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Filmtitel von Bt - Bz

Legende:

5 Pönis= Einsame Spitze
4 Pönis= Richtig gut
3 Pönis= Geht so
2 Pönis= Mäßig
1 Pöni = Jämmerlich
0 Pönis= Grottig

DIE BUCHT – The Cove“ von Louie Psihoyos (USA 2008; 92 Minuten; Start D: 22.10.2009); ist einer der emotionalsten Spannungsfilme der letzten Zeit. Motto: Was ist der Mensch doch für ein zerstörerisches, gemeines Wesen, wenn es um seine gierigen Interessen geht. EIN Leitmotiv für diesen außergewöhnlichen, aufwühlenden, traurig und wütend zugleich machenden „besonderen Film“. Der einmal mehr bestätigt, w i e geradezu widerwärtig ein Teil von Uns-Menschen wütet, um miesen Profit zu bekommen. Aktuelles Beispiel am Thema - DELFINE. Sie leben seit ca. 50 Millionen Jahre auf der Erde, wir dagegen, der Homo Sapiens, erst seit wenigen Millionen Jahren. Es gibt über 30 Arten von ihnen, und sie zählen zu den sozialsten Lebewesen unseres Planeten. Bleiben ein Leben lang in Gruppen und bei „ihren Familien“ zusammen. Delfine werden zu den intelligentesten Meeressäugern gezählt. Ihr Hauptfeind ist der Mensch. Der viel Gefallen daran findet, sie mehr und mehr profitabel auszubeuten. Einer von ihnen war RIC O´BARRY. Der heute 69jährige trainierte in den 60er Jahren d i e 5 Delfine, die in der weltweit populären amerikanischen TV-Serie „Flipper“ zu sehen waren. Lernte dabei diese Tiere näher kennen und schätzen und begann sich mehr und mehr zu fragen, was er eigentlich „anrichtet“. Stichwort - der populäre Mechanismus. Delfine wurden „niedlich“-beliebt. Wurden in Massen eingefangen, um in Delfinarien „ausgestellt“ zu werden. Die sensiblen Tiere wurden verfolgt, gejagt, eingefangen, getötet. Wurden zu einem höchst lukrativen Millionen-Business. Aus dem Trainer Barry wurde der Aktivist. Der „die Seiten wechselte“ und es seitdem als seine vordringlichste Aufgabe betrachtet, Delfine zu befreien oder vor dem Abschlachten zu bewahren. Klagen, Gerichtsprozesse, Gefängnis, Überwachung und persönliche Bedrohungen konnten und können ihn nicht aufhalten. Gemeinsam mit dem amerikanischen Taucher und Unterwasser-Fotograf Louie Psihoyos („National Geographic“) sowie mit einem professionellen Team von Tauchern, Surfern und Unterwasserfilmern machte er sich hier daran, einen besonders perfiden, ekligen „Umgang“ zwischen Menschen und Delfinen spannend wie mitteilsam zu dokumentieren.

Der Ort: Das kleine japanische Fischerdorf TAIJI. Etwa 700 Kilometer südlich von Tokio gelegen. Dort spielen sich in einer kleinen Bucht, hinter Klippen, Stacheldraht und Wachschutz, jährlich von September bis März grausame Szenen ab. Fischer treiben massenhaft Delfine zusammen. Die „schönsten“ werden gefangen und (zu einem Stückpreis von bis zu 100.000,-EURO) an Delfinarien weltweit verscherbelt; alle anderen werden bestialisch abgeschlachtet, darunter wenige Monate alte Jungtiere. In der Bucht ist das Wasser schließlich vom Blut der massakrierten Tiere rot gefärbt. Ihr Fleisch geht an den Handel. Oftmals deklariert als Walfleisch. Doch auch das ist keineswegs ungefährlich, denn die Fische sind mit Schwermetallen wie Quecksilber, Blei, Cadmium und pharmazeutischen Giften verseucht. Was letztlich zum Menschen „zurückschlägt“, denn er steht hier am Ende der Nahrungskette. Bis zu 23.000 Delfine werden jährlich in Japan getötet.

Der Doku-Film kommt als Öko-THRILLER daher, ist spannend wie hochemotional eingerichtet. Als Undercover-Drama, um DIE Bilder zu bekommen, die weltweit die Menschen empören und aufrütteln sollen. Und in der Tat, unglaubliche Mißstände kommen hier ans Tages-/Bilderlicht. Mit Infrarot-Aufnahmen vom nächtlichen Abschlachten, mit einer entsprechend DAS „kommentierenden“ musikalischen Beschallung und mit dem unter die Haut gehenden „Zwitschern“ der sterbenden Tiere. Mit Hinweisen auf die mutmaßliche Korruption bei der Internationalen Walfangkommission (IWC). Mit den fulminanten „Gegenaktionen“ der einheimischen Fischer und ihrer „Interessenten“. KINO-Dramatik-pur. Clever montiert. Radikal, rasant, drastisch, überzeugend. Der Film „Die Bucht“ ist praktischer, wirkungsvoller moderner Tierschutz. Läßt einen benommen, betroffen, wütend zurück. „The Cove“ hat auf zahlreichen Festivals etliche Preise eingeheimst, darunter im Frühjahr den Publikumspreis beim renommierten „Sundance-Festival“. Im Presseheft wird der griechische Philosoph und Schriftsteller PLUTARCH zitiert: „Dem Delfin allein hat die Natur gegeben, was die besten Philosophen suchen: Freundschaft, die nicht auf Vorteil bedacht ist. Obwohl er keine menschliche Hilfe benötigt, ist er allen genialer Freund und hat der Menschheit geholfen“. Und wie (abartig) behandelt ihn daraufhin der Mensch heute??? (= 5 PÖNIs).

BUCK – DER WAHRE PFERDEFLÜSTERER“ von Cindy Meehl (USA 2008-2010; M: David Robbins; 88 Minuten; Start D: 31.05.2012); „Die Menschen denken immer, ich kümmere mich um Menschen mit Pferdeproblemen, dabei behandele ich eigentlich Pferde mit Menschenproblemen“: BUCK BRANNAMAN, geboren am 29. Januar 1962 in Sheboygan/Wisconsin, ist ein Star. Als „Natural Horseman“, als Pferdeflüsterer. Obwohl er diesen Begriff nicht sehr mag, denn gleich zu Filmbeginn stellt er fest, dass er mit den Tieren nie „geflüstert“ habe. Vielmehr lege er Wert auf Körpernähe und Tuchfühlung. Bei „verhaltensgestörten“ Pferden. Für die er viele Monate des Jahres unterwegs ist. Um ihnen, vor allem aber auch um „ihren Menschen“ zu helfen. Damit DIE verstehen lernen. Warum das Tier bockt. Aufsässig ist. Sich unwohl fühlt. Angst hat: „Ich kann mich in die Pferde ´reinversetzen, weil ich weiß, was Angst ist“. Buck Brannaman wurde in seiner Kindheit von seinem alkoholkranken Vater „erheblich“ gequält. Misshandelt. Und wurde zum Gegner jeglicher Gewalt. Lernte sich und die Pferde „verstehen“. Über Mittel von Vertrauen, Toleranz, Einfühlungsvermögen. Stichwort: Empathie. Sich hineinzuversetzen. Können.

Der Dokumentarfilm „Buck“ ist kein banales Händeauflege-Movie mit Rührseligkeitseffekten, sondern die faszinierende Geschichte eines Begeisterung erzeugenden, humanen, selbstbewussten „Pädagogen“. Der es sich zur (begehrten) Aufgabe gemacht hat, Pferden und Menschen in Seminaren und Workshops „Verstand“, besser „Anstand“, zu lehren. Respekt „einzuführen“. Gegenüber einem so wunderbaren, sensiblen Geschöpf wie einem Pferd. Man traut seinen Augen nicht, wenn seine einfühlsamen Methoden binnen kurzem tatsächlich zum Erfolg führen. Bei den meisten seiner „Klienten“. „Dein Pferd ist ein Spiegel in deine Seele“, erklärt er einmal einer erschrockenen Besitzerin. Die ihr Leben offensichtlich nicht „gebacken“ bekommt. Und sich „entsprechend“ gegenüber ihrem Tier verhält. Das dann über Buck Brannaman erst einmal wieder Trauen, „Vertrauen“ lernt. Begreift.

ER war Vorbild für Nicholas Evans´ Bestseller-Roman „Der Pferdeflüsterer“ und während der Dreharbeiten zum gleichnamigen Hollywoodfilm von 1998 (s.KRITIK) Coach und Double von Robert Redford (kommt hier auch zu Wort). In der Rolle des Tom Booker. Tom Booker ist eigentlich Dan „Buck“ Brannaman. In den USA ist der charismatische 50jährige längst eine Legende. Eine Art Volksheld. Viele Menschen kommen mit der Erwartung zu seinen „clinics“, dass ihrem widerspenstigen Pferd geholfen wird. Und kommen am Ende des Tages zu der Erkenntnis, dass sie es letztlich selbst sind, die Hilfe brauchen. Deshalb ist der grandiose Dokumentarfilm „Buck – Der wahre Pferdeflüsterer“ auch weniger ein „hübscher“ Tierfilm, sondern vielmehr eine packende Psycho-Metapher für unser aller Umgangs-Leben. Von wegen auch „so“ mit unseren Mitmenschen umzugehen. Versuchen. Einfühlsam, verständnisoffen, vor allem - gewaltlos. Dies nicht als Bibelansprache, sondern als coole, unterhaltungssagenhafte „Vernunftsansage“. „BUCK träumt den Traum von einem Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“, heißt es in dem gewaltigen Schlußsatz der Kritik von Matthias Dell in der Juni-Ausgabe des Monatsfachmagazins „epd Film“ mächtig zutreffend.

Mehr als zwei Jahre begleitete die frühere Designerin und Modefrau CINDY MEEHL für ihren ersten Dokumentarfilm diesen Naturkerl und Magier Buck Brannaman. Bei seinen aufregenden, anregenden Begegnungen mit Pferden und ihren Menschen. Beziehungsweise umgekehrt. Herausgekommen ist dabei das sensible Porträt eines „realen“, außergewöhnlich menschlichen Menschen. Als naturgewaltiger „Denk-Thriller“. Mit nachhallenden Eindrücken und vielen beeindruckenden Gedanken. In den USA bekam „Buck – Der wahre Pferdeflüsterer“ sehr viel Aufmerksamkeit. Und Zuspruch. Beim renommierten „Sundance Festival“ wurde der Film im Januar 2011 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Bei den internationalen Festivals von Zürich und Bergen wurde er im Vorjahr jeweils als „Bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnet.

Für mich zählt dieser neue Dokumentarfilm „BUCK“ zu den besten Besten der letzten Jahre (= 5 PÖNIs).

BUDDENBROOKS“ von Heinrich Breloer (Co-B; D 2007; B: Horst Königstein; 151 Minuten; Start D: 25.12.2008); basiert natürlich auf dem gleichnamigen, 1901 veröffentlichten Thomas-Mann-Roman und ist der erste Kinofilm des TV-Autoren und TV-Regisseurs. Der 1942 in Gelsenkirchen geborene Breloer zählt zu den bedeutendsten TV-Filmemachern überhaupt und wurde speziell mit seinen Filmen über deutsche Zeit-Geschichte („Die Staatskanzlei“/1989/die Barschel-Affäre; „Todesspiel“/1997/die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer; „Speer und Er“/2004/über Albert Speer) bekannt. Die Filme in dem von ihm maßgeblich konzipierten neuen Genre DOKU-DRAMA – mit nachgestellten Spielszenen innerhalb eines dokumentarischen Rahmens - gelten als Meilensteine des kreativen, innovativen, spannenden „Fernsehens“, wurden wie er vielfach preisgekrönt und hochgelobt. Der mehrfache Preisträger des bedeutsamen „Adolf-Grimme-Preises“, das ist der TV-„Oscar“ bei uns, befaßte sich bereits 2001, in dem Mehrteiler „Die Manns. Ein Jahrhundertroman“, mit der Geschichte der Familie Mann. Die Tochter Thomas Manns, Elisabeth Mann Borgese, führte darin (mit Breloer als Interviewer) durch den Spielfilm, in dem Armin Mueller-Stahl als Thomas Mann und Monica Bleibtreu als Katia Mann auftraten. Wenn ich sage, Heinrich Breloer hätte nun seinen ersten KINO-Spielfilm gedreht, ist das eigentlich nicht korrekt: Er hat vielmehr einen aufwändigen 4 Stunden-TV-Spielfilm für ein Budget von rd. 16 Millionen EURO realisiert, von dem jetzt ein 150minütiger „Happen“ auf die Leinwand kommt, bevor er dann später als Zweiteiler bei der ARD gesendet wird.

Die literarischen Fakten: Im Jahr 1901 veröffentlicht der 26jährige Thomas Mann seinen ersten Roman: „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“. Ein Jahrhundertroman auf 600 Seiten. 1929 erhält Thomas Mann für „Buddenbrooks“ den Nobelpreis für Literatur. Das Werk erreichte bis heute eine Auflage von etwa 6 Millionen Exemplaren und wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Der Regisseur Gerhard Lamprecht brachte die „Buddenbrooks“ 1923 als Stummfilm erstmals auf die Leinwand. 1959 folgte Alfred Weidenmanns Schwarz-Weiß-Adaption mit Werner Hinz, Lil Dagover, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy und Hanns Lothar, ehe Franz Peter Wirth 20 Jahre später aus dem berühmten Lübecker Stoff einen TV-Mehrteiler inszenierte. Heute nun gibt es also wieder die „BUDDENBROOKS“: Die Geschichte einer norddeutschen Kaufmannssippe aus dem 19. Jahrhundert, in der alle Entscheidungen UND Beziehungen dem wirtschaftlichen Erfolg/dem Profit unterworfen sind. An der Familien-Spitze: Konsul Jean Buddenbrock (ARMIN MUELLER-STAHL). Der „den Laden“ in einer Mischung aus Granit und Würde führt. Dabei aber geht es hier nicht nur um Gier und Streben nach dem ewigen Geschäftserfolg, sondern auch um das schicksalhafte Innere des Familien-Zirkels; geht es vor allem um den vergeblichen Unabhängigkeitsdrang der Tochter Tony (JESSICA SCHWARZ); geht es um den ständigen Bruderzwist zwischen dem Boheme Christian (AUGUST DIEHL) und dem Vater-Sohn-Kaufmann Thomas (MARK WASCHKE). Mittendrin: Die eiserne Gefühlsdisziplin der Konsulin Bethsy (IRIS BERBEN).

Die Probleme sind literarisch bekannt, also filmisch vorprogrammiert. Das hätte „dennoch“ wieder spannend, aufregend, aktuell, brisant, dicht, packend sein können. In Geschichte(n) , Figuren, Atmosphäre. Als spannende aktuelle Interpretation angesichts der weltweiten Finanzkrise; angesichts der Kapitalismus-Diskussion mit der vielen „Heuschrecken-Mentalität“. (Allerdings wurde der Film gedreht, als alles noch „normal“ war). Oder als nahegehendes Figuren-Karussell: Die Typen, ihre Macken, die Seelen-Chose(n), ihre spannenden Bewegungen, Gedanken, Deformierungen, Defizite. Ihre genauen Ängste, Nöte, Unzulänglichkeiten. Nichts von alledem. Die Akteure nehmen von Anfang an brav ihre überschaubaren Positionen ein und „bewegen“ sich äußerlich wie innerlich nur in diesem braven, vorgegeben Rahmen. Man gibt sich statisch, ohne groß zu funkeln. Ihr Wirken ist „begrenzt“, weil nie wirklich wehtuend. Dafür protzt der Film an der schönen Oberfläche. Kostüme, Ausstattung, Dekor, das ganze feine Schau-Programm. Bestechend-schön (vom Breloer-Kameramann GERNOT ROLL) eingefangen. Es ist gerade Ballsaison, mit den herrlichen Kleidern und den fein-tänzerischen Bewegungen kommen Samt und Seide in Wallung. Aber die Buddenbrooks bleiben uns gleichgültig.

Da können auch die namhaften Darsteller nichts ausrichten: Mueller-Stahl füttert routiniert den müden Patriarchen; Iris Berben wirkt deplaziert in ihrer aufgesetzt wirkenden Marionetten-Kühle; Jessica Schwarz nimmt man den Alterungs- und Reifeprozeß „nur mühsam“ ab; August Diehl hibbelt „irgendwie künstler-bekloppt“ herum, und Mark Waschke als dann neuer Senior-Chef strengt sich gut an. Keine Zwischentöne, keine packendes Identitätsfieber, keine „besonders aufregenden“ Entwicklungen; alles vorhersehbar, „schicksalhaft“-eingeordnet, halt jederzeit überschaubar. Kollegen in den Feuilletons sprechen von „Amphibienfilm“: Überspitzt gesagt, zuviel „Fernsehen“, zu wenig „Kino“; Dramaturgie, Kamera, Schnitt, Figuren-Bewegungen entsprechen mehr den „plumpen“, sprich konventionellen („Bedienungs“-) Bedürfnissen des TV-Geldgebers. Also: Keine Niete, aber auch kein Groß-Ereignis per Leinwand; was demnächst zur Prime-Time in der ARD voll-gut durchläuft, wirkt auf der großen Leinwand angenehm-bemüht, aber nicht sonderlich erquickend (= 3 PÖNIs).

DER BULLE UND DAS MÄDCHEN" von Peter Keglevic (BRD/Ö 1984; B: Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, K: Edward Klosinski, M: Brynmor Llewelyn Jones; 92 Minuten; Start D: 19.4.1985).

Wie haben wir vor langer Zeit bewundernd und staunend vor den Gangster-Balladen eines Jean-Pierre Melville gesessen und uns genüsslich von dessen eiskalten Typen und perfekten Stories, genau in dieser Reihenfolge, berauschen lassen. Welche Wut kam stets auf, wenn in den Siebzigern den vergeblichen Anstrengungen der Helden in den italienischen Polit-Thrillern des Damiano Damiani zugesehen wurde. Wie aufregend waren einst die in den heißesten und schwärzesten Ecken und Winkeln von Down-Town New York angesiedelten Nachtreißer des Martin Scorsese. Oder kann jemand jemals die wahnsinnigen Aktionen des Outlaw-Schnüfflers Gene Hackman in William Friedkin‘s Mafia-Spannung “French Connection - Brennpunkt Brooklyn“ vergessen? Meilensteine von KINO waren das, und die buchstabierte man damals wie heute U n t e r h a l t u n g.

Hierzulande haben wir, zumindest seit Kriegsende, mit diesem Begriff Identitätsprobleme, und spätestens seit der Auferstehung von “Uropas Kino“ mit den “Supernasen"-Witzergüssen um so mehr. Umso begrüßenswert ist es denn, dass sich seit geraumer Zeit einige talentierte filmische Unruhestifter bei uns mit der kargen Situation in Sachen Unterhaltungskino nicht abfinden wollen, sondern dieses auf eigene forsche, ungestüme Weise neu zu formulieren versuchen. Dabei ist nicht mehr Wörthersee-Klamauk gefragt, auch nicht intellektuelles Bauchweh und schon gar nicht die authentische Depression, sondern es geht einzig und allein nur darum, gutes, ansprechendes Kino in Form von glaubhaften spannenden Stories zu machen.

Dominik Graf (“Treffer“), Carl Schenkel (“Kalt wie Eis“, “Abwärts“), Roland Emmerich (“Das Arche Noah Prinzip“) sind Hoffnungen, wie es sie seit Jahren nicht mehr gegeben hat. Und natürlich Peter Keglevic, der 1985 mit seinem Erstling, dem Melodram “Bella Donna“ ein sensationelles Debüt bei den wenigen hatte, die es mitbekamen. Dass er überhaupt weitermachen konnte, ist nicht zuletzt das Verdienst des Produzenten und Verleihers Hans Eckelkamp, der seine Begabung erkannte und voll auf ihn setzte. Keglevics zweiter Wurf nun, “Der Bulle und das Mädchen“, ist ein großer geworden, der eigentlich kommerzielle Interessenten ebenso zufriedenstellen müsste wie cineastische. Dabei wird keine neue Kino-Geschichte vorgeführt, ganz im Gegenteil. Beispiele für emotionale Reibereien zwischen gestandenem Mannsbild rotzigem Aussteigergirl lassen sich in beinahe jedem Filmland finden, und dennoch haben Keglevic und seine (Fassbinder-)Autoren Peter Märtesheimer und Pea Fröhlich etwas Eigenes, etwas ganz spezifisch Spannendes herausholen können. Das vor allem mit dem stimmigen Handwerk des Regisseurs, aber auch mit seiner unübersehbaren Vorliebe für klassische Genrestreifen zu tun hat.

Die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten manifestierte sich in den Melville-Filmen vor allem in den Äußerlichkeiten wie lange, schwere Mäntel, breitkrempige Hüte und dunkle, korrekte Anzüge. Heute sind zwar die Kostüme verändert, beide Seiten nehmen jetzt gerne mit Jeans, T-Shirts, lockeren Jackets und Turnschuhen vorlieb, ansonsten aber besitzt immer noch der Ausspruch Melvilles über seine Protagonisten Gültigkeit, wonach es niemals Unschuldige gibt, sondern nur Verbrecher. Die Menschen kommen zwar unschuldig auf die Welt, bleiben es aber nicht. Wie eben dieser namenlose Polyp um die vierzig hier, der durch die fast fünfzehnjährige Kripo-Arbeit "hart" geworden ist. Ein Typ, dessen Alltag sich im Großstadtdschungel abspielt, der Tag und Nacht im Milieu herumstreunt und dabei Sprache, Gefühl und seine Frau verloren hat. Er hat auch keine Freunde mehr, ist ein Lonesome-Cowboy geworden, der nur noch ein erotisches Verhältnis zu seiner Waffe hat und sonst völlig kalt ist.

Ausgerechnet dieser Kerl trifft auf eine namenlose 18jährige, “die schon die ganzen Tricks drauf hat“, wie die Computerstatistik des Polizeiberichts ausweist: früh von zu Hause weg, Hausbesetzer-Szene, rumgejobbt, angeblicher Klau aus Kneipenkasse, während sie einen Vergewaltigungsversuch des Chefs geltend macht. "Seitdem untergetaucht“. Der Bulle hilft ihr aus einer bedrohlichen Situation, und sie dankt es ihm, indem sie ihm Waffe und Papiere klaut. Von nun ab hat er keine ruhige Minute mehr, denn welcher Bulle lässt sich schon gerne "die Liebste" klauen und gibt das auch noch zu. Statt ellenlange Protokolle zu schreiben und dumme Kollegensprüche anhören zu müssen, macht er sich lieber auf die Jagd nach Weib und Waffe. Und gerät immer schlimmer ins Schlamassel. Muss Kollegen matt setzen und in die Irre führen, muss sich verstecken, landet schon mal samt Karre in einem Baggersee und zeigt langsam aber sicher Gefühle, aus dem Jäger einen Gejagten werden lässt. Während die Fahndung von "Bonnie und Clyde" spricht und terroristische Aktionen vermutet, “knackt" die junge Lady diesen Kühlschrank nach und nach. Eine kurze Liason, aber wer solche Geschichten, wenn sie gut und ehrlich sein wollen, können natürlich kein Happy Ends, ein solches wäre auch zu dämlich.

“Derrick“ oder "Alte" - Fans werden schreiend raus rennen, wer aber den frühen Delon mag oder den ewigen Unruheherd de Niro ("Hexenkessel“) wird voll auf seine Kosten kommen. Peter Keglevic hat sich was zugetraut, setzte präzise auf die Mechanismen amerikanischen Kinos, ohne dabei eine Absichten und Vorstellungen zu vergessen. "Mich interessieren vor allem immer ganz extreme Liebesgeschichten, immer die Beziehung zwischen Mann und Frau. Das Menschliche wie die Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit. Und das Unmenschliche dass man‘s nie erreichen kann. Das Glück, nach dem man strebt, und das man nie erreicht“, formulierte er vor zwei Jahren nach seinem überzeugenden "Bella Donna"-Debüt. Ging es damals um Gefühle-pur, geht es ihm heute auch um Action, Drive und auch um politische Stimmigkeit. Seine Beamten sind keine feinen Krawattenonkels wie die vom Freitagabend-Fernsehen, sondern kräftig prügelnde Gesetzeshüter, die bei Konfrontationen loslegen und dann die Fragen stellen. Und die ganz schön sauer und aggressiv reagieren, als sie erfahren, da einer aus ihren eigenen Reihen ausgeschert und die Seiten gewechselt hat. Keglevic's ganze Kunst der faszinierenden Zweistundenunterhaltung aber würde nichts taugen, hätten ihm zwei nicht so hervorragende Schauspieler zur Verfügung gestanden. Jürgen Prochnow, spätestens seit dem Kommandanten-Part im “Boot“ als internationaler Star gehandelt, ist ein echter Schmuddel-Typ mit Zynik und Fieber. Ein Mime, in dessen Gesicht sich ständig Geschichten abspielen, die keine Sekunde Ruhe geben. Für mich hat Prochnow hier seinen bislang überzeugendsten Leinwand-Auftritt. Ihm zur Seite steht die Debütantin Annette von Klier, ein Naturtalent mit einer ungeheuer kraftvoll-sinnlichen Ausstrahlung und einer faszinierend-collen Körpersprache. Ein Paar, wie es seit Ewigkeiten so überzeugend nicht mehr erlebt werden konnte, wie geschaffen fürs Kino und seine rüden Geschichten.

Natürlich gibt‘s auch Mängeleien anzusagen, etwa wenn Keglevic dem Prochnow-Kollegen Franz Buchrieser allzu alleine lässt, so dass dessen Überreaktion am Ende zu interpretationsbedürftig wird. Und auch der kleine, blonde Fuzzy aus der Clique von ihr bleibt ziemlich blass, aber das sind negative Fußnoten, die bei diesem Spannungsknüller letztlich wenig ausmachen. Positiv dagegen bleibt auch noch Keglevics Vorliebe für die Musik zu attestieren, die mitunter hochkarätig (Alphaville, Georg Kranz) ist, sich dabei aber nie aufdrängt, sowie die wahnsinnig dichten, gefühlvollen Bilder.

Fazit: Dieser Film ist ein Gewinn, weil er ehrlich stark unterhält, Signale setzt für weitere Aktivitäten und Mut macht inmitten der hiesigen Auflösungserscheinungen. Verschärft-euphorisch annonciert, können sogar feststellen, wir haben endlich “unseren Scorsese". Endlich (= 4 PÖNIs).

Der heute 52jährige Schauspieler, Autor, Regisseur und Produzent WARREN BEATTY ist mit Filmen wie “Bonnie & Clyde“, “Shampoo“ und “Der Himmel soll warten“ populär geworden. Den meisten Leuten aber fällt bei der Nennung seines Namens zuallererst ein, dass er der jüngere Bruder Von Shirley MacLaine ist und dass er viele Jahre als d e r Hollywood-Iover galt. Vergessen wird bei Warren Beatty gerne, dass der vielfache Dollar-Millionär vor allem auch politisch ‘Flagge zeigt‘: 1972 engagierte er sich vehement, für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten George McGovern. Und 1980 verfilmte er mit dem Epos “Reds“ fünf Jahre aus dem Leben des amerikanischen Reporters John Reed, der 1917 als idealistischer Radikalsozialist und Kriegskorrespondent in Petrograd die bolschewistische Nachtübernahme miterlebt hatte. Für diese Arbeit übrigens erhielt Warren Beatty den “Oscar“ für die “beste Regie“.

Sein neuer Film ist einer der politischsten amerikanischen Filme dar 90er Jahre überhaupt. Er ist das Ergebnis von Rechtsstreitigkeiten von seinen Film “Dick Tracy“ von 1990. Die Beatty mit einem für Hollywood-Verhältnisse geradezu sensationellen Vergleich abschloss: Für seinen nächsten Film wurde ihm absolute künstlerische Kontrolle ohne eine vorherige Drehbuchvorlage garantiert. Ebenso der “Final Cut“ der “letzte Schnitt.“. Einzige Bedingung: Die Produktionskosten müssen sich unter 35 Millionen Dollar bewegen. Warren Beatty nahm diese einmalige Chance wahr, um nun endlich “seinen Film“ drehen zu können.

Titel: „BULWORTH“ von Warren Beatty (B, D+R; USA 1998; 108 Minuten; Start D: 15.07.1999). Thema: Die amerikanische Politik.

Warren Beatty spielt den kalifornischen Senator Jay Billington Bulworth. Wir befinden uns im Jahr 1996, und es ist wieder einmal Wahlzeit. Und das bedeutet bekanntermaßen: Ewiges Lächeln, ewiges Reden, ewige Versprechen. Und: Andauernd viel Geld eintreiben. Von den erwartungsvollen Lobbyisten und “Sponsoren“. Senator Bulworth hat von all dem die Schnauze gestrichen voll. In einer Mischung aus Selbsthass und Depression lässt sich Senator Bulworth mit einem Versicherungsboss auf einen lukrativen Deal ein: Ein Reform-Entwurf für ein neues Gesetz, das die Sozialschwachen begünstigt, wird er im Austausch für eine 10 Millionen Dollar Lebensversicherungs-Police zugunsten seiner Tochter zu Fall bringen. Ein sauberer Korruptionsdeal. Gleich danach heuert Bulworth Sinen über einen Mittelmann einen Berufskiller an, der ihn im Verlaufe des Wahlkampfs umbringen soll.

Von allem irdischen Druck, von allen irdischen Aussichten befreit, beginnt der Kandidat fortan mit großer Lust an seiner Demontage. Kann endlich all das aussprechen, was ihm wirklich auf der politischen Seele liegt. Im Ghetto von South Central/Los Angeles schockiert er eine schwarze Kirchengemeinde, die sich politisch von ihm vernachlässigt fühlt, indem er ihnen erklärt, dass Versprechen von weißen amerikanischen Politikern sowieso immer nur Lippenbekenntnisse seien. Auf einer Versammlung von Industriellen brüskiert er die Anwesenden, indem er ihnen blinde Gier und ertragreiches Machtgelüste vorwirft. Und schließlich wechselt er die Dekoration. Hängt den dunklen Anzug an den Nagel, wirft sich in das Hip-Hop-Kostüm der “Homeboys“ und wird zum Polit-Rapper: Mit Schlabber-Shorts, Sweatshirt, schwarzer Sonnenbrille und eine in die Stirn gezogene Wollmütze: Die Talk-Show kann beginnen.

Ein Politiker als Tölpel. Der den Menschen die Wahrheit sagt und einen Spiegel vorhält. Der genüsslich alle anmacht: Gegner, Freunde, Wähler, Geldgeber und eigene Angestellte. Wie den aufgebrachten Wahlkampfleiter Murphy, den der gewichtige OLIVER PLATT hinreißend aufgewühlt spielt. Mit allem hat Senator Bulworth geplant/gerechnet, und vor allem mit dem baldigen eigenen Tod. Doch: Als ihm die schwarze Aktivistin Nina über den Weg läuft, erwachen in ihm plötzlich neue Lebensgeister. Jetzt will er gar nicht mehr so schnell sterben. Doch da ist ja noch der Killer, den er auf sich selbst angesetzt hat, und da sind seine ehemaligen Kumpane. Die, die ihn bislang unterstützt und finanziert haben. Und die weder auf ihr vieles Geld noch auf ihren Einfluss verzichten wollen. Am Ende liegt ein Toter auf der Straße. Motto: Amerika wusste doch schon immer, wie man sich unliebsamer Zeitgenossen “entledigt“. Kennedy & Co. lassen bitter grüßen…

Der neue Kinofilm “Bulworth“ von und mit WARREN BEATTY ist eine bedeutsame und aufregende Politfahrt durch die reale amerikanische Nacht. Ein reicher Man tobt wie ein Tornado durch die politische Szene! Über das politische Klima. Und stellt kluge wie beängstigende Fragen nach der wahren Macht und der wirklichen Gerechtigkeit. Martin Scorsese pries im Vorjahr den Film “Bulworth“ als einen der besten, den er je gesehen habe. Und auch der Schriftsteller Norman Mailer zeigte sich beeindruckt und sprach von einer “tiefgehenden Farce“ und vom “besten Film der letzten 10 Jahre“. “Bulworth“ kommt hierzulande in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln und mit nur 15 Kopien bundesweit am Donnerstag in die Kinos. Sollten Sie Gelegenheit haben, ihn sehen zu können, sollten sie diese unbedingt nutzen: “Bulworth“ ist in der Tat einer der besten Hollywoodfilme dieses Jahrzehnts (= 5 PÖNIs)!!!

BURIED - LEBENDIG BEGRABEN“ von Rodrigo Cortés (USA/Spanien 2009; 95 Minuten; Start D: 04.11.2010); solch einen Film kann man nur am Anfang einer Karriere machen; ungehobelt, billig, ausprobierend, in 17 Drehtagen, mit einem Budget von gerade einmal 3 Millionen Dollar (= entspricht etwa den Kosten für 2 „Avatar“-Minuten). Der hierzulande unbekannte spanische Regisseur fing als Kurzfilmer an. Lt. Presseheft startete er 1998 mit „Yul“, „der über 20 Preise gewann“, um dann mit der Fake-Doku „15 Days“ von 2001, „die über 57 Festival-Preise abräumte“, den in Spanien meist ausgezeichneten Kurzfilm aller Zeiten zu schaffen. 2007 drehte er seinen ersten, bei uns unbekannt gebliebenen Langfilm „Concursante / The Contestant“.

Hier nun, basierend auf einem außergewöhnlichen Drehbuch des amerikanischen Autoren Chris Sparling, schuf er einen Spielfilm, den es „so“ noch nie gegeben hat. Wohl kennen wir Filme, die auf einem einzigen beengten Raum angesiedelt waren wie Hitchcocks „Lifeboat“ („Das Rettungsboot“/1943/in einem Boot auf offener See) oder in einer einzigen Einstellung in Echtzeit wie Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ (1948) entstanden, aber dies hier ist absolut neu: Und einzigartig. Am Anfang sehen wir - nichts. Ein körniges dunkles Leinwand-Bild. Was soll das? Man möchte schon dem Vorführer zurufen, endlich „das Bild“ korrekt einzustellen, da hören wir aus dieser „ewigen Düsternis“ plötzlich erste „zaghafte Geräusche“: Ein Schnäuzen, das beunruhigende Atmen eines Menschen. Aber immer noch gilt die neugierige Frage - was, wo, wie, wann und überhaupt??? Wann endlich „gibt es Licht“? Die Unruhe ist spür-, ist fühlbar. Im Parkett wie langsam auch „oben“. Auf der Leinwand. Dort häufen sich erste Regungen. Ein Rumpeln ist vernehmlich zu hören und dann auch „mühselig“ zu erkennen. Ein Feuerzeug klickt, geht kurz an und wieder aus. Mehr und mehr wird die Ungewissheit zur Klarheit: Hier liegt offensichtlich ein lebendiger Mensch. „Fest verpackt“ in einer sargähnlichen Holzkiste. Unter der Erde. Nun wird es deutlicher: Ein Mann wurde eindeutig lebendig verscharrt. Aber wieso? Warum? Weshalb? Und wo? Zu welchem Zweck? Ganz langsam pellen sich Geschehnisse und Identität hervor: Paul Steven Conroy heißt der Typ, der begraben wurde.

Paul, Jahrgang 1976, ist Amerikaner und LKW-Fahrer für einen Hilfsgüterkonvoi im Irak. Das heißt, er war es. Seine Kollegen wurden überfallen und umgebracht, er unter die Erde gebuddelt. Woher diese Informationen stammen? Von ihm selbst. Denn seine „Bestatter“ haben ihm ein paar wenige Utensilien in sein Klein-Gefängnis gepackt, darunter ein halbleeres Handy. Viel Zeit bleibt Paul also nicht, um auf Hilfe zu hoffen. Auch, weil sicherlich der Sauerstoff hier nicht ewig „hält“. Also beginnt das makabere, absurde Kommunikations“spiel“: Der Entführer verlangt Geld, viel Geld. 1 Million Dollar zuletzt. „Ich bin nur ein Truckfahrer, ich bin ein Niemand“. „Draußen“ hört man Paul zwar, versteht ihn aber nicht. Entweder muss er dauernd auf Anrufbeantworter sprechen (zum Beispiel bei seiner ständig „abwesenden“ Ehefrau) oder sich mit Leuten streiten, die seine Situation nicht begreifen können oder wollen. Elende Bürokraten, die erst einmal nach der Sozialversicherungsnummer fragen oder ihn bitten, ja nicht ein Video „für die Medien“ herauszumailen. Drehen Sie um Gottes Willen kein Opfer-Video, rät ihm der FBI-Kontaktbeamte. Ganz klar, man will „draußen“ kein „YouTube“-Aufsehen haben bzw. erregen. Während Paul so langsam zwischen Angst, Panik, Verzweiflung, Hoffnung, Fassungslosigkeit verdorrt, „kündigt“ ihm seine Firma am Telefon schließlich sogar den Job, damit „keine weiteren Ansprüche“ geltend gemacht werden können. Die Zeit verrinnt dabei immer mehr. Offensichtlich aber kann man ihn schließlich doch orten. Ein neuer Hoffnungsschub.

KINO reduziert auf die ursprünglichen Motive: Licht, Ton, Mimik. Plus minimalistischer Bewegung. „Mehr“ gibt es nicht. „Die goldene Regel für uns war: GEHE NIE RAUS AN DIE OBERFLÄCHE“, sagt Regisseur Cortés. Der Hitchcock-Verehrer. Und: „Mein Film soll eine PHYSISCHE SINNESERFAHRUNG sein, ein aktives ERLEBNIS“. Dies ist ihm voll und ganz gelungen. Ebenso wie Paul „liegt“ man permanent angespannt im Sessel. Kommt „davon“ die ganze Zeit nicht los. Für Leute mit Kurzfilmblase ist der Film ebenso wenig geeignet wie für Interessenten mit klaustrophobischen Schüben. Bei „Buried – Lebendig begraben“ heißt es, ständig dranzubleiben. Keine Nervensekunde wegzuschauen. Denn man weiß nie, was hier in jedem Moment neu „passieren“ kann, obwohl der unterirdische Schauplatz NIEMALS verlassen wird. Eine definitive Einheit von Raum und Zeit.

Die Personen „draußen“ sind lediglich zu hören, niemals aber zu sehen, zu erfassen. Man kann sie sich nur „vorstellen“. Ein raffiniertes Sujet. Als existenzialisches wie natürlich auch hochpolitisches konsequentes Movie. „Gut“ gibt es hier höchst zwiespältig, jeder kocht sein eigenes „Süppchen“, als „normales“ Individuum stehst, hier also - liegst du ganz schön bedeppert und alleine da. Pech, daß für die kriegsgepeinigten Iraker inzwischen die Lebendverbuddelung von Geiseln zum Zwecke von Lösegeld zum florierenden „Wirtschafts-/Handelszweig“ mutiert ist. Und wenn du in diesen zynischen, dreckigen Kreislauf „versehentlich“ gerätst, hast du halt Pech gehabt. Ein Opfer mehr oder weniger, wen interessiert das schon; es gibt inzwischen zu viele „davon“. Wie Paul Conroy: „Ich bin kein Soldat. Ich bin nur Fahrer. Ich habe eine Frau und ein Kind“. „Ich hatte fünf Kinder. Jetzt nur noch eins. Nine Eleven war nicht meine Schuld. Saddam war nicht meine Schuld“, antwortet der Entführer. Mitleidlos.

ER ist Kanadier, wurde am 23. Oktober 1976 in Vancouver geboren, ist der Ehemann der schönen Scarlett Johansson und war bisher in hollywoodschen Schönlingsparts herumstolziert: RYAN REYNOLDS. Hatte es mit „Chefin“ Sandra Bullock neulich in „Selbst ist die Braut“ zu tun, war im (bei uns auf DVD herausgekommenen) „Adventureland“ mit dem „Biß-Teenie“ Kristen Stewart unterwegs, war 2008 Team-Mitglied bei den „X-Men Origins“ („Wolverine“). Hier nun spuckt der smarte Kerl permanent Sand, Schweiß, Blut. Tränen. Und noch mehr Wut. WIE das Ryan Reynolds körpersprachlich intensiv vorführt, ist ein Ereignis. Ist sensationell dicht, packend, unter die Haut gehend. Nachvollziehbar. Verblüffend. Unbelievable. Unglaublich. Fantastisch. Wie er mit dieser Immer-Enge „aktionsreich“ umgeht, ist deftig, brillant, die ganz große Suspense. Mit der ganzen Rauf-und-Runter-Palette von menschlichen Gefühlen. Grandios. Nur über die Sprache und Mini-Bewegung. Wirklich unglaublich. Phantastisch. Als gepeinigter, einsamer, verzweifelter Mensch am Ende der schicksalhaften kriegerischen „Geschäftskette“. „Buried“ ist sowohl hoch politisch wie zutiefst menschlich. Zeigt sich eindringlich, außergewöhnlich SPANNEND. Unbarmherzig SPANNEND. Erweist sich als cineastische Premium-Praline!

Volle Bewunderung für einen der irrsten, patentesten Hörspiel-Reißer in der dunklen Filmgeschichte (= 4 ½ PÖNIs).

BURLESQUE“ von Steve Antin (B+R; USA 2010; 119 Minuten; Start D: 06.01.2011); in dieser 1. Woche des Jahres 2011 beherrscht ein Thema die Fachwelt - Hollywood steckt in der Krise. Zwar kam im Vorjahr, 3 D-Mehreinnahmen sei dank, wieder SEHR viele Dollar-Kohle in die Kino-Kassen, aber dafür von weniger Interessenten (über 5% Rückgang). Der Vor-Allem-Grund: Eine Art Story-Krise. Denk-Krise. Mit viel Mutlos-Duft. „Denen“ fällt immer weniger ein. Viele Fortsetzungen, Remakes, Aufplusterungen, aber bis auf wenige Ausnahmen („Inception“; „AVATAR“, natürlich) kaum ansprechend. Jedenfalls meint DAS der 56jährige „Avatar“-Macher und „Titanic“-Regisseur James Cameron in einem „Spiegel“-Interview. „Leider werden diese Marken immer lächerlicher“, meint er über die vielen 08/15-Plotten und verweist z.B. auf die Hollywood-Absicht, das berühmte Spiel „Schiffe versenken“ verfilmen zu wollen: „Das degradiert das Kino“.

Als eine Art Beleg DAFÜR kann durchaus dieser neue Hollywood-Film herhalten. DER ist durchaus ansehnlich, visuell aufgepeppt, lautstark aufgemotzt, dafür aber inhaltlich ein einziges Desaster. Sozusagen Nur-Schminke, aber nichts DARUNTER. Vor allem - (gar) keine Seele. Bzw. nur eine behauptete. Alberne. Wer ist Steve Antin?: Der 52jährige ist Schauspieler, Drehbuch-Autor, Stuntman, Produzent und jetzt auch Langfilm-Regisseur. Hat Musik-Clips gedreht, z.B. für die Gruppe „Pussycat Dolls“, die seine Schwester Robin mitgegründet hat. Für sein Spielfilm-Debüt hat er sich offensichtlich nur für die glitzernde Außenfassade interessiert, nicht aber für den „Raum-„ sprich Story-Inhalt. DER ist nämlich platt:

Land-Pomeranze Ali, mit einer „göttlichen Joe Cocker-Röhre“ und hübschem Blond-Aussehen ausgestattet, hat ihren Ausbeuter-Kellnerinnen-Job in einem Cafe in Iowa satt. Haut nach L.A. ab, landet im Revuetheater „Burlesque Lounge“ am Sunset Boulevard, das kurz vor der Pleite steht. Beißt sich dort von der Kellnerin zur umjubelten Bühnen-Diva durch. Verhilft damit auch Club-Chefin Tess zu neuer Energie und zur Rettung des Etablissements. Natürlich wuseln aber auch eine eifersüchtige Konkurrentin (Zickenterror von KRISTEN BELL), ein netter Barkeeper mit (noch unentdeckten) Musikerqualitäten (Lover Boy Cam Gigandet) sowie ein gieriger Makler-Hai (ERIC DANE mit Pfui-Deibel-Charme) und ein erfahrener Bühnen-Manager (nett schwul kumpelhaft/STANLEY TUCCI/“Der Teufel trägt Prada“) mit-herum. Das ist so etwas von - bekannt abgestanden, vorhersehbar und treu-doof, während die Show- und Musiknummern ganz schön peppen. Kein Wunder, gibt hier doch die 30jährige Pop-Queen und vierfache „Grammy“-Gewinnerin CHRISTINA AGUILERA ihr Leinwand-Debüt. Mit, im wahrsten Outfit, heißen Show-Nummern. Und zündenden eigenen Songs. Neben ihr tritt Pop-Ikone und „Oscar“-Preisträgerin CHER („Mondsüchtig“) als genervte Haus-Glucke etwas in den Hintergrund, hat aber zwei mächtige Solo-Songs „auf Lager“. Um dann zur Ersatz-Mama von Ali-Schatz zu mutieren. Friede, Freude, (Handlungs-)Eierkuchen.

Ein Spaß ohne großen Spaß, absolut vorhersehbar, überraschungslos, ordentlich in der Performance, aber darin auch nicht abendfüllend. Weil bisweilen zwar reizvoll auf der „Bunten Bühne“, dafür aber gänzlich unpointiert in der vielen übrigen Erzählung sowie matt in der Typen-Orientierung. Der Film „Burlesque“ fetzt nicht toll ab, macht nicht groß an; irgendwas Dazwischenes (2 ½ PÖNIs).

BURN AFTER READING - Wer verbrennt sich hier die Finger?" von Ethan & Joel Coen (B+R und auch verantwortlich für Schnitt als Roderick Jaynes; USA 2007; 96 Minuten; Start D: 02.10.2008); die 4fachen "Oscar"-Preisträger (1 x für "Fargo"/1997/"Bestes Original-Drehbuch"; 3 x für "No Country for Old Men" in diesem Jahr, darunter für den "Besten Film" und die "Beste Regie") und ihr cineastisches Übungs-Späßchen mit Star-Geschmack. Und diese, darunter JOHN MALKOVICH, "Oscar"-Preisträgerin TILDA SWINTON ("Michael Clayton"), Joel Coens Ehefrau + "Oscar"-Preisträgerin FRANCES McDORMAND ("Fargo"), wirken fein aufgekratzt und überdreht. Während BRAD PITT und Kumpel GEORGE CLOONEY ("Oceans 11 - 13") hier mal so richtig die Dowitze geben können (= Doofköppe).

Dabei geht es um private wie berufliche Seitensprünge, sagen wir mal "Veränderungen", um, sagen wir mal, "merkwürdige CIA-Aktivitäten", um einen mehr als etwas zurückgebliebenen Fitness-Trainer (Pitt), der eine "komische" Daten-DVD findet und die oder das nun finanziell "auszuschlachten" gedenkt. Aber es geht auch um einen "aktiven" US-Marshall namens Harry Pfarrer, der Vögeln als Hauptberuf ausübt (der schöne Clooney darf sich selbst parodieren). Doch eigentlich fängt alles damit an, daß der jähzornige CIA-Agent Osborne Cox (Malkovich) gerade wegen seiner Alkoholprobleme entlassen wurde, jetzt andauernd ausrastet und nicht mitbekommt, daß seine Frau, eine gefriergetrocknete Kinderärztin (Tilda Swinton mit britischer Coolness)), längst zum Hengst Clooney-Pfarrer übergelaufen ist, aus Rache ein Buch mit seinen Erinnerungen zu schreiben plant (Achtung, hier kommt besagte DVD aus dem Fitneßstudio ins Spiel). Während eine in die Jahre gekommene Mitarbeiterin des schon erwähnten Fitneß-Studios, sie trägt den schönen Namen Linda Litzke, gerne ihren Körper teuer neu "aufbereiten" lassen möchte und nun auch ihre Chance sieht, an das dafür benötigte Geld zu gelangen. Dafür übrigens stiefelt sie schon mal hoffnungsvoll zu den Russen, in die Botschaft, wo man sich allerdings nicht sehr kooperativ zeigt (der Kalte Krieg ist offensichtlich wie tatsächlich vorüber). Alles paletti?

"Burn After Reading" ist also so etwas wie eine schwarze Spionage-Komödie, über "komische" Geheimagenten, "bekloppte Normalos", über Sex als Droge, über Geld-Gier, Fitness-Wahn, Internet-Dating, überforderte Regierungs-Beamte und abstruse Schönheitsvorstellungen. Es fließt, wie immer bei den Coens, einiges an Blut, und es gibt auch Leichen (von denen man allerdings nur wenige sieht). Das Ganze: Eine absurde Show als originelles Pointen-Kuddelmuddel von Seifenoper in Washington, als satirisches Verwirrspiel um Wahn, Wirklichkeit und Idiotie. Mit der trockensten Komik, die derzeit überhaupt im Kino zu bekommen ist. Motto: Wie schön, wenn Stars mal locker-lässig herumblödeln..... Nach "Ladykillers" (2004/mit Tom Hanks), "Ein (un)möglicher Härtefall" (2003/mit Clooney + Catherine Zeta -Jones) und "O Brother, Where Art Thou?" (2001/auch mit Clooney) lassen es die Coens mal wieder lakonisch-lässig-locker angehen und sorgen für schön-schräg-entspannte 95 Kino-Minuten.....(= 4 PÖNIs).

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