Heute startet heute ein wunderschöner italienischer Film: „CINEMA PARADISO“ von Giuseppe Tornatore (B+R; It 1988; 155 Minuten; Start D: 07.12.1989).
Ein Cinemascope-Film der Gefühle, Gedanken, der eigene Erinnerungen und: Eine zauberhafte Hommage an das grenzenlose KINO. Das räumlich in einer sizilianischen Kleinstadt angesiedelt ist, wo die anfangs zänkische, dann tiefe Freundschaft zwischen einem Filmvorführer und einem Pfiffikus von Jungen viele Spuren hinterlässt.
“Cinema Paradiso“ - Autor und Regisseur Giuseppe Tornatore, gerade 33 Jahre jung, und Komponist Ennio Morricone beschreiben auf eindrucksvolle, stimmungsvolle Weise das Leben in dieser Gemeinde, das sich viel ums Kino herum bewegt. Erzählen von vielen kleinen und großen Anekdoten, von den zahlreichen Wunden und Narben, die auszuhalten sind, von den unterschiedlichsten Emotionen, die das Kino drinnen wie draußen auslöst. “Cinema Paradiso“ ist schön, heiter, melancholisch, deftig, spöttisch. Geht ans Gemüt und beschäftigt den Kopf. PHILIPPE NOIRET erweist sich wieder einmal als ein fantastischer Mime und erhielt völlig zu Recht für seine darstellerische Glanzleistung des Vorführers Alfredo kürzlich beim 2 Europäischen Filmfestival in Paris die Auszeichnung als “bester europäischer Schauspieler“. Sein kleiner Freund, Salvatore Cascio, steht ihm allerdings darstellerisch in nichts nach. Wenn es darum geht, KINO und seine Dauer-Folgen für das Leben zu beschreiben, steht Giuseppe Tornatore jetzt schon gleichrangig neben Woody Allen. So universell, so atmosphärisch, zärtlich und schmerzhaft ist “Cinema Paradiso“. In der Tat: Einer der besten europäischen Filme in diesem Jahr und auch in diesem Jahrzehnt (= 5 PÖNIs).
„CLOUD ATLAS“ von Tom Tykwer, Lana (vorm. Larry) + Andy Wachowski (B+R; USA/D/Hongkong/Singapur 2011/2012; K: Frank Griebe, John Toll; 172 Minuten; Start D: 15.11.2012); am Anfang stehen “Warnungen”: Achtung, lieber Kritiker, dies ist - wieder einmal, siehe kürzlich “Die Vermessung der Welt” - die Adaption eines Bestseller-Romans, der “eigentlich” gar nicht zu verfilmen ist. Was soviel bedeutet, solch ein Verfilmungswagnis ist, bitte schön, entsprechend zu würdigen. Kritik-mildernd. Dann lautet die weitere Finanzbotschaft - Achtung, dies ist, mit einem Produktionsvolumen von 100 Millionen EURO, der „bislang teuerste deutsche Film“ („Berliner Zeitung“/3. August 2011). Abgesehen davon, dass es sich hier um eine internationale Großproduktion handelt und keineswegs um einen reinen deutschen Film, seit wann bedeutet, macht „Summe“ Qualität??? Zudem - mal ist von EURO, mal ist aber auch von einem 100 Millionen DOLLAR-Budget („Berliner Zeitung“/10./11. November 2012) die Rede. Egal, auf jeden Fall also teuer. War und ist hier annonciert. Soll „Anerkennung“ erzeugen? Weil man doch so viel Geld investiert hat? Für einen einzigen „deutschen“ Film? Leute. Bitte.
Am Anfang also - der Roman. „Der Wolkenatlas“. Vom britischen Schriftsteller DAVID MITCHELL. 2004 in London veröffentlicht, 2006 bei uns erschienen. Ein 670 Seiten-Schmöker um sechs miteinander verwobene Geschichten. Von seelenverwandten Menschen. Über die Jahrhunderte. In der ersten Buchhälfte werden diese Begebenheiten hintereinander erzählt, um dann im zweiten Buchteil in umgekehrter Chronologie zu Ende gebracht zu werden. Die Regisseure entschieden sich dagegen für das parallele Häppchen-Format. Sechs verschieden Menschen und ihre Schicksale innerhalb eines Zeitraums von 500 Jahren: 1849, 1936, 1973, 2012, 2144 sowie 2346. Als philosophisches wie kryptisches Groß-Abenteuer. Mit überhöhtem Pseudo-Geschmack („Was aber ist ein Ozean anderes als eine Vielzahl von Tropfen“). Oft als unklar oder beliebig oder beides zu deuten. Auszumachen. Motto: Begebenheiten in vergänglichen Zeiten und verschiedenem Raum. Um Geburt, Leiden, Sterben. Um Liebe, Existenz, Tod. Und Wiedergeburt. Reinkarnation. Und Erleuchtung. Um junge Dynamik und alternden Zynismus. Um Zartheit und Grobheit. Um Zivilisierung und Zivilisation. Um Charakter und Macht. Um Mord und Totschlag. Um Verrat und Chaos. Oder so. Und umgehrt. Alles ist möglich, denkbar, interpretierbar. Unsere Gestern-Heute-Morgen-Welt als bemühtes, spannungsloses Wirrwarr von Historienfilm und Liebesdrama. Als Krimi-Betrachtung. Mit Abenteuer-Erlebnissen. Und Science-Fiction-Elementen. Durchgeschüttelt, gerührt. Aber ohne Würze.
Um die ewige Wiederkehr bzw. Rückkehr von „immer denselben“ Protagonisten (in verschiedenen Klamotten natürlich) zu verkünden, werden diese sowie einige Nebenakteure von immer denselben namhaften Schauspielern in mehreren Rollen und in mitunter grässlichem Fratzen-Ausdruck gespielt: TOM HANKS, HALLE BERRY, der stets zu faszinieren verstehende Briten-Oldie JIM BROADBENT („Oscar“-Ehemann von Judi Dench in „Iris“), HUGO WEAVING und sogar HUGH GRANT und JIM STURGESS. Allerdings, da sind sich manche Kommentatoren einig: „Trotz des hohen Budgets wirken Tricks und Maske etwas billig“ („Hör Zu“); „Trotz des Riesenbudgets wirken Tricks und Maske oft peinlich“ („TV Digital“). Was ich ebenfalls dermaßen empfinde, behaupte, denn visuell ist das hier nur gängige, ordentliche Computerware aus dem „Blade Runner“- bzw. neulich „Total Recall“-Blickfeld. Mit anonym bleibenden, lediglich „behaupteten“, also seelenlosen Raum-Zeit-Figuren. Mit wenig Charakter-Tiefe. Nur um ständig überschriftsmäßig dick festzuhalten - unsere Existenz ist verbandelt mit Vergangenheit und Zukunft. Aha. Mit fettem Ausrufungszeichen ! Aber ohne Staunen und Mitnahme für uns, weil weniges wirklich mal anspricht und „erhebliche“ Figuren leblos wirken, in diesen jeweiligen kurzen Essays. Die im Schnelldurchlauf hoppla achselzuckend vorbeidüsen. Langweilen. 90 Minuten mehr intellektuell porös, mit der bekannten „theoretischen“ (Belehrungs-)Handschrift von Tom Tykwer („Das Parfüm“), dann mit bekannten filmischen Blutgrätschen aus dem robusten Imperium der Geschwister Wachowski („The Matrix“). Bei dem wieder „zünftig“ Köpfe rollen. Gesamteindruck: Passt nicht. Zusammen. Ermüdet. Schnell. Deutsches und „Hollywood“. Gedanken und Spektakel. Das ambitionierte Thema hat bald ausgepustet: Von wegen Prinzipien des Schicksals. Und seine assoziativen Folgen. Im Kräftemessen. Wie bitte???
„Cloud Atlas“ ist kein starker Erlebnisfilm. Ganz im Gegenteil. Man hat sich hier aufwändig verhoben. Das szenische Kaleidoskop ist völlig unübersichtlich. Die Figuren entwickeln keine Identitätsnähe. Das Geschehen ist als Puzzle bemüht aneinandergereiht. Weder sinn-klar noch visionär. Von Magie keine emotionale Spur(en). Stattdessen viel kalte Bombastik, verkündet als komplexes Gedankenspiel um die komplizierte Existenz von Sein und Seele. Als großkotzige Kopfgeburt. Einer aufwändigen Dauerwanderung. Über die Jahrhunderte. Ohne Spaß und Spannung. Dichte. Selbst dann in den „beweglicheren“ Action-Motiven. Viel zu viel Beliebigkeitsgeschmack.
Da vermag auch ein zweifacher „Oscar“-Hero wie Tom Hanks in Rollen wie mörderischer Schiffsarzt, schmieriger britischer Absteigen-Betreiber, moderner Schriftsteller oder betagter Mann, der auf einem entfernten Planeten am Lagerfeuer über das einstige irdische Leben resümiert, wenig (eigentlich gar nicht) zu gefallen. Mit einer süffisanten Ausnahme - wenn er als heutiger Buch-Autor in London einen unliebsamen Kritiker kurzerhand vom Hochhausdach „befördert“. Nach unten schmeißt. Das hat doch was. Von unterhaltsamer Kunst-Aktion. Ansonsten: „Cloud Atlas“ ist dürftiger Magerbrei. Komplett: Beim Schauen, Hören, Denken. Und Fühlen (= 2 PÖNIs).
Der Nachwuchs probt den Aufstand. Aber: Ausgerechnet ein Pädagoge wird dabei zur rebellischen Vorbild. Der amerikanische Film „DER CLUB DER TOTEN DICHTER“ von Peter Weir (USA 1989; 128 Minuten; Start D: 25.01.1990; DVD-Veröffentlichung: 16.05.2002).
1989 ist er entstanden, spielt 1959 an einer konservativen Schule in Vermont. Dort herrschen 4 eiserne Grundregeln: Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung. Ein neuer Lehrer bringt diese autoritären Prinzipien durcheinander, als er den Schülern über die Literatur Selbständigkeit und Selbstbewusstsein beibringt. Mit seinen unorthodoxen Lehr- und Umgangsmethoden bereichert er seine aufwachenden Schutzbefohlenen und ärgert die Vorgesetzten. “Der Club der toten Dichter“ lebt in allererster Linie von dem großartigen Schauspieler Robin Williams als antiautoritärer Held. Seine Sprach-Zynik, seine Ironie-Kraft sind faszinierend und filmbeherrschend.
“Der Club der toten Dichter“ war in diesem Jahr einer der Erfolgsfilme im Kino (= 4 PÖNIs).
„COCO CHANEL – Der Beginn einer Leidenschaft“ von Anne Fontaine (Co-B+R; Fr 2008; 110 Minuten; Start D: 13.08.2009); die Drehbuch-Autorin und Regisseurin, Jahrgang ´59, fing als Schauspielerin an und arbeitet seit 1992 vor allem hinter der Kamera. Ihre Filme „Eine saubere Affäre“ von 1997 (Preis für das „Beste Drehbuch“ beim Venedig-Festival), „Nathalie – wen liebst du heute Nacht“ (2003) und kürzlich „Das Mädchen aus Monaco“ (2007) liefen auch bei uns. Hier nun hat sie sich einer großen wie packenden Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts zugewandt: Gabrielle Bonheur Chasnel, genannt COCO CHANEL (19.8.1883 – 10.1.1971).
Ein armseliger Pferdekarren rumpelt über die Chaussee. Hält vor einem Kloster in den französischen Cevennen. Albert Chanel, ein Hausierer, liefert hier seine kleine Tochter ab. Blickt nicht mal mehr zurück, als er weiterfährt. Ein kleines Mädchen, das irgendwo im tiefsten Frankreich fortan in einem katholischen Waisenhaus lebt und jeden Sonntag ebenso sehnsüchtig wie vergeblich darauf wartet, vom Vater abgeholt zu werden. Mit diesem grauen Abschied im Jahr 1895 endet die Kindheit von Gabrielle, deren Mutter kurz zuvor gestorben ist. Das Lebensgefühl des Verlassenseins, der Einsamkeit und auch des traurigen Andersseins wird sie fortan ein Leben lang in sich tragen. Gabrielle lernt Näherin. Mit 20 sehen wir sie, wie sie in einem Varieté, zusammen mit ihrer Schwester Adrienne, vor „angeheitertem“ Soldatenpublikum als Sängerin auftritt. Und die Chansons „Qui qu´a vu Coco?“ und „Ko-Ko-Ri-Ko“ vorträgt. Der Spitzname COCO entsteht.
Wir sehen sie im Hinterzimmer einer kleinen Schneiderei in der Provinz und spüren ihre Fremdheit. Und ab und an entwirft sie auch schon mal einen Hut für die exaltierte Schauspielerin Emilienne, die sie bei ihrem Gönner und Verehrer, Etienne Balsan, kennengelernt hat. Als sie es in der Provinz nicht mehr aushält, flieht sie zu Balsan, einem reichen Pferdezüchter, auf dessen Schloß in der Nähe von Paris. Wird dort zu einer Art „geduldeten Kurtisane“. Unter zahlreichen Kokotten und Lebemännern. In einer Zeit, wo ausschließlich Männer bestimmen, wie es gesellschaftlich und zwischenmenschlich „langgeht“, fängt die eigenwillige Coco an, sich beharrlich zu emanzipieren. Entwickelt sich zu einer störrischen, selbstbewußten Persönlichkeit, die immer mehr „ihre Fähigkeiten“ verfeinert. Als Hut-Designerin. Und als moderne Mode-Frau. Indem sie die Frauen aus ihren eng geschnittenen, dick ausstaffierten „Operetten“-Kleidern befreit. Weg mit den aufgedonnerten Rüschen-Röcken. Der Trotzkopf mit den Kohleaugen wird mit ihrer jungen, leichten, lockeren Mode „zur Marke“. Zur Gewinnerin. Weg mit dem Korsett, hinein in kürzere, luftige Röcke, körperbetonte Stoffe, mit den bevorzugten Farben Schwarz, Weiß, Beige. Das „kleine Schwarze“, d a s klassische Chanel-Kostüm, ist geboren.
Privat allerdings erleidet sie Rückschläge und „Verlust“. Ihre große Liebe, der britische „Geschäftemacher“ Arthur („Boy“) Capel, verunglückt 1922 tödlich bei einem Autounfall. Coco wird zu einer Art Rebellin, die über die starren Konventionen ihrer Zeit angeekelt ist und die Kleidung ihrer Liebhaber trägt. Am Filmende sitzt sie stolz und leicht verlegen lächelnd auf der berühmten Spiegeltreppe ihrer Boutique, während Mannequins in „ihren Kleidern“ flanieren. Die ersten 30 Lebensjahre einer „gewieften“, aber auch extrem melancholischen „besonderen“ Französin. Die der Dramatiker George Bernard Shaw später einmal als „wichtigste Frau des Jahrhunderts“ neben Madame Curie bezeichnen wird.
Ein faszinierendes Jung-Porträt. Dank einer überragenden Interpretin: AUDREY TAUTOU. Die demnächst 33 Jahre jung werdende Schauspielerin hat sich mit ihrem Auftritt als Amelie in „Die fabelhafte Welt der Amelie“ (2001) „zum Klassiker“ gemacht und war auch in „Mathilde – Eine große Liebe“ (2004), „The Da Vinci Code – Sakrileg“ (2006) und „Zusammen ist man weniger allein“ (2007) exzellent-beeindruckend. Hier nun lebt, liebt, atmet, verkörpert sie mit jeder Pore und Pose diese außergewöhnliche, unnahbare, verletzliche, zärtliche, kesse, dynamische junge Persönlichkeit. Man kommt DADURCH Coco Chanel sehr nahe, und wirkt ist sehr berührend, sehr reizvoll, ist sehr unterhaltsam. Audrey Tautou ist eine würdige, würdevolle, faszinierende Interpretin. Eine formidable 3 Lebensjahrzehnte-Biographie; ebenso niveauvoll wie flirrend-stimmungsvoll wie schön. Mit übrigens einem ebenfalls großartigen Kollegen-Partner BENOIT POELVOORDE als „Förderer“ Etienne Balsan; der 55jährige Belgier („Mann beißt Hund“) zeigt sich als prächtig mitspielender Liebhaber-„Sponsor“, der erst sehr spät die außergewöhnlichen Qualitäten seines „Schützlings“ bemerkt
(= 4 PÖNIs).
P.S.: Für filmische Coco-Statistiker: Es gab bereits 1981 den kanadischen Film „Einzigartige Chanel“ (mit Marie-France Pisier); aus dem Jahr 1986 stammt der 61minütige Dokumentarfilm „Chanel“ von Eila Hershon und Robert Guerra (ist hierzulande auf DVD erschienen), und im letzten Dezember zeigte das französische Fernsehen einen Zweiteiler über Chanels Leben vom Waisenhaus bis zu ihrem Tod; mit Barbora Bobulova und Shirley MacLaine in den Chanel-Rollen. Und voraussichtlich noch in diesem Jahr wird auch der neue Film „Coco Chanel & Igor Stravisnky von Jan Kounen, mit Anna Mouglais und Mads Mikkelsen in den Titelrollen, in die Kinos kommen. COCO CHANEL bleibt also ein filmisches Dauerthema in diesem Jahr. Wie schön.
„COCO CHANEL & IGOR STRAVINSKY“ von Jan Kounen (Fr 2008; 132 Minuten); der am 2. Mai 1964 in Utrecht geborene Filmemacher drehte Kurzfilme, Musik-Videos (für „Erasure“) und Werbeclips, bevor er 1997 mit dem Thriller „Dobermann“ debütierte. 2004 folgte der Schamanen-Western „Blueberry und der Fluch der Dämonen“, gefolgt von der Polit-Parabel „39,90“, jener spöttischen Adaption des gleichnamigen Bestseller-Romans von Fréderic Beigbeder über die Auswüchse der profitgeilen Werbewelt. Die französische Mode-Ikone COCO CHANEL (1883-1971) war bereits im Vorjahr Leinwandthema: „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ von Anne Fontaine (mit Audrey „Amelie“ Tautou in der Titelrolle) handelte von den ersten drei Lebensjahrzehnten dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Hier nun, beim Abschlußfilm vom Cannes-Festival im Vorjahr, geht es, wenn wir so wollen, „weiter“.
SIE ist inzwischen berühmt, reich und ein selbstbewußtes weibliches Alphatier. Die natürlich 1913 bei der legendären, weil skandalbegleiteten Uraufführung von Stravinskys Ballett „Le sacre du printemps“ mit im Pariser Opernhaus-Parkett sitzt. Inmitten des schockierten, lauthals protestierenden Belle-Epoque-Publikums. Mit optisch aufwändigen wie faszinierend köstlichen Paukenschlag-Bildern (großartig die Kamera von DAVID UNGARO) steigt der Film in diese Geschichte um eine offensichtlich verbürgte Promi-Affäre von Annodunnemal ein. Zwei „besondere“ Künstler, Kraftpole: ER, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer radikalen NEUEN MUSIK aufwartet und provoziert; SIE, die „die Frau“ modisch völlig neu erfindet/ankleidet. Zwei Seelenverwandte in Sachen Ego, Eigen, Anders-Sein.
Der britische Schriftsteller CHRIS GREENHALGH, 1963 in Manchester geboren, schrieb einen Roman über diese Affäre, der 2002 herauskam. Für die Verfilmung schrieb er auch das Drehbuch. Die Leinwand gibt sich bunt gefüllt; der Film ist äußerlich äußerst opulent, mit diesen geschmackvoll eingerichteten Innenräumen, den üppigen Kleidern und den imposanten Autos „von damals“. Der SCHAUWERT ist enorm. Im Innern ist er das ewige Geschlechterduell: SIE, Single, unabhängig, selbstbewußt, wohlhabend WILL IHN; ER, verheiratet, Großfamilie, folgt „widerwillig“ gern. 7 Jahre nach dem Opern-Skandal hat SIE es geschafft, während ER große Mühe hat, seine kränkelnde Familie halbwegs durchzubringen. Deshalb nimmt er ihr Angebot an, in ihre großzügige Villa auf dem Land einzuziehen. Wo die Familie aufleben und gesunden kann, während er Ruhe hat zu komponieren. Vorgeschlagen, getan. Die Affäre kann beginnen. Zwei extreme „Erfinder“ im Clinch. Die allgemeinen gesellschaftlichen wie moralischen (Beziehungs-)Regeln beiseite schiebend. Wie im künstlerischen Prozeß auch.
„Kreative“ Leidenschaft-pur. „Volle Kanne“ Gefühls-Performance: „Coco & Igor“ zeigt sich als emotionsgeladenes Melodrama. Das solide unterhält, weil es äußerlich imponierend „zurechtgemacht“ wurde und in den 3 Hauptrollen prickelnd funkt. Die schöne Französin ANNA MOUGLALIS gibt die maskenhaft-eigenwillige Coco-„Chefin“ mit herber Eleganz und faszinierendem Schnodder; der dänische Superstar MADS MIKKELSEN (der Bond-Bösewicht aus „Casino Royale“/2006) kommt als stoischer Eigenbrödler mit überzeugender Körpersprache und introvertierter Mimik charismatisch ´rüber. Die gebürtige Moskauerin ELENA MOROZOWA als kränkelnde Ehefrau des musikalischen Genies ist in ihrer berührenden Anmut eine Augenweide. DAS HIER Ist ein gut funktionierender Gefühlsfilm, der jederzeit reizvoll unterhält (= 3 PÖNIs).
„COCO - DER NEUGIERIGE AFFE" von Matthew O´Callaghan (USA 2006; 86 Minuten; Start D: 25.05.2006); basiert auf der possierlichen, kultigen Kinderbuch-Figur von "H.A. Rey", einem Pseudonym, hinter dem das jüdische Immigranten-Ehepaar HANS AUGUSTO (1898 - 1977) und MARGARETE REYERSBACH (1906 - 1996) aus Hamburg steckt, das sich diese Figur Ende der 30er Jahre in Paris ausdachte, ehe es vor den Nazis floh. Das erste der sieben Abenteuer um den neugierigen Primaten und seinen Menschen-Freund mit dem gelben Hut erschien 1941 in New York und etablierte sich im Land von Mickey, Goofy und all den anderen populären Trickfiguren schnell. Wurde neben dem Bären Winnie the Pooh und dem Elefanten Barbar vor allem Liebling der ganz junger Leser. Die 9 Bücher, die in 14 Sprachen übersetzt wurden, haben inzwischen Auflagen von fast 30 Millionen erreicht.
Nach vielen Anläufen nun also das erste Leinwand-Vergnügen: In herrlich altmodischer (handgezeichneter) 2D-Animation EINFACH-SCHÖN hergestellt/erzählt: Der verspielte Affe, der als blinder Passagier von Afrika nach New York kommt, hängt sich buchstäblich an den gutmütigen Museumsangestellten Ted, der die Schabernack-Späße seines neuen Freundes "gerne" ausbaden muss. Mit kindgerechtem Charme und viel Fröhlichkeit entwickelt sich putzige Slapstick-Unterhaltung für Knirpse unter 10 und alle, die sie begleiten. Ein Prima-Familienfilm von kurzweiligen 88 Minuten, zudem mit Klasse-Songs von JACK JOHNSON begleitet, dem Surfer aus Hawai, der mit diesem Soundtrack bereits ein internationales Hit-Album fabriziert hat. Rundum: Lustig, liebevoll, zeitlos und einfach zu verstehen, also wirklich SEHR FAMILIEN-KINO-tauglich: So mancher moderner "Disney" kann hiervon nur lernen(= 4 PÖNIs).