„BRAUTALARM“ von Paul Feig (R+Ausf. Prod.; USA 2010; 125 Minuten; Start D: 21.07.2011); dass dieser, sagen wir schräge, sagen wir aber auch nett-säuische Komödienstreich im prüden US-Amerika dermaßen erfolgreich funktioniert(e), mit bislang über 158 Millionen Dollar Kinokassen-Einnahme, hat selbst die Macher überrascht. Wie zu lesen und zu hören war. In „Entertainment Weekly“ wurde „Bridesmaids“ vom Kritiker als „schlüpfrig und furchtlos“ bezeichnet. „Brillant geschrieben und klug sowie ehrlich über das, was wirklich los ist im Leben von Frauen“. Aus den Lichtspielhäusern kam die Meldung, dass 63% des Publikums über 30 Jahre alt war und sich aus „nur“ 33% Männern zusammensetzte. Die weibliche „Nicht-Teenager-Generation“ war also hier vor allem kino-aktiv. Und fand offensichtlich ihren (Mundpropaganda-)Spaß. Bei diesem wenig zimperlichen Frauen-Fight-Club. Aus dem Produktions-Hause von JUDD APATOW.
DER ist kein russischstämmiger Zuwanderer, sondern wurde am 6. Dezember 1967 im Bundesstaat New York geboren. Mit dem schon frühen Berufswunsch/-ziel KOMIKER zu werden. Begann als Stand-Up-Unterhalter, betätigte sich als Gagschreiber für TV-Gigs von u.a. Jim Carrey, Ben Stiller und Larry Sanders. Schuf mit „Voll daneben, voll im Leben“ 1999 seine erste eigene Fernsehserie. 2005 kam mit „Jungfrau (40), männlich sucht“, mit Steve Carell in der Hauptrolle, sein Regie-Debüt in die Kinos und war ein Riesen-Erfolg. So dass die Finanzierung des nächsten Hits gesichert war, denn die Schwangerschafts-Komödie „Beim ersten Mal“ kam 2007 ebenso (weltweit) beim Publikum an. Das Auffällige dabei: Auf ebenso mickrige wie dicke Schmutz- und Schwitz-T-Shirt-Typen, mit Hang zum Ordinären, sich aufplusternd wie dauerpubertäre Dinos, konsolen-versaut, vergnüglich macho-bekloppt, sexistisch durchgepolt, wurde „besonderen Spiel- und Schauwert“ gelegt. Kurzum: Zotigkeit und keine Grenzen. Derbe Kraftmeierei in Sachen Männlein & Frauen. Überzogen-blöd, aber auch total dufte-frech. Die US-Kids der Monty Pythons. So was in der Typenart. Durchgeknallte Anarcho-Bubis mit viel Baby-Charme. Judd Apatow hat sich im Laufe der Quatschmach-Jahre gerne mit einer Gruppe von „Gleichgesinnten“ umgeben/eingelassen. Schauspieler, Autoren, Regisseure. Wie Seth Rogen (der stämmige Comedian aus „Beim ersten Mal“ + „The Green Hornet“), Jonah Hill (der Dicke aus „Superbad“ + „Männertrip“) oder Charme-Boy Paul Rudd („Nie wieder Sex mit der Ex“; „Year One- Aller Anfang ist schwer“). Gag-Autoren wie Jason Segel und Evan Goldberg wurden ebenso gefördert wie die Regisseure Jake Kasdan und Greg Mottola. Das Magazin „Entertainment Weekly“ bezeichnete diese Gruppe als „Apatow-Gang“ in ihrer Liste der „25 Top-Stars von 2007“.
Mit den wunderbaren Schräg-Movies „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ (2006/mit Will Ferrell + „Borat“ Sacha Baron Cohen = „MTV Movie Award“ für den „Besten Kuss“) + „Walk Hard: Die Dewey Cox Story“ (2007/mit John C. Reilly) produzierte Judd Apatow zwei der komischsten Komödien der letzten Jahre. Vor „Hangover“. Nun also sind – ENDLICH – auch mal „die Weiber“ dran. Die Rabauken-Weiber. Und DAS in diesem Milieu. „Ganz in Weiß“ hieß mal ein Roy Black-Hit-Liedchen hierzulande - „mit einem Blumenstrauß“. Als sabbernde Schnulzen-Schnulze. Wir notieren: Die BRAUTJUNGFERN sind Mitglieder im Braut-Team. Meistens sind sie enge Freundinnen der Braut, die sie bis zum Altar begleiten. Aber nicht etwa „nur“ am Hochzeits-Tag, sondern Wochen vorher schon. Beim Kostümieren, bei der Bestimmung von Blumenarrangements, der Herstellung der Einladungskarten, bei „Themenausflügen“ (!?), bei Restaurantbesuchen oder bei der Junggesellinnen-Abschiedskurzreise. Zum Beispiel. Nach Las Vegas.
Die wichtigste Brautjungfer nennt man auch Chef-Brautjungfer. Und Trauzeugin. Um diesen Posten kämpfen hier zwei besonders herzige Exemplare: Annie (KRISTEN WIIG, mit Doppel i in der Mitte) und Helen (ROSE BYRNE). Deren Freundin Lilian (MAYA RUDOLPH) hat sich verlobt und beabsichtigt nunmehr, sich demnächst zu verehelichen. Das Brautjungfer-Stelldichein kann beginnen. 5 Grazien, allesamt nicht mehr ganz so knackig-„frisch“, übrigens ebenso wie die Braut, wirbeln los. Allen voran die sowieso schon ziemlich „kaputte“ Annie. Deren Freund will keine Bindung, sondern nur wöchentlichen Sex, und das mit ihrer Bäckerei, das war auch eine Luft- und schließlich Schuldennummer. Annie ist ziemlich zerstört. Und frustriert. Was aber auch nicht verwundert, wohnt sie doch bei zwei Fleischklößen von menschlichen Aliens. Zur Untermiete. Die sie jetzt auch noch aus der WG hinausbefördern. Annie muss zurück zu Muttern (die tolle JILL CLAYBURGH, „Eine entheiratete Frau“/1978, mit ihrem letzten Auftritt/30.4.1944-5.11.2010). Und dann taucht diese dumme reiche Pute Helen auf und löst auch noch den gigantischen Zickenkrieg aus.
„Brautalarm“ oder wenn Zicken zicken. Da geht es zünftig wie handfest zur Sache, wenn um die Gunst als Brautjungfer Nr.1 getrickst, gelogen, geheuchelt, gekloppt wird. Annie, die sowieso schon Angeschlagene, bekommt es mit einer mächtigen „Gegnerin“ zu tun. Die nichts unversucht lässt, sie endlich auszuhebeln. Motto: Was können auch Frauen für herrliche Drecksäcke sein. Aber wenn auch das „Insgesamt-Kränzchen“ so richtig in Fahrt, in Schwung kommt, bleibt kein Auge trocken. So wird etwa eine Kleideranprobe in einer Edelboutique nach dem Besuch eines brasilianischen Restaurants zu einem femininen Brech- und Durchfallmarathon. Auch außerhalb, auf der Kreuzung. Köstlich-grotesk-gnadenlos. Saukomisch. Von wegen „Ganz in Weiß…“. Eine amüsante Geschmackssache. Ebenso wie dieser bizarre Mädelsausflug gen Vegas. Wo Annie mit ihrer Flugangst auf ganz „eigenartige Weise“ umgeht. Was dann für ein fröhliches Bord-Chaos sorgt. Wie überhaupt hier Trabbel, Exzesse und Katastrophen dauerprogrammiert sind. Hemmungslos. Affig. Pointiert. Frauen-Power mal andersrum. Quer. Mit deftigem Schmackes. Genauso wie bei den überkandidelten „Hangover“-Kerlen. Viel Dampf und durch. Macht et, ihr wunderbaren Schreckschrauben.
Die Klasse-„Rampensau“ ist KRISTEN WIIG (die mit dem Doppel i im Nachnamen). Drüben als „Saturday Night Live“-Ulknudel bestens TV-bekannt, bei uns neulich in „Paul – Ein Alien auf der Flucht“ in komische Sichtweite gekommen. Sie hat hier am Drehbuch (mit der Autorin Annie Mumolo) mitgeschrieben, hat die Chose mitproduziert und mimt den weiblichen Adam Sandler-Wüstling mit großer Ausstrahlung. Was für eine unniedliche Charme-Lady? Wie brillant, ihre Annie-Furie. Mit viel schön-freier Schnauze. Und viel deftiger Schnauzigkeit. Eigentlich verdienten sämtliche Schmutz-Mädels eine Erwähnung (wie z.B. die zum Kotzen nette, die schmierige Helen von ROSE BYRNE, bekannt als Ex-Frau von Russell Brand in „Männertrip“, oder die pummlige MELISSA McCARTHY als souveräner Megan-Trampel, die kein Fettnäpfchen auszulassen gedenkt). Der ausführende Produzent und Regisseur PAUL FEIGG (sein 3. Spielfilm war 2006 „Oh je, du fröhliche“), auch „so einer“ aus dem Stall von Judd Apatow, hat einen politisch völlig unkorrekten, tollen Weiber-Zoff-Film geschaffen. Marke - es wurde aber auch endlich einmal Zeit, dass auch DIE aus den läppischen Rosa-Puschen kommen… um wüst-komisch-voll-cool loszustinken.
Eine tolle dolle Volle-Traute-Weibsen-Komödie (= 4 PÖNIs).
„BREAKING DAWN 1 & 2 - siehe TWILIGHT
„BRICK" von Rian Johnson (B+R; USA 2005; 110 Minuten; Start D: 21.09.2006), einem Debütanten, der sich in etwa folgendes ausgedacht hat: Ein Thriller in der Mischung aus High-School-Movie und "Film Noir"-Kälte.
Story: Jungscher, couragierter Spund, Marke bebrillter Einzelgänger an einer südkalifornischen High-School, gerät durch den Hilfe-Anruf seiner Ex-Freundin in Aufruhr. Tapert wie einst eine Raymond-Chandler-Figur, wie etwa Robert Mitchum als ausgelaugter Privatschnüffler im Klassiker "Fahr zur Hölle Liebling" (1975), stur-störrisch-unbeirrt durch die (Drogen-)Scene, um sich Klarheit zu verschaffen. Dauernd wird er attackiert/verprügelt/aufgemischt, dennoch aber bleibt er "dran".
Leidlich origineller, spannender 500.000 Dollar-Low-Budget-Thriller-Streich, der atmosphärisch bisweilen recht stimmungsvoll-"nachgemacht" daherkommt, dann aber auch in der konstruierten Story-Beschreibung und Figuren-Palette ziemlich "wackelt". Zur resigniert-pointierten Sprache und Atmosphäre der düsteren Vorbilder ("Der Malteser Falke"/Hammett) fehlen Distanz und Professionalität: Hier stecken die jungen Typen noch in "viel zu großen Schuhen"; dennoch ein nicht unsympathisches, kleines, zorniges Übungs-Movie (= 2 1/2 PÖNIs).
Alles begann 1995. Als regelmäßige, wöchentliche Kolumne in der britischen Tageszeitung “The Independent“. Verfasst von der Journalistin HELEN FIELDING. Thema: Selbstironische Wochen-Geschichten aus dem Leben einer Singlefrau. Mit Namen Bridget Jones. Bridget ist um die 30 und ständig auf der Suche nach Halt und wahrer Liebe. Weil diese Artikel über diesen femininen Kraftbolzen so gut ankamen, schrieb Helen Fielding über ihre Heldin 1996 ein Buch, Titel: “Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück“. Dabei hat sie sich klassischer literarischer Mithilfe, u.a. „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, “gütig“ bedient, wie sie in einem Interview selbst zugegeben hat.
Der Roman avancierte zum Bestseller. Verkaufte sich millionenfach. Und wurde in England zum “Buch des Jahres“ gewählt. Dabei aber wurde Bridget Jones auch zum internationalen Phänomen: Die Hauptfigur schien die
Lebensziele und das Lebenschaos von Frauen in aller Welt zu symbolisieren. Natürlich stand nun die Verfilmung auf dem Plan. Die Produzenten der britischen Erfolgsfilme “Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ und “Notting Hill“ übernahmen den Stoff. Und verpflichteten SHARON MAGUIRE für die Regie: Eine hochdekorierte Dokumentarfilmerin, die nun mit dem Spielfilm
„BRIDGET JONES - SCHOKOLADE ZUM FRÜHSTÜCK“ von Sharon Maguire (GB 2001; 97 Minuten; Start D: 23.08.2001) ihr Kino-Debüt abliefert.
Für die Hauptrolle dagegen wurde keine britische Darstellerin engagiert, sondern die Hollywood-Akteurin RENEE ZELLWEGER. Die fiel durch ihre Auftritte in den Filmen “Nurse Betty“ und “Jerry Maguire - Spiel des Lebens“ angenehm auf. Die 32jährige Texanerin mit dem Zungenbrecher-Namen, der Vater ist Schweizer/die Mutter Norwegerin, nahm die Herausforderung an. Und legte erst einmal kilomäßig kräftig zu. Denn Bridget Jones ist oben kein schmales, schlankes “Pretty Woman“-Modell, sondern eine leicht übergewichtige, kesse Solo-Chaotin.
“Schokolade zum Frühstück“, der Bei-Titel ist hier Programm. Bridget Jones mag Fast Food, liebt Wodka-pur, ist zugleich Kettenraucherin und notorische Vollblut-Neurotikerin. Ihr Single-Dasein ist der ewige und bisweilen hysterische, aber auch jederzeit trockenhumorige Kampf und Krampf gegen Pfunde, Macken und falsche Wünsche. Wie sie ihrem Tagebuch gerne wütend anvertraut. Kein Wunder, dass es in ihrer Umgebung schon mal Hohn und Spott hagelt.
Dabei gibt es im Umfeld der Bridget Jones immerhin gleich zwei Kerle, die
ihr irgendwie “nahestehen“. Der Eine ist Mark, der Rechtsanwalt und
Jugendfreund. Der immer die hässlichen Pullover trägt, die ihm seine
Mutter verordnet hat. Außerdem hat man ihm bereits eine schöne dunkelhaarige
Braut “zugeteilt“. Dennoch läuft Mark ständig mit einem mürrischen
Gesicht herum und redet Tacheles.
Verehrer 2 ist ihr Bilderbuch-Macho-Büro-Boss Daniel: Sexy, smart und
extrem verantwortungsscheu. Ausgerechnet ER wird vom Leinwand-Sonnyboy
HUGH GRANT imponierend eklig dargeboten.
Dieser neue Kinofilm “Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück“ ist erneut eine ÜBERZEUGENDE britische Komödie. Weil: Bodenständig- unanständig; weil mit fein-derber Charme-Komik durchsetzt; weil Timing und Pointen stimmen und funktionieren. “Das gewisse Unterhaltungs-Etwas“, die gescheiten Zwischentöne und Gags, sind Klasse-Ausbalanciert zwischen Sensibilität, Show und Verbal-Attacken. Und, eben:
RENEE ZELLWEGER ist einfach sensationell.
Sie beweist Mut zur
Uneitelkeit, zur Provokation, zur tragikomischen Frauen-Power. Als Bridget Jones muss sie viel einstecken, versteht aber auch prima zurückzukeilen.
Es ist toll: Derzeit haben - siehe auch “Amelie“ aus der Vorwoche - die Frauen in den besseren Kinofilmen die Hosen an. WUNDERBAR (= 4 ½ PÖNIs)!
„BRIGHTON ROCK“ von Rowan Joffe (B+R; GB 2009/2010; 111 Minuten; Start D: 21.04.2011); ist ein sehr angenehmer „Zwischenaufenthalt“ im heute oftmals so überhitzten Fieber- bzw. Adrenalin-Kino. Eine gute Geschichte, angenehm unaufgeregt, dabei sehr spannend erzählt. In einem reizvollen, atmosphärischen Umfeld, mit hervorragenden Schauspielern. Kurzum: Wer mal Lust auf fesselndes „Normal-Cinema“ hat, wird hier bestens bedient. Vom 38jährigen britischen Leinwand-Debütanten (und Sohn des Regisseurs Roland Joffe/“The Killing Fields – Schreiendes Land“, 1984; „The Mission“/1986.) Rowan Joffe. Der bisher als Drehbuch-Autor („28 Days Later“; zuletzt „The American“) und TV-Regisseur arbeitete. Und hier den populären Roman „Brighton Rock“ des britischen Schriftstellers GRAHAM GREENE (2.10.1904 – 3.4.1991) aus dem Jahr 1938 adaptierte, der in der BRD 1950 unter dem Titel „Am Abgrund des Lebens“ veröffentlicht und jetzt wieder neu herausgebracht wurde . Die schwarz-weiße britische Erstverfilmung dieses Dramas entstand 1947 unter dem originalen Roman-Titel (Regie: John Boulting), mit Richard Attenborough in der Hauptrolle, kam aber bei uns nie in die Kinos.
Heute ist die Geschichte von vor-damals in das Seebad Brighton von 1964 verlegt. Mitten hinein in die aggressiven, „pop-kulturellen“ Auseinandersetzungen und provokanten Muskelspiele zwischen Rockern & Mods an diesem schönen britischen Küstenstädtchen am Ärmelkanal, in der Grafschaft East Sussex. Wo die Polizei zunehmend „gereizter“ reagiert. Und sich der 17jährige „Laufbursche“ Pinkie daranmacht, seinen Platz in der Klassengesellschaft zu suchen. Pinke, der Klein-Ganove, will „mehr“. Will höher hinaus, will geachtet und gefürchtet werden. Sowohl in seiner „Gruppe“ wie überhaupt/allgemein. Damit kommt er dem mächtigen örtlichen Mobster Colleoni mächtig in die Quere. Denn das Terrain an diesem „vornehmen Ort“ teilten sich bislang drei Gangs. Eine „ganz obere“ und zwei untergeordnete, „Gangsterfußvolk im Mittelfeld“. Wie die von Pinkie. Doch die ist gerade eine Art „Auslaufmodell“. Als einer von „seinen Leuten“ ermordet wird, sieht Pinkie seine Chance. Sich neu zu platzieren. Hat aber zunächst Skrupel, sein dunkles Ich „hervorzubringen“. Zumal er damit die unbedarfte wie schließlich vom Proll-Vater „verscherbelte“ Kellnerin Rose gefährdet. Rose glaubt an die große Liebe, Pinkie dagegen will sie „eigentlich“ nur benutzen, um eine lästige wie harmlose Zeugin „zu umgarnen“, „ruhig zu stellen“. Um seine Aufstiegspläne ungestört und ungefährdet vorantreiben zu können. Dabei stören individuelle Gefühle immens.
Moral oder Nicht-Moral, das ist hier die Frage. Und: WIE stelle ich es an, mich hier geschickt und „gesund“ bleibend durch die „aufgescheuchte“ Unterwelt erfolgreich zu lavieren? Zumal auch noch Roses Chefin, eine resolute örtliche Geschäftsfrau mit Weitblick, Pinkies Avancen und „Bewegungen“ mit Argwohn beobachtet. Und schließlich „handfest“ selbst eingreift, um eine Tragödie zu verhindern. Wie sie glaubt.
Man meint, das bessere britische Gangsterkino von einst „riechen“ zu können („The Long Good Friday - „Rififi am Karfreitag“). Vornehme Bürgerwelt, die Strampeleien „unten“, die kriminellen wie sozialen Grabenkämpfe um die feudalen, profitablen regionalen Machtpositionen. Dabei im Fixierpunkt: Die etablierten, disziplinierten Alten gegen die unbeherrschte Meute der drängenden Kids. Die Wissenden gegen die Minder-Klugen. Und Versuchs-Cleveren. Mit „katholischem“ (Graham Greene-)Hintergrund: Schuld und Sühne: Die Hölle ist stets näher als der Himmel. Verzweiflung im „realen Leben“ wird dadurch „akzeptiert“. Es sei denn, ein irdischer Engel wie Rose taucht auf und führt durch dieses bittere Tal der Sünde in das „reine Dasein“. Zum Sarkasmus des Alltags.
Ein Film Noir-Thriller bester Tradition. Mit tollen photografischen Brighton-Aufnahmen, innen wie außen; also mit beeindruckenden Landschafts- wie Seelenmotiven; exzellent dargeboten von einem erstklassigen Ensemble. SAM RILEY, Jahrgang `80, der suizidbedrohte „Joy Division“-Sänger Ian Curtis in der heftigen Musiker-Biographie „Control“ (2007), überzeugt in dem verbissenen Spagat zwischen Unsicherheit, Aufbegehren und Selbstzerstörung. „European Shooting (Berlinale-)Star“ und 2011-Darling ANDREA RISEBOROUGH, neulich im tragikomischen Weiber-Streik-Movie „We want Sex“ von Nigel Cole schon angenehm aufgefallen, pariert prächtig in der Balance zwischen Unschuld und Aufbruch. „Oscar“-Lady HELEN MIRREN („The Queen“) als Roses Chefin und „Beschützerin“ Ida ist sich ebenso wie der zerknautschte 70jährige Kraftpaket-Oldie JOHN HURT („Der Elefantenmensch“) als ihr Freund aus gütigeren Tagen nicht zu schade fürs charakterlich brillante Stichwortgeber-Personal.
„Brighton Rock“ ist eine feine und sehr atmosphärische britische Spannungsperle im aktuellen Kino (= 4 PÖNIs).
„BRIGHT STAR – MEINE LIEBE. EWIG“ von Jane Campion (B+R; GB/Austr/Fr 2008; 120 Minuten; Start D: 25.12.2009); der britische Dichter JOHN KEATS ist nur knapp 26 Jahre alt geworden und zählt in seiner Heimat zu den großen Poeten der englischen Sprache. In der kurzen Lebensspanne zwischen der Geburt 1795 in London und dem Tuberkulose-Tod Anfang 1821 in Rom erlebte der geniale Dichter eine tiefe Liebesbeziehung, die unerfüllt blieb. Mit der Schneiderin Fanny Brawne. Das Drama dieser Beziehung hat die neuseeländische Regisseurin, die sich mit ihren Filmen „Ein Engel an meiner Tafel“ (1991), „Das Piano“ (1995/“Goldene Palme“ von Cannes“) sowie „The Portrait of a Lady“ (1996) und „In the Cut“ (2004, mit einer „schmutzigen“ Meg Ryan) zum cineastischen Champion katapultiert hat, nun zum Thema ihres neuen Werkes gemacht. Der originale Titel des Films bezieht sich auf den Anfang eines Gedichts von Keats aus dem Jahr 1819 und bedeutet übersetzt „Glanzvoller Stern“.
1818 begegnet die 17jährige Fanny in einem Londoner Vorort John. Zwei Seelenverwandte treffen und verlieben sich. Daran ändert auch die Eifersucht seines Mentors, Mr. Brown (PAUL SCHNEIDER/kürzlich in „Away We Go“ von Sam Mendes), und die Skepsis ihrer Mutter (KERRY FOX/neulich in „Sturm“ von Hans-Christian Schmid) nichts. Doch an eine VerBINDUNG ist nicht zu denken, dazu ist er zu arm, zu schwach, zu kränkelnd. Zudem fehlt es ihm an Anerkennung. Doch vor allem SIE ist es, die um diese Liebe kämpft. Innig, ausdauernd, schmachtend, leidend. Für Fanny steht unwiderruflich fest, John ist IHR Lebenspartner. Für immer und ewig. Als Fannys Mutter endlich einer inoffiziellen Verlobung einwilligt, ist es zu spät. „Bright Star“ basiert auf der Biographie „Keats“ von Andrew Motion aus dem Jahr 1998. Dabei im Blickpunkt: Stimmungen. Emotionen. Sensibilität. Es geht um Stationen einer beharrlichen wie intensiven (Frauen-)Liebe. Die durch nichts zu erschüttern ist. Die durch nichts aufzuhalten oder gar zu unterbrechen ist.
Campion beschreibt, zeigt Bewegungen. Innere wie äußere. Bewegungen von tiefer Emotionalität. Pendelnd zwischen Bangen, Hoffen, Bestürzung, Verzweiflung. Kurzen Berührungen. Eingebettet in zugleich wunderschöne symphonische Landschaftsbilder. Während die Gedichte ihren Widerhall im sonnigen Licht, in den berauschenden Farben der Natur, dem „Geruch“ der handgewebten Stoffe finden: Momente innigster Nähe. Die 27jährige Australierin ABIBIE CORNISH; 2006 neben Russell Crowe in dem Ridley Scott-Film „Ein gutes Jahr“ angenehm aufgefallen, mimt mit immensem Einfühlungsvermögen und starkem Ausdruck die leidgeprüfte Fanny. Was für eine spannende, hochinteressante Darsteller-Persönlichkeit! ER, das ewig grübelnde, kränkelnde Dichter-Genie, wird von 28jährigen Briten BEN WHISHAW gemimt, den wir aus dem Tom-Tykwer-Film „Das Parfüm“ als Frauenmörder kennen. Whishaw stellt John Keats als in seinen Gedanken/in seinen Konventionen „Gefangenen“ vor, der – beruflich wie privat - nie zur Ruhe kommt, und vor allem nie DEN gesellschaftlichen Respekt-Platz findet, nach dem er sich so sehr sehnt. (Wie bei so vielen GROßEN Künstlern, die Anerkennung gibt es erst nach dem Tode). Und dessen Gefühlsleben folglich permanent „strittig“ ist. Einer der schönsten, bewegendsten Liebesfilme dieses Kino-Jahres! (= 4 PÖNIs).
„BRITANNIA HOSPITAL“ von Lindsay Anderson siehe unter Regisseure