.
Die „spezielle“, völlig unverkrampfte, absolut „normale“ Nest- und Herzenswärme im Hause Tom & Gerri findet „Zulauf“, vor allem die emotional instabile Mary darf hier unverblümt und unangegriffen ihre Neurosen „mitbringen“. Man spricht miteinander, isst und trinkt zusammen, Lebensratschläge machen die Runde. Aber es zeigt sich auch, wie kostbar so eine Partnerschaft wie DIE von Tom & Gerri ist. Während drumherum Trauer, Zickigkeit, „Aufregungen“, Palaver über ein mögliches, aber bisher nicht erreichtes, aber unbedingt angestrebtes „glücklicheres Leben“ angezeigt wird, angesagt ist, bemühen sich Tom & Gerri zuzuhören, darauf einzugehen, mit Ratschlägen beizustehen. Einfach „da“ zu sein. Und dabei auch ihre „familiären Sachen“ zu pflegen, zu erledigen. Denn der 30jährige Sohn Tom (Oliver Maltman), auf den (inzwischen) Dauer-Besucherin Mary mehr als ein Auge geworfen hat, bringt eine gern aufgenommene mögliche Schwiegertochter ins Haus, was Mary natürlich überhaupt nicht passt. Und Toms Bruder Ronny, dessen Ehefrau verstorben ist, muss nun auch „betüttelt“ werden. Es gibt also immer etwas zu tun. Zu denken. Zu be-sprechen. Zu machen. Zu jeder Jahreszeit.
Menschen wie Tom & Gerri werden dabei zu menschlichen Juwelen, obwohl sie sich doch absolut normal, unaufgeregt, mitteilsam bewegen. „Nichts besonderes“ machen, darstellen. Nur einfach SIE sind. Sie selbst.
Und dies wirkt „irre“. Wirft ein Augenmerk auf Uns. Die wir zuschauen, zuhören. Warum sind wir dermaßen überrascht, angetan, erstaunt, angemacht, entzückt über ein Paar, das sich „ganz normal“ mag, freundlich miteinander umgeht, einlädt, zuhört, mitteilsam ist. Sich als „keine sonderliche Spezies“ erweist, sondern als mögliche Du und Ich-Normalos. Verrückt schön so etwas, aber auch betrüblich. Wenn Tom & Gerri, ohne dies zu wollen und zu sein, mitunter wie „wundersame Gestalten“ aus einem fabelhaften Märchenbuch wirken, scheint etwas „allgemein“ mit uns, um uns herum, nicht (mehr) zu stimmen. Und dies ist die reizvolle Denk-Lesart dieses außerordentlichen wie aufwühlenden Meisterwerks. Das dem wahren Mensch-Sein wieder eine gute Seelen-Portion näher rückt, ohne dies als Fahne, als Botschaft oder als religiöse Verkündigung zu vermitteln. Sondern als tollen, mitteilsamen, lächelnden, humanen Kinofilm.
Mit einem exquisiten Ensemble und einem erstklassigen Führungspersonal: Der 61jährige JIM BROADBENT, der 2001 für die Rolle des Ehemanns in dem Alzheimer-Drama „Iris“ einen Nebendarsteller-“Oscar“ bekam und dessen Gesicht aus vielen besseren britischen oder amerikanischen Produktionen wohlbekannt ist („Harry Potter und der Halbblutprinz“; „Little Voice“; „Bullets Over Broadway“ von Woody Allen), und RUTH SHEEN, Stamm-Akteurin bei Mike Leigh und von unverwechselbarer Statur, sind als Tom & Gerri ganz fein dicht seelen-dran, stark präsent, ansteckend menschlich. Zutiefst passend.
„Another Year“ darf schon jetzt, Ende Januar, zu den Perlen des Film-Jahres 2011 gezählt werden (= 5 PÖNIs).
„ANTIKÖRPER" von Christian Alvart (D 2005; 127 Minuten; Start D: 07.07.2005); einem bislang unbekannten deutschen Regisseur, der hier auch für das Drehbuch verantwortlich ist: Horror-Psycho-Thriller-Müll um einen "klugen Serienmörder", der zwischen Vorbildern wie Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer"), David Lynch ("Blue Velvet") oder David Fincher ("Sieben") dilettantisch wie klischeehaft und entsetzlich geschwätzig herumwerkelt. Mit alt-testamentarisch-verquastem Motiv-Geschmack und aufdringlich-dämlich. Einer jener deutschen Filme, die auf grauenvolle Weise nur nerven und langweilen und völlig sinnlos wie überflüssig sind (= 1 PÖNI).