„BEASTS OF THE SOUTHERN WILD“ von Benh Zeitlin (Co-B+R; USA 2011; Co-B: Lucy Alibar, nach ihrem gleichn. Bühnenstück; K: Ben Richardson, M: Dan Romer & Regisseur Benh Zeitlin; 92 Minuten; Start D: 20.12.2012); meine Güte, was ist denn zum Kinojahresende 2012 so alles los?: Ein US-Debütfilm, mit einem „befremdlichen“ (Original-)Titel, der für etwa 1,3 Millionen Dollar von einem, lt. Presseheft, „Tonsetzer, Trickfilmer“ sowie preisgekröntem Kurzfilmer stammt, in diesem Januar auf dem renommierten „Sundance Festival“ mit dem Hauptpreis, dem „Grand Jury Prize“, ausgezeichnet wurde, daraufhin auf vielen internationalen Festivals hofiert und gefeiert und beim Cannes-Festival im Frühjahr z.B. mit dem Preis „Camera d’Or“ als „Bester Debütfilm“ bedacht wurde?! Und dann heißt es noch im Presseheft: „BENH ZEITLIN lebt mit einem Rudel wilder Tiere in New Orleans, Louisiana“.
„Bestien der südlichen Wildnis“ ist ein Film wie es ihn noch nie gab. Wie oft kann man als Kritiker „so etwas“ sagen? Aber „dermaßen“ Wundersames, Ergreifendes, Irritierendes, Bewegendes sowie FABELhaftes kann ich mich nicht erinnern, jemals so konsequent – zusammengehend im Kino erlebt zu haben. Jedenfalls ganz lange nicht mehr. Und eine SOLCHE Hauptdarstellerin auch noch nicht: Dabei handelt es sich um die am 28. August 2003 in Houma, Louisianna geborene QUVENZHANÉ WALLIS. Die diesen Film einzigartig beherrscht und durch dieses erstaunliche Werk „führt“. Quvenzhané Wallis, ganze 8 Jahre jung. Sie spielt, nein sie ist hier die sechsjährige Halbwaise Hushpuppy Doucet. Die mit ihrem kranken Vater Wink (DWIGHT HENRY) in einem Sumpfgebiet im Südosten von Louisianna, an der Küste des Golfs von Mexiko, lebt. In einer Region, in der man eigentlich nicht (mehr) wohnen darf. Und sollte. Denn immer wieder wird die Gemeinde Bathtub komplett vom Wasser überflutet. Doch Einige, Störrische, Traditionalisten, wollen hier auf keinen Lebensfall weg. Kämpfen gelassen weiterhin gegen Sturm, das Wasser und den Dreck, indem sie nach jedem Unwetter einfach neu anfangen. Sich kurz „durchschütteln“, um dann weiterzumachen. Und sei es auf einem aus Autoersatzteilen zusammengezimmerten Motorboot. Sie wollen auf gar keinen Fall auf die gegenüberliegende Zivilisationsseite. Hinter dem Damm. Dort für immer zu leben, ist für die verbliebenen Bewohner von „Bathtub“ unvorstellbar. Obwohl sie immer weniger werden. Hushpuppy „erklärt“ es uns: Wie sie „das Leben“ gelernt, erkannt, begriffen hat. Wenn sie zu uns oder mit ihrer (toten) Mutter spricht. Denn Hushpuppy muss stärker, cleverer sein als es für ein Kind ihres Alters sonst üblich ist. Weil ihr Vater oft „aussetzt“. Da hilft auch eine kurzfristige Zwangsumsetzung der Behörden nichts. Mehr.
Eine 6jährige grübelt über das Mensch-Sein. Über das Gleichgewicht der Natur. Die bedroht ist, wenn auch nur ein Mosaikstein kaputt geht. Alles hängt aus ihrer Sicht und Weise mit allem zusammen. Ihre fabelhaften Phantasien um die Zusammengehörigkeit von Menschen und (Nahrungs-)Tieren, ihre phantasievolle Verbundenheit mit riesigen Auerochsen, die „so ähnlich“ ihr Dasein „organisieren“, ihre schwierige Schutzsuche bei ihrem mal abwesenden, mal fiebrig aufbrausenden, mal liebevoll-bemühten, aber eigentlich immer überforderten Dad. Hushpuppy wird als die zauberhafteste kleine Kämpferin in die Filmgeschichte eingehen. Die Kleine „mimt“ hinreißend. Überwältigend. Stumm. Bewegend. Mitfühlend. Völlig unkitschig. Kleinbärenstark. Sie ist zum ganz ganz feinen Mögen. Ebenso wunderbar Kind wie schon scharfsinniger Nachwuchs. Dabei überhaupt nicht altklug. Sondern empfindsam genug, um „die Dinge“ um sie herum „zu sehen“. Magisch einzuordnen. Anzupacken. Was für eine kleine große starke sensible Neukönigin der Leinwand! QUVENZHANÉ WALLIS, es winkt garantiert bald die „Oscar“-Nominierung.
Regisseur BENH ZEITLIN, also ein weiterer Neuwunderbengel des US-Films: Geboren am 14. Oktober 1982 in Queens/New York und heute WG-Mitglied eines in New Orleans angesiedelten unabhängigen Künstlerkollektivs mit Namen „Court 13“. In einer ebenfalls (seit dem 2005er Hurrican „Katrina“) gebeutelten Südstaaten-Region. Deren eigen- und widerständige jahrhundertealte Tradition und Kultur sie für ihren Film „mitgenommen“ und gen „Bathtub“ verpflanzt haben. Mit all ihrer naturalistischen Schäbigkeit und dieser temperamentvollen Überlebenssturheit. Inmitten unbeherrschter, unbeherrschbarer Natur. Aus der sie symbolhafte Märchen-Magie hervorzaubern. Mit poetischem Seelendonner. Angeführt von einem Verzauberwesen, das sich auf ihrem ersten filmischen Lebensabenteuertrip befindet. Bevor sie die Zivilisation erreicht. Wahrscheinlich.
Diese 8jährige 6jährige „Hushpuppy“ QUVENZHANÉ WALLIS spielt Kind, Magd und Fee zugleich. Sie ist die derzeit Erhabenste auf der umfangreichen Mädels-Leinwand (= 4 ½ PÖNIs).
„BEDTIME STORIES“ von Adam Shankman (R+Co-Prod.; USA 2008; Start D: 25.12.2008); der war früher mal Choreograph für Tanz und Slapstick; hatte eine Ausbildung als Schauspieler und Tänzer absolviert und war auch als Musikvideo-Choreograph erfolgreich (u.a. für Whitney Houston, B 52, Barry White…). Shankman wurde auch bei uns durch „leichte Hollywood-Kost“ bekannt: „Wedding Planer – Verliebt, verlobt, verplant“ war 2000 sein Spielfilm-Debüt (mit Jennifer Lopez); „Haus über Kopf“ lautete 2003 (mit Steve Martin) sein Spaß-Hit-Motto; zuletzt schuf er „Der Babynator“ (2005/mit Vin Diesel) sowie die Remake-Show „Hairspray“ (2007/mit John Travolta als Fat-Mama). Hier nun setzt er Erfolgsclown und Mit-Produzent ADAM SANDLER (42) in komische Bewegung. Der tritt ja mal als Kasperle („Happy Gilmore“; „Waterboy“), mal als Charakter-Mime („Die Liebe in mir“/neben Jack Nicholson), mal mit beiden Facetten („Die Wutprobe“/neben Jack Nicholson“; „zuletzt: „Leg dich nicht mit Zohan an“) an bzw. auf.
Hier nun ist er als männliches „Aschenputtel“ unterwegs. Muß sich als schüchterner Hotel-Hausmeister erniedrigen lassen, um sich dann mit bzw. bei den Gute-Nacht-Geschichten für Nichte und Neffen aufplustern zu können. Diese „Bedtime Stories“ allerdings sind keine vorgegeben, sondern erfundene Märchen, die mal im Mittelalter, mal im Wilden Westen oder im antiken Griechenland sowie schließlich auch im Weltall angesiedelt sind. Und bei denen die Kids selber mit-dazu-phantasieren können/dürfen. Und siehe da - deren Teil der Geschichten werden „komischerweise“ immer am nächsten Tag- danach echt-„wahr“. Während sich die Losereien um den Hotel-Boy eher bekannt wie matt hinziehen, sind die Fantasy-Motive, mit Figuren aus der realen Filmwelt, in ihren grotesken Verkleidungen und aufwändigen Dekorationen bisweilen ganz amüsant. Niedlicher Familienfilm, mit mehr Spezialeffekten-Charme denn Tiefe, netten Kinder-Akteuren sowie freundlich gesinnten Profis (= 2 ½ Pönis).
„BEE MOVIE - DAS HONIGKOMPLOTT" von Steven Hickner und Simon J. Smith (USA 2007; 91 Minuten; Start D: 13.12.2007); also ein weiteres Zeichentrickfilmchen aus den USA. Diesmal mit Jungbiene Barry im Blick-/Mittelpunkt. Die-Der will nicht länger NUR Irgendein-Rädchen im Getriebe des Bienenkorbs/in der übermächtigen, endlosen Honigproduktion sein - Motto: Geboren-Werden/Arbeiten/Sterben -, sondern aus der Anonymität herausfliegen. Gedacht, getan. Nach Abschluss des Bienen-College´ schließt er sich einer Fliegerstaffel der bewunderten Pollen-Crew an, die tagtäglich für Königin und Vaterland/ääh Bienenstock ins Freie ausschwärmt, um im New Yorker Central Park eine gefährliche Mission zu verrichten.
Nach allerlei Missgeschicken strandet Plappermaul Barry schließlich am Fenster der netten Floristin Vanessa, die ihm das Leben rettet. Eine platonische Freundschaft beginnt. Zugleich deckt Barry einen gigantischen Schwindel im Bienen-Handel auf; mit der Hilfe seiner Flamme zettelt er eine Revolution an und macht der Honigindustrie den Prozess. Anfangs ist die Bienen-Show mit dem dauerquasselnden Bienen-Rambo hier ja noch recht lustig, dann aber wirkt die Handlung überfrachtet und in die Länge gezogen. Der vielbeschworene Einklang mit der Natur, das avisierte einvernehmliche Zusammenleben von Tieren und Menschen sowie das Streben nach Selbstbewusstsein und Zivilcourage entfaltet nur begrenzten Charme-Spaß.
Die sympathische Öko-Moral kommt nett daher, während Slapstick-Gags (wie etwa Barrys coole Begegnung auf der Windschutzscheibe mit einem reisefreudigen Moskito namens Elchblut) und so mancher Dialogwitz bisweilen ganz ulkig feixen lassen. Doch Herz und Komik kommen sich nie RICHTIG nahe. Verglichen etwa mit "Ratatouille", dem Trick-Abräumer der Saison, oder Insektenfilm-Klassikern wie "Antz" oder "Das GROSSE Krabbeln" läuft dies hier auf Unterhaltungs-Sparflamme. Im Original sind der in den USA sehr populäre TV-Komiker JERRY SEINFELD und RENÉE ZELLWEGER zu hören, bei uns sorgen BASTIAN PASTEWKA und Mirjam Weichselbraun für den freundlichen Ton (= 3 PÖNIs).
„BEGINNERS“ von Mike Mills (B+R; USA 2010; 105 Minuten; Start D: 09.06.2011); nachdem ich 2005 mit dem Debütfilm des 1966 in Berkely/Kalifornien geborenen Musikvideo- + Werbefilmers, Grafikdesigners und Regisseurs – „THUMBSUCKER“ - überhaupt nicht einverstanden war (er lief im Wettbewerbsprogramm der Berlinale und war danach im Kino erfolglos), halte ich die Daumen bei seinem zweiten Werk GANZ hoch. „Beginners“ ist wunderbares Kino. Frei nach dem Motto - Du kannst an jedem Tag deines Lebens, egal wie alt du auch bist, dein Leben ändern. Verändern. Es beispielsweise völlig umpolen. Du hast nur dieses eine, also nutze es nach deinem Gutdünken und Geschmack. Inspiriert wurde Mike Mills durch eigene familiäre Ereignisse.
„Beginners“: Am Anfang steht die öffentliche Täuschung. Den Heiratsantrag macht die Frau. Obwohl ihr Auserwählter ihr gesagt hatte, er sei schwul. „Macht nichts, das kann ich heilen“. So ergreift er die Chance, Anfang der prüden 50er USA-Jahre, Anfeindungen zu entgehen. 45 Jahre verheiratet, keine glückliche Ehe. Ein Sohn. Die Ehefrau ist gestorben, der Vater 75. Und erklärt seinem Sohn, dass er schwul ist. Und fortan nur noch „so“ leben will. Und nun auch „so“ lebt. Doch Hal (CHRISTOPHER PLUMMER) läuft die Lebenszeit davon. Er hat Lungenkrebs. 5 Jahre sollen ihm noch bleiben.
Einen Monat nach dem Tod seines Vaters lernt der überzeugte Single-Sohn Oliver (EWAN McGREGOR), ein Künstler und Melancholiker, „als schlecht gelaunter Sigmund Freud“ die unkonventionelle französische Schauspielerin Anna (MÉLANIE LAURENT) kennen. Sie übrigens als „Charlie Chaplin“. Auf einer komischen Kostüm-Party. Und weiß nicht mit seinen Empfindungen umzugehen. „Traut“ sich nicht. Hat noch „den Vater“ im geistigen Buckel. Die Prägezeit. Sich anzupassen. Nix riskieren. Unauffällig in der Gesellschaft mitmischen. Mit diesem Strom mitschwimmen. Aber wer will wirklich auf immer und ewig ein Duckmäuser sein UND BLEIBEN?
Zwischen den beiden „ähnlich gelagerten“ Seelen beginnt ein mit- wie hinreißendes Beziehungspuzzle. Dabei eine Szene für die Ewigkeit - wenn Anna, die an einer Kehlkopfentzündung leidet und nicht sprechen kann, es tatsächlich fertigbringt, mit ihm am Telefon „stumm“ zu flirten. Weil man sich doch gerade erst kennengelernt und somit viel mitzuteilen hat. Und auch einfallsreich-herrlich - wenn Oliver sich mit seinem Jack Russell-Terrier Arthur „austauscht“, sich zu DEM hin öffnet und DER mittels Untertitel „lebensphilosophisch antwortet“. Köstlich.
Bilder der Gegenwart vermischen sich mit Bildern aus der Vergangenheit. Mal herzzerreißend traurig, wenn Oliver mal wieder mit seinem Ich + Sich im ewigen Problemstau steckt, mal total witzig-fein. Wenn der Terrier „eingreift“. Augenzwinkern mit intelligentem Gefühl. Schön, pointiert, einfallsreich, mit vielen tollen Befreiungsgedanken für mutige Lebenskandidaten. Natürlich, die Schauspieler: Das Ensemble ist riesig. Schwungvoll. Berührend. Amüsant. So etwas von stimmig. Einschließlich Vierbeiner. Der kanadische Oldie Christopher Plummer, einst, 1978, in „G – Dein Partner ist der Tod“ einer der kältesten Gangster der Filmgeschichte, gibt sich locker, bunt, bewegt. Ewan McGregor, seit „Trainspotting“, 1996, auf der darstellerischen Überholspur, ist der „irritierte“, zerrissene, zauslig-zaudernde Sensibel-Ewigboy, der nun offensichtlich an „die Richtige“ geraten ist: Mélanie Laurent, die ja schon in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ als energische Kinofrau auftrumpfte und hier auch klug-denkend fühlt und lenkt.
„Doktor Freud in Partylaune“ titelt der „Spiegel“ seine Filmkritik. Einfach toll. Das Arthouse-Kino hat einen neuen RIESIGEN Knüller! (= 4 ½ PÖNIs).
„BEL AMI“ von Declan Donnellan und Nick Ormerod (GB/Fr/It 2011; 102 Minuten; Start D: 03.05.2012); langweilte schon während der diesjährigen Berlinale-Wettbewerbsaufführung, wo er „außerhalb der Konkurrenz“ lief. Es ist ja die zigste Verfilmung des berühmten Romans von Guy de Maupassant (1850-1893), der 1885 veröffentlicht wurde. (Hierzulande entstand die letzte Adaption 1967, für einen TV-Film unter der Regie von Helmut Käutner). Die alte Leier. Kleider machen Leute. Wer SCHÖN ist, gewinnt. Kann gewinnen. Wenn er auch gut „foppen“ kann. Täuschen. Tricksen. In der Gesellschaft wie im Bett. „Gut“ aussehen, um aufzusteigen. Fluch oder Segen?: Der geplante Erfolg. Für einen opportunistischen Saukerl-Schönling. Mit viel Intrigen-Charme. Eine Paraderolle. Für einen exzellenten Charakter-Mimen.
Der junge ungebildete, blendend aussehende George Durcy kommt anno 1890 „hungrig“ nach Paris. Wo Reichtum und Ruhm für ihn winken. Möglich sind. Machbar. Ist er überzeugt. Von einem bekannten Zeitungsredakteur in die „feine Gesellschaft“ eingeführt, startet er bald durch. Als „Bel Ami“: Verführer von Ehefrauen einflussreicher Männer. Als ein plötzlich viel-umschwärmter Liebling. Mit eiskalten Ego-Interessen. Tür und Tor öffnen sich für ihn. „Oben“. Strategisch „baut“ er auf Affären, Liebschaften und Zweckehen. Ehrgeizig hinterlässt er eine schmutzige emotionale Bettspur. Zugleich wird und wirkt er in Rekordzeit als Journalist. Befindet sich nun auf einem aalglatten wie risikoreichen politischen Parkett. Der Emporkömmling ist mit einmal mittenmang in die Geschicke von Meinungs- und Lenkungsmacht eingebunden. Glaubt er. Jedenfalls. Die Überholspur ist erreicht, und hier will er sich nun auch festsetzen. Festfahren. Dauerhaft aufhalten. Doch jetzt formieren sich Gegner wie Gegenargumente.
Viel äußerlicher Pomp. Von wegen Kostüme, Frisuren, Kulissen. Vom feinsten. Und ziemlich egal. Denn ER „funktioniert“ hier NICHT. Der Mädel-Schwarm ROBERT PATTINSON. Als bleicher, sensibler Vampir Edward Cullen in den „Twilight“-Horror-„Bis(s)“Movies bekannt geworden und jungfräulich angehimmelt (Teil 2 der letzten Kinofolge kommt im November 2012 in die Kinos), liegt er hier schief. Buchstäblich. Darstellerisch wacklig. Eher fade. Aus dem „Sexiest Man of the Planet“, zu dem ihn die Leserinnen der Zeitschrift „Glamour“ wiederholt gewählt haben, „entsteht“ hier nur ein – oftmals – nackiger Pappkamerad. Von nur begrenzter, behaupteter darstellerischer Attraktivität. Als Eros-Knabe agiert er fahrig. Lahm. Ausdruckslahm. Als Körper „an Frau“. Oder „in Bett“. Spöttisch könnte man sagen - der irritierte Vampir. Der bei verlangter „Mehr-Bewegung“ in Charakter und Ausdruck blöd scheitert. Was erwachsene Mädels wie UMA THURMAN, KRISTIN SCOTT THOMAS oder CHRISTINA RICCI hier „an ihm“ finden, = sollen/müssen, entpuppt sich als lediglich vorgegebene Drehbuchpapier-Anweisung. Glauben, fühlen, empfinden tut man dies nie.
Der neue „Bel Ami“-Film ist nur eine durchschaubare, vergebliche Mühe-Absicht. Mit einem aktuellen männlichen Teenie-Star von jetzt 25 weiter tüchtig die Kinokassen klingeln zu lassen. Wird nicht aufgehen (= 2 PÖNIs).
„BELLA DONNA" von Peter Keglevic (B+R; D 1982/83; K: Edward Klosinski, M: Astor Piazolla; 107 Minuten; Start D: 24.03.1983)
In der Gefühlszone Null. Tango Rhythmen, alarmierte, irritierte Menschen, die Suche nach Berührung, Wärme, Zärtlichkeit. "Ich kenne den Porzellanladen der Gefühle", raunzt die 70jährige Lady auf dem Sofa und legt "So oder so ist das Leben" von vorgestern auf. Fritz spielt Saxophon und übt dabei den Ur-Schrei. Lena will von Vergangenem nichts wissen und singt auf dem Vergnügungsdampfer von Johnny, der wieder mal Geburtstag hat. Max hat längst schon resigniert, ist galant geblieben und betäubt seinen Unterleib mit Rosen. Ruhm und Reichtum? Lächerlich. Und die Liebe? Die Freundin stirbt trotzdem an Krebs, und als Allheilmittel kommt Bella Donna in die Augen. Das sind Augentropfen. Der Film erzählt vom Ende der Toleranz. Denn das sei doch nur ein anderes Wort für Gleichgültigkeit, heißt es. "Immer wenn man keine Überzeugung hat, ist man tolerant", schreit es aus Fritz heraus. Die Schlacht der Gefühle geht weiter. Deutsches Kino der totalen Emotionen. Nie so aufregend und interessant wie hier. Mit einer Frau, die zu einem Begriff werden wird: Krystyna Janda. Vormals auch: Die Wajda-Polin.
I DIE RUHE
Wir müssen erst wieder ganz von vorn anfangen, bei uns ganz persönlich. Nicht die Welt, das Land, die Stadt oder die Parteien, sondern uns selber zunächst verbessern. Jeder einzelne. Erst dann sind wir wieder Menschen, Das Materielle hat uns zu lange erstickt. Wir müssen wieder Gefühle entdecken. Jeder für sich. Erst wenn das klappt, klappt das auch mit der Weltverbesserung. (Die österreichische Filmemacherin Kitty Kino)
II DIE WUT
Es wird hier andauernd von Gefühlen geredet, als ob sie irgendwas Exotisches sind. Ich mache Filme über Gefühle, weil ich mich danach sehne, dass Menschen Gefühle haben. Dass sie sich überhaupt trauen, die Gefühle, die sie ständig unterdrücken, auch mal wieder auszudrücken. Wir leben in einer so kommunikationsarmen Zeit, keiner möchte irgendwie zugeben, dass er Gefühle hat. Oder dass es ihm stinkt, oder dass ihm irgendwas weh tut. Und wenn er dann um Hilfe schreit, und manchmal sieht man‘s ja sogar in den .Augen, dann drehen sich die Leute einfach weg. Es ist ein Zustand, der mich in dieser Gesellschaft ankotzt. (Der deutsche Filmemacher Vadim Glowna)
III DIIE ERINNERUNG
In einer kleinen polnischen Stadt. Es ist der 8 Mai 1945. Gerade ist dieser fürchterliche Krieg zu Ende. Nullzeit. Im Ballsaal des alten, beschädigten Hotels tanzen die Überlebenden stumm die Polonaise. Die Musik, wehmütig klingende Walzertöne, beschreibt den Zustand dieser momentanen Zeitlosigkeit. Sie ist die einzig noch existierende Sprache. (Schlussszene aus Andrzej Wajdas Film "Asche und Diamant“ von 1958)
Die Schlussszene aus "Bella Donna". Wieder ist die Musik das einzige Verständigungsmittel. Eine Handvoll Menschen dreht sich im Kreis eines Lokalgartens, während die beiden männlichen Hauptbeteiligten müde, ausgelaugt und erschöpft an einen Baum lehnen. Nichts ist mehr zu sagen, der Krieg der Gefühle hat sie alle verletzt. Wie soll es weitergehen?
Blende zurück. Fritz, der Musiker, der Saxophonist ohne Job, trifft auf Jutta, die alt geworden ist. Sie steigt in seinen Wagen, will in die Stadt und weiß so beharrlich über die gute alte Zeit zu plappern. Fritz verliert sie an einem Haveldampfer aus den Augen. Dafür entdeckt er Lena, die Sängerin mit den Liedern von vorgestern. In ihrer Nähe stets Max, der Verehrer, der Rosen-Anbeter. Jetzt haben wir sie alle zusammen, um diese drei geht es.
"Was willst du über mich wissen?", fragt Lena “Wollte ich was wissen?“, antwortet Fritz. “Ich will doch gar nichts wissen“. “Versprichst du mir das? Gut, dann fangen wir an diesem Punkt an. Alles, was vorher war, ist unwichtig. Bist du einverstanden?“ Natürlich ist Fritz einverstanden, aber es dauert nicht lange, bis er die abgemachten Spielregeln nicht mehr akzeptiert. Liebe ist ja auch kein Fußballspiel. Er will mehr über Lena wissen, fährt ihr nach, folgt ihr in die Pension, bezieht im Nachbarzimmer Quartier. Für Fritz bedeutet Liebe Besitz, für Lena vor allem weiterhin Freiheit. Man quält sich, man demütigt sich, man schlägt sich, man liebt sich leidenschaftlich. Ein Tanz der Gefühle. Drumherum Stichwortgeber, Exoten, Farbtupfer.
“Melodramen leben nicht von der Bedingungslosigkeit, sondern von der Maßlosigkeit von Gefühlen, sie zu erzeugen, uns lachen, weinen zu Hause oder einsam fühlen zu lassen, geliebt oder verlassen, ist die Metaphysik des Genres; es ist, ganz ohne denunziatorische Absicht gesagt, eine Pornographie des Herzens“, heißt es an einer Stelle im Handbuch 6 der "Grundligen des populären Films“,
Motto: “Das Kino der Gefühle".
“Ich glaube, dass Menschen sich einander zu nähern versuchen — und dass ihnen dies nicht gelingt. Das interessiert doch jeden“, äußert sich Autor und Kino- Spielfilm-Debütant Peter Keglevic. “Liebe hat immer mit Egoismus zu tun, es gibt nur wenige Heilige wie Mutter Theresa. Man kann nicht lieben, ohne den anderen wehzutun. Der Fritz im Film will nicht verzichten, er glaubt nicht daran, das Glück schon ist, wenn man gerade nicht unglücklich ist. Das ist auch meine Meinung“. Man sucht unweigerlich und andauernd Vergleiche. Hierzulande gibt es sie noch kaum, sieht man von den ersten, ebenfalls sehr bemerkenswerten emotionalen Vadim-Glowna-Darbietungen ab ("Desperado City" und mehr noch "Dies rigorose Leben“). Gefühle im deutschen Kino, das bedeutete eine lange Zeit Schlager- und Wörthersee-Atmosphäre. Oder es standen radikale Frauen-Fahnen auf dem Programm, progressiv sicherlich, aber auch elitär. Populär und interessant wird es erst jetzt im hiesigen Melo-Dschungel. Newcomer wie Kitty Kino ("Karambolage" - einer der besten Filme aus der diesjährigen Berlinale-Infoschau), Vadim Glowna oder Peter Keglevic gehört die Zukunft. (Dass zwei von ihnen aus Österreich stammen, dürfte eine interessante Fußnote sein). Sie haben es satt, Gefühle immer nur andeuten oder verstecken zu müssen, sie haben es satt, mmer nur fiktive, unangreifbare, entfernte Geschichten zu zeigen, sie machen erstmals wieder Gefühle sichtbar und diskutabel im (deutschen) Kino. Sie entwickeln dabei phantastische Bilder, getreu ihrem persönlichen Motto: Was nutzt der beste klarste Kopf, wenn es ständig im Bauch rumort. Und, sie verfilmen keine fremden (Auftrags-)Buchstaben, sondern wollen “ihre“ Geschichten vorzeigen. Und Figuren. Sie haben alle was von mir - wie ich bin oder wie ich sein möchte: So plump, so derb wie der Fritz bin ich auch; so feige wie der Max könnte ich schnell sein; so straight wie die Lena, das möchte ich gerne", meint Peter Keglevic über seine Protagonisten. Die allesamt wahnsinnig gut dargestellt sind.
Eine Sensation, eine Attraktion, eine unglaubliche Faszination, das ist KRYSTYNA JANDA, bei uns bisher vornehmlich als Wajda-Schauspielerin - und da meist sehr spröde - bekannt ("Der Mann aus Eisen“, "Der Mann aus Marmor" und "Der Dirigent"). Die .Wandlungsfähigkeit dieser 30jährigen ist ungeheuerlich, sie besitzt das Feuer und Temperament einer Liza Minnelli, die Kraft einer Glenda Jackson und Liv Ullmann, die sinnliche Ausstrahlung der frühen Rita Hayworth. Und wenn die (original deutsch) singt, ist es genau das, was wir bei Hanna Schygulla – "Lili Marleen" - vergebens gesucht haben. Da die Janda (natürlich) in Frankreich schon als Star hofiert wird, verwundert nicht, wir (be)merken es wenigstens jetzt. FRIEDRICH-KARL PRAETORIUS tritt wie der jugendliche Marlon Brando auf, wild und ungestüm, mit einem unerhörten Bündel Energie, dabei zugleich wehleidig und sensibel, empfindsam wie ein alleingelassenes Kleinkind. BRIGITTE HORNEY und ERLAND JOSEPHSON sind um sie herum ausgezeichnete Schmuckstücke, wunderbare Partner.
Ein Ereignis ist diese Tango-Musik von Astor Piazzolla, ein Reiz, ein einziger Rausch, ausdrucksstark und fremd und kraftvoll. Krystyna Jandas Ehemann Edward Klosinski schuf dazu Bilder von atmosphärischer Dichte und spannendem Gefühl. Und Peter Keglevic?
“Ein Filmkünstler, der große Filme inszeniert, die niemanden bekannt würden, ist unvorstellbar, sagt Georges Sadoul in seiner "Geschichte der Filmkunst“. Ganz meine Meinung (= 4 ½ PÖNIs).
„BENDA BILILI!“ von Revaud Barret und Florent de la Tullaye (B, R+K; Kongo/Fr 2004-2009; 84 Minuten; OmU; Start D: 19.05.20011); als fiktionaler Spielfilm wäre „Jenseits des Scheins“, wie der Titel übersetzt lautet, totaler Blödsinn. Als wahrhaftiger Dokumentarfilm a la „KINSHASA SOCIAL CLUB!“ („The Times“) dagegen ist er ein Juwel. Und sorgt für viel Neugier, Anteilnahme und schließlich Freude. Ja Begeisterung.
Dabei ist der thematische Ausgangspunkt eher surreal: 2004 entdecken die beiden (hierzulande unbekannten) französischen Regisseure auf den Strassen von Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo (einst Belgisch-Kongo), eine Gruppe von Musiker. Die spielen hier „öffentlich“. Für sich. Und ein paar Zuhörer. Sie nennen sich „STAFF BENDA BILILI“. Was aus der dortigen Lingala-Sprache übersetzt „Öffne dein Bewusstsein“ oder auch „Das Verborgene sichtbar machen!“ bedeutet. Das „Besondere“ - die meisten von ihnen sitzen in Rollstühlen. Polio-Opfer. Die zudem obdachlos sind. Im Bereich, auf dem Gelände des verwahrlosten Zoos der Stadt leben und proben. Und ihre Musik als Rettung betrachten: „Ich erfinde nichts, meine Lieder handeln vom Leben“, sagt Wortführer und Straßenhändler „Papa“ Leon „Ricky“ Likabu. Und verweist auf ihre Lieder, die wie Appelle klingen: „Arbeit ist Vater und Mutter!“ Mal ermahnen sie in den Songs die Eltern, ja ihre Kinder unbedingt gegen Polio impfen zu lassen. Und sie unbedingt zur Schule zu schicken.
Mal erzählen sie von den eigenen Erlebnissen und Emotionen. Vom Nächtigen auf Pappkartons ebenso wie von ihrer Armut. Die sie nicht abhält, von einem besseren Dasein zu hoffen, zu träumen. Die beiden Filmemacher sind elektrisiert. Treffen und begleiten die Band innerhalb der nächsten Jahre. Mit dem Zunächst-Ziel - DENEN einen Plattenvertrag zu verschaffen. Man freundet sich an. Und entscheidet sich, einen kompletten Dokumentarfilm „darum“ zu drehen. Die Mitglieder der Gruppe begreifen ihre Chance. Setzen fortan viel Engagement, Glauben und Begeisterung in das Projekt. Das trotz zahlreicher Rückschläge (den Familien brennen ihre Hütten ab; den Filmemachern geht vorübergehend das Geld aus) schließlich, nach fünf Jahren, doch „gelingt“. Erst in einem Musik-Album („Trés Trés Fort“), dann mit einem ersten umjubelten Auftritt beim Eurockéennes Festival in Belfort 2009. Seitdem sind sie bekannt, geschätzt und weltweit unterwegs.
Kein Märchen. Keine Mitleids-Fahne. Keine Trocken-Doku. Ganz im Gegenteil: Blitzgescheit wie hochemotional. Die Behinderungen werden nicht thematisiert, sondern als gegeben hingenommen. Konzentration auf die beeindruckenden Beteiligten. Auf ihre musikalischen „Bewegungen“. Auf ihr (un-)menschliches Leben, das Existieren hier. An diesem unwirtlichen Ort der afrikanischen Welt. Auf ihre Kraft. Durch ihre Musik. Auf ihr Wollen. Menschlich existieren zu dürfen. Mit den ganz normalen Annehmlichkeiten des Alltags. Wie endlich einer Matratze. Einem ständigen Dach über den Kopf. Grosse Emotionen. Auf beiden Seiten: Auf denen der Beobachteten, Begleiteten ebenso wie auf unserer, den Zusehenden. Ergriffenen. Mitgenommenen. Auch über eine berührende Nebengeschichte. In der es um den 13jährigen Roger geht. Roger Landu. Dessen „Gitarre“ ist eine Blechbüchse mit einer Saite. Die helle und schnelle („African-Rock“-)Töne erklingen lässt. Mit dieser Satongé-Laute wird Roger, der von seiner psychisch labilen Mutter abhaute, zu einer Art „Wunderkind“ und zum Ziehsohn von „Ricky“ Likabu. Zum kleinen „heimlichen Star“ des Films.
Der im Vorjahr beim Cannes-Festival als Eröffnungsfilm der „Forum“-Nebenreihe „Quinzaine des Réalisateurs“ lief und hervorragenden Anklang fand. Zu Recht: „BENDA BILILI!“ geht sensibel-gut unter die Haut. Weil der Film „nicht getürkt“ ist. In Stichwort-Erlebnissen und Seele. Eine Hymne auf das afrikanische Leben bzw. Überleben und ihre wahren Kämpfer bedeutet. „Du musst verstehen, was es braucht, um aus dem Hundeleben ´rauszukommen“, singt Benda Bilili auf einem Festival. Zum Grooven und Denken. Und umgekehrt. Die Botschaft ist angekommen: Was für ein vorzügliches Dokument zur Gegenwart! (= 4 PÖNIs).
„BERLIN AM MEER" von Wolfgang Eßler (D 2008; 98 Minuten; Start D: 10.01.2008); ist so was wie "American Graffiti" auf berlinerisch in den 90igern: Episoden aus dem Studentenleben einer hiesigen WG. Mit den unterschiedlichsten Typen, aus denen sich zwei Freunde herauskristallisieren, die Musiker werden wollen.
Während Malte ganz urig als CHAOT durchgeht, ist Tom DAS SENSIBELCHEN. Mit ständigem Betroffenheits-Charme. Drumherum: Eine lebenshungrige Streuner-Clique. Gefühle ´rauf und ´runter, man liebt und schmollt, man hottet und kifft, man rotzt und "partnert". Und: Man palavert viel.
"Berlin am Meer" braucht (zu) lange, um in kessen Schwung zu kommen und mit einigen reizvoll-atmosphärischen Stadt-Motiven anzugeben. Insgesamt aber bleibt der (Unterhaltungs-)Ball flach, auch, weil der 25jährige Hauptakteur ROBERT STADLOBER ("Crazy") eher fehlbesetzt-bemüht wirkt, während drumherum mit u.a. Jana Pallaske, Axel Schreiber oder Claudius Franz kraftvollere Mimen herumwuseln.
Nur begrenzt unterhaltsame Komödie um Auslauf-Pubertät und Erwachsen-Werden. Mit scheußlich-süßlich-"klapprigem" Happy-Ende-Gemache (= 2 ½ PÖNIs).
„BERLIN FÜR HELDEN“ von Klaus Lemke (B, R+Prod.; D 2011; 95 Minuten; Start D: 05.04.2012); nun kommen sie alle. Zum Beispiel aus München. In die „garstige“ neue Hauptstadt. Wo doch so viel los ist. Wo das coole Schmutz-Fieber grassiert. Von wegen diesem „anderen“, diesem saustarken Drecks-Soundtrack des Berliner Alltags. Hier. Oben wie unten. Der Dietl, Helmut war neulich hier und ist mit „Zettl“ gigantisch gescheitert. Um danach gleich wieder gen bayerische Gemütlichkeit zu entfleuchen. Der vorübergehende Aufenthalt. Mal schnell vorbeischnuppern. Mit Bäh-Lust. Und satirischem Schmäh-Charme. Ohne aber „richtig“ „mittendrin“ zu sein. Mitzumischen. Ohne wirklich mal was zu wagen. Und zu sagen. Von wegen Provokation: „Berlin Royal“ eines inzwischen vergreisten Spinners. Der nie einen profunden Blick für diesen exorbitant- „gemeinen Standort“ bekommen hat.
BERLIN stinkt gut. Lautet auch das Motto für den Alt-Anarcho Lemke, den Klaus. 71 ist der Landsberger (von der Warthe) mit Wohnsitz in München inzwischen. Ist der Udo Lindenberg des Kinos. Ein Ewig-Rocker. Der nicht dreht, wenn Kohle zusammengebettelt wurde, sondern wann er Lust dazu hat. Sie wissen schon von wegen keine Chance, die es aber zu nutzen gilt. Was Klaus Lemke („Rocker“, „Die Ratte“, „Amore“ und wie sie alle waren) zelebriert, wagt, ist die letzte freie freche ungehörige Bastion Anarcho-Filmkunst. Motto: Voll auf die Geschmacks-Fresse. Atmosphärisch, mit einem stimmungsvollen Tarantino-Gitarren-Sound (vom Morricone-Proll MALAKOFF KOWALSKI), und mit prächtigen, pardon (bin bürgerlich) Scheißhaus-Typen. Die „neben uns“ hier durchstarten. Mitten in Berlin. Lemke offenbart sie einfach so. Präsentiert sie mittenmang. In der mauen Menge. Auf der Straße. Der Bezirke. Neben diesen, pardon (gehöre dazu) flachen Normalos. Herrlichste Exoten. Die sich einen Mist scheren um irgendwas. Die „ihr Ding“ hanebüchen durchziehen. Selbstverständlich. Mit allen Gigs und Kicks und Tricks. Und Ficks. Wüst. Wirbelig. Hau drauf, wann es wo wie geht. Und das Komische - DIE sind IRRE. Voll gut irre. Aus allen Tastaturen der gesellschaftlichen Ecken und Kanten ausschwirrend. Ankommend. Heraustretend. Keinen Grund, kein Motiv, kein Alibi benötigen. Für sich. Und überhaupt. Wir sind, also tun wir’s. Was auch immer. Völlig wurscht. Wegen der, mit diesen Ungereimtheiten. Sprüngen. Den Logik-Löchern. Zuhauf. Bis zum Abwinken.
Egal. Völlig egal. Diese dauernden Patzer. Na und? Wen schert’s: Wir lehnen uns angetörnt zurück und lassen DIE machen. DIE tun. Was auch immer. Gerade angesagt, angezeigt ist. Eine einzige Anmache. Völlig kirre. Beliebig. Prustend. Stinkend. Bei hohem Blutdruckdampf. Der Spaß-Faktor ist enorm. Mit diesen wunderbar unberechenbaren Mackern. Spinnern. Bekloppten. Lebenssüchtigen. Lemkes Weibsen- und Kerlchen-Personal ist scharf. Heißen SARALISA VOLM oder MARCO BAROTTI oder ANNA ANDEREGG oder HENNING GRONKOWSKI oder ANDREAS BICHLER. Oder so. Sind fies-gut drauf. Oder umgekehrt. Mensch Lemke, bei „Berlin für Helden“ besteht akute Ansteckungsgefahr. Auf den wahren „Ulk“ meiner Stadt.
Komm’ bloß bald mal wieder hier vorbei. Und zeig’s uns. Weiter (= 4 PÖNIs).
“Der Mensch möchte hin und wieder aus der Rationalität unseres technisierten Zeitalters aussteigen. Er sucht die Alternative und erkennt, dass er diese im Wunderland der Phantasie finden kann“.
Das sagte einmal WALT DISNEY, der 1966 verstorbene Gründer des Animationsfilms und Vater der Mickey Maus. Dessen Kreativität und Einfallsreichtum wird bekanntlich durch seine Erben und Enkel ständig fortgesetzt. In Abständen von zwei, drei Jahren kommen neue “Disney“- Filme ins Kino. Am nächsten Donnerstag ist es wieder soweit:
„BERNARD UND BIANCA IM KÄNGERUHLAND“ von Hendel Butoy und Mike Gabriel (USA 1990; 77 Minuten; Start D: 05.12.1991); ist der 29. abendfüllende Zeichentrickfilm aus den Disney-Studios.
Der mutigen Mäuselady Bianca und dem ängstlichen Mäuserich Bernard begegneten wir erstmals beim Weihnachtsfest 1977. Ausgangspunkt damals wie heute: Die Mäuse-Uno. Auch sie hat ihren Hauptsitz im UNO-Palast von New York, dort allerdings in den komfortablen Mäuselöchern. Wenn es darum geht, in Bedrängnis geratenen kleinen Kindern oder Tieren zu helfen, wird hier für schnelle Unterstützung gesorgt. Dafür sind Bernard und Bianca genau die richtigen Botschafter und Helfer. Ein neuer Auftrag steht an. Galt es einst, auf den Flaschenpost-Hilferuf eines entführten Waisenmädchens zu reagieren, so geht es diesmal um einen kleinen Jungen. Der ist in die Gewalt eines bösen Fallenstellers geraten. Bernard und Bianca sausen los, zum Flugplatz, denn es geht auf einen weiten Weg. Sie müssen bis nach Australien fliegen. Per Charter, und wieder mit dieser komischen Albatros-Airline. Mehr oder weniger heil angekommen, beginnen jetzt erst die “richtigen“ Abenteuer. Mit tierischen Kumpels und tollkühnen Tricks. Das Agenten-Team läuft zu Hochform auf.
“Bernard und Bianca im Kängeruhland“ ist keine unmittelbare Fortsetzung, sondern ein eigenständiger, fröhlicher Neu-Spaß. Die beiden Regisseure Hendel Butoy und Mike Gabriel haben nur die beliebten Hauptfiguren übernommen und nutzen ansonsten die modernen Möglichkeiten des Mediums voll aus. Motto: Action-Animation vom Besten. Mit einer guten Botschaft: Mensch und Tier verbünden sich im gemeinsamen Kampf gegen das Böse.
“Bernard und Bianca im Kängeruhland", ein neuer Disney-Zeichentrickfilm mit der Spaß-Note sehr unterhaltsam (= 4 PÖNIS).