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Gastkritiken

Gastkritik 1 von Hans-Jürgen "Tatze" Günther

ENTRE LES BRAS – 3 Sterne, 2 Generationen, 1 Küche" ein Dokumentarfilm von Paul Lacoste (Fr 2011; 90 Minuten; Start D: 09.08.2012).

Vor gut zehn Jahren drehte Paul Lacoste den Dokumentarfilm „Inventing Cuisine: Michel Bras“ über den Drei-Sterne-Koch Michel Bras und sein Restaurant „Le Suquet“ in der südfranzösischen Region Aubrac. Der nun folgende zweite Teil der „Bras-Saga“ entstand aus Anlass eines Generationenwechsels: Michel und seine Frau Ginette übergeben das Restaurant an ihren Sohn Sébastien und dessen Frau Veronique.

Kein leichter Abschied, denn wie alle Spitzenköche ist Michel Bras natürlich ein „kulinarischer Überzeugungstäter“, ein höchst anspruchsvoller gastronomischer Perfektionist, der besser als jeder andere weiß, was in der Küche getan werden muss. Zum Beispiel neue, spannende, gewagte, extravagante Gerichte kreieren – und die nötigen Zutaten sehr früh am Morgen auf den regionalen Märkten einzukaufen. Und selbstverständlich muss man die – mittlerweile 65köpfige - Küchen- und Service-Crew immer im Griff haben.

Hiervon berichtet dieser Film mit teilweise exakten, aber oft auch zu flüchtigen, in besten Momenten stimmungsvollen und liebevoll komponierten Bildern sowie eher knappen, wortkargen Dialogen. Darauf hätte sich Lacoste auch beschränken sollen. Leider aber franst der Streifen schon nach kurzer Zeit ziemlich ziellos aus. Elegische Großaufnahmen der Protagonisten, fröhliche Feiern, stimmungsvolle Landschaftsbilder, Hausmusik, ein Trip nach Japan, der Kontrast zwischen einer leckeren Butterstulle der Großmutter und hyperkomplexen Kreationen aus Reis-Crackern, Brombeeren und Milchhaut. Vor lauter zusammenhanglosen Sequenzen und allzu beliebigen Impressionen verliert der Film sein eigentliches Thema aus den Augen.

Am Ende hat man als Zuschauer eigentlich nichts dazu gelernt. Das ist eindeutig zu wenig für ein derart ambitioniertes Thema. Ein Film nicht fürs Kino, sondern fürs Nachtprogramm des TV-Senders Arte (= 2 Pönis).

Gastkritik 2 von Alex Lohse

Wenn es im Moment einen Film gibt, der quasi als Verfilmung unserer tagesaktuellen Schlagzeilen zum Thema Dioxin in Eiern und Schweinefleisch durchgeht, dann ist es dieser amerikanische Dokumentarfilm,

Food, Inc. -Was essen wir wirklich?" von Robert Kenner (USA 2008; 94 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 5.11.2010).

"Food, Inc." - übersetzt in etwa „Die Nahrungsmittel AG“ - eröffnete 2009 das „kulinarische Kino“ der Berlinale , unser Berliner Sternekoch Tim Raue verpasste dem Film das Qualitätssiegel „großartig“ und bekochte damals das beeindruckte Premierenpublikum im Friedrichstadtpalast mit Kürbiseintopf. Einen deutschen Verleih fand der Streifen dennoch nicht, er wurde aber 2010 geadelt durch eine Oscarnominierung und ist Anfang November auf DVD und BluRay erschienen.

Der amerikanische TV-Dokumentarfilmer Robert Kenner – übrigens kein Körnerfresser, sondern ein bekennender Hamburger-Fan - arbeitete über 6 Jahre an diesem Film, dessen Grundprämisse vom deutschen Titel gut zusammengefasst wird. Was ist eigentlich drin in unserem Essen in den vielen bunten Verpackungen im Supermarkt? Unter welchen Bedingungen wird es hergestellt und haben Landwirtschaftsbetriebe noch irgendetwas zu tun mit den Bildern von Fachwerkbauernhöfen und auf grünen Wiesen grasenden Kühen, wie sie uns von unseren Butter- und Wurstverpackungen noch in Erinnerung sind? Kenner möchte den Schleier lüften, den die Nahrungsmittelindustrie – und das sind in der Mehrheit nur noch einige wenige Riesenkonzerne, die transparentes Geschäftsgebaren scheuen wie der Teufel das Weihwasser – uns beim Betreten eines Supermarktes vor die Augen hält.

Der geneigte Zuschauer ahnt insgeheim schon, was jetzt kommt, denn ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen der Nahrungsproduktion kann als Resultat nur einen Horrorfilm hervorbringen – allein das sagt schon eine Menge darüber aus, wie es um Nahrungsmittelproduktion und Tierhaltung im 21. Jahrhundert bestellt ist. Im Fernsehen würde man jetzt 30 Sekunden tote Kälberhälften betrachten und schnell das Programm wechseln – halb aus Ekel, halb aus schlechtem Gewissen, aber hier bleibt man gefesselt. Und das liegt daran, dass dieser Film nicht auf Schockeffekte setzt, sondern auf eine messerscharfe Analyse der teilweise wirklich unglaublichen – vor allem unglaublich profitorientierten – Bedingungen, unter denen unser Essen produziert wird. Natürlich bleiben unappetitliche Szenen bei diesem Sujet nicht aus, das wäre, als wolle man einen Cowboyfilm ohne Pferde drehen, aber Kenner baut v.a. auf solide Recherche. An seine Seite holte er sich Michael Pollan – Bestsellerautor und DER Nahrungsmittelkritiker in den USA schlechthin - und Eric Schlosser, dessen Buch „Fast Food Nation“ 2006 immerhin von Richard Linklater verfilmt wurde.

Und was dieses Autorenteam für ein beziehungsreiches Netz an gut recherchierten Fakten aufspannt und visuell aufbereitet, das beeindruckt: die Geschichte McDonalds, was es bedeutet, wenn Kühe nicht mehr Gras, sondern maisbasierte Futtermittel bekommen (der Futtermittelskandal klingt uns ja noch in den Ohren), wie es klingt und aussieht, wenn man 30000 Hühner in einen verdunkelten Stall sperrt, was passiert, wenn man Qualitätskontrollen den Konzernen selbst überlässt, welche Macht die Lebensmittellobby hat und wie gefährlich unser Essen wirklich geworden ist, wenn es in raumschiffartigen Fabriken produziert wird, durch die die Kamera wie in einem Startrekfilm schwebt, das zieht einen in den Bann wie ein komplex konstruiertes Mafiaepos. Mit jeder Minute in der Food, Inc. die Pappfassade herunterreißt, die die Nahrungsmittel-industrie zwischen uns und unserem Essen aufgestellt hat, wird man wütender, weil man weiß, da sitzt kein Marlon Brando als schauspielernder Pate und verfolgt kriminelle Ziele, sondern die Nahrungsmittel-Mafia ist real, und sie bekommt täglich unserer Geld an der Supermarktkasse.

Was eine besondere Qualität dieser Dokumentation ausmacht, ist, dass sie uns nicht alleine lässt mit unserer Wut und der trostlosen Wahrheit, dass wenn man weiß, wo das Hühnerfilet herkommt, man es möglicherweise nicht mehr essen möchte. Robert Kenner zeigt uns nämlich Alternativen, Erfolgsgeschichten von Firmen und herkömmlichen Bauernhöfen, die außerhalb dieses kranken Systems durchaus erfolgreich daran arbeiten, unter dem Siegel biologischer, nachhaltiger Landwirtschaft wieder Nahrung zu produzieren, die nicht krank macht und ethisch weniger fragwürdig ist.

Natürlich ist diese Dokumentation ausgerichtet auf die amerikanische Landwirtschaft, dies war sicher einer der Gründe, warum ein oscarnominierter Film in Deutschland keinen Verleiher fand. Aber fast alle Entwicklungen in der Landwirtschaft sind 1:1 auf Deutschland übertragbar, zT sind es auch hier die selben multinationalen Großkonzerne, die die Supermarktregale, Schlachthäuser und Felder kontrollieren. Umso wichtiger, dass man sich nun auch hierzulande auf DVD informieren kann über ein Thema, das wirklich jeden von uns betrifft. Denn, wie Robert Kenner eingangs erklärt: Wie und was wir Menschen essen hat sich in den letzten 50 Jahren grundlegender verändert als in den letzten 10000 Jahren. Kurzweiliger und intellektuell anregender und aufregender kann man die Folgen dieser Entwicklung nicht darstellen. Und hochaktuell bleibt dieser Film auf Jahre, denn nach dem Lebensmittelskandal ist inzwischen leider immer auch vor dem nächsten Lebensmittelskandal (=4 LOHSIs).

Anbieter: "Sunfilm"

Gastkritik von Carrie Steinkrug

FRANKENWEENIE" von Tim Burton (USA 2012; B: John August nach einer Idee von Tim Burton; K: Peter Sorg; M: Danny Elfman; 87 Minuten; schwarz-weiß; Start D: 24.01.2013); ist sein vierter Puppen-Animations-Film nach VINCENT (1982), NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS (1993; unter der Regie von Henry Selick) und CORPSE BRIDE (2005), der im Stop-Motion-Verfahren hergestellt wurde und somit eine lange Erfolgs- und ganz eigene Liebesgeschichte des Regisseurs fortsetzt. Wie immer mit an Bord ist sein Haus- und Hofkomponist DANNY ELFMAN, der hier wieder einmal beweist, dass er sehr eindrucksvoll in die traditionellen Fußstapfen namhafter Komponisten (wie beispielsweise die von Hitchcock-Musiker BERNARD HERRMANN) tritt. Denn sie steigen nun wieder auf aus ihren Gräbern: die Geschöpfe der alten schwarz-weißen UNIVERSAL-Horrorklassiker, begleitet von dumpf-wabernden, düsteren Melodien – doch dazu später mehr.

Zunächst einmal sei erwähnt, dass die Geschichte von FRANKENWEENIE bereits 1984 als Vorfilm für die „Neu-Kinofassung“ von DISNEY`S PINOCCHIO veröffentlicht werden sollte, was allerdings von der Führungsseite der berühmten Zeichentrickstudios abgelehnt wurde. Diese empfand den 25-minütigen - zu dieser Zeit noch mit realen Schauspielern gedrehten Kurzfilm - als zu brutal für das von ihnen anvisierte Kinderzielpublikum. Denn wie der Name des Filmes schon vermuten lässt, stellte auch damals schon die Erzählung einen klaren Bezug zur alten FRANKENSTEIN-UNIVERSAL-Verfilmung von JAMES WHALE (1932) her, welche natürlich wiederum auf der Grundlage von MARY SHELLY`S berühmten Gothic-Roman basierte.

In diesem Sinne begegnen wir als Zuschauer bei BURTON auch heute wieder dem gerade einmal zehnjährigen Victor Frankenstein (im Englischen gesprochen von CHARLIE TAHAN / im Deutschen synchronisiert von NIKLAS MÜNNIGHOFF), der mit seiner Familie und seinem geliebten Pit-Bull-Terrier Sparky in einer kleinen Vorstadt namens „New Holland“ lebt. In dieser tummeln sich ziemlich „burtonesk“ (ein Begriff, der gerne auf Filme angewandt wird, die düster, überspannt und verschroben sind) skurrile Figuren aller Art, die ihre vorstädtische Idylle mehr oder weniger zelebrieren. Und das bedeutet konkret: Barbecues, Baseball, Gartenpflege und allerlei öffentliche Veranstaltungen, an denen sich vorrangig „Mr. Bürgermeister“ (im Originalton gesprochen von TOM KENNY / im Deutschen mit der Synchronstimme von ALEXANDER DUDA) erfreut. Doch Victor ist anders als die Anderen. Denn er liebt die Wissenschaft – mit Leib, Seele und vor allem mit sehr viel Herz!

Diese Charaktereigenschaft kommt ihm letztlich auch zugute als es eines Tages zu einem tragischen Autounfall kommt, bei welchem der „Franken-Teenie“ seinen besten Freund Hund Sparky verliert. Inspiriert durch den Unterricht seines Naturwissenschaftslehrers Mr. Rzykruski (mit der Stimme des berühmten und ebenso grandiosen MARTIN LANDAU / bei uns im Deutschen gesprochen von ERICH LUDWIG, der bereits die Ehre hatte in Burtons Bio-Pic über den amerikanischen B-Movie Regisseur ED WOOD (1994) den legendären Schauspieler Bela Lugosi zu verkörpern, beschließt der Junge, sein geliebtes Haustier in klassischer Frankenstein-Labormanier wieder zurück ins Leben zu holen. Mit Erfolg! Aber während die beiden „Kumpel“, ein Wort mit welchem Victor seine Verbindung zu Sparky immer wieder sanft umschreibt, ihre Wiedervereinigung feiern, wittern bereits die unterschiedlichsten Neider ihre ganz eigene Chance, mit Victors eindrucksvollem Sieg über den Tod, beim Wissenschaftswettbewerb in der Schule den Pokal einzuheimsen... Und so beginnen die „Frankenstein-Kinder“ von „verbotenen“ Früchten zu naschen, die sie auf eine gefühlvoll-rasante Reise in das klassische Arsenal des Horrorfilm-Kinos führen!

Bereits beim Vorspann wird schnell deutlich, wie sehr DISNEY die Arbeit des „Gothic-Regisseurs“ über die Jahre hinweg zu schätzen gelernt hat. Das Oeuvre von einem Mann, welcher die so genannte „graveyard-poetry“ („Friedhofspoetik“) des viktorianischen Zeitalters zum Publikum liebevoll zurückträgt. Und das in einer Schatztruhe, die für jeden etwas bereit hält: für den Feuilleton, der sich an der hohen Kunst erfreuen kann; für den Filmliebhaber, der tief in die Filmgeschichte eintauchen darf sowie für den „normalen“ Kinogänger, der sich einfach nur erfreuen will an einer schönen, unterhaltsamen Geschichte über die tiefe Freundschaft zwischen einem Kind und seinem Hund. Es lohnt sich also in diesem Fall, die monströse Büchse der Pandora zu öffnen. Und genau dieser Schritt, den die DISNEY-Studios da gegangen sind, nämlich wieder zurück zu einem ihrer ureigenen Zeichenschüler - dem „melancholischen Magier“ (wie Mark Salisburg Burton in seinem neuen Buch nennt) -, war kein einfacher. Zumal es in der Vergangenheit zu einer harschen Trennung des Arbeitsverhältnisses gekommen war, ironischerweise genau aufgrund dieser morbiden Figuren, die einen BURTON ausmachen. Erst sehr spät - mit ALICE IM WUNDERLAND (2010) - wurde das Kriegsbeil dieses sehr langen, künstlerischen Konfliktes wieder begraben.

Doch nun lassen sie ihn ENDLICH gewähren! Und zwar so wie er es SELBST für richtig hält! ZUM GLÜCK – möchte man schreien! Denn FRANKENWEENIE ist mit Abstand das persönlichste Werk, das BURTON jemals auf die Leinwand gebracht hat. Alles daran atmet die nostalgische Luft einer Liebe ein, die ihn zu dem macht; was er ist. Und ja! Er darf - ALLES! Eigens das berühmte Disneyschloss (im Kinovorspannlogo der Firma) verwandelt sich nahezu selbstverständlich in eine düstere, zerfallene Frankensteinburg; umgeben von Blitzen, Donnern und den dunklen, musikalischen Klängen einer sehr traditionellen Horrorfilmmelodie. Eine Eröffnung gleich einer Adelung des Regisseurs, die DISNEY bereits dort in den ersten Sekunden fast ehrfürchtig „entschuldigend“ gewähren lässt. Und auch meine Angst, man könnte ihn hier (wie bereits bei der ALICE-Verfilmung) wieder an eine moralische Kette gelegt haben, die ihn dazu zwang auf gewisse Handstriche seiner Kunst bewusst zu verzichten, um die Richtlinien einer etwaigen Altersfreigabe zu wahren, verflog letztlich schnell. Denn in jeder Bildfaser steckt die Erinnerung an seine eigene Kindheit. An einen kleinen Jungen, der in Burbank aufwuchs, als Außenseiter, als Freak – aufgrund seiner Zuneigung für Monster, resultierend aus der Tatsache heraus, ANDERS zu sein – an ein Alter-Ego des Regisseurs, das seinen einzigen Freund, einen Hund, einst auf sehr tragische Weise verlor. Ein Verlust, welchem der Regisseur ständig in vielen seiner Filme nachsinnt. Denn kaum ein Werk von ihm gibt es, in dem KEIN Hund (zumindest kurz) über die Leinwand springt. Er schätzt die Verbindung zwischen Mensch und Tier und schenkt ihr eine Seele!

Ein „Seelengeschenk“, das auch der Animationstechnik schon sprichwörtlich innewohnt. Denn Stop-Motion versinnbildlicht durch die Belebung von leblosen Wesen ja bereits schon das, was das populäre Frankenstein-Motiv der „Wiederbelebung“ ausmacht. Mit einer der wichtigsten Gründe, so sagt Burton selbst, warum er diese Form der Filmherstellung so gerne nutzt, und die hier natürlich gleichwohl auf der Ebene der Erzählung ihre „schwarz-weiße“ Vollendung findet. Bedrückend kommt die Geschichte in diesen düsteren Nuancen daher, vor allem in dem Moment als Sparky vermeintlich sein Leben lässt. Allen Tierbesitzern (zu denen ich mich ebenfalls zähle) zerspringt das Herz und prompt keimen in einem selbst die ganz eigenen Momente der Kindheit wieder auf, in denen man mit dem einst so geliebten tierischen Freund durch die Wälder streifte, um Abenteuer zu erleben. Vergangen sind diese Tage. Wie schön ist also da die Vorstellung, sie „wiederbeleben“ zu können? Wer wünscht sich das nicht? Und so lädt der Film ein: zum mit-leiden, zum mit-erinnern, zum mit-nostalgieren und zum mit-träumen... Genau darin liegt der eigentliche Reiz von FRANKENWEENIE!

Und Burton geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Es geht in seinem Werk nicht nur darum, einem einzelnen, verstorbenen Wesen wieder Leben einzuhauchen, sondern dem gesamten Kino an sich. Wir begegnen Puppen, die an all die großen Filmlegenden der schwarz-weißen Horror-Stummfilmzeit erinnern: VINCENT PRICE (optisch adaptiert in der Lehrerfigur); BORIS KARLOFF (als Klassenkamerad sowie als „Frankensteins-Monster-Maskenvorbild“ für Sparky); ELSA LANCHESTER (als FRANKENSTEINS BRAUT / 1935 bedacht in der Frisur der Pudeldame Persephone); CHRISTOPHER LEE (als DRACULA / 1958 - die Rolle seines Lebens! In "Frankenweenie" ausgestrahlt im Fernsehen einer fiktiven Animationswelt. Was für eine Hommage an einen der ganz Großen!); dem japanischen Horrorklassiker GODZILLA (1954); DER MUMIE (1932) und vielen mehr. Und das macht Freude! Unglaublich viel SPASS! Denn ach wie schön waren die Zeiten, in denen noch „Bügeleisen“ als fliegende Untertassen an Schnüren vor der Kamera hin und her gezogen wurden, als noch „echte“ Schauspieler (und nicht die heutige Digitaltechnik) die Monsterfiguren verkörperten! Das ist kein ALTER SCHROTT! Das ist KULT... weil eben ab und an das Altbewährte vielleicht doch besser ist als das vermeintlich Modernere! Ein alter, zerfallener Teddy kann immer noch so viel mehr Zuneigung geben als eine blecherne Spielekonsole! So viel mehr Wärme... die hier wieder spürbar wird und melancholisch an uns herantritt.

Und gerade DIESES „Kino der Vergangenheit“ war gezwungen, noch viel mehr von sich preis zu geben, so viel mehr von sich persönlich zu investieren, um eine schöne Geschichte zu erzählen! Es musste auskommen ohne „KNALL und BUMM“ oder teure Spezialeffekte, die gegenwärtig oft sinnlos millionenfach in die Luft geblasen werden. Es geht TIM BURTON also um Besinnung! Um eine leidenschaftliche RÜCKbesinnung! Um die REANIMATION der Werte des „alten“ Kinos! Und genau DAS spricht eben jenen fantasievollen, zehnjährigen Victor Frankenstein in UNS an, der freudestrahlend den eigenen Eltern seinen handgemachten Super-8-Film „MONSTERS FROM LONG AGO“ zeigt, in dem sein bester Kumpel Sparky natürlich die Hauptrolle spielt...

„My dear old monster. I owe everything to him. He`s my best friend“ („Mein liebes altes Monster. Ich verdanke ihm alles. Er ist mein bester Freund.“), sagte einst BORIS KARLOFF über „sein“ Frankensteinmonster, dessen Darstellung für ihn den Grundstein zu einer Weltkarriere legte. Und genau dieses Gefühl – diese bedingungslose Liebe – unterschreibt TIM BURTON hier vorbehaltslos in seinem, wie ich finde, bisher größten Meisterwerk! Die inneren Werte zählen – und nicht die äußere Erscheinung, heißt es im Lied des Abspanns von FRANKENWEENIE! Ein Gedanke, den auch wir immer wieder in uns selbst „reanimieren“ sollten... (= 6 von 6 Horrorhühnern vom „Horror Chick“ HOTTIE ROTTIE unter www.horrorchicks.wordpress.com)

Gastkritik 3 von Hans-Jürgen "Tatze" Günther

SOUND IT OUT – The Very Last Record Shop“, ein Dokumentarfilm von Jeanie Finlay (GB 2011; 74 Minuten; Start D: 10.05.2012).

Im entindustrialisierten, ziemlich abgewrackten Teil des englischen Nordostens liegt die kleine Stadt Stockton-on-Tees. Dort betreibt Tom Butchart mit seinen beiden Helfern David und Kelly den letzten unabhängigen Plattenladen der ganzen Gegend: Sound It Out Records mit 50 000 neuen und gebrauchten Vinylplatten und CDs auf 115 qm; dazu natürlich Tapes, Posters und Memorabilia. Hin und wieder finden auch kleine Konzerte statt. Es herrscht eine spezielle Atmosphäre im sympathisch vollgestopften Laden, der über wundervolle, im besten Sinne schrullige Stammkunden verfügt, die nie auf die Idee kämen, ihre Platten beim Kettenriesen HMV zu kaufen. Und der dennoch in seiner Existenz bedroht ist durch Zeitenwandel und Internet.

Die aus der Gegend stammende Regisseurin Jeanie Finlay, früher selbst Kundin, hat ein hinreißendes, zwischen Humor und Schwermut pendelndes Porträt der Menschen in diesem Laden gedreht. Da ist der (fast) allwissende Tom, der alle seine Schätze kennt und die übrigen beschaffen kann; das hochnäsige Motto „If we don´t have it, you don´t need it“ ist ihm fremd. Da ist Shane, der in einem Vinylsarg aus seinen eingeschmolzenen Platten begraben werden möchte. Da sind Sam und Gareth, zwei unzertrennliche junge Metal-Fans, bei denen die Liebe zur Musik so weit geht, dass sie Gareth sogar vor dem Suizid bewahrte. Da sind die DJs Big Dave, Dick, Franky und John-Boy, die jeden anderen Job annähmen, wenn´s denn einen gäbe. Für sie ist die Musik der Rettungsanker vor dem Abgleiten in Straßenkriminalität. Und da sind noch die Rentner, die endlich Meat Loaf oder die Dire Straits für fünf Pfund kennen lernen wollen oder einen Song suchen, den sie gerade im Pub nebenan gehört haben. Auch erfahren wir, wie schön es ist, bei 400 Konzerten von Status Quo gewesen zu sein.

All dies hat Jeanie Finlay mit viel Detailliebe und ohne jeden Anflug von Voyeurismus oder Bloßstellung der Protagonisten in präzise Bilder gefasst, die von einem aufregenden Soundtrack begleitet werden. Indie-Größen wie Saint Saviour, Russell And The Wolves, Idiot Savant und Das Wanderlust, aber auch die etablierten Status Quo geben ihr Bestes in einem 74minütigen Kultfilm über einen Kultladen (= 4 PÖNIs).

Gastkritik 4 von Alex Lohse

TYRANNOSAUR. EINE LIEBESGESCHICHTE." von Paddy Considine (B+R; GB 2011; 92 Minuten; DVD-Veröffentlichung: 8.3.2012).

Joseph (PETER MULLAN) ist ein unter Kontrollverlust leidendes, gewalttätiges Arschloch, dies führt uns der eigentlich als Schauspieler bekannte Regisseur Paddy Considine (spielte u.a. in BOURNE ULTIMATUM) in seinem Spielfilmregiedebut Tyrannosaur in den ersten Sekunden drastisch vor Augen. Typ Kneipenschläger mit Alkoholproblem ein paar Wochen vor seiner Inhaftierung oder einem womöglich noch drastischeren Finale eines anscheinend völlig verpfuschten Lebens in seiner Endphase. Hanah (OLIVIA COLMAN) ist eine etwas kuhäugige, religiös-gutherzige Vertreterin der unteren Mittelschicht, arbeitet in einem Wohltätigkeitsladen, wohnt in einem kleinen Häuschen in einer etwas wohlhabenderen Gegend der ansonsten filmisch deprimierend eingefangenen Arbeiterstadt Leeds, die den Hintergrund für die nächsten 92 Minuten gibt. Dies sind die beiden Hauptdarsteller, die im Zentrum von Tyrannosaur stehen, ein typisches englisches Sozialdrama bahnt sich also an, und auch wenn uns die Werke von Regisseuren wie Mike Leigh oder Ken Loach als herausragende Protagonisten dieses Genres in den letzten Jahrzehnten viel Sehenswertes beschert haben, so seufzt man doch instinktiv ein wenig, wenn man schon wieder rote Ziegelbauten und problembeladene Gestalten aus dem britischen Arbeitermilieu auf der Leinwand sieht. Denn man ahnt, wie es vermutlich weitergeht. Die Mutter Theresa im Klamottenladen versucht die in der Eckkneipe verloren gegangene Seele Joseph zu retten, nebenbei erfährt man allerlei Soziopsychologisches über die ungerechte soziale Schichtung der britischen Gesellschaft und den eigentlich liebenswerten Kern in jedem Menschen.

Tyrannosaur funktioniert allerdings anders und lässt, wie der "Guardian" in einer Kritik bemerkte, Mike Leigh aussehen wie einen Walt-Disney-Regisseur. Zum einen sind die Dialoge deutlich rauer als gewohnt, vor allem im englischen Original, und insgesamt geht Considine unideologisch und unverklärt mit einer brachialen Wucht an sein Thema ran, dass es einen zuweilen in den Kinositz drückt. Dieser Film, das wird einem spätestens nach der zweiten denkwürdigen Charaktereinführung des nicht in allen Lebenslagen liebenswürdigen Ehemanns von Hanah klar, ist keine leichte Kost, nicht einmal mittelschwere, sondern das filmische Äquivalent eines Schlags in die Magengrube. Hier wird ohne relativierende Erklärungen hineingefilmt in die prekärsten Winkel zwischenmenschlicher Alpträume und in das aussichtslose Verliererleben Josephs und seiner Unfähigkeit, selbst mit gutmeinenden Kreaturen noch anders als mit Schlägen zu kommunizieren. Auf der Flucht nach einer Kneipenschlägerei kreuzen sich die Wege der beiden Protagonisten hinter einem Kleiderständer in Hanahs Kramladen. Die beiden brauchen sich, das wird einem allerdings erst klar, nachdem man Joseph und Hanah eine Weile gefolgt ist und in drastischen aber auch einfühlsamen Bildern einen wirklich schrecklich schönen Blick in zwei Lebensentwürfe wagt, die man sonst nur aus dem Polizeibericht des Regionalteils kennt. Es entwickelt sich das, was im Filmuntertitel angedeutet ist: "eine Liebesgeschichte", die aber mit den üblichen Liebesgeschichten im Kino recht wenig zu tun hat. Selbst wenn man den beiden Protagonisten mit einem Schwingschleifer durch die im Laufe des Films zunehmend stärker in Mitleidenschaft gezogenen Gesichter fahren würde, wäre diese Romanze nicht poliert genug, um als "Love Story" durchzugehen. Doch dies scheint die Botschaft dieser wahrscheinlich unromantischsten Romanze des vergangenen Kinojahrs zu sein: Zuneigung kann selbst in den abwegigsten Ecken und den kaputtesten Charakteren entstehen. Dennoch entlässt einen dieser in Übermaßen realistische Film nach einer doch recht unerwarteten Wendung einigermaßen ratlos und vermutlich etwas bedrückt.

Es bleibt die Frage: Muss man sich leidende Wracks in einer deprimierenden und gewalttätigen Umgebung anderthalb Stunden anschauen? Die klare Antwort: man muss! Und dies liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Peter Mullan, wir kennen ihn aus Trainspotting, zuletzt war er zu sehen in der Rolle des Ted in Spielbergs Gefährten, spielt einfach grandios. Mit was für einer brachialen Kraft er die stumpfsinnige Gewalttätigkeit, aber auch die dahinter steckende Verzweiflung und Orientierungslosigkeit auf die Leinwand bringt, ist wirklich atemberaubend. An seiner Seite Olivia Colman, bekannt eher durch leichtere TV-Serien-Kost, zuletzt zu sehen in „die eiserne Lady“, ist eine Offenbarung. Ihre Darstellung des klassischen Opfers ehelicher Gewalt ist so glaubwürdig und vielschichtig, dass man zuweilen vergisst, einen Film zu sehen. Und auch Eddie Marsan, der König der Nebenrollen, den man vielleicht noch als Fahrlehrer aus Happy-Go-Lucky in Erinnerung hat, spielt exzellent und geht vermutlich als widerlichster Filmfiesling des letzten Jahres in die Filmgeschichte ein. Ein insgesamt wirklich herausragendes Ensemble und die Kritik sieht es genauso, Darstellerpreise beim Sundance Festival, beim Chicago Filmfest, den British Independent Film Awards und zuletzt der Bafta Filmpreis für Tyrannosaur sprechen eine deutliche Sprache. Ein Filmvergnügen ist Tyrannosaur, allerdings eines, das man sich als Zuschauer schwer verdienen muss, und eine Warnung noch zuletzt: Hundeliebhabern ist der Film ausdrücklich nicht empfohlen.

Anbieter: "Kino Kontrovers bei Bavaria Media"

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