„EAST IS EAST" von Damien O'Donnell (GB 1999; B: Ayub Khan-Din, nach seinem gleichn. Bühnenstück; 96 Minuten; Start D: 18.05.2000; Video-Premiere: 23.11.2000; DVD-Veröffentlichung: 11.01.2001).
Großbritannien ist ein multikulturelles Land, obwohl die etwas mehr als 3 Millionen Ausländer 1998 nur einen Anteil von 5,5% der Gesamtbevölkerung bildeten. 477000 von ihnen sind Pakistani. Einer von ihnen heißt AYUB KHAN-DIN. Er wurde als 8. von 10 Kindern in einer englisch-pakistanischen Familie geboren und wuchs in einer streng moslemischen Atmosphäre auf. Eigentlich wäre es‚ schwierig gewesen, Schauspieler zu werden. Doch als Ayub an der Reihe war, einen Beruf zu ergreifen, waren die Eltern vom vielen Diskutieren mit den anderen Kindern so erschöpft, dass sie ihn gewähren ließen. Ayub wurde ein erfolgreicher Schauspieler und brillierte u.a. 1987 in der Hauptrolle des Stephen Frears-Filme “Sammy und Rosie tun es“. Mit seinem stark autobiographischen Bühnenstück “East Is East“ debütierte Ayub Khan-Din. Mitte der 90er Jahre als Autor. Danach verfasste er daraus das Drehbuch für die Verfilmung seiner Jugend-Erinnerungen.
Der Film “East Is East“ spielt Anfang der 70er Jahre in der nordenglischen Stadt Salford. Dort lebt die pakistanisch-britische Großfamilie Khan. Innerhalb der Familie herrschen zwei Weltanschauungen und viele Widersprüche und Spannungen. Während die 7 Kinder, 6 Söhne und 1 Tochter, längst den britischen, also westlichen Lebensstil aufgenommen und verinnerlicht haben, pocht Vater und Patriarch George (OM PURI) auf seine pakistanischen, also traditionellen Wurzeln.
Mutter Ella, eine bodenständige, fürsorgliche Engländerin, dient inmitten der familiären Turbulenzen als starker Puffer. Nachdem bereits ein Sohn die väterlichen Befehle satt und das Heim fluchtartig verlassen hat, will George, den seine Kinder spöttisch auch “Dschingis-Khan" nennen, sein Gesicht in der Gemeinde wahren. Und will nun seine beiden ältesten Söhne mit den Töchtern aus einer reichen Nachbarsippe “heimlich“ verheiraten. Neue Probleme sind vorprogrammiert.
Der neue britische Film “East Is East“ zählte im Vorjahr zu den erfolgreichsten in Großbritannien überhaupt. Mit sehr viel Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und typisch feinem-britischen Humor gelingt Regie-Debütant DAMIEN O‘DONNELL ein beeindruckender wie unterhaltsamer Balanceakt: Einerseits erzählt er sehr überzeugend vom Zusammenstoß der Kulturen und beweist dabei sehr viel Sinn und Geschmack für Situationen und Stimmungen. Und zeigt dabei sowohl Respekt wie auch Verständnis für traditionelle Werte. Andererseits blickt er aber auch ehrlich und direkt auf einen despotischen Vater, der verzweifelt um seine Identität und Kultur in der für ihn noch immer “fremden Umgebung“ ringt: George ist auch nach Jahrzehnten nie “richtig“ in England angekommen und heimisch geworden, während es ein Zurück für ihn nach Pakistan/in seine Heimat nicht mehr geben kann. Die Suche nach Werten und Wertigkeit treibt ihn jäh zur Verzweiflung.
Regisseur Damien O‘Donnell beleuchtet in “East Is East“ beide Seiten und Gefühl des Lebens und der Kulturen. Dabei imponiert, wie er ohne Schuldzuweisungen oder Denunzierung von Personen auskommt. Ein wunderbarer kleiner Film, der als humaner Appell für Toleranz und Verständnis NATÜRLICH nicht nur für englische Verhältnisse gilt. Ganz im Gegenteil: Mangels entsprechender heimischer Angebote ist dieser neue britische Film “East Is East“ genau die hervorragend, filmische Ergänzung zur kürzlichen BERLINER REDE des deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau über die Ausländerpolitik und die Ausländersituation hierzulande. Tenor dort wie hier: Ohne Angst und Träumerei verständnisvoll zusammenleben. Fazit also: "East Is East" oder ein kluger Film zur richtigen Zeit (= 4 PÖNIs)!
“Die Geschichte des Filmmusicals wurde im wesentlichen in den USA
geschrieben“ heißt es in ‘Buchers Enzyklopädie des Films‘. Und weiter:
“Außerhalb der USA kann von einer eigenständigen Tradition des Filmmusicals kaum die Rede sein“. Das ist natürlich richtig, doch “Woanders“ wurden im Verlaufe der Geschichte und Filmgeschichte auch Musikfilme/Musikkomödien gedreht, Zum Beispiel: “Im Sozialismus“. Hinter dem damaligen ‘eisernen Vorhang‘ tat man sich allerdings mit dieser eher “kapitalistischen Unterhaltung“ ziemlich schwer. Nur etwa 40 Musikfilme sind im gesamten Ostblock überhaupt entstanden. Das jedenfalls verlautet jetzt in dem neuen Film
„EAST SIDE STORY“ von Dana Ranga (Co-B+R; D 1997; 76 Minuten; Start D: 25.09.1997; Video-Premiere: Januar 2001); einem Dokumentarfilm über eben jenes Filmmusical-Schaffen in den ehemaligen Ostblockstaaten und der früheren DDR.
Der Film „East Side Story“ handelt also weniger vom Ernst und mehr vom
Vergnügen in und am Sozialismus. In der Kulturpolitik und dem daraus resultierenden Produktions- und
Auswertungsbedingungen waren die MUSICALS ausgesprochene Stiefkinder.
Helmut Hanke, Soziologe und Kulturwissenschaftler mit dem
Forschungsschwerpunkt Populärkultur, war als ehemaliges Mitglied im
Staatlichen Komitee für Unterhaltungskunst der DDR damals “mitten drin“
im politischen Geschehen und berichtet in dem Film darüber.
Selbstverständlich durften Lieder Ausdruck von Arbeitsfreude sein. Doch der sozialistische Realismus verbot choreographische Tanznummern auf dem Feld oder in der Fabrik. Stattdessen verwandelte man die Bewegungen der Arbeiter in Choreographien, die in ihrer überschäumenden Freude mit jeder Hollywood-Tanznummer gut und gern mithalten konnten. Aber: Es ging dabei eben nicht um ein privates Glück, sondern einzig um das Glück in der körperlichen Dauer-Arbeit.
„East Side Story“ zeigt sie endlich vor: Singende Schweinehirten, tanzende Matrosen, glückliche Hausfrauen, sozialistische Sommerferien, Cinderellas in der Fabrik. Produktionen aus der Sowjetunion, der CSSR, aus Rumänien, Polen, Bulgarien und der DDR waren mitunter verschwenderisch in Ausstattung, Inszenierung und Technik und professionell bemüht, auch dem “sozialistischen Zuschauer“ gute Unterhaltung zu bieten.
Einer der wenigen und auch noch satirischen DDR-Musikfilme heißt “Revue um Mitternacht“. Er entstand unter der Regie von Gottfried Kolditz zur Zeit des Mauerbaus. Also eben zu jener Zeit, als auf der
gegenüberliegenden Westberliner Seite gerade Billy Wilder die Polit-Komödie “Eins, zwei, drei“ schuf. “Revue um Mitternacht“ handelt von den Schwierigkeiten, die ein DEFA-Team bei der Verwirklichung eines Musikfilms hat. Über eine Million Menschen sahen im Sommer 1962 diesen Film innerhalb von nur 2 Monaten. „Revue um Mitternacht“, in Breitwand und 6-Kanal-Ton und mit Manfred Krug in einer der Hauptrollen gedreht, zählt zu den komischen Entdeckungen in diesem amüsanten Reigen der Ostblock-Musicals.
Der Dokumentarfilm „East Side Story“ bietet mit zahlreichen Filmausschnitten und Interviews der Akteure von einst einen ebenso unterhaltsamen wie informativen Einblick in eine bis dahin unbekannte Welt des „sozialistischen“ Musicals (= 3 ½ PÖNIs).
„EASY VIRTUE – EINE UNMORALISCHE EHEFRAU“ von Stephan Elliott (Co-B+R; GB/USA 2008; 97 Minuten; Start D: 24.06.2010); der heute 45jährige australische Regisseur und Drehbuch-Autor hat bislang einmal „größer“ von sich filmisch-reden lassen, nämlich mit seiner 1994er Schräg-Hit-Komödie um zwei „Drag-Queens“ in der australischen Einöde: „Priscilla – Königin der Wüste“. Hier nun adaptiert er das gleichnamige Theaterstück des britischen Schriftstellers, Schauspielers und Komponisten NOEL COWARD (1899 – 1973) aus dem Jahr 1924. Das kein Geringerer als ALFRED HITCHCOCK 1928 als – weitgehend vergessenen – britischen Stummfilm erstmals (und ebenfalls unter dem originalen Coward-Titel „Easy Virtue“) verwandte. Weil es sein späteres Lieblingsdauerthema beinhaltete: Die herrschende bzw. beherrschende Mutter als manipulative und zerstörerische Familien-Furie.
„Easy Virtue“, sinngemäß übersetzt „Leichtes Mädchen“ („ohne Tugend“), spielt im Britannien der 20er Jahre. Bei „feinen adligen Pinkels“ auf ihrem familiären Landsitz. Dort herrscht Mrs. Whittacker (KRISTIN SCOTT THOMAS). Die großen, SEHR großen Wert darauf legt, dass die Upperclass-Fassade stets gewahrt bleibt. „Lächeln“, immer lächeln, lautet die ständige Parole. „Mir ist aber nicht danach“, motzt eine der Töchter, „Du bist Engländerin, also tu so als ob“, grinst unterkühlt-ironisch der Hausherr, Colonel Whittacker (COLIN FIRTH), zurück. Man versteht sich untereinander, sagen wir mal, „nicht so doll“.
Seit Papa aus dem Ersten Weltkrieg beschädigt und desillusioniert zurückgekehrt ist und als depressiver Zyniker nur noch bei den permanenten Verbalduellen mit seiner Gattin „aufblüht“, hat Mrs. das absolute Sagen. Und weil die „nicht so sehr gelungenen“ Töchter Marion (Katherine Parkinson) und Hilda (Kimberley Nixon) weder Charme noch Originalität besitzen/verströmen, setzt die resolute Hausherrin alle Hoffnungen auf ihren Stammhalter John (BEN BARNES). Sprich - auf eine sowohl standesgemäße wie lukrative Verbindung für bzw. mit ihm.
Als John aber aus den USA zurückkehrt, hat er sich schon ehelich entschieden. Für die toughe wie platinblonde Amerikanerin Larita (JESSICA BIEL), eine fröhliche Witwe und erfolgreiche Rennfahrerin. Larita hat soeben den Grand Prix von Monaco gewonnen, John hat sich sofort in sie verliebt. Eine Spontan-Heirat. Mit Folgen, denn Mama ist entsetzt. „So eine“ wünscht sie sich keinesfalls im Haus. Eine, die „offen“, also öffentlich raucht und von Fuchsjagden, Fünf-Uhr-Tee-Zeremonie und Kreuzworträtseln gelangweilt ist. Die mit dieser ständig ausströmenden offenen Doppelmoral überhaupt nichts anzufangen weiß. Klar und deutlich: Weibliche wie mütterliche Abneigung pur. Fortan bemüht sich die Schwiegermama nach bzw. mit snobistischen Gemeinkräften, tatkräftig unterstützt von ihren „komischen“ Töchtern, die Beziehung der Jungvermählten „kaputt“ zu kriegen. Doch da hat sie „das amerikanische Blondchen“ im Hause gehörig unterschätzt. Denn Larita nimmt den Zickenkrieg – zunächst - voll an.
Regisseur Stephan Elliott und Co-Autorin Sheridan Jobbins entwickeln ihren Stoff auf hintergründige Weise. Die unruhigen 20er Jahre. Sprich - der gesellschaftliche Tanz auf dem Vulkan. Die Neuorientierung nach schlimmen Kriegsjahren. Während „die Einen“ auf den konventionellen, traditionellen und für sie unveränderbaren Regeln und Formen bestehen, beginnen „für Andere“ die Veränderungen, die Neuzeit. Die Regel-Änderungen. Daraus entsteht unaufdringlich, angehaucht Reiz Nr.1, der schöne Schein und das prekäre Sein. Drumherum aber entsteht „das thematische wie darstellerische Fleisch“: Das wahre Reiz-Klima: Der virtuose Weiber-Zoff. Körpersprachlich wie per messerscharfer Sprache. Worte als listige Revolverkugeln. Pointiert, geistreich, unverschämt, witzig. Süffisant doll schwarz. Frau und Frau provozieren wunderbar. Sarkasmus allerorten. Mit (sehr) viel Hexen-Charme. Auf beiden Seiten. Männer spielen hier nur eine untergeordnete Rolle. Sie zeigen sich schwächlich, ausgebrannt, bisweilen auch begriffsstutzig (was zumindest Mama-Boy John angeht).
Die Frauen müssen in den Ring, um „die Dinge“ zu klären. Und WIE sie hier DAS anstellen, ist allererste Darsteller-Sahne. Die einmal mehr großartige KRISTIN SCOTT THOMAS („Der englische Patient“; „Der Pferdeflüsterer“; „So viele Jahre liebe ich dich“) lässt als Mrs. Whittacker die unterkühlten Funken blitzen, versprüht mit ihrer Lady feinen standesgemäßen wie köstlich subversiven Charme. COLIN FIRTH („A Single Man“; „Mamma Mia!“) hält sich als „diskreter Seelenverwandter“ vom selbstbewussten „Ami-Bubikopf“ Larita mit wunderbar treffsicheren Verbal-Giftpfeilen wacker. Eine tolle Überraschung aber ist Hollywood-Weib JESSICA BIEL („Chuck und Larry – Wie Feuer und Flamme“, neben Adam Sandler + Kevin James/2007; „Der Illusionist“, neben Edward Norton/2006/DVD), die bislang eher mehr „physisch“ denn „charakterlich“ auf der Leinwand präsent war. Sie darf endlich einmal das blonde Model-Dummchen ablegen und prächtigen femininen Seelen-Ausdruck präsentieren. Mit vielen augenzwinkernden Paroli-Attacken bezaubert die 28jährige dann auch als komische Begabung, etwa wenn es gilt, das versehentlich erstickte, heißgeliebte Schoßhündchen der Grusel-Schwiegermutter auf der Couch „zu verdecken“. Eine „faszinierende Emanze“, ein sympathischer weiblicher Clown.
Wie überhaupt diese ganze Chose hier fesch-fein unterhält. Komponist MARIUS DE VRIES („Moulin Rouge“) mixt gekonnt Titel von Noel Coward mit Klassiken von Cole Porter mit Pop-Hits wie „Sex Bomb“ (Tom Jones) und „Car Wash“. Ein stimmungsvoller Stilbruch, zu dem auch eine hinreißende Jazz-Version der ausgebildeten Sängerin Jessica Biel passt, wenn sie Billy Oceans „When the Going Gets Tough the Tough Get Going“ interpretiert.
Was also für ein Vergnügen und was für eine sinnliche, vitale Kino-Alternative zum gegenwärtigen WM-Fußball in Südafrika. Allerdings - was auch für ein blöder deutscher Zusatztitel. „Eine unanständige Ehefrau“, bah. Einfältig, viel zu banal. Mittendrin fällt einmal der WAHRE SPRUCHTITEL für dieses exzellente Amüsement-hier:
„SEIEN WIR UNANSTÄNDIG!“. Genau, das wär´s titelmäßig gewesen und träfe voll und ganz den britisch-ironischen Spott-Spaßkern…..: „SEIEN WIR UNANSTÄNDIG!“, prima. Bzw. – nur zu (= 4 PÖNIs).
„EAT PRAY LOVE“ von Ryan Murphy (Co-B+R; USA 2009; 140 Minuten; Start: 23.09.2010); der 44jährige US-Drehbuch-Autor und Regisseur ist bei uns unbekannt. Er startete seine Laufbahn als Journalist, fing dann an, Drehbücher zu verfassen, landete beim amerikanischen Fernsehen, wo er u.a. für die schwarzhumorige Comedy-Serie „Popular“ (1999-2001) als Autor und Produzent und für die (mit dem „Golden Globe“) preisgekrönte Hit-Reihe „Nip/Tuck – Schönheit hat ihren Preis“ (2003-2010) als Erfinder, Autor und Regisseur zuständig war.
2006 schuf er mit „Krass!“ (O-Titel: „ Running with Scissors“) seinen ersten Kinofilm. Ein Coming-of-Age-Drama nach dem autobiographischen Bestseller von Ryan Murphy, mit Promi-Besetzung wie Annette Bening, Joseph Fiennes, Evan Rachel Wood, Alec Baldwin + Gwyneth Paltrow, das hervorragende Kritiken bekam.
Auch bei seinem 2. Kinofilm adaptiert Murphy wieder einen literarischen Bestseller: 2006 veröffentlichte die (damals 37jährige) amerikanische Schriftstellerin ELIZABETH GILBERT ihren Reisebericht „Eat Pray Love“; späterer deutscher Buch-Untertitel: „Eine Frau auf der Suche nach allem quer durch Italien, Indien und Indonesien“. Das Buch verkaufte sich weltweit über 8 Millionen mal und wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Traf einen Nerv. Besonders bei Frauen. Eigentlich ein simples Thema: Selbstfindung. Beziehungsweise – die Suche danach. Aussteigen heute.
„Essen Beten Lieben“ erzählt von Liz Gilbert. Einer Reise-Journalistin in den BESTEN JAHREN. Liz ist an einem Lebens-Punkt angelangt, wo vieles stagniert: Beruf, Ehe, überhaupt. Die „üblichen Gedanken“ und Fragen in den Bald-Lebens-Vierzigern: War es DAS? Weswegen man sich so abgestrampelt hat? „Passiert“ noch was? Oder ist es vernünftiger, gar besser, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben/abzufinden? Es läuft doch im Grunde ganz gut. Ganz ordentlich. Also? Aber da ist diese Unruhe, da entstehen diese Bilder, Wünsche, Ideen. Von bzw. vom MEHR. Liz trifft „unangenehme“ Entscheidungen. Erst die Scheidung, dann auch die Trennung vom Lover. Neue INSPIRATIONEN müssen her. Andere Orte. Aufenthaltsorte. Neue Menschen. Neue Empfindungen, Eindrücke, Erlebnisse.
Also macht sie sich auf ihren langen Weg. Um die Seele wieder voll zu tanken. Ohne Zeitlimit, ohne Druck. In Italien paaren sich Nichtstun und Essen. Gutes Essen. Ohne (Kalorien-)Tabellen. Mit sympathischen Zeitgenossen. (Wer sagte, genussvolles Essen ist der bessere Sex im Alter?).
In Indien beginnt sie sich, in der Meditation zu begreifen. Mit einem „engagierten“ wie traurigen Texaner im Schlepptau (wieder einmal famos, der 62jährige RICHARD JENKINS; 2007 „Oscar“-nominiert für die Hauptrolle in „“The Visitor – Ein Sommer in New York“). Der hat – alkoholbedingt – seine Familie zuhause verloren und sucht ebenfalls nach dem seelischen Gleichgewicht. Zugleich beginnt Liz mit der Dauerfreundschaft zu einer alleinerziehenden Apothekerin. Die letzte Station heißt Bali. Dort könnte Liz die spirituelle wie emotionale Erfüllung finden.
WIE, DAS war´s? JA. Kitschig, nicht wahr? Nö. Aber doch ziemlich verhuscht, oder? Nö. Aber irgendwie porentief blöd, ja? Nö. Aber das riecht doch nach Kunstgewerbe, Postkarten, Touri-MUS-Augen? Nein. Warum soll an dem persönlichen, individuellen Motto „Ich bemühe mich, für MICH etwas zu tun“ unbedingt etwas/alles dämlich sein? Ein Mensch, eine Frau fühlt „was“. Kann DAS aber lange Zeit nicht definieren noch rational vermitteln. Also hält man sie für überkandidelt. Doch sie besteht auf IHREM ICH und macht Dinge, die „man“, hier „frau“, allgemein nicht machen. Sollen. Dürfen. Sinn-Suche im 21. Jahrhundert? Und dann eben nicht von einem neurotischen Tarzan, sondern von so einer „verhuschten Fregatte“??? Na gut, diese wird von der „Oscar“-Preisträgerin, der 42jährigen JULIA ROBERTS, personell „gefüllt“, doch die gute Julia, die sowohl als „Pretty Woman“ (1990) bezauberte wie auch als „Erin Brockovich“ (2000/“Oscar“) überzeugte, macht daraus eben keine Julia-Roberts-Lächel-Show: „Eat Pray Love“ ist nicht die Performance eines attraktiven Hollywood-Stars, sondern die unterhaltsame wie reizvoll-spannend-mühevolle Geschichte um eine außerordentlich „proppere“ tolle Frau. Die bereit ist, alle Bequemlichkeiten ihrer bisherigen Existenz abzustreifen, um weiterhin Sinn und Spaß am Leben zu haben. Dafür ist sie bereit, Konventionen, Regeln zu übertreten, zu brechen. Nur für sich. Das ist es.
Julia Roberts fügt sich „voll“ ein - das heißt:
NATÜRLICH ist JULIA ROBERTS nach ihrer Baby-Pause wieder einmal „groß“, reizvoll, die volle Leinwand-Breite prächtig, charmant, melancholisch füllend. Na und? Wir befinden uns im Kino. Wo Kopf UND Bauch angesprochen sein wollen. Wie hier. Und wo zudem auch noch die Augen mit phantastischen Gegend-Motiven prächtig aufblühen dürfen. Schöne Landschaften-pur. Auch DAS noch (Kamera: Der 2fache „Oscar“-Preisträger ROBERT RICHARDSION/“Aviator“ + „JFK – Tatort Dallas“). Zudem setzt der italienische Komponist und „Oscar“-Preisträger DARIO MARIANELLI („Abbitte“) auch noch stimmungsvolle Soundtrack-Begleitzeichen, meine Güte.
„Eat Pray Love“ tut gut. Emotional, bisweilen gedanklich, manchmal auch nicht. Wenn es nur plappernd plätschert. Doch immer halt jut (= berlinerisch für zusagende Empfindungen).
Den Kollegen RICHARD JENKINS habe ich schon gelobt, was für ein Akteur, auf den endlich auch des Öfteren die Leinwand-Sonne verdientermaßen gerichtet ist. Der Penélope Cruz-Gatte JAVIER BARDEM (40/“Oscar“-Preisträger für seinen fiesen Killer-Wüterich in „No Country for Old Men“) kommt als „schmuse-bäriger“, tougher Lover-Held in der tobenden Brandung daher und schön-weich-„männlich“ und schließlich „passend“ atmosphärisch ´rüber.
DER darstellerische Guru-Knaller aber ist zweifellos dieser charmige, fast zahnlose, wunderbar törichte indonesische Medizinmann KETUT LIYER, der die Liz-Julia verschmitzt-köstlich-weise schließlich „in die seelische Spur“ lenkt. Ein wunderbarer „Natur-Entertainer“.
Hey, entspannt Euch. Auch die Kerle. DIE dürfen, mit ihrer weiblichen Seite, gerne wie ruhig „mitfiebern“. Es ist okay, also schmackhaft: Essen, beten (na ja), lieben…, warum denn nicht??? (= 3 ½ PÖNIs).
„EFFI BRIEST“ von Hermine Huntgeburth (D 2007/2008; 118 Minuten; Start D: 12.02.2009); einer in Paderborn geborenen deutschen Filmemacherin, die sowohl im Kino („Die weiße Massai“/2005, mit Nina Hoss; „Bibi Blocksberg“/2002; „Das Trio“/1997, mit Götz George) wie auch im Fernsehen („Der Hahn ist tot“/2000; „Teufelsbraten“/2007) aktiv ist. In ihrem neuesten Spielfilm, der mit 6,5 Millionen EURO budgetiert war und u.a. im September 2007 auf Schloss Hoppenrade in Brandenburg gedreht wurde, nimmt sie sich ein gutes Stück deutscher Literatur vor:
„Effi Briest“ ist die Titelfigur des gleichnamigen Romans von THEODOR FONTANE (30.12.1819/Neuruppin – 20.9.1898/Berlin), erstveröffentlicht im Jahr 1895. Der im Preußen des späten 19. Jahrhunderts angesiedelte Roman blickt auf das durch strenge Normen festbestimmte Privatleben im Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von Bismarck. Effi Briest ist eine junge Frau von kindlichen 17 Jahren aus gutbürgerlichem Hause, die von ihren Eltern bzw. mehr von ihrer Mutter an einen der früheren Verehrer der Mama „verschachert“ wird, an den fast 20 Jahre älteren Baron von Innstetten. Sie fügt sich dieser Vernunfts-Ehe, wird aber – weit fernab ihrer Heimat Preußen, am Ostsee-Küstenort Kessin – in dieser Beziehung wie auch an diesem verschlafenen Ort weder glücklich noch zufrieden. Ihr Ehemann erweist sich als gefühlsarmer Typ, der sich voll und ganz seiner politischen Karriere widmet und sie oft alleine in dem riesigen „Spuk-Haus“ mit seiner insgeheim eifersüchtigen Haus-Dame Johanna zurückläßt. Neun Monate nach der Hochzeit wird, „pflichtgemäß“, ein Kind geboren, das Mädchen Annie. Als Major von Crampas in der Gegend auftaucht, ein Regimentskamerad Innstettens, kommt es zwischen Effi und ihm zu einer leidenschaftlichen Affäre. („Ist das jetzt Liebe? Nein – das ist Freiheit!“). Die erst endet, als Innstetten nach Berlin versetzt wird. Dort entdeckt er, 6 Jahre danach, die Liebes-Briefe von Crampas an seine Frau. Innstetten, ein Mann mit Prinzipien, fordert Crampas zum Pistolen-Duell und tötet ihn. Die Ehe wird geschieden, Effi wird von ihren Eltern verstoßen, doch anders als bei Fontane, wo sie mit 29 Jahren an gebrochenem Herzen stirbt, kommt sie hier „in die Puschen“ und geht zuletzt ihrer eigenständigen, emanzipatorischen Wege.
Es ist die bereits 5. Verfilmung dieses bekannten, populären deutschen Literatur-Stoffes. Nach MARIANNE HOPPE in „Der Schritt vom Wege“ von Gustaf Gründgens (1939); RUTH LEUWERIK in „Rosen im Herbst“ von Rudolf Jugert (1955); ANGELICA DOMRÖSE in „Effi Briest“ von Wolfgang Luderer (DDR 1968) und HANNA SCHYGULLA in „Fontane Effi Briest“ von Rainer Werner Fassbinder (1974) spielt nun die 30jährige JULIA JENTSCH die lebenssüchtige, unterforderte, leidenschaftliche junge Frau. Einem größeren Kino-Publikum wurde die in West-Berlin aufgewachsene ausgebildete Schauspielerin durch ihre Hauptrolle in „Die fetten Jahre sind vorbei“ von Hans Weingartner („Jury-Preis“ in Cannes 2004) und vor allem durch ihre großartige Titelrolle in dem vielfach ausgezeichneten Drama „SOPHIE SCHOLL – Die letzten Tage“ (2005) bekannt. Neben dem „Silbernen Berlinale-Bären“ und dem „Deutschen Filmpreis“ als „Beste Hauptdarstellerin“ erhielt Julia Jentsch auch den „Europäischen Filmpreis“ für die „Beste Hauptdarstellerin“. (Der Film wurde zudem für den Auslands-„Oscar“ nominiert).
Was die Briten mit ihren Jane-Austen-Adaptionen gelingt („Stolz und Vorurteil“), sollte doch auch hierzulande möglich sein: Ein großes deutsches wie historisches Gesellschaftspanorama neu „zu entdecken“; so jedenfalls war Produzent GÜNTER ROHRBACH motiviert. Allerdings: Diese neuerliche Adaption des Fontane-Werks, das gerade anläßlich der „Goldenen Kamera“-Verleihung an den 80jährigen ehemaligen „Dr. phil“-Geschäftsführer der Münchner Produktionsfirma „Bavaria“ in einer Berlinale-Special-Gala uraufgeführt wurde, gibt sich – gegenüber der ebenso kraftvollen wie tragischen Original-Literatur - „anders“; sowohl „herber“ wie aber auch „softer“: Effis Entjungferung in der Hochzeitsnacht kommt einer Art „Vergewaltigung“ gleich, während die „heißen“ Liebesszenen mit dem Major bei den heimlichen Treffs in der Standhütte nichts an Deutlichkeit vermissen lassen. Und am Schluss dann, als alles „ausgestanden“ ist, sieht man Effi Briest stolz an ihrem (staunenden) Ex-Mann auf der Straße vorbei“flanieren“, sozusagen hinein in die emanzipatorische Frauen-Freiheit.
Dieser Film tut heute nicht weh, berührt nur oberflächlich, bewegt sich „im gepflegten Ausbruchsrahmen“, besitzt/bewegt kaum emotionale Schmerzgrenzen. Seelische Frauen-Qual als „gepflegtes Stück deutsches Unterhaltungskino“, mit prächtigen See- und Alt-Berlin-Motiven, inmitten eines schönen Ausstattungsrahmens und „ordentlichen“ Schauspielern „Effi-light“ sozusagen, die Seele des Romans nett verscherbelnd. Julia Jentsch als Effi und SEBASTIAN KOCH („Das Leben der Anderen“) „bedienen“ ihre Figuren “überschaubar“; Misel Maticevic (neulich bei Caroline Link: „Im Winter ein Jahr“) als Liebhaber-Major bleibt bläßlich; Rüdiger Vogler mimt routiniert den gütigen Dorf-Apotheker-Helfer Gieshübler. Von darstellerischem Reiz und interessanterer Personen-Spannung sind dagegen die „unbequemen“ „Effi-Eltern“ JULIANE KÖHLER („Der Untergang“) und der in seinen kurzen Momenten brillante THOMAS THIEME (der tückische DDR-Minister in „Das Leben der Anderen“). Er vor allem läßt diese doppelbödige, unangenehme, falsche Zeit-Moral spüren und deuten. Fazit also: Diese neue „Effi Briest“-Verfilmung atmet, innerlich wie äußerlich, (viel zu viele) beliebige Freundlichkeit und laue Bequemlichkeit anstatt für Wut, Provokation und gesellschaftskritische Schärfe zu sorgen. Eine hübsche, preußische Atmo- Posse (= 3 PÖNIs).