„DIALOG MIT MEINEM GÄRTNER" von Jean Becker (FR 2007; 109 Minuten; Start D: 20.12.2007); Jahrgang ´38. Der französische Regisseur und Drehbuch-Autor wurde auch bei uns mit Filmen wie "Sie nannten ihn Rocca" (1961/mit Jean-Paul Belmondo), "Ein mörderischer Sommer" (1983/mit Isabelle Adjani) und "Ein Sommer auf dem Lande" (1999/mit Michel Serrault) bekannt. Hier beschreibt er wieder, ganz wunderbar-minimalistisch und eben so unnachahmlich "typisch französisch", das Hohe Lied auf die "kleinen-GROSSen Dinge des Lebens" sowie auf die Freundschaft. Als Co-Autor + Regisseur adaptiert er eine Romanvorlage von Henri Cueco und setzt einen Pariser Maler in Bewegung.
Der kehrt in das Haus seiner Kindheit im ländlichen Südfrankreich zurück. Auf der Suche nach seinem Gärtner trifft er unverhofft auf einen ehemaligen Schulkameraden. In ihm entdeckt er nun den einfachen, aber offenen Charakter, dessen Wertesystem nur ein Kriterium kennt: Den gesunden Menschenverstand. Aus den ehemaligen Freunden werden abermals Vertraute. In langen Gesprächen wechseln die Themen von Familie zu Karotten und Kürbissen, von Leben und Tod über Flugreisen zu Johannisbeerbüschen, bis zu Geschmack und Farben. Eine Geschichte über die heiteren und traurigen Momente des Lebens, den Unterschied zwischen genießbarem und himmlischem Gemüse und über die Frage, ob ein Salat so schön sein kann wie ein Gemälde...
"Dialog mit meinem Gärtner" ist ein Kammerspiel im Schönen-Freien/"Draußen", ist ein liebenswerter/sympathischer Zwei-Personen-Melancholie-Schmaus, wie ihn SO nur DIE FRANZOSEN zärtlich, sinnlich, immer neugierig-"dran" hinkriegen. Dies kann aber natürlich nur funktionieren, wenn die beiden Hauptakteure "passen". Und sie passen, und wie: Der wunderbar-sensible Menschen-Darsteller DANIEL AUTEUIL, eben noch mit seinem Vorjahres-Film "Mein bester Freund" von Patrice Leconte in unseren Lichtspielhäusern, und der bei uns weniger bekannte JEAN-PIERRE DARROUSSIN tauschen sich über ihre prägnanten Gesichter/mit ihrer faszinierenden Körpersprache phänomenal-einfach wie leise-nachdenklich aus. Dabei ewiges Motiv: Die menschliche Existenz, ihr Sinn, das Im-Hier-und-Jetzt-Leben-Können. Ohne falsche Gestik, ohne falsches Pathos hält dieser schöne Film seine poetisch-lächelnde Unterhaltungs-Balance, für die nur die Bereitschaft zur Ruhe, zum Einfach-Zuhören und zum Mitfühlen-/Mitspüren-Können erforderlich ist.
Ein Juwel von außergewöhnlichem Film (= 4 PÖNIs).
„DICKE MÄDCHEN“ von Axel Ranisch (B,Co-Pr.,K+R; D 2011; 76 Minuten; Start D: 15.11.2012); du hast fast nichts, also ganz, ganz wenig, also an Mitteln, dafür eine Menge Ideen und viel gute Film-Lust - und schaffst daraus einen originellen Film. Der dann urig ankommt. Was bisher nur aus den USA hin und wieder gemeldet wird/wurde, man denke etwa an einen – heute international bekannten, geschätzten – Kevin Smith, der 1994 im Alter von 24 Jahren in New Jersey für 27.000 Dollar das spätere Kultstück „Clerks – Die Ladenhüter“ schuf, das dann mehr als das Hundertfache seiner Produktionskosten einspielte, wird nun auch hier wahr. Im offiziellen Kino-Programm: Die Regie-Helden des herbstlichen deutschen Kinofilms von 2012 heißen JAN OLE GERSTER, gerade im Kino mit seinem Debütstreich „Oh Boy“ (s. KRITIK), und jetzt auch AXEL RANISCH.
Der Berliner des Jahrgangs 1983 gründete mit einigen Getreuen die Produktionsfirma „Sehr gute Filme“. Um dort seinen Studien-Abschlussfilm an der HFF Potsdam-Babelsberg zu realisieren: Mit einem sechsseitigen „losen Drehbuch“, mit kleinem Freundesteam, bei vollem Selbstausbeutungsvergnügen und einem „erklärten“ Barmitteleinsatz von 517,32 EURO. Mit einer einfachen Mini-DV-Kamera wurde in gerade einmal zehn Tagen hauptsächlich in der Wohnung seiner 89jährigen Oma Ruth Bickelhaupt gedreht. Das Ergebnis ist überwältigend - so viel freies, kreatives und schnelles Improvisationskino gibt es bei uns selten. Von der Idee bis zur Fertigstellung dauerte es gerade einmal drei Monate. Die Idee: „Frei von Kompromissen eine kleine liebevolle Geschichte erzählen“ (Axel Ranisch in „filmecho/filmwoche 45/2012). Dies funktionierte, inzwischen auch international, denn der Regie-Diplomfilm „Dicke Mädchen“ lief inzwischen vielbeachtet, vielgemocht u.a. im Vorjahr auf den Hofer Filmtagen und danach beim Kinofest in Lünen und wurde in diesem Jahr beim „Slamdance Film Festival“ im amerikanischen Utah für seine „kühne Originalität“ ausgezeichnet. Hatte dann auch seinen Einsatz beim Internationalen Filmfestival in Warschau im „Wettbewerb des freien Geistes“ und fand auch beim „Chicago Underground Film Festival“ eine lobende Erwähnung in der Kategorie „Die nicht kategorisierbaren Besten“.
Sven (HEIKO PINKOWSKI) ist ein lieber Dicker. Lebt zusammen mit seiner an Demenz erkrankten Oma Edeltraud (RUTH BICKELHAUPT) in einer Plattenbauwohnung im Berliner Ostbezirk Lichtenberg. Teilt sogar das Bett mit ihr. Sven arbeitet in einer Bank, also passt tagsüber der füllige Daniel (PETER TRABNER), ein verheirateter Familienvater, auf Oma „voll“ auf. Als bezahlter Freundschaftsdienst. Wäscht sie, geht mit ihr zum Frisör oder spazieren oder einkaufen und sorgt für eine sauberes Heim. Als die alte Dame eines schönen Tages Daniel unbewusst auf dem Balkon aussperrt und abhaut, „starten“ die beiden Kerle hinter ihr her. Das, was danach folgt, ist eine verblüffende individuelle emotionale wie authentische Entdeckung als pure, also humane Lebens-Inspiration. Freiheit, individuelle Lust, schwingt in, mit, durch kauzige Räume und pointierte Bewegungen. Stichwort: Männer, die sich zu mögen entdecken. Beginnen. Und eine Oma, die’s draufhat.
Axel Ranisch oder: Frisch, fröhlich, unfromm, frei - ich bin, also mache ich. Was ich denke. Und will. Talent-Ergebnis: Ganz viel von sympathischem, lockerem, sinnlichem deutschem No Budget-Klima. Als köstlich unperfektes, eigenwillig-charmantes Seelchenkino: Um drei Typen und ihr ganz eigener „komischer“ Schwung zum Tun. Mal im Übermut, mit nicht immer klarem Ton, aber HERZlich deutlich. Mal seufzend, in der Tiefe des Bauches lächelnd grummelnd. Sympathisch, keck, mit Mut zur liebevollen menschlichen Peinlichkeit. Also konsequenter Zuneigung. Weil „die Drei“ lakonisch launig und zärtlich mitmischen: Diese korpulenten kantigen Kerle und die Frische-Oma RUTH BICKELHAUPT alias Edeltraut Richter sowieso.
„Dicke Mädchen“ ist ein überraschend überraschungsvolles Home-Movie. Ich darf, ich mache, wie ich fühle. Weil (noch) niemand ´reinredet. Fördernd eingreift. Kontrolliert. Bin gespannt, was aus diesem fröhlichen Regie-Burschen Axel Ranisch wird. Seine Erstleichtigkeit jedenfalls ist erfreulich, sympathisch, voller köstlicher No-Lust. Kerl, möchte man ihm wünschen, lass´ Dich so lange wie möglich nicht ´runterkriegen. In Sachen Kompromisse. Bei und in Gedanken und Taten. Dein Anfang jedenfalls trifft deinen übermütigen Firmennamen voll und ganz = bitte mehr von diesen „sehr guten (Bauch-)Filmen“. „Wozu großes Event-Kino, wenn es derart intensiv erzählte, bezaubernde Filme wie diese gibt“, lautete die Jury-Begründung beim Lüner Filmfest für die schmunzelnde Auszeichnung „Bestes Drehbuch“….. !!!! (3 PÖNIs + 1 Debüt-PÖNI = 4 PÖNIs).
„DICKSTE FREUNDE“ von Ron Howard (USA 2010; 111 Minuten; Start D: 27.01.2011); heißt im Original „The Dilemma“ und darf wörtlich genommen werden - dies ist einer jener hausbackenen, dumm-dämlichen Überflüssigkeits-Importe aus Hollywood. Die unsere Kinos nur unterbelichtet zukleistern. Obwohl namhafte Akteure vor wie hinter der Kamera mitmischten. Der Drehbuch-Autor ist Allan Loeb (40), neulich mit dem „Wall Street 2“-Skript aufgefallen; der 56jährige Regisseur Ron Howard, der einst als Schauspieler anfing („American Graffiti“ von George Lucas/1973; „Der letzte Scharfschütze“ von Don Siegel/1976), ist mittlerweile durch Klasse-Movies wie „A Beautiful Mind“/2001/zwei „Oscars“ für Ron Howard; „Das Comeback“/2005 und „Frost/Nixon“/2008 und durch die Blockbuster-Hits „The Da Vinci Code – Sakrileg“ + „Illuminati“ (2006/2009) in die Hollywood-Bundesliga aufgestiegen.
Hier aber ist er von allen guten Geistern offensichtlich verlassen. Stellt zwei fette Berufsjugendliche ununterbrochen quatschend in den Mittelpunkt einer völlig blödsinnigen Story: Ronny + Nick sind verheiratete Kumpels seit Ewigzeiten, betreiben gemeinsam ein Unternehmen für Autodesign; ein lukrativer Abschluss ist in Aussicht. Da passiert es: Ronny muss „versehentlich“ mitansehen, wie die Ehefrau seines Nick offensichtlich fremdgeht. Ach du liebe Güte. Darf, muss er DAS seinem Kompagnon sagen? „The Dilemma“. Ach herrjeh. Gewissensbisse. Ein Hin und Her. Man quatscht ununterbrochen, meistens aber nicht DAS, was man EIGENTLICH sagen möchte. Es wird herumgedruckst, so getan als ob….das hier wahnsinnig „schlimm“, schwierig und manchmal auch komisch ist…., grauenvoll. Und dieser wichtige Auftrag und überhaupt, es ist ja alles so fürchterlich schrecklich. In der Tat. Purer Blödsinn. Als Dauer-Hörspiel. So viel plattes Dauer-Gerede war schon lange nicht mehr auf/von der Leinwand. Als elendes Langweil-Gewäsch.
Der 40jährige Comic-Riese VINCE VAUGHN („Die Hochzeits-Crasher“, aber auch „All Inclusive“) wirkt wie ein bekloppter Quatschkopf; sein Mitstreiter, der korpulente 45jährige Clown KEVIN JAMES („Der Kaufhaus Cop“), wie ein unterbelichteter Hansel. DIE passen hier also blöd zusammen. Was allerdings solch apartes Weibsvolk wie immerhin JENNIFER CONELLY (einst die süße Kleene in „Es war einmal in Amerika“ von Sergio Leone/1984, zuletzt in „Der Tag, an dem die Erde stillstand“/2008) und die „verruchte“ WINONA RYDER (gerade neben Natalie Portman in „Black Swan“) an solchen plumpen Ehe-Gatten finden (sollen), ist ebenso ein Rätsel wie das fassungslose Bedauern, dass immerhin ein Ron Howard solch einen unlustigen Komödien-Mist fabriziert hat (= 1 PÖNI; für einen versteckten Gag).
In Amerika, so wird uns wieder einmal vollmundig erklärt, sei der Film ein Mega-Hit. Was so viel bedeutet, dass er um die 100 Millionen Dollar an Eintrittsgeldern in den USA und Kanada eingespielt hat. Doch das sagt natürlich überhaupt nichts über die Qualität eines Filmes aus. Dennoch wird uns und Ihnen andauernd verklickert, dass bei solch einer Einnahme ein Film einfach Spitze sein muss. Im Vorjahr ging damit “Batman" bei uns und auch in ganz Europa baden, jetzt heißt der neue Aufschrei: „DICK TRACY“ von Warren Beatty (D+R; USA 1990; 101 Minuten; Start D: 27.09.1990).
In “‘Dick Tracy“ geht es um eine in Amerika populäre Comic-Figur, die von Chester Gould erstmals 1951 gezeichnet wurde. Seit damals ist sie fester Comic-Bestandteil in amerikanischen Tageszeitungen. Dabei ist das Dauer- Thema von “Dick Tracy“ ganz simpel: Ein Strahlemann und Einzelgänger im ewigen Clinch gegen das Böse und die Bösen. Einer alleine mal wieder gegen eine große Überzahl. Die wird von Big Boy Caprice (AL PACINO) angeführt, einem lauten und ständig aufgeregten Schurken. Aber Dick und sein 12jähriger Kumpel sind natürlich nicht zu bezwingen. In der Liebe dagegen bekommt es Dick-Beatty mit einer hochkarätigen Lady zu tun. Im Film heißt sie "Heiserchen Mahoney“, wir kennen sie als MADONNA.
“Dick Tracy“ ist Plastik. Die Typen sind in fantasievolle Monster-Gesichter verpackt. Das Design ist Computer-Grafik vom feinsten und genauso steril. In der besonderen, geheimnisvollen Farbmischung liegt das große Können des Films, sagen amerikanische Kollegen. Meine Antwort: Ganz hübsch, aber Na-Und? Die prominenten Mitwirkenden dagegen, wie Al Pacino oder Dustin Hoffman, sind hinter dicken Schmink-Masken versteckt und liefern kleine, gagige Einzelnummern ab. Das ist es dann. Warren Beatty dagegen überschätzt sich und den Stoff einmal mehr. Wenn er mit seinem beigen Kaschmir-Mantel umher wedelt, sieht das einmal, zweimal, dreimal toll aus, füllt aber die Schnüffler-Figur nicht aus. Schon gar nicht abendfüllend. Und Madonna?:
Wie gehabt: Blond, sexy, aber stinklangweilig. Denn sie bloß so überzeugend schauspielern wie singen könnte..., so aber ist ihr Leinwand-Auftritt mal wieder lasziver Krampf.
"Dick Tracy": Der Versuch, uns eine typisch amerikanische Comic-Figur näher zu bringen, bleibt ein solcher, weil die nur seelenlos, animiert und kraftlos daherkommt. Während die Story schon tausendmal und oft viel besser, ulkiger und spannender gesehen und erlebt wurde. “Dick Tracy", das ist Plastik-Fantasie, das ist Fast-Food-Kintopp, das ist Moment-Entertainment (= 2 PÖNIs).
„DIE ETWAS ANDEREN COPS“ von Adam McKay (Co-B+R; USA 2010; 107 Minuten; Start D: 14.10.2010); der 1968 in Philadelphia geborene Drehbuch-Autor, Filmproduzent und Regisseur war als Autor von 1995 bis 2001 bei der berühmten „Saturday Night Live“-TV-Anarcho-Show tätig, wo „schräge Vögel“ wie einst „Blues Brother“ John Belushi, ein Chevy Chase und auch ein Will Ferrell auftraten. Und genau um DEN geht es, um den am 16. Juli 1967 in Kalifornien geborenen Comedy-Akteur: WILL FERRELL. Adam McKay schuf mit ihm seine bislang sämtlichen Kinofilme: „Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy“ (2004/unbekannt); den köstlich-frechen und bei uns leider unterschätzt gebliebenen Spaß „RICKY BOBBY – KÖNIG DER RENNFAHRER“ (2006) sowie davor „Die Stiefbrüder“ (2008). Will Ferrell ist ein Phänomen. In den Staaten, weniger bei uns. Dort jedenfalls gilt er als Super-Spaßvogel und Hollywood-Star (mit entsprechenden Gagen). Erreicht durch dortige Erfolgsfilme wie „Die Eisprinzen“ (2007/mit Owen Wilson); „Schräger als Fiktion“ (2006); „The Producers“ (2005); „Die Hochzeits-Crasher“ (2005; mit Owen Wilson) oder „“Buddy – Der Weihnachtself“ (2003). Wurde er 2001 noch mit dem „American Comedy Award“ als „Lustigster männlicher Darsteller in einem TV-Special“ bedacht (für „Saturday Night Live: Presidential Bash“), bekam er 2006, zusammen mit Nicole Kidman, die „Goldene Himbeere“ als „Schlechtestes Kino-Duo“ (in „Verliebt in eine Hexe“). 2007 schließlich erhielt Will Ferrell den „MTV Movie Award“ in der Kategorie „Bester Kuss“, zusammen mit „Borat“ Sacha Baron Cohen“, in „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“.
„The Other Guys“, so der Originaltitel, läuft auf der Parodie-Schiene über die 80er „Bullen-Filme“. Wo Asse wie Eddie Murphy („Beverly Hills Cop.“; „Nur 48 Stunden“) oder Mel Gibson („Lethal Weapon“) nicht nur schnell schießen, sondern dabei auch schnelle pointierte Witze reißen konnten. Auf dieser Ebene streifen eingangs die übergroßen Cop-Heros Samuel L. Jackson und Dwayne „The Rock“ Johnson durch New York. Walzen alles teuer wie brachial nieder, was sich ihnen in den Weg stellt, und werden dafür als wahre „Tarzans“ geliebt und gefeiert. Doch dann springen die toughen Jungs so mir nichts dir nichts vom Dach und sind… Vergangenheit.
Neue Polizeihelden werden dringend benötigt. Terry Hoitz (MARK WAHLBERG) wäre sofort bereit. ER fühlt sich stark, wütend genug, um es „mit der Meute da draußen“ aufzunehmen, außerdem ist er ein begnadeter Ballett-Tänzer, aber sein ausuferndes „Nitro“-Temperament steht ihm im Weg. Zudem hat er einen Partner zur Seite, für den der Begriff „Schlaftablette“ noch arg untertrieben ist: Detective Allen Gamble (Will Ferrell) von der Abteilung Wirtschaftskriminalität mag es Buchhalter-freundlich. Am wohlsten fühlt er sich lächelnd an seinem Computer-Platz. Wenn er die unbeliebten Schreibarbeiten erledigen darf. Er mag alle und jeden, hat immer ein gutes Wort übrig, fährt stolz einen alten Toyota Prius. Und was Terry Hoitz noch verrückter macht, ist die Tatsache, dass offensichtlich alle FRAUEN auf diesen Langweiler-Typen mit der Nickelbrille stehen.Doch DER merkt das gar nicht. Muss er auch nicht, der zuhause wartet doch eine Granate von Sexy-Ehefrau wie EVA MENDES auf ihn. Und erfüllt ihm offensichtlich auch JEDEN Wunsch. Terry rastet beinahe schon wieder aus.
Dann aber kommt ihre Chance. Es sich und vor allem den arroganten Kollegen einmal so richtig zu zeigen. Dabei gilt es, einen windigen Finanzmanager „auszuhebeln“ (mit köstlichem Briten-Sprach-Charme: STEVE COOGAN, geboren in Manchester/GB, bekannt aus „Tropic Thunder“/2008 und den beiden „Nachts im Museum“-Filmen/2006+2009). Was die Handlung fortan betrifft, wurscht. Die Pointen-Bälle, die sich der markige Hans-Dampf Mark Wahlberg („Max Payne“/2008; „Departed – Unter Feinden“/2006 oder „The Italien Job – Jagd auf Millionen“ und anfangs „Boogie Nights“/1997) und eben der hochgeschossene Trockentyp Will Ferrell zuschießen, sind mitunter wirklich komisch, witzig, lachhaft. Und darum geht´s. Bei den zahlreichen nummernhaften Sketch-Episoden funkt es des Öfteren hier richtig gut. Wenn Adam McKay dagegen sich bemüht fühlt, hier irgendeine Story zusammenzuzimmern, gähn. Die gagigen Einzelteile, die doppelbödigen Blicke, Gesten, „Erklärungen“, körpersprachlichen Bewegungen sind es, die „The Other Guys“ ulkig ausmachen. Und im Gedächtnis bleiben.
Kein großer Holly-Wurf, aber immerhin solide schmunzelnd unterhaltsam (= 3 PÖNIs).
„DER DIKTATOR“ von Larry Charles (USA 2011; 80 Minuten; Start D: 17.05.2012); sie sind fest miteinander verbunden als groteske Anarcho-Clowns - der (jetzt) 56jährige New Yorker Ex-Stand-Up-Komiker, Drehbuch-Schreiber und Regisseur Larry Charles und der 40jährige Londoner Komiker, Autor, Schauspieler und Produzent SACHA BARON COHEN. Beide haben zusammen die provokanten Häme-Movies „BORAT“ (2006/s. KRITIK) und „BRÜNO“ (2009/s. KRITIK) gezimmert; zwischendurch hat Larry Charles mit „Religulous“ (2008) einen brillanten dokumentarischen Interview-Spott auf das fundamentalistische Glaubens-Amerika geschaffen (deutscher DVD-Titel: RELIGULOUS – Man wird doch wohl fragen dürfen“). Nun drehen sie erneut „dick“ auf, allerdings in offensichtlich verschiedenen Versionen: Während das US-Presseheft eine Länge von 101 Minuten behauptet, haben wir – in der hiesigen Pressevorführung (ohne Pressematerial) - eine originale Version serviert bekommen, die gerade mal rund 80 Minuten kurz war. Offensichtlich reicht man uns hier im Kino zunächst einen „unvollständigen Happen“, um dann möglicherweise demnächst mit der DVD „komplett“ (als Bonusmaterial) verkaufsmäßig noch einmal zu klotzen. Das inzwischen gängige Doppel-Geschäft also.
Alles begann mit der TV-Reihe „Da Ali G Show“. 18 Episoden in 3 Staffeln, zwischen 2000 + 2004. Die hierzulande bei MTV und VIVA ausgestrahlt wurden. Aus dieser Erfolgsserie übernahm Sacha Baron Cohen die schrägsten Figuren für seine Kinoauftritte in „Ali G in da House“ (2002), für „Borat“, den unterbelichteten kasaischen Fernsehreporter, sowie für „Brüno“, den schwulen österreichischen Mode-Reporter. Anders als in seinen „improvisierten“ filmischen Real-Satiren wurde für „The Dictator“ nun erstmals ein Drehbuch von gleich vier Autoren (= Sacha Baron Cohen/Alec Berg/David Mandel/Jeff Schaffer) für eine fiktive Geschichte erstellt. Für einen diesmal also „ganz normalen“ Kinofilm. Cohen mimt Admiral General Aladeen. Den mit einem grässlichen Rauschevollbart ausgestatteten diktatorischen Landes-Chef des arabischen Staates Wadiya am Indischen Ozean. Der sein Volk „liebevoll unterdrückt, um es nicht der Demokratie aussetzen zu müssen“ (Pressetext). Und der gerade dabei ist oder sein soll, ein Atomprogramm „aufzulegen“. Was natürlich weltweit für Aufmerksamkeit und zu Protesten führt. Also reist der Kostüm-Zausel nach New York, um vor der UNO sich und „sein Anliegen“ zu erklären. Dabei wird er von seinem engsten Vertrauten (Sir BEN KINGSLEY) „ausgetauscht“. Und mit einem schlichten Ziegenhirten-Doppelgänger (natürlich ebenfalls Sacha Baron Cohen) neu „besetzt“. Von wegen Umsturz und Verscherbeln der Ölvorkommen an internationale Multi-Konzerne. So wuselt der nunmehr bartlose Führer, der abhauen konnte, anonym in New York herum. Landet bei einer unsäglich naiven Öko-Tusse (Anna Faris) im antirassistisch-lesbenfreundlichen Multikulti-Bio-Laden und bemüht sich fortan, seinen „Posten“ als „demokratischer“ Despot zurückzuerobern.
Slapstick. Wort-Witz. Anspielungen. Gaga. Auf Sexismus, Rassismus, auf diese „verdammte“ „Political Correctness“. Auf die Bösen unter den weltlichen Mächtigen. Wie Mahmud Ahmadinedschad, Kim Jong-il. Aber auch auf die Verblichenen. Wie Osama Bin Laden, Muhammar al-Gaddafi oder Saddam Hussein. Viele kriegen zünftiges „Spott-Fett“ ab. Werden der Lächerlichkeit in Selbstdarstellung und Personenkult preisgegeben. Mit ebenso brachialem Fäkal-Humor wie mit brillanter doppelzüngiger Zunge: Die Lob-Rede des „beklopptren Herrschers“ auf die Vorteile einer „sympathischen Diktatur“ zielt bitterkomisch auf fragwürdige US-Kriegseinsätze ebenso wie auf Guantanemo. Auf das „hehre Demokratieverständnis“ der aktuellen USA. Hier ist das zynische Pointen-Potenzial vielfältig. Entlarvend. Reich. Doll. Voll denk- & treffsicher. Während an anderen Stellen vielfach die harmlose, mehr nur ordinäre Groteske winkt. Stichwort. Bemühte Handlung. Die bisweilen ziemlich durchhängt. Weil halbherzig konstruiert. Wirkt. Harmlos. Sogar langweilig. Von wg.: Die bemühte Story. In läppischem Zusammenhalt und mit zahnloser Undichte.
Der Film „Der Diktator“ also - ein ewiges Auf und Ab. Mit dem allerdings dialog-köstlichen Höhepunkt während eines Hubschrauber-Fluges über New York, mit einem älteren US-Touristenpaar gegenüber, wenn Cohens Aladeen mit einem Kumpel in seiner arabischen Landessprache über seinen Porsche 911 und „Nine Eleven“ (un-)missverständlich philosophiert und Panik auslöst. Mit und als „Der Diktator“ erreicht Sacha Baron Cohen aber längst nicht mehr die Wirkung wie einst mit „Borat“ oder auch noch als „Brüno“. Anstatt der annoncierten, behaupteten heißen Provokanten-Luft überwiegt hier der lediglich nur lau aufgewärmte geschmäcklerische Grenzwert-Humor (= 3 PÖNIs).
„DINOSAURIER – GEGEN UNS SEHT IHR SEHR ALT AUS!“ von Leander Haußmann (D 2008; 105 Minuten; Start D: 25.12.2009); ist der definitive Tiefpunkt filmischen Unterhaltungsschaffens aus deutschen Landen. Dabei hat doch der am 26. Juni 1959 in Quedlinburg geborene geborene Theater- und Filmregisseur mal „ganz ulkig“ im Kino angefangen: Mit „Sonnenallee“ (1999), „Herr Lehmann“ (2003) und „NVA“ (2005). Doch zuletzt schwächelte er zusehendst mit „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ (2007) und mit „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ (2008). Doch jetzt der Tiefpunkt. Mit dem völlig verunglückten Remake eines (west-)deutschen Komödien-Klassikers von 1975: „LINA BRAAKE oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat“ von Bernhard Sinkel (B+R). Damals mit den wunderbaren Oldies LINA CARSTENS und FRITZ RASP hauptrollenbesetzt. Heute nun soll es „so etwas Ähnliches“ sein.
Die alte Lena Braake (EVA-MARIA HAGEN), ebenso rüstig wie vertrauensvoll, läßt sich von einem jener aktuellen gierig-schleimigen Bangster eine Hypothek aufschwatzen, versteht dabei natürlich nur „Bahnhof“ und verliert ihr Haus. Landet in einem heruntergekommenen „Seniorenheim“. Wo ein schleimiger Herr Piretti (TOM GERHARDT) ein heuchlerisches Chef-Regiment führt. Jedoch gegen den greisen Schwerenöter Johann Schneider (EZARD HAUßMANN) keine Chance hat. Denn der trickst und foppt ohne Ende. Kommt mit Lena ins Gespräch und ins „Geschäft“. Mit Hilfe einiger „Insassen“ geht es um die Rückeroberung der Werte. Des Kapitals.
Ur-Opas Kino ist nicht tot, ganz im Gegenteil. Was 1968 einst in Oberhausen ad acta gelegt und filmisch zu Grabe getragen wurde, lebt jetzt ganz fürchterlich auf. „Dinosaurier“ ist eine üble deutsche ZOMBIE-Oma-Opa-Komödie-pur. Mit faden Ideen, grauslichen Gedanken, althergebrachten sog. Witzen und der permanenten Denunzierung von „bekloppten“ alten Herrschaften. DIE müssen sich so dämlich, hinterwäldlerisch, dummbatzig, bescheuert und dennoch „erfolgreich“/“pfiffig“ geben, daß man seinen Augen und Ohren vor dermaßen schrecklichem Dämel-Nonsens nicht traut. Soooooo viel Peinlichkeit, Blödheit, Unlustigkeit, Langeweile und „Belästigung“ gab es schon lange nicht mehr im Kino. „Scherze“ über Alzheimer, vertauschte Gebisse oder Katheterbeutel machen die erbärmliche Dauerrunde. Die körpersprachliche „Komik“ wirkt aufgesetzt und unangenehm. „Dinosaurier“ ist eine pointenlose Verblödungsarie der ganz grauslichen Art. Lau konstruiert und fürchterlich inszeniert. Ein Desaster! Und dies mit immerhin namhaften Akteuren wie WALTER GILLER (82), Ehefrau NADJA TILLER (80), RALF WOLTER (83), INGRID VAN BERGEN (78) sowie den unvermeintlichen DANIEL BRÜHLals windiger Bank-Armleuchter mit peinlicher Dauerwelle und BENNO FÜRMANN als Wer, ach so ja, als Jo Schwertlein. Es ist nicht zum Aushalten. Die Pointen „zünden“ nach dem Motto „platt, platter am plattesten“. Einen so tattrigen Wirrwarr-Schwachsinn habe ich nicht (mehr) für möglich gehalten, „Dinosaurier“ ist ein ganz schlimmes Gebrechen von deutscher „Komödie“ (= 1 PÖNI).
Man kann über die Jury-Entscheidungen zum 1. Europäischen Filmpreis kaum schelten. Eines jedoch ist zu bedauern. Ein Film, der gleich mit fünf Nominierungen bedacht war, ist unverdientermaßen leer ausgegangen. Ich meine den schon auf vielen Festivals hochgelobten und wirklich außergewöhnlichen Film
„DISTANT VOICES, STILL LIVES“ von Terence Davies (GB 1988; 85 Minuten; Start D: 01.12.1988).
Das ist ein filmisches Fotoalbum aus der Jugendzeit des Regisseurs Anfang der fünfziger Jahre in Liverpool. Es sind Erinnerungen des Schmerzes an grausame und ungerechte Väter, an misshandelte Mädchen und Frauen, an die kargen Rituale des Alltags, die immer wieder durch die Lieder und Songs von damals verschönert wurden.
Dabei gelang dem Team um Terence Davies präzise Bilder und Einblicke aus dem proletarischen Milieu. Dennoch ist “Distant Voices, Still Lives“ keine EIendsschnulze oder eine blindwütige Sozialattacke, ganz im Gegenteil. Der Film ist ein sensibles, genau beobachtetes Porträt einer Unterschicht und ihres traditionellen Lebensstils.
Jede Szene erzählt eine eigene kleine Momentgeschichte. Es ist aufregend, in diesen unbekannten, interessanten Gesichtern “zu lesen“, einzutauchen in ihre Gefühle, mit ihnen zu leiden oder ihren Gesängen zuzuhören.
“Distant Voices, Still Lives“ ist einer der mitteilsamsten und anregendsten Filme der letzten Zeit (= 4 ½ PÖNIs).
„THE DIXIE CHICKS: SHUT UP & SING" von Barbara Kopple (USA 2006; 93 Minuten; Start D: 09.08.2007); ist ein neuer amerikanischer Dokumentarfilm. Sie ist zweifache "Oscar"-Preisträgerin (für ihre Arbeitskampf-Dokumentationen "HARLAND COUNTY"/1976/über den längsten Bergarbeiterstreik in den USA/in Kentucky 1973/74 + "AMERICAN DREAM"/1991/über den Streik von Fleischverpackern in Austin/Minnesota 1985/86). An ihrer Seite CECILIA PECK, Produzentin, Schauspielerin + Regisseurin/Tochter von GREGORY PECK.
Geplant war, 2003, zunächst ein Porträt über d i e erfolgreichste Frauen-Band überhaupt: Über die "Dixie Chicks". Die DIXIE CHICKS, das ist eine US-amerikanische Country-Band, gegründet im Jahr 1989 in Dallas/Texas. Zunächst aus 4 Musikerinnen bestehend, seit Mitte der 90er Jahre auf 3 umgepolt; seitdem sich aus den Schwestern EMILY ROBISON (Gitarre; Dobro + Banjo) und MARTIE MAGUIRE (Geige, Mandoline) und der Lead-Sängerin NATALIE MAINES zusammensetzend. Typisch für die Band ist der Satzgesang der drei Frauen. Ihre Mischung aus Bluegrass und Country-Musik sprach ein breites Spektrum von Country-Fans an; die "Dixie Chicks" verkauften mehr als 30 Millionen ihrer Alben.
Zum - selbstironischen - Namen: "Dixie" ist das Synonym für die US-amerikanischen Südstaaten; "Chicks" heißt wörtlich "Hühner", ist eine oft abwertend gebrauchte Bezeichnung für junge Frauen. SÜDSTAATEN-HÜHNER. 2003 waren sie, wie gesagt, in den USA "Everybodys Darling", hatten nur Erfolg, durften sogar beim "Super Bowl"-Endspiel die Nationalhymne singen. Dann kam der 10. März 2003. Es ist der Vorabend vor dem Irak-Krieg der USA. Die "Dixie Chicks" treten in London auf, wo am Tage eine Massen-Demonstration gegen den bevorstehenden Krieg stattfand. Abends, im ausverkauften Auditorium, lässt sich Sängerin Natalie Maines zu einer politischen Aussage gegen den bevorstehenden Krieg hinreißen. Ihr Abschlusssatz: "Wir schämen uns dafür, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika aus Texas stammt". Eine beiläufige Bemerkung dieser an sich bis dato eher unpolitischen Gruppierung. Der aber immense Folgen haben soll: Maines Aussage, zunächst nur in britischen Publikationen abgedruckt, wurde von dem vor allem im Medienbereich "gut aufgestellten" ultrakonservativen Zirkel "Free Republic" aufgegriffen und instrumentalisiert/verbreitet. Eine Hetzkampagne sondergleichen begann. In deren Verlauf die "Dixie Chicks" als "unpatriotische Vaterlandsverräter" und als "Saddams Schlampen" bezeichnet/gebrandmarkt wurden. Country-Radiostationen boykottierten jetzt ihre Songs, republikanische Ex-Fans ließen bei demagogischen Ritualen ihre CDs von Planierraupen überfahren bzw. zerstören. Das Trio wurde mit Hass- und Drohbriefen überhäuft; Live-Auftritte mussten "Zuhause" gecancelt werden. Sponsoren zogen sich zurück. Aus den Erfolgs-Ladies wurden, praktisch über Nacht, die BUH-FRAUEN der Nation; jedenfalls für Teile der US-Medien und des Publikums.
Für die beiden Filmemacherinnen war plötzlich ein neues/ein ganz "anderes" Themenfeld gegeben: Aus der eigentlich geplanten "normalen Dokumentation" wurde jetzt ein spannendes gesellschaftliches Politikum. Mit der Frage: Zerbrechen die Frauen/Künstler/Musikerinnen DARAN oder geben sie nicht klein-bei; können sie Paroli bieten. Und wenn ja, WIE überhaupt bei dieser plötzlich völlig überhitzten Stimmung/Stimmungslage. Wo sich mittenmal auch der "demokratische Norden" und sogar Kanada beginnen, sich für "County" zu interessieren. Im Hinblick auf das Grundrecht der Meinungsfreiheit illustrieren die Kameras fortan ein bedenkliches Szenario - frei nach dem Motto: DU DARFST natürlich ALLES SAGEN, WAS DU DENKST, ABER WEHE DU TUST ES TATSÄCHLICH!
Ein aufregender, ein packender, ein nahegehender, ein aufwühlender, ein zutiefst spannender, ein dabei immer auch Großartig unterhaltender MUSIK-Dokumentarfilm. Auch und gerade für "europäische Augen": Entstehen doch z.B. interessante Parallelen zum "hiesigen" Karikaturenstreit des vergangenen Jahres. Denn genau wie die islamischen Hassprediger nur auf irgendeinen Anlass gewartet haben, um gegen die "ungläubigen Europäer" zu hetzen, hat eben auch "Free Republic" damals nur auf eine Chance gelauert, um eine Kampagne gegen die Demokraten und Kriegsgegner beginnen und ausfahren zu können. Doch die "Dixie Chicks" schaffen es tatsächlich, erhobenen Hauptes ihren eigenen Weg weiterzugehen. Trotz vieler Nacken-/Rückschläge keinesfalls aufzugeben. Beruflich wie privat: Sie schaffen es sogar, in der "prägnanten Zeit", bis 2006, 5 der nunmehr insgesamt 7 Babys in die Welt zu setzen. Und weiterhin zusammenzuhalten. Um dann die befreiende Erfahrung zu machen, sich künftig musikalisch nicht mehr nur in der "County-Box" bewegen zu müssen, wo sie ja vor allem auf konservative Radiomacher "angewiesen" sind. Sie ändern ihren Stil und bewegen sich nunmehr zwischen den Stilen, jetzt also auch im Mainstream-Pop. Mit Erfolg: Im Februar 2007 gewinnt ihr Album "Taking The Long Way" den begehrtesten aller Musik-Preise, den "Oscar" der Musik/den "GRAMMY", für "das Album des Jahres". Ihr Song "Not Ready To Make Nice" wird zudem als "beste Single" ausgezeichnet. Die 3 Musikerinnen werteten diese Entscheidung übrigens auch als politisches Statement der Juroren.
Der Film "The Dixie Chicks: Shut Up & Sing" ist einer der tollsten Dokumentarfilme aller Zeiten!!!!! (= 5 PÖNIs).
„DJANGO UNCHAINED“ von (und gegen Ende kurz auch mit) Quentin Tarantino (B+R; USA 2011/2012; K: Robert Richardson; Executive Music Producer: Quentin Tarantino; Titelsong: Rocky Roberts /Übernahme aus dem originalen „Django“-Film von 1965/66; 165 Minuten; Start D: 17.01.2013); Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts: Sergio Leone hatte mit seinen beiden „Dollar“-Filmen („Für eine Handvoll Dollar“; „Für ein paar Dollar mehr“) das Western-Genre neu belebt und vor allem - Hollywood „weggenommen“. Nun trat der Regisseur SERGIO CORBUCCI (6.12.1927 – 1.12.1990) auf die Italo-Western-Bühne, um mit vor allem zwei Streifen Filmgeschichte zu inszenieren: „DJANGO“ (1965/1966) und später mit dem Polit-Western „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968/mit Jean-Louis Trintignant). „Django“, mit FRANCO NERO in der Titelrolle, war ebenso wie Clint Eastwood in den beiden Dollar-Filmen von Sergio Leone, als Western-Samurai angelehnt. Ein gewalttätiger Solist, nach dem amerikanischen Bürgerkrieg nur noch sich und „seiner Gerechtigkeit“ verpflichtet. Der sich im Regen und Matsch „herumsuhlt“ und einen Sarg mitschleppt, indem sich ein Maschinengewehr befindet. Mit dem er schließlich massenhaft „Böse“ massakriert. Der Film „Django“ gilt allgemein als der schmutzigste und brutalste Kult-Western aller Zeiten. Hierzulande und vor allem auch in Großbritannien wurde er über die Synchronfassung erheblich „entschärft“, und in Großbritannien wurde der Film auch erst 1993 in der originalen Langfassung freigegeben. Bei uns lief der Film auch nur gekürzt in den Kinos und war auch in fast allen Fernsehfassungen nur geschnitten zu sehen. Seit dem 10.01.2013 gibt es hierzulande erstmals über „DVD/Blu-ray“ die komplette, ungekürzte Fassung vom „Django“-Original zu erleben.
Django wurde damals wegen seines riesigen Erfolges und seiner ungeheuren Wirkung „zur Marke“. Oft - und meistens auch schlecht - kopiert, vielfach „einfach so“ als Filmtitel (im Nachhinein) benutzt, obwohl der Film nichts mit dieser Figur zu tun hatte. Allerdings auch umgekehrt: „Django rides again“ war 1976 der Kinotitel in den USA für den besten Nicht-Django-Folgefilm überhaupt, für das (ebenfalls vielfach zerstückelte, „geschändete“) Meisterwerk „KEOMA“ von Enzo G. Castellari (mit Franco Nero). Die tatsächliche einzige wirkliche Django-Fortsetzung entstand erst 1986 mit der Produktion „Djangos Rückkehr“ von Ted Archer (= Nello Rossati), mit einem „müden“ Franco Nero. In Europa jedenfalls wurden im Laufe der Zeit etwa 70 Filme unter dem Django-Titel ausgewertet, dabei tragen nur 21 den Namen des Helden wirklich im Originaltitel. Übrigens - den „attraktiven“ wie erfolgsträchtigen Namen Django hatte Sergio Corbucci von dem Jazz-Gitarristen DJANGO REINHARDT übernommen. Und: Eine „witzige“ japanische Django-Parabel entstand 2007 mit dem Streifen „SUKIYAKI WESTERN DJANGO“ (s. Heimkino-KRITIK) von Takashi Miike und gilt als fernöstliche Hommage an das Ursprungswerk von Sergio Corbucci.
QUENTIN TARANTINO, seinen Namen verdankt er dem von Burt Reynolds von 1962 bis 1965 gespielten Hufschmied „Quint Asper“ in der US-TV-Westernserie „Gunsmoke“ (bei uns: „Rauchende Colts“), kennt diese Filme, kennt die Filmgeschichte(n) ganz genau. Der 1963 geborene Sohn einer irischstämmigen Halb-Indianerin aus Knoxville/Tennessee (und eines Italo-Amerikaners) wuchs am Rande von Los Angeles auf. Mit 15 brach er die High School ab, verbrachte die meiste Zeit in kleinen Vorstadtkinos. Eine Schauspielausbildung blieb erfolglos. Mit 20 hatte er sich ein immenses Fachwissen, ein „cineastisches Elefantengedächtnis“, erworben. Von seinem ersten, gemeinsam mit Freunden hergestellten Filmversuch, „My Best Friend’s Birthday“ (1987). existiert nur noch ein Fragment von 36 Minuten, da die letzten beiden Filmakte nach Fertigstellung im Schneideraum verbrannten. So gilt „RESERVOIRE DOGS“ von 1992 als sein erster eigentlicher Spielfilm. Handelt von sechs Gangstern (darunter Tarantinos Mentor Harvey Keitel), die sich nach einem Raubüberfall in einer Garage treffen und in einen blutigen Streit geraten. Mit „Reservoire Dogs“ (deutscher Kinozusatztitel damals: „Wilde Hunde“) huldigte Tarantino Sergio Corbucci und dessen „Django“-Film, indem er in einer Szene einen der Beteiligten (Michael Madsen) zum Messer greifen lässt, um einem gefolterten Polizisten das Ohr abzuschneiden. Nach diesem vielbeachteten fulminanten Kinodebüt wurde Quentin Tarantino mit seinen folgenden vier Filmen zum weltweiten Kult: „Pulp Fiction“ 1995 „Oscar“ für das „Beste Originaldrehbuch“, gemeinsam mit Roger Avary) „Jackie Brown“, „Kill Bill 1 + 2“ sowie zuletzt „Death Proof – Todsicher“ und "Inglorious Basterds" (2009).
„Django Unchained“, also „Der entfesselte Django“ oder „Der von Ketten befreite Django“, setzt zwei Jahre VOR dem amerikanischen Bürgerkrieg ein. In Texas anno 1858. Dort ist der deutschstämmige Dr. King Schultz (CHRISTOPH WALTZ), ein Zahnarzt aus Düsseldorf, mit seinem Pferd Fritz als offizieller Kopfgeldjäger unterwegs. Mit sauberer wie vornehmer An- wie Aussprache. Sucht er steckbrieflich ausgeschriebene Verbrecher, um – dead or life – die lukrativen Prämien des Staates zu kassieren. Django (JAMIE FOXX) ist ein schwarzer Sklave. DEN King Schultz dringend „benötigt“, um ein besonders übles Brüder-Trio identifizieren zu können. Also befreit er Django erst einmal. Ebenso „robust“ wie „rechtschaffen“. Und macht sich mit ihm auf den blutigen wie „komischen“ Weg. Bei dem sich die Beiden zu verstehen lernen. Django erlebt sozusagen im Schnellkursus eine Aus- wie überhaupt Bildung. Im Schießen wie in der Kleidung. Was natürlich im Westen von damals für reichlich „Erstaunen“, Verwunderung(en), sorgt. Wo ein „freier Neger“ auf einem Pferd ein völlig ungewohnter Anblick bedeutet. Aber auch Django selbst benötigt einige „Überwindung“, um seine „neue Position“ begreifen und überhaupt akzeptieren zu können. Dass ein Weißer ihn nicht prügelt, als minderwertigen Sklaven terrorisiert, sondern gleichrangig und zivilisiert behandelt. Und mit ihm ZUSAMMEN fortan sogar „gute Geschäfte“ betreibt. Doch Django hat andere Pläne: Will seine Ehefrau „holen“. Befreien. „Damit ich das richtig verstehe: Deine Sklavenfrau spricht Deutsch und heißt Broomhilda?“, heißt es auf Seite 43 des Drehbuchs von Tarantino und lautet die Frage des verblüfften Dentisten (aus „Focus“ 29/12).
Beim Picknick auf grüner Wiese, mit Gurkenbrot und Tee, referiert der „inspirierte“, kultivierte Dr. Schultz eine Kurzfassung der „Ring“-Sage, eine „Geschichte, die jeder Deutsche kennt“. Auf deren Fazit, „Siegfried geht durchs Höllenfeuer, weil Broomhilda es wert ist“, erwidert Django nur cool: „Ich weiß, wie er fühlt“. Was wiederum zum Finalsatz des erfreuten Menschenjägers führt: „Wenn ein Deutscher auf einen echten Siegfried trifft, ist das eine ziemlich große Sache“. Natürlich stellt sich der stets so treffsichere King Schultz fortan auf wie an die Seite seines Freundes Django und macht sich mit ihm auf die Spuren und Suche nach dessen Broomhilda von Shaft (KERRY WASHINGTON). DIE befindet sich „im Besitz“ des mächtigen Mississippi-Großgrundbesitzers Calvin Candie (LEONARDO DiCAPRIO), einem üblen wie listigen, einem eitlen wie sich offenbar ständig langweilenden und deshalb nach „Abwechslung“ wie mörderische Sklavenkämpfe, genannt „Mandingo-Fights“, suchenden und sich dabei stets vornehm gebenden „Kultur“-Rassisten. Ihn gilt es schauspielerisch geschickt wie trickreich auszumanövrieren. Was sich als zunehmend schwieriger offenbart, erweist sich doch sein schwarzer hündischer Butler-Begleiter Stephen (SAMUEL L. JACKSON) keineswegs als so debil wie er sich öffentlich präsentiert. Die Karten sind gemischt. Und die Schusswaffen bereit. Zum Ausrasten. Zum Explodieren.
Quentin Tarantino gibt sich wütend. Auf die Verbrechen seiner Vorfahren. An den Schwarzen. Baut angewidert wie extrem „real“ auf das grauenvolle Ausmaß ihres Leidens. Jedenfalls „soweit möglich“, schränkte er auf der Berliner Pressekonferenz ein. Die tatsächliche grausame Behandlungswirklichkeit der Weißen an den Schwarzen wäre filmisch nicht vorzeigbar, argumentierte er. Aber auch „so“ wird seine immense kritische Wut und seine laute wie bitterhumorige Anklage mehr als deutlich. Seh-, hör- wie denkbar. Doch Tarantino ist kein papierner Polit-Theoretiker, sondern vor allem ein Liebhaber des Genres U-Kino. Unterhaltungskino. So entwickelt er eine sorgsam strukturierte, plausibel funktionierende, urig-kesse, sehr intelligente, sehr emotionale, extrem spannende Mitdenk- wie Mitfühlgeschichte.
Natürlich: Mit sehr viel dazugehörigen, blutspritzenden, „dampfenden“ Action-Detail-Motiven eines „realistischen“ Tarantino-Western wie zugleich auch mit sehr viel schmunzelndem psychologischem Spannungsfeingefühl. Mit sehr viel herrlich zweideutigem Suspense-Geschmack. „Django Unchained“ bietet eine exquisit durchdachte wie klug „ausgespielte“, stimmige Handlung. Mit dabei schwarzem, doppelbödigem Gemein-Humor, etwa wenn er eine Klu-Klux-Klan-Bande (mit darunter: „Miami Vice“-Ikone DON JOHNSON und das „21 Jump Street“-„Dickerle“ JONAH HILL) geradezu lächerlich vorführt. Mit konsequenten Schund- und Wundbezügen zur „wirklichen“ Historie. Mit wunderbar cleveren, stimmungsvollen, pointierten Ironie-Dialogen (Christoph Waltz im Original dabei zuzuhören ist ein Genuss) sowie zahlreichen, Tarantino-gewohnten cineastischen Anspielungen (zum Beispiel auf seine geliebten schwarzen Billig-Rache-Reißer aus den 70ern). Plus einmal mehr wieder seiner exquisiten musikalischen „Dramaturgie“: Mit dem neu aufpolierten Django-Pop-Titelhit von damals, gesungen von Rocky Roberts, gleich als Vorspann-Einstieg, mit rebellischem schwarzen Hip Hop-Protest, Richie Havens „Freedom“-„Woodstock“-Hymne, einer Ballade von Jim Croce oder mal wieder mit diesen wunderbaren originalen Klängen eines ENNIO MORRICONE. „Django Unchained“ ist INSGESAMT ein imposantes, gewaltiges, grandioses, köstliches Meisterwerk von einem vielschichtigen, ganz großen Western. Mit viel originellem Polit-„Spaghetti“, lakonischem Spaß und tougher Philosophie. Samt einer brillanten Action-Choreographie.
Und vor allem überragenden Interpreten, vor allem in den „Dabei“-Rollen. Will heißen: „Oscar“-Star JAMIE FOXX („Ray“) steht zwar aufrecht ordentlich an der Vorder-Rampe, führt überzeugend durch die Ensemble-Show, aber seine Mit- wie Nebenakteure zeigen geradezu Außerordentliches. Schauspielerisch Sensationelles. Und bilden eigentlichen die darstellerischen Heros: CHRISTOPH WALTZ offenbart sich als cleverer Bewegungsmelder, als pointierter Seelenverwandter von Quentin Tarantino in Eleganz, Ironie-Posen; überzeugt enorm-dicht als kauziger, blitzgescheiter Kopfgeldjäger; LEONARDO DiCAPRIO kann als feiner Drecksack von Herrenmensch seine phantastischen dämonischen Charme-Qualitäten mal voll zur Geltung bringen, deftig lächelnd ausspielen (eine definitive „Oscar“-reife Darbietung); SAMUEL. L. JACKSON (Killer Jules und John Travolta-Partner in „Pulp Fiction“) ist zunächst gar nicht zu erkennen in seiner faustischen Maskerade und Doppelrolle als höfischer Diener seines Leonardo-Calvin-Herrn; er verbiegt und verbeugt sich listig-hinterhältig, hat sich längst profitabel wie verräterisch arrangiert mit seinem weißen Ausbeuter, bietet ein ekliges, prachtvolles Bild einer großen schwarzen widerlichen Schlange im Herrenhaus. Was für ein unglaublich prächtiger Auftritt dieses bulligen 63jährigen Stars.
Sowie FRANCO NERO, der Ur-Django, inzwischen 70, taucht auch auf, hat einen kleinen Part als Amerigo Vassepi, Besitzer eines Sklaven, der gegen einen „Champion“ von Leonardo-Calvin (vergeblich) kämpft. An der Bar trifft er den heutigen Django. Jamie Foxx. Bei einem Drink. Wie ER denn heißt, fragt Franco-Amerigo sein Gegenüber: „D-jango, aber mit einem weichen D“, antwortet der. „Ich weiß“, antwortet Franco Nero schelmisch. Und verschwindet. Ein würdevoller Abgang. Aus einem Meisterfilm, bei dem man gewiss auch das „technische“ Team um das Kamera-As und den dreifachen „Oscar“-Preisträger ROBERT RICHARDSON (zuletzt: „Hugo Cabret“) und den während der Dreharbeiten verstorbenen großartigen Set-Designer J. MICHAEL RIVA („Die Farbe Lila“; „Iron Man“) mit seinen atmosphärischen Bauten (von der schlammigen Western-Stadt bis zu den prächtigen Gebirgsbauten) unbedingt mit-erwähnen sollte. Ganz zu schweigen von der zudem exzellenten Ausstattung in Sachen Kostüme, Perücken und „Dynamit“. „Passt“ alles voll und vor allem ganz.
Der US-Amerikaner Quentin Tarantino liefert mit seinem neuesten Kinofilm ein glanzvolles Meisterstück ab. Erweist und zeigt sich als würdiger, treffsicherer Nachfolger von „Italo“-Western-Giganten-Vorbildern wie Sergio Leone & Sergio Corbucci, Unbelievable! (= 5 PÖNIs).