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Filmtitel mit Ges

Legende:

5 Pönis= Einsame Spitze
4 Pönis= Richtig gut
3 Pönis= Geht so
2 Pönis= Mäßig
1 Pöni = Jämmerlich
0 Pönis= Grottig

DER GESCHMACK VON ROST UND KNOCHEN“ von Jacques Audiard (Co-B+R; Fr/Belg 2011; Co-B: Thomas Bidegain; K: Stephane Fontaine; M: Alexandre Desplat; 127 Minuten; Start D: 10.01.2013); vor einem Jahr, Anfang 2012, kamen „die Franzosen“ mit einem wunderbar eigensinnigen Beziehungs-Opus erfolgreich in die Kinos (natürlich: „Ziemlich beste Freunde“), und auch zu Beginn dieses Jahres verblüffen sie mit einem wuchtigen, faszinierenden „extraordinären“ Melodram. Das eben nicht glatt, bunt und gefällig von Mann & Frau erzählt, die erst brav „und locker“ mit üblichen emotionalen Verrenkungen herumtun, bevor sie sich happy in die Arme schließen, sondern handelt von zwei spannenden Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die erhebliche, also beschwerliche, aber nie schwülstige, aufgesetzte Schicksalswege gehen müssen, bevor sie überhaupt zusammen eine „melancholische Chance“ wahrnehmen. Können. Dürfen. Dieser wirkungsvolle Film heißt im Original „De rouille et d’os“ und hatte im letzten Frühjahr seine Erstaufführung bei den Filmfestspielen von Cannes.

Der Ursprung des Films liegt im Kern eines Novellenbandes des kanadischen Autoren Craig Davidson („Rust and Bone: Stories“/2005): „Wir empfinden sie als Darstellung einer zweifelhaften, modernen Welt, in der das Leben des einzelnen Menschen jederzeit von dramatischen, zufälligen Umständen aus den Angeln gehoben werden kann“, erklären Jacques Audiard und Co-Drehbuchautor Thomas Bidegain ihren literarischen Ausgangspunkt im Presseheft. Eine Reise ist der Beginn. Vom Norden Frankreichs in den Süden. Ali (MATTHIAS SCHOENAERTS) ist Kampfsportler und Gelegenheitsarbeiter. Sam ist sein fünfjähriger Sohn, den er aber kaum kennt. Und der sich nun in seiner Obhut befindet. Mittellos und ohne Freunde finden beide Unterschlupf bei seiner Schwester Anna (CORINNE MASIERO) an der Côte d'Azur. Sie bringt die Beiden in ihrer Garage unter und nimmt das Kind unter ihre Fittiche. Er findet einen Job bei einer Sicherheitsfirma. In einem Nachtclub, wo er sich als Türsteher/Aufpasser zusätzlich verdingt, trifft er erstmals auf die etwas verstört wirkende Stéphanie (MARION COTILLARD). Sie trainiert im Marineland Wale. Als sie bei einem Handgemenge verletzt wird, bringt er sie nach Hause. Wochen später ruft sie ihn an. Signalisiert, dass sie Hilfe benötigt. Er, der inzwischen bei bzw. mit illegalen Boxkämpfen Zusatzgeld verdient, sieht sich eigentlich als alleinverantwortlicher, ziemlich gefühlsresistenter Solist. Und akzeptiert doch ihren „stillen Aufschrei“. Stéphanie hat bei einem Unfall beide Unterschenkel verloren. Betrachtet sich als depressives Wrack. Mit „dem“ sich nun der schlichte wie unkontrollierte Ali-Klotz eher widerwillig „zu befassen“ beginnt. Nüchtern, wie er es gewohnt ist, und schmucklos.

Menschen, die sich weniger über die verbale, sondern mehr über die körperliche Sprache definieren. Blicke, Gesten, Bewegungen. Der Ausdruck von Ahnung, Verwunderung, von ihrer „Normalität“, von eben Rost und Knochen. Der Überlebensfighter und die Lebensmüde. Bei Ali verlaufen Körper und Geist diametral, bei Stéphane vereint sich die geballte emotionale „Restkörperwut“. Dabei beginnen sie, sich gegenseitig „zu lenken“. Das WIE dabei besteht aus viel deftiger Verzweiflungsenergie. Und einem brachialen Doch-Überlebenswillen.

Er wurde am 30.April 1952 in Paris als Sohn des bekannten französischen Drehbuch-Autoren und Regisseurs Michel Audiard geboren: JACQUES AUDIARD. Er gilt mit seinen auch bei uns geschätzten Werken wie „Lippenbekenntnisse“ (2001/mit Vincent Cassel), „Der wilde Schlag meines Herzens“ (2005/mit Romain Duris + Niels Arestrup) sowie vor allem zuletzt mit „Ein Prophet“ (2009) als Meister sowohl des harten Genre-Kinos wie auch als formidabler Romantiker des Europäischen Kinos. Seine präzisen Charakterzeichnungen sowie sein sicheres Gefühl für schmucklose, radikale, berührende Leidenschaften lassen ihn auch hier unsentimental „gewinnen“. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist poetischer Realismus pur. Menschen in extremen Situationen, sowohl sozial wie emotional, und ihre ruppigen Bewegungen. Innen wie außen. Kino-Magie einmal anders. Verblüffend, aufwallend, überrumpelnd. An einer diesmal tristen Cote d´Azur. Mit „atmosphärischen“ Instinkttypen. „Oscar“-Lady MARION COTILLARD (die Edith Piaf in „La vie en rose“/2007) als aufmüpfige wie entrückte Wut-Frau und der charismatische belgische Grobklotz MATTHIAS SCHOENAERTS (der Rinderzüchter aus „Bullhead“) bilden ein hinreißendes, authentisch wirkendes Anti-Paar. In der überzeugend-intensiven Mixtur aus Verzweiflung, radikalem Wollen an „Leben“ und „Mitmachen“, an spannendem Charaktergefälle. Tiefe Kraft:

Der ganz andere, raue, bitterzarte Geschmack von Romantik, was für ein erneut brillantes Kinogefühlserlebnis wieder vom französischen Nachbarn (= 4 PÖNIs).

DIE GESCHWISTER SAVAGE" von Tamara Jenkins (B+R; USA 2007; 114 Minuten; Start D: 24.04.2008); deren vielgelobter erster Spielfilm 1998 "Hauptsache Beverly Hills" hieß. Hier nun erzählt sie von einem Privat-Thema, das aktueller gar nicht sein kann: ALT-sein, der Umgang mit ALTEN Menschen. Bzw.: Der GENERATIONENVERTRAG-heute. Wie klappt das, wie "funktioniert" das eigentlich, der MODERNE Alltag mit Älteren? Nachdem ja der frühere Zusammenhalt, der Familienverbund - die Generationen in einem Haus(halt), unter einem Dach - geplatzt ist? Daraus einen ebenso humor-feinen wie menschlich- respektvollen wie zudem, wir befinden uns ja im Kino, einen äußerst unterhaltsamen SPIELFILM zu schaffen, DAS ist das Verdienst dieser talentierten, einfühlsamen Künstlerin, die für ihr Skript eine "Oscar"-Nominierung erhielt.

Lenny Savage ist so ein ALTER. Seine Lebenspartnerin stirbt, und da sie nicht verheiratet waren, veräußern IHRE Kinder das gemeinsame Haus, der geistig wie körperlich "labile" und mit Erstansätzen von DEMENZ versehene Lenny muss weg. Seine zwei Kinder: Wendy + Jon. Sie haben ihn schon seit Jahren nicht mehr besucht/gesehen. Sie leben weit entfernt ihr eigenes, kompliziertes Leben, als sie von ihrem PFLEGEFALL-Vater hören. Natürlich, die moralische Pflichterfüllung. Der kommen sie auch sofort nach. Kümmern sich nun um ihren Erzeuger. Das kostet - Stress, Nerven, Zeit und auch eine Stange Geld. Zudem ist der Alte, sagen wir mal, "nicht gerade der Gemütlichste", ganz im Gegenteil. Mit "störrisch" wird sein Zustand noch ziemlich höflich beschrieben. Aber das war er ja wohl immer schon: Grantig, hart, "schwierig".

Die Kindheit von Wendy und Jon war alles andere als ein Zuckerschlecken. Und das TRAUMATA der Vergangenheit wirkt eigentlich immer noch und tief. Mit gemischten Gefühlen aus Verachtung, Mitleid und Vergebung lassen sich die Geschwister "auf die Sache" ein. Motto: WAS TUT MAN MIT EINEM ALTEN MANN, MIT DEM EINEM NICHTS MEHR VERBINDET AUSSER... Dass ER DER VATER IST??? Wie gesagt, DARAUS einen völlig unsentimentalen, unverkrampften, berührenden, sensiblen, mitteilsamen und bisweilen sarkastisch-komischen UNTERHALTUNGSfilm herzustellen, ohne dabei gleich in grauer, pessimistischer Betroffenheit zu erstarren..., ALLE ACHTUNG!

Niemand wird denunziert, verurteilt, "platt" oder verächtlich gemacht, niemand ist hier gar HERO oder LOSER: Ein wunderbar "normaler" Menschenverbund also, mit vielen Ecken, Kanten, Macken und Facetten. Dass dies SO gelingt, ist natürlich vor allem auch das Verdienst der drei ganz vorzüglichen Hauptakteure: "Oscar"-Preisträger PHILIP SEYMOUR HOFFMAN (43/"Capote"/gerade in "Tödliche Entscheidung", davor in "Der Krieg des Charlie Wilson") zählt inzwischen zu den BESTEN der Besten in Hollywood. Als Professor der Theaterwissenschaft und Bertolt-Brecht-Experte liefert er wieder einmal ein darstellerisches Glanzstück eines zwiegespaltenen "stark-schwachen Menschen" ab. Partnerin LAURA LINNEY ("Kinsey"/"Die Truman Show", neben Jim Carrey) hält als verunsicherte Frau um die 40 phantastisch mit und bekam zu Recht für ihren überzeugenden Part eine "Oscar"-Nominierung. Der 3. im Bunde ist der 77jährige PHILIP BOSCO und ist ein wahrer Grobian-Schatz von Nebendarsteller.

Ein toller kleiner Film mit einem GROSSEN Thema. Emotional wie gedanklich. Nicht nur Zuschauer ÜBER 50 sollten/werden hier ebenso ZUGANG finden wie VERGNÜGEN empfinden (= 4 ½ PÖNIs).

DAS GESETZ DER EHRE" von Gavin O´Connor (Co.-B+R/USA 2008; 130 Minuten); muß in dieser „aufregenden“ Premieren-Woche auch Erwähnung finden, obwohl auch dieser neue Hollywood-Film erheblich „schwächelt“. Aber da sich im Ensemble immerhin namhafte Akteure wie EDWARD NORTON, COLIN FARRELL und JON VOIGHT befinden, sollte gesagt werden - dies ist ein brutaler Polizeifilm (in dem das Wort „fuck“ beinahe in jedem Original-Satz vorkommt) um eine gestandene New Yorker Polizei-Family, in der sich gute und böse Cops duellieren. Bruder gegen Bruder also, mit Daddy-„Oberaufseher“-Kommentar-Geschmack. Zigmale gesehen (wie neulich erst in „Helden der Nacht“) und reichlich zynisch-doof (= 2 PÖNIs).

GESETZ DER RACHE" von F. Gary Gray (USA 2008/103 Minuten; Start D: 19.11.2009); einem afroamerikanischen Musikvideo-Regisseur, der seit Mitte der 90er Jahre auch als Spielfilm-Regisseur arbeitet. Und Genre-.Stücke wie „Friday“ (1995); „Verhandlungssache“ (1998) sowie „The Italian Job – Jagd auf Millionen“ (2003) und „Be Cool“ (2005) schuf. Hier nun hat er einen außerordentlich reißerischen Spannungsthriller realisiert, gemeinsam mit dem schottischen Star GERARD BUTLER (neulich „Die nackte Wahrheit“) als erstem Hauptakteur und Mit-Produzenten.

Thema: Recht-Haben und Recht-Bekommen sind zweierlei Dinge, ebenso wie Gesetze und Gerechtigkeit völlig unterschiedlich ausgelegt werden können. Von Moral und Unmoral ganz zu schweigen. Clyde Sheldon ist ein Prima-Familiendaddy. Dessen Leben schlagartig aus den Fugen gerät, als seine Frau und seine Tochter bei einem Einbruch brutal ermordet werden. Als die Mörder gefaßt werden, läßt sich der ehrgeizige schwarze Staatsanwalt Nick Rice („Oscar“-Preisträger JAMIE FOXX/“Ray“) auf einen Deal ein: Aufgrund der unsicheren Beweislast wird einem Täter ein „lukratives“ Angebot gemacht, während der Andere auf den Elektrischen Stuhl wandert. Und natürlich „erwischt“ es hierbei den „weniger Beteiligten“, während die „eigentliche Bestie“ ins Gefängnis wandert. 10 Jahre später beginnt ein teuflisches und blutiges Spiel in Philadelphia. Clyde Sheldon, der Ex-Geheimdienstler, der geniale Stratege, schwört und nimmt Rache. Ganz „offen“ und für alle sichtbar. Obwohl er längst gefaßt ist und hinter Gittern und zeitweise in der Isolierzelle sitzt, läuft sein perfides Gewaltspiel einfach weiter. Niemand kann sich DAS erklären; in der Stadt herrscht inzwischen die höchste Alarmstufe. Doch Sheldon ist einfach nicht aufzuhalten. Wieso nicht? Und: Wie MACHT er das? Wie funktioniert sein „Werk“??? Und ist er überhaupt aufzuhalten???

Ein Nerven-Thriller, der bis kurz vor Schluß prächtig funktioniert. Aufreizend spannend ist. Motto: Einer gegen das ganze, verdammte System. Gegen diesen „ungerechten“ Justizapparat. Und dieses, das System, zeigt sich nicht nur mehr und mehr erschrocken, genervt und überrumpelt, sondern auch völlig überfordert und zunehmend ratloser. Am Ende wird´s dann zwar lau, mit und in der (faden wie absurden) Humbug-Auflösung, aber bis dahin waren Thrill und Action zuhauf angesagt. Mit zwei schauspielerischen Hochkarätern im rasanten wie lange Zeit ungleichen Sheriff-gegen-Outlaw-Duell. Hat die meiste Zeit viel Unterhaltungsspaß bereitet, dieses bizarre Knall-Kino-Ding…..um das diabolische Motto: „Gegen das Schicksal bist du machtlos“. Von wegen. Oder Okay??? (= 4 PÖNIs).

GESTÄNDNISSE“ von Tetsuya Nakashima (B+R; Japan 2010; 106 Minuten; Original mit deutschen Untertiteln; Start D: 28.07.2011); ein japanischer Film ist KINOFILM der Woche. Des Monats. Geht unter die Haut. Wirkt lange nach. Und weiter. Wird wohl unvergessen bleiben. Und in den Analen der Filmgeschichte fortan eine gewichtige Qualitätsrolle mitspielen. Was für ein unglaubliches verstörendes Meisterwerk! Als packender Thriller. Mit sehr viel Psycho-Geschmack. Mit also vor allem bester Kopf-Spannung. Und „ganz deutlich“ unangestrengt in dieser originalen Stimmungsversion, mit gut lesbaren, verständlichen deutschen Untertiteln, aufzunehmen. Aufzusaugen.

Was für ein sonderbarer, außergewöhnlicher, begeisternder Genre-NEU-Film. Der zuhause ein riesiger Kinoerfolg und gleich 4 Woche auf Platz 1 der einheimischen Kinocharts war, als japanischer Beitrag für den Auslands-„Oscar“ an den Start ging, auf zahlreichen internationalen Festivals (wie Toronto, New York und München) für Aufsehen sorgte und dessen – britische – Kritikzeilen schon neugierig machen: „Es ist schwierig, diesen Film zu mögen, und unmöglich, ihn nicht widerwillig zu bewundern“ („The Guardian“). „Es ist schwer, sich an einen ähnlich kalten, so wütend menschenhassenden Film zu erinnern, in dem fast jeder Charakter ein boshafter Tyrann oder ein irregeführtes, verdientes Opfer ist“ („Time Out“).

„Geständnisse“ ist ein Film mit enormer Sog-Wirkung. Geschrieben und inszeniert vom 51jährigen TETSUYA NAKASHIMA. Nach dem gleichnamigen preisgekrönten Mystery-Roman (Originaltitel: „Kokuhako“) von Kanae Minato, von dem in Japan 700.000 Exemplare verkauft wurden. Der Autoren-Regisseur wurde auch in Europa durch seine Filme „Kamikaze Girls“ (2004) und „Memories of Matsuko“ (2006) bekannt, die sich vor allem durch bonbonhafte Bilder und skurrile Plots auszeichneten. In „Geständnisse“ sorgt er für eine erste Stunde KINO, die „so“ suggestiv und dabei „einfach“ wohl noch nie zu sehen, zu hören, zu erleben war. Unterlegt mit „geheimnisvollen“, melancholischen, beunruhigend-ruhigen Klängen (von Toyohiko Kanahashi). Die entfernt an diese einst ebenso unbarmherzigen, (be-)drückenden, aber lauter hämmernden Kopf-Klänge eines John Carpenter in „Assault – Anschlag bei Nacht“ (von 1976) erinnern. (Später wird dann der ebenfalls überragende, stimmungsgemäße, gewaltige Soundtrack von Independent-Gruppen wie „Boris“ und „The XX“ hypnotisch ergänzt).

Wir befinden uns in einer japanischen 7. Schulklasse. Mit Schülern beiderlei Geschlechts, „gerade so“ unter 14 Jahren. Es ist der letzte Tag vor den Frühlingsferien. Ihre (tägliche) Schulmilch haben die Kinder getrunken. Unruhe im Raum. Die Schüler, wenn sie denn überhaupt „etwas machen“ (und nicht dösen, pennen, vor sich hinstarren), sind mit sich beschäftigt. Mit ihren SMS-Handy-Meldungen, mit Gesprächen, Frotzeleien, kleinen oder „mittleren“ Aggressionen untereinander. Eine chaotische Stimmung. Kaum jemand hört der jungen Lehrerin vorne zu. Diese, Frau Moriguchi, im langen dunklen hochaufgeschlossenen Kleid, erzählt dennoch. Ruhig. Gleichbleibend ruhig. Sanft. Fast spirituell. Fortwährend. Dies sei nun ihr letzter Arbeitstag. Sie hört heute auf, als Lehrerin zu arbeiten. Was bei den aufmerksameren Schülern kurze Begeisterungsstürme a la „geschafft!“ auslöst. Moriguchi bleibt ruhig. Erzählt weiter. Unaufhörlich. Nun zwischen den Reihen wandernd oder am Fenster stehend. Dass sie, die Kids, doch nach dem Gesetz als völlig unschuldig gelten. Niemand könne ihnen etwas anhaben. Wie bei einem „populären“ Eltern-Attentat kürzlich, über das die Medien groß berichteten. Egal, was ihr auch anrichtet: §41 des Strafgesetzes stellt Kinder unter 14 Jahren straffrei. Keinerlei Verantwortung gebe es bei ihnen und schon gar kein Gefängnisstrafe. Bei keinem noch so schlimmen Vergehen. Hey, was will die Alte? tönt es brummelnd drumherum.

Nun, sie will mitteilen, dass ihre kleine Tochter kürzlich gestorben ist. Und - es war kein Unfall, wie amtlicherseits festgestellt wurde, sondern es war bewusstes Töten. So langsam kehrt „Neugier“ in die unruhige Gemeinschaft. Hey, WAS erzählt DIE da? Frau Moriguchi fährt scheinbar unbeeindruckt fort: Es gibt zwei Schuldige. Täter. In diesem Raum. In dieser Klasse. Namen will sie nicht nennen. Nennt sie nicht. Sondern beziffert diese „Töter“ mit A und B: „A hat gute Noten und wirkt nach außen wie ein völlig problemloser Schüler“. Hat eine „Hinrichtungsmaschine“ für Hunde und Katzen erfunden, die als „Anti-Taschendieb-Portemonnaie“ sogar beim Nationalen Wettbewerb mit dem „Großen Preis für Mittelschüler“ ausgezeichnet wurde. Was für ein begabter Schüler, was für ein tolles Technik-Talent. A, der Mörder. B dagegen, ein kleiner, aggressiver Mitläufer. Nach Anerkennung heischend. Besonders nach DER seiner Mutter, die die Familie verlassen hat. DIE sich und ihn, B, als „Genie“ bezeichnete. B ist seitdem gestört. Wird gerne gemobbt. Hat sich nicht unter Kontrolle. Und „brauchte“ ein Ventil. Um sich als „Genie“ artikulieren zu können. Um „es“ seiner Mutter „zeigen“ zu können. Wenn er sie demnächst aufsucht. So treffen Schüler A und Schüler B aufeinander. Bzw. umgekehrt. Finden zueinander. Die Schüler in der Klasse sind nun elektrisiert. Zumal sie ja ahnen, wissen, wer gemeint ist.

Unbeirrt fährt die Pädagogin fort: „Es ist die Pflicht von Lehrern, Schüler auf den rechten Weg zurückzuführen. Ich will, dass sie ihre Schuld zugeben und den Wert des Lebens schätzen lernen, die Schwere ihrer Schuld begreifen, sie auf sich nehmen und damit leben“. Deshalb habe sie diesen beiden Schülern ihre Schulmilch vorhin mit HIV verseuchtem Blut beigemixt. Sie sollen, sie müssen sich fortan regelmäßig untersuchen lassen, ob die Seuche bei ihnen „angekommen“ ist. Angst wird künftig ihr ständiger Lebensbegleiter sein. Das war es. „Ich wünsche euch fruchtbare Ferien“.

Fast eine Stunde lang haben wir uns in diesem Klassenraum aufgehalten. In der Mixtur von Vortrag und Gleichgültigkeit, sich steigernd in Häme, Aufruhr und Panik. In der Kollision von Worten. Wörtern. Vielen Wörtern. Die schließlich wie Pistolenkugeln hämmern. Obwohl sie doch mit Bedacht, leise, eher betulich, gar beiläufig "unauffällig“ vorgetragen werden. Doch ihre Wirkung ist von den ersten Sekunden an in dieser „feinen“, bedachten Klangkonstellation enorm. Aufreizend. Packend. Auch mit dieser, gerade wegen dieser begleitenden unterschwelligen wie feinen, dichten Alarm-Musik. Mit dem Klangteppich „Lost Flowers“ von „Radiohead“. Eine verstörende Atmosphäre. Die sich nun „außerhalb“ fortsetzt. Denn DAS war erst die Einleitung. Einführung. In ein Psycho-Gemetzel ungeheuren Ausmaßes. Denn es geht ja weiter. Sehr viel weiter. Mit den Betroffenen. Mit den heimischen Geschehnissen bei den Erzeugern. Mit der Ex-Lehrerin. Die fortan im Hintergrund „die Rache-Strippen“ zieht. Ganz und gar unauffällig. In der Art ihres Anfangs-Vortrages. Ruhig, aber souverän. SEHR souverän sogar. Bewusst. A + B wie Marionetten „auslaufen“ lässt. Obwohl diese sich weiterhin im Recht, im kriegerischen Gesellschaftsvorteil sehen. Nun aber auch immer selbstzerstörerischer agieren. Mit Auswirkungen auf ihre familiäre Umgebung. Und schulische. ALLE sind, werden immer umfangreicher angeknockt. Und sacken immer tiefer ab. Verletzt. Gedemütigt. Verstört. Aufgebracht. Entsetzt. Fassungslos. Ihre Taten wuchern in ihnen. Wummern als Schuld ohne Sühne. Keine Chance. Möglichkeit. Alles kommt auf den Prüfstand: Erziehung, Charakter, Benehmen. Frau Moriguchi ist sich sicher: Ihr Tun ist der Beginn von Gnade und Vergebung. Um sogleich cool anzufügen: „War nur ein Witz“.

Es geht hart zu in „Geständnisse“. Weniger physisch, mehr gedanklich. Seelisch. Im Kräftemessen eines verdorbenen Nachwuchs mit einem zynischen Rache-Engel. Visuell stark. Deutungsstark. In den Wanderungen der Hemisphäre. Wolken. In den „Häppchen“ der mehr und mehr kalten, bösen Details. In den Zeitlupenbewegungen. Motiven. Erinnerungen. Belauerungen. In der ständigen Außeninterpretation von Signalen und Verblüffungen.

„Geständnisse“ ist permanent irritierend, schonungslos, geradezu grausam-fein. Verblüffend. Niemals vorhersehbar. Atmet „Psycho“-Hitchcock-Unruhe wie David Lynch-Bedrohung („Blue Velvet“). Der Mensch, degradiert als emotionales Wolfs-Tier. Mit denselben Instinkten. Von Macht- und Fresslust getrieben. Schon im frühesten Pop-/Verwöhn-/Experimentier-Alter. Von wegen „ihr Kinderlein“…, diese „unschuldigen“ Bastarde. Und WIE sie diese lächelnde Madonna in ihre „poetische“ Real-Wut treiben….. Ein fesselndes Panorama. Als sensationeller Thriller-Drama-Alptraum. Mit westernhaftem Duell-Geschmack. In stilistischer Farb-Laune. Als konsequente Spannungsästhetik. Der nette, monströse weibliche „Sheriff“ und die jungen Wilden. Die unmoralischen Fighter. Geht DAS an die Birne. Und in den Bauch. Und vibriert köstlich. TAKAKO MATSU als Yuko Moriguchi zeigt sich als wunderbares menschliches Rache-Poem. Schön kalt berechnend. Bitter tief. Tief verbittert. GANZ tief. Faszinierend. In der er-/verschreckenden unerbittlichen Konsequenz. Als feminine Django-Kultfrau.

Während „ihre Schüler“ eindrucksvoll-vehement „mithalten“. Grausam wie cool. Ein prächtiges Darsteller-Ensemble. Künstler-Cineast TETSUYA NAKASHIMA katapultiert sich mit diesem wuchtigen Stoff und Film in die internationale Bestenliste DER Regisseure, auf die man fortan ständig zu achten hat (= 5 PÖNIs).

DER GESTIEFELTE KATER“ von Chris Miller (USA 210/2011; 90 Minuten; Start D: 08.12.2011); als wir ihm das allererste Mal begegneten, war er als Auftragskiller unterwegs: Für den König. Der den grünen Oger SHREK unbedingt loswerden wollte, damit dieser ja nicht sein Schwiegersohn wird. Und deshalb den gefürchteten GESTIEFELTEN KATER beauftragte, hier für „Klar Schiff“ zu sorgen. Doch was passiert: Nicht nur der Anschlag misslang, dieser selbstbewusste Pfotentyp wurde auch noch zum treuen Begleiter des grünen Riesen. Dabei sich ständig selbst überschätzend, großmäulig, aber so sagenhaft charmant. Niedlich. Latino lecker. Mit diesen „spanischen Vokalen“ (damals wie heute, Original: ANTONIO BANDERAS; deutsch: BENNO FÜRMANN). Die so was „zorrohaftes“ ausdrückten.

Der gestiefelte Kater war ein toller kleiner Nebenheld. Der beim Publikum gut ankam. Nicht nur 2004, in „Shrek 2 – Der tollkühne Held kehrt zurück“, sondern auch in den beiden „Shrek“-Folgefilmen. Während Shrek sich nun im Ruhestand befindet, geht die Show aus dem „Shrek“-Animationshaus von „Dreamworks“ munter weiter. Denn wenn ich „solch ein Pfund“ wie diesen beliebten Hollywood-Kater habe, dann soll DER nun gefälligst die weiteren Dollar-Kastanien aus dem lodernden Geld-Feuer holen. Gedacht, getan: Anstatt den Gestiefelten Kater, wie ursprünglich geplant, „nur“ als DVD-Figur am Filmleben zu lassen, wurde gleich ein ganzes neues Movie für ihn gestrickt. Am Computer gezimmert. Im modernen 3 D gepixelt. Von jenem Chris Miller, der damals, mit „Shrek 2“, auch sein erfolgreiches Langfilmdebüt gab.

Wer aber ist er? Im Ursprung?: „DER GESTIEFELTE KATER“ ist ein volkstümliches Märchen. War einst die Nummer 33 in der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. In den Lexika heißt es, dass er aber bereits 1797 in der Komödie „Der gestiefelte Kater“ von Ludwig Tieck auftauchte. Egal. Er existiert also seit ewigen Zeiten in der Märchenwelt und wurde inzwischen zigfach von der Oper, vom Film, vom Theater, vom Fernsehen benutzt. Die „Augsburger Puppenkiste“ öffnete am 26. Februar 1948 mit „Der gestiefelte Kater“ ihre Pforten, und gerade erst wurde ein modernes französisches Animationsabenteuer von 2008 bei uns auf DVD erstveröffentlicht: „Der gestiefelte Kater: Die wahre Geschichte“. Dieser Kater war und ist also stets märchen-präsent.

„Puss in Boots“, wie der Jux im Original heißt, macht sich nun daran, die Geschichte dieses ungewöhnlichen tierischen Abenteuers biographisch aufzuschlüsseln. Bevor er zum Shrek-Begleiter wurde. Als er, wie eine bessere Charles Dickens-Figur, in einem spanischen Provinz-Waisenhaus aufwuchs. Eigentlich gemocht. Mit seinem „niedlichen“ südländischen Temperament, seiner friedlichen Seele, seinem süßen großäugigen, alle becircenden Kullerblick, seinem Schnurren. Sowie, natürlich, mit seinen Stiefeln. Seinem Markenzeichen. Seine ihn rechtschaffen aufziehende Menschenmama jedenfalls mag ihn. Sehr. Doch dann lässt er sich vom Waisenhaus-Kumpel Humpty Dumpty, einem Ei mit zwei Beinen, verleiten. Zu einem kriminellen Schabernack. Bei dem alles schiefläuft. So dass ER, der Kater, zum Outlaw wird. Zum Aussätzigen. Gesuchten. Für dessen Einfangen sogar ein Lösegeld ausgesetzt wird. Kein Wunder, dass Señor Kater fortan alles daransetzt, seinen guten Ruf wieder herzustellen.

Doch immer wieder kommt ihm dieses „menschliche Ei“ dazwischen, dieser listige, schäbige Verführer Humpty Dumpty (eine populäre Figur aus einem englischen Kinderreim und auch aus dem „Alice im Wunderland“-Kosmos bekannt). Sowie auch, und das ist für den feurigen Macho-Kater natürlich viel anziehender, dessen Begleiterin Kitty Samtpfote (Original: SALMAY HAYEK; die deutsche Stimme wird nicht genannt). Von ihr lässt er sich gerne vorführen. Verführen. In das große Abenteuer locken. Mit Verfolgungsjagden sowie feurigen Tanz- wie Fecht-Duellen geht es auf die Jagd. Nach „goldenen Eiern“. Von der goldenen Gans. Und Zauberbohnen. Bzw. umgekehrt. Denn: Ewiger Reichtum winkt. Für Tiere wie Menschen. Und Eiern. Dabei gilt es aber, die hässliche wie fiese Räuberehepaar-Konkurrenz ebenso auszustechen wie einen Monstervogel zu bekämpfen. Und nebenbei auch noch das eigene Image aufzupolieren. Und gleichzeitig viele komische Sprüche abzulassen. Ulkige Motive zuhauf. Wenn auch inhaltlich nicht sehr „fleischig“.

Doch die Story ist unwichtig. Sie ist sowieso schlicht gestrickt. Ganz simpel. Marke Kohle oder was. Diese ewige Gier. Oder was. Zählt im Leben. Die Kater-Figur reißt alles `raus. WIE DIE herumscharwenzelt, wie dieser Fell-Zorro herumcharmt, ist bei diesem modernen Kasperle-Trick-Western alles-entscheidend. Der Solist mit dem schönen Akzent überzeugt. Be- und verzaubert als Komödiant, Galan, Zorro, Milch-Trinker. Als frecher Individualist. Mit charakterlichen Schwächen. Wie halt jeder Mensch. Pardon Kater. Ein prima Angeber. Und Maul-Held: Benno Fürmann und Antonio Banderas amüsieren sprachlich. Ziehen alle verbalen Pointenregister, um zu gefallen. Der gestiefelte FILM-Kater 2011 ist ein netter Animationsspaß. Prädikat: Hübsches Miau-Schmunzeln. Für Kinder jeden Alters (= 3 PÖNIs).

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