„MARCELLO, MARCELLO“ von Denis Rabaglia (Schweiz/D 2008; 97 Minuten); nun haben wir sie, schon kurz VOR Beginn der WM, nämlich DIE Alternative zum bevorstehenden Dauer-(TV-)Fußball in Südafrika: Mit dieser charmanten, gefühlvollen, witzigen „Romeo und Julia“-Bunt-Komödie erfüllt der Schweizer Drehbuch-Autor und Regisseur des Jahrgangs 1966 alle unterhaltsamen Voraussetzungen für ein sommerliches „Gegen-Vergnügen“ zum kommenden täglichen Ball-Spiel. Der auch bei uns mit seinem Film „Azzuro“ (2000) bekannt gewordene Filmemacher (zuletzt „Nur keine Panik“/2006) hat einen feinen Jux in den leckeren Eis-Geschmacksfarben Vanille, Erdbeere und Zitrone gedreht, der wie ein italienischer Ohrwurm-Schlager aus den 50er Jahren daherkommt. Und er spielt ja auch dort, in Italien, anno 1956, auf der – fiktiven – Insel Amatrello. Dort gibt es einen uralten Brauch: Um endlich mal ein Date mit einem Mädchen zu haben, dürfen sich junge Männer vor dem Haus der Väter versammeln, deren Töchter soeben 18, also flügge, geworden sind.
Bedingung: Sie müssen den Daddys ein schönes Präsent mitbringen, damit der Erzeuger dann entscheiden kann, mit wem seine Tochter den Nachmittag verbringen darf. (Im Kaffee, wohlgemerkt). Aus diesen vielen ersten Rendezvous sind in Amatrello dann auch bald eheliche Verbindungen entstanden. Allerdings, auch viele - unglückliche. Doch der (ur-)alte Brauch wird nicht angetastet. Marcello, Sohn eines alleinerziehenden armen Fischers, hält deshalb von diesem blöden Brauch überhaupt nichts. Sieht er doch zu viele „traurige Paare“ um sich herum. Und die tristen zwischenmenschlichen Folgen. Seine Einstellung allerdings ändert sich schlagartig, als Elena (ELENA CUCCI, ein hübscher Charme-Bolzen) die Insel betritt. Die Tochter des Bürgermeisters kommt nach langer Abwesenheit justament in jenem Augenblick auf die Insel zurück, in dem sie gleich 18 wird.
Marcello (wunderbar einfach: FRANCESCO MISTICHELLI) ist aufgescheucht. Weil unsterblich verliebt. Aber das Geschenk? Woher nehmen? Keine Puseratze da. Jetzt beginnt die schöne Märchen-Show: Denn der pfiffige Bengel hat DIE Idee. Möchte dem Bürgermeister jenen Hahn aus der Nachbarschaft schenken, der ihm an jedem (ganz) frühen Morgen mit seinem Krähen weckt und ausrasten läßt. Der Hahn gehört dem örtlichen Schlachter. Und DER will für das Tier zwei Flaschen „speziellen Schnaps“ haben. DIE gibt es aber nur noch bei zwei alten Jungfern, die endlich von der eifersüchtigen Schneiderin ihre Hochzeitskleider begehren. Die nun wiederum…., jedenfalls spielen ein „freizügiges Gemälde“, neueste amerikanische Rock ´n´ Roll-Schallplatten, die der Pfarrer konfisziert hat, und noch so manch andere Tausch-Dinge ebenso eine nervenaufreibende Rolle wie ein eifersüchtiger Elena-Konkurrent aus reichem Elternhaus. Marcello jedenfalls lernt in zwei Tagen seine Insel GRÜNDLICH besser und auch sehr viel „näher“, intimer, kennen. Und wir, amüsiert, auch.
Der 1961 im englischen Coventry geborene MARK DAVID HATWOOD hatte als Musiker und Sänger, als Songwriter und Band-Gründer („Red Hot Red“) schon eine erste Karriere hinter sich, als er sich an die Schriftstellerei machte. 2004 erschien sein Roman „Marcello und der Lauf der Liebe“, und das war eine Lektüre, die Lust auf mediterrane Ferienstimmung verströmte. Mit viel Romantik, nett-komischem Personal und Erste-Liebe-Erinnerungen. Für die filmische Adaption seines Romans verfaßte er das Original-Drehbuch, das vom Regisseur und dem Autor Luca De Benedittis filmdrehbuchreif gefertigt wurde. Zu einem fröhlichen Poesie-Album:
„Marcello, Marcello“ ist eine emotionale Kettenreaktion. Zeigt sich als eine augenzwinkernde Tauschbörse. Mit pfiffigen Ideen, listigen Späßen, schönem Schmus. Originellen Typchen. Weil der Regisseur seine Chose laufen läßt, sie von Anfang an viel zu sehr mag als daß er sie zu ernst zu nehmen wagt, funktioniert DAS. Erhält der Film jene liebevolle Leichtigkeit, die wie ein toller Sommerstrauß unaufhörlich blüht. Und weil er seine kleinen wie großen Helden so angenehm unaufdringlich zu führen versteht. Sie nie diffamiert, veralbert, sondern in einer Art liebevoller Umarmung ausschwärmen läßt. Sie entpuppen sich dabei nicht als lärmende Doofköppe wie in so vielem amerikanischem Teenager-Quatsch, auf der Suche nach zotigen Fäkal-Gags, sondern entdecken ihr Potenzial an kessem Temperament und einfallsreichen Willens“kundgebungen“. „Hübsche Fabeln sind auch immer zeitgemäß“, sagt der Regisseur im Presseheft. Und: „Diese erzählt von unserer bisweiligen Unfähigkeit, lächerliche Querelen und Alltagszwist zu überwinden. Wie in allen guten Geschichten liegt auch unserer die Hoffnung für eine bessere Welt zu Grunde“. Ich fühle, sympathisch naiv, ERICH KÄSTNER und bin mit dem filmischen Unterhaltungsergebnis ganz schön zufrieden (= 4 PÖNIs).
„MARIE ANTOINETTE" von der 35jährigen Sofia Coppola (B+R; USA/FR/Japan 2006; 123 Minuten; Start D: 02.11.2006), die 2003 für das Drehbuch ihres (nach "The Virgin Suicides"/1999) vielgelobten/vielgemochten zweiten Kinofilms "Lost in Translation" einen "Oscar" bekam. Ihr nunmehr 3. Kinofilm lief im Frühjahr in Cannes, basierend auf dem 2001 veröffentlichten Buch von Antonia Fraser, ist ein purer AUGEN-Film, bei dem die Äußerlichkeiten dominieren. Sinnlich und sexy kommt sie wie ein langer Video-Clip daher, mit moderner Musik von Bands wie ´New Order´, um die Geschichte der naiven Prinzessin aus Wien zu erzählen, die Ende des 18. Jahrhunderts, als 14jährige, von ihrer Mutter, der legendären Kaiserin Maria Theresia, "politisch" nach Frankreich geschickt wird, um dort mit Louis XVI. einen Thronfolger zu produzieren.
Doch die keineswegs willkommene Österreicherin wird weder von ihrem Auserwählten noch vom Hof akzeptiert, sondern nur geduldet, und beginnt nach und nach ihre Langeweile in maßlose Verschwendungssucht auszuleben. Der 40 Millionen Dollar teure Film schwelgt über Samt und Seide, über exquisite Fummel, schöne Schminke und phantastisch perlende Schloss- und Garten-Kulissen des Original Drehorts Versailles. Doch eine Faszination will sich nicht einstellen, "das Fleisch" der Geschichte bleibt süßlich, unentschlossen-bonbonhaft, ohne jedes Prickeln, ohne jede Spannung.
Der Film "Marie Antoinette", von der Amerikanerin KIRSTEN DUNST (die "Spider Man"-Liebste) nett dargeboten, erstickt in Stil, Ästhetik und Bewegungslosigkeit, geht bei dieser Opulenz in gepflegter Langeweile einfach wie freundlich unter (= 2 1/2 PÖNIs).
„MARIE - EINE WAHRE GESCHICHTE" von Roger Donaldson (USA 1985; B: John Briley, nach dem Roman "Marie: A True Story" von Peter Maas; K: Chris Menges; M: Francis Lai; 112 Minuten; Start D: 04.06.1987).
Sie ist 22, als sie mit ihren drei Kindern von ihrem Mann abhaut, der sie ständig misshandelt.
Marie Ragghianti (SISSY SPACEK) nimmt ihr Leben selbst in die Hand, zieht zu ihrer Mutter nach Tennessee, wo sie sich auf der Uni einschreibt, um ihren Abschluss nachzuholen. Eine bemerkenswerte Frau, die ständig durch die Gegend hetzt, scheinbar alles zu bewältigen versteht und darin schließlich auch noch an einer eindrucksvollen Karriere bastelt. Wobei ihr ein Freund aus frühen Collegejahren behilflich ist. Eddie Sisk (JEFF DANIELS) kann ihr einen gut dotierten Job in der Verwaltung beim Gouverneur vermitteln. Marie wird zum Auslieferungsbeamten für den Staat Tennessee. Ihre Loyalität und ihr bedingungsloser Einsatz lässt 1976 die verdiente Beförderung folgen: Sie bekommt einen der bestbezahlten Jobs im Hause, wird die Vorsitzende des bundesstaatlichen Bewährungsausschusses, einer Einrichtung, die über Gnadengesuche von Häftlingen zu entscheiden hat. Nie zuvor hatte eine Frau dieses Amt bekleidet. Innerhalb eines Zeitrahmes von zwölf Jahren erfüllt sich für die couragierte junge Frau eine Art “American Dream“.
Der sich aber darin von einer anderen Seite zeigen sollte: Marie fallen zunehmend Unregelmäßigkeiten im eigenen Amt auf. Die Indizien häufen sich, dass Begnadigungen und Bewährungen über ihren Kopf hinweg “ganz oben“ verschachert werden. “Die Gefängnisse sind überfüllt. Wir wollen das ändern“, wiegelt Eddie Sisk zynisch ab, nicht ohne nochmal und eindringlich auf ihren gewünschten und bedingungslosen Gehorsam zu verweisen. Aber Marie lässt nicht locker, mischt sich ungefragt ein, stellt unbequeme Fragen und geht dem Filz auf den Grund. Was sie zu einer Einzelkämpferin werden lässt, denn um sie herum sehen Angestellte und Amtsträger ihre Jobs und Pfründe in Gefahr. Ihr wird gedroht, die Familie wird angefeindet, ein Freund sogar umgebracht. Schließlich kämpft sie vor Gericht um ihr Recht und ihre Würde, Aber ihre Gegner sind vielzählig und haben ihr anscheinend eine geschickte, fatale Falle gebaut.
Die Marie hat‘s wirklich gegeben. Ihr "streiterisches" Auftreten und ihr unbeugsames Eintreten für das Recht und gegen Korruption und Machtmissbrauch löst vor zehn Jahren im Bundesstaat Tennessee eine Regierungskrise ungeahnter Dimensionen aus, die schließlich in der Verhaftung oberster Mandatsträger gipfelte. Es war die frappierende Ähnlichkeit von Marie Ragghiantis Story mit der des Polizisten Serpico, die den Schriftsteller Peter Maas (“König der Zigeuner“, “Die Valachi Papiere“, “Serpico“) dazu veranlasste, den Politskandal zum Gegenstand eines neuen Romans zu machen.
“Marie: A True Story“ aber wirkt als Film zu glatt und eher gehemmt. Alles läuft wie geschmiert. Zuhause, die Kindererziehung, das Studium, die Jobs, der Karrieretrip. Marie hier und dort, immer in Bewegung, nie kommen Geschichte und Film mal zur Besinnung, zur Festlegung worum es nun eigentlich geht. Eine Stunde verplempert, verwässert die Szenerie. Alles nur Ahnungen, Andeutungen, Vermutungen, Ansätze. Unentschlossenheit herrscht vor, der Film tritt mächtig auf der Stelle. Was die spannende Musik (von Francis Lai) verspricht, hält die Inszenierung von Roger Donaldson (“Die Bounty“) nicht ein. Erst die letzte halbe Gerichtssaal-Stunde bringt endlich die Spannung und Atmosphäre, die man sich den ganzen Film über gewünscht hätte. Während der liebe Marie-Freund Kevin (Keith Szarabajka) wenigstens dreimal die Moral der Geschichte laut und deutlich verklickern darf: “Wo gute Menschen schweigen, kann das Böse gedeien“. Ein ehrenwertes Thema als Aha-Erlebnis, ein zweifelhafte filmische, sprich dramaturgische Umsetzung. Schade bei solch einem wichtigen, brisanten und allgegenwärtigen Stoff (= 2 PÖNIs).
Man kennt die Bilder: Die rotzig-frivole Berliner Göre. Die in der Tingel-Tangel-Kaschemme auf einer Tonne sitzt und viel Bein und Strumpfband zeigt. Und dabei eine kesse Lola-Lippe riskiert. Mit ihrem Lied “Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ wurde
Marlene Dietrich in dem Film “Der blaue Engel“ von 1930 berühmt.
Marlene. Marlene Dietrich: Die herbe Schönheit im maskulinen Hosen-Outfit. Die mit Schlips und Kragen und mit verschleiertem Blick so einmalig männer-mordend in die Runde blickt. Und auch ein Auge für weibliche Reize offenbart. Sie war d i e kühle Blonde des 20. Jahrhunderts. Sie war ein Star, dessen Leben so spannend und schillernd war, dass sich zwangsläufig auch das heutige Kino mit ihr befassen musste. Marlene Dietrich: Eine Legende - ein Mythos. “Entdecken Sie das Geheimnis einer Frau, der die Welt zu Füßen lag“, protzt derzeit die Werbe-Annonce durch die Gazetten. Und lügt wie gedruckt...
Der neue deutsche Film
„MARLENE“ (D 2000; 132 Minuten; Start D: 09.03.2000) von Joseph Vilsmaier hat rund 18 Millionen Mark Förder-, also Steuergelder verschlungen. Er ist über 2 Stunden lang und bemüht sich um Lebensstationen dieser ‘Femme Fatale‘ zwischen 1929 und 1945. Also vom “Blauen Engel“ bis zur Truppenbetreuung für die US-Soldaten. Sozusagen: Von der grandiosen Debütantin über den umjubelten Hollywood-Star bis zur emanzipierten Front-Frau:
Was also für ein einzigartiger Stoff, was für eine aufregende Biographie, was für ein Film-“Futter“ für begabte Köpfe und Hände. Doch was machen der vom Fernsehen stammende Drehbuch-Autor
CHRISTIAN PFANNENSCMlDT und sein Regisseur JOSEPH VILSMAIER daraus?:
Antwort: SCHROTT. Richtigen kinematographischen Müll. Ihr Film: “Marlene“ verkommt zu einem völlig belanglosen, dummen Bilderbogen. Inmitten einer riesigen Ausstattung erleben wir seelenlose, peinliche Stand-Bilder. Ohne Sinn und Sinnlichkeit und ohne Verstand. Ein bisschen Pseudo - Power hier, ein bisschen Zickigkeit dort. Ein bisschen Mutter-Liebe hier, ein bisschen Lesben-Touch dort. Immer wieder: Erst der große Atem, dann die heiße, nichtssagende Luft. Die KATJA - FLINT - Marlene ist eine reine Papier-Figur, die zu einer Hülle ohne Inhalt verkommt. MARLENE, das ist hier nur eine Behauptung, die niemand glauben oder irgendjemand überzeugen kann. Der Film entpuppt sich als das reinste, aufwendige Kasperle-Theater: “Kieck mal, die Marlene. Is‘ sie nicht schön frech?“ Und das bei SOLCH EINER Persönlichkeit und solch einer Fülle von Geschichte und Geschichten?!?
Der VAMP mutiert zur Lachnummer: In Bewegung, Sprache und Details: Wenn ein GARY COOPER (Götz Otto) auftaucht, kriegen sich die Zuschauer gar nicht mehr ein vor so viel dramaturgischem und darstellerischem Dilettantismus. Zum Beispiel. Während eine fiktive Romanze, von Regisseur und Kameramann Vilsmaier als d i e große Liebes-Show präsentiert, zum platten Groschenheft-Motiv abdriftet. Der nach Motiven des Buchs der Marlene-Tochter Maria Riva entstandene Film agiert wie ein fader Komödienstadl.
Wer - wieso - warum?: Über und von Marlene Dietrich gibt es in dem Film “Marlene“ nichts, aber auch gar nichts zu erfahren und zu entdecken. Und: Von unterhaltsamem Entertainment auch keine Spur. Nochmal: Und das bei DIESEM Thema, bei dieser ungemein vielschichtigen PERSÖNLICHKEIT und KÜNSTLERIN. Ein richtig schlechter neuer deutscher Kinofilm.
Hauptakteurin und Titeldarstellerin KATJA FLINT bestätigt denn auch indirekt in einem Interview “die Schlamperei“, mit der hier bei dieser teuren Produktion herumgewurstelt wurde.
“Marlene - der Film“ ODER: Ein - gigantischer Offenbarungseid (= 1 PÖNI).
„MARLEY UND ICH“ von David Frankel (USA 2008/120 Minuten; Start D: 05.03.2009); der ist Drehbuch-Autor, Produzent und war jahrelang Regisseur für TV-Sitcoms; seit 1995 dreht er auch Kinofilme. Der Debütfilm war „Miami Rhapsody“, 2006 inszenierte er den Meryl-Streep-Hit „Der Teufel trägt Prada“. Für seinen neuesten Streich adaptierte er das gleichnamige autobiographische Buch von John Grogan, einem Journalisten und Familienvater von 3 Kindern. Der schrieb mal Kolumnen über das Leben mit seinem Hund, einem LABRADOR-RETRIEVER. Da die Leute „mehr“ wollten, entstand daraus die Lebensgeschichte von MARLEY, „dem frechsten Hund der Welt“. Das 2005 veröffentlichte Buch wurde, mit diesem Untertitel, ein Bestseller; die deutsche Ausgabe kam 2007 heraus und befindet sich mittlerweile in der 6. Auflage. „Das Wohlfühlbuch des Jahres!“, urteilte „US Today“, während „The New York Times“ befand: „Zum Schreien komisch. Voll schwanzwedelndem Enthusiasmus“. Jedenfalls, was einst der amerikanische Anarcho-Komiker W.C. Fields meinte, „Arbeite niemals mit Tieren oder Kindern“, trifft hier nicht zu, denn „Marley und Ich“ hat in den USA – seit seinem Weihnachtsstart – über 140 Millionen Dollar an den Kinokassen eingenommen und zählt zu den erfolgreichsten Hundefilmkomödien überhaupt. Und hat Klassiker wie „Mein Partner mit der kalten Schnauze“ (mit Schäferhund Jerry Lee), „Ein Hund namens Beethoven“ (mit dem Sabber-Bernhardiner Beethoven) und „Fluke“ (1995/die Seele eines tödlich verunglückten Menschen „wandert“ in einen Golden Retriever) einnahmemäßig weit hinter sich gelassen.
Er ist aber auch wirklich für menschliche TIERLIEBHABER ein Genuß. In der gelungenen Mischung aus Slapstick und Gefühl, mit fröhlichem Augenzwinkern-Humor und akzeptabler Sentimentalität. Ein tierisches Vergnügen, wenn man Tiere und speziell HUNDE MAG. Wie das Journalisten-Ehepaar Jenny und John Grogan. Die sind gerade vom kalten Michigan in das sonnige Palm Beach-Florida gezogen. Bei Lokalzeitungen finden sie Jobs, die Familien-Planung kann beginnen. Erste „Anschaffung“: Besagter Hunde-Welpe. Genannt nach Reggae-King Bob MARLEY. Der sich schnell vom kleinen zum „großen Kilo-Monster“ entwickelt. Und: Der sich, um es mal vorsichtig zu formulieren, „nicht so leicht“ domestizieren läßt. Die 50 Kilo-Dampfwalze frißt sich nämlich gerne schon mal durch Wände und Kissen, zernagt gerne Sofas wie Truthähne, verschluckt den fraulichen Ketten-Schmuck, trinkt mit Vorliebe das Wasser aus dem Klo, zieht Tische über den Bürgersteig, wenn es „erforderlich“ scheint, jault verschreckt bei Gewitter, schlägt den Hundesitter in die Flucht, nervt die diktatorische Hundetrainerin (KATHLEEN TURNER als strenge Hundeerzieherin mit einem sprichwörtlich umwerfenden Auftritt) und fliegt natürlich aus der Hundeschule „wg. Unerziehbarkeit“ prompt ´raus. Mit anderen Worten: Marley besitzt „freundliche“ Eigen-Manieren, erweist sich als riesiger Chaot, allerdings mit viel Charme und noch mehr Herz. Da sind die 3 Babys, die sich das Paar nach und nach „zulegt“, geradezu ein Kinderspiel verglichen mit dem treuherzigen Vierpfoten-Deibel. Dennoch: Die Grogans – einschließlich dann auch der Kinder – mögen ihren Marley, und sie mögen ihn GENAU SO wie er ist. Was immer er auch anstellt.
In dem eigenwillig-ulkigen Wohlfühl-Spaß „Marley und ich“ geht es also um MARLEY und Job, Familie, Wohnen, Beruf. In DIESER Reihenfolge. Das alles will „unter einen Hut“ gebracht sein, und das erweist sich für Frauchen und Herrchen als „nicht unproblematisch“, weil hier der Mensch seinen HUND eben so akzeptiert wie er sein will. Wenn man so will: Die Menschen werden ein bißchen „domestiziert“, und sie finden es letztlich prima und lassen es gerne zu. Über voll ausgefüllte urige 13 gemeinsame wie abwechslungsreiche Jahre. In denen – buchstäblich – viel passiert. Die Hollywood-Stars JENNIFER ANISTON („…und dann kam Polly“) und OWEN WILSON (40/“Die Hochzeits-Crasher“) mimen die (zumeist) gutgelaunten menschlichen Stichwortgeber für diese vergnügliche wie schließlich ganz schön melancholische Spiel-Spaß-Hunde-Show, mit vielen gagigen wie emotionalen Schüben. Übrigens bildermotiv-technisch-rührend eingefangen vom Michael-Ballhaus-Kamera-Sohn FLORIAN BALLHAUS (der auch schon in Filmen wie „Der Teufel trägt Prada“ und „Flightplan – Ohne jede Spur“/mit Jodie Foster für gute Bilderstimmung sorgte). Fazit: Diese „Ein Rowdy auf 4 Pfoten“-Show ist prima. Wie gesagt, wenn man Tiere und speziell Hunde mag (wie ich), dann sind Lobes-Attribute wie sympathisch, unterhaltsam, süß, herzergreifend durchaus angebracht (= 4 PÖNIs).
„MARMADUKE“ von Tom Dey (USA 2009; 88 Minuten); der 45jährige Regisseur ist bisher (mit Filmen wie „Shang-High Noon“/2000 oder „Zum Ausziehen verführt“/2006) nicht sonderlich aufgefallen oder in Erinnerung geblieben. Daran wird sich nichts ändern. Obwohl hier viele Tiere mitwirken und ich bekanntermaßen für „Pfoten & Co.“ sehr „empfänglich“ bin. Im Kino wie im wahren Leben. Doch dies hier untergräbt jedwedes Unterhaltungsniveau. Basierend auf den – im Amiland – populären Cartoons, die der mittlerweile 86jährige Zeichner BRAD ANDERSON seit 1955 veröffentlicht und die „drüben“ als amerikanische Comic-Institution gelten, erzählt der Film von ziemlich dummen Menschen und ebensolchen sprechenden Tieren.
Mittendrin: Die riesige dänische Dogge Marmaduke. Die ist ebenso verspielt wie naiv-gutmütig wie Dauer-ungeschickt. Sozusagen d e r Fettnäpfchentreter-Nett-Köter. Der nun mit seinem familiären Personal vom beschaulichen Kansas nach Kalifornien zieht. Wo auf Herrchen Phil (ein Lee Pace) der Job als Marketing-Chef eines neurotischen Tierfutter-Herstellers (gänzlich unterfordert: WILLIAM H. MACY) wartet. Und so machen sich Ehefrau Debbie (eine Judy Greer), 3 Kinderchen sowie Hauskater Carlos und eben diese linkische Dogge auf den Weg in die Sonne. Marmaduke, im Comic-Original stumm, labert fortan in einem Dauerguss, erklärt alles ununterbrochen. Mit dem Rundum-Computer-Getrickse. Ebenso wie sämtliche anderen Tiere auch mit der Schnauze „agieren“. Und so vernehmen wir nicht nur das ohnehin schon armselige Menschen-Gebrabbel, sondern auch das ebenfalls sinnfreie der Tiere. Weil DIE nämlich weniger als uriges Pfoten-Team auftreten, sondern als vermenschlichte gestörte Krüppel. Mit viel schlichter Doofheit in Ton und Bewegung. Marmaduke etwa tritt als Kopie eines völlig verunsicherten männlichen Teenagers auf, der gerade aus einem der vielen US-Highschool-Filmchen abgehauen zu sein scheint. Als Neuankömmling auf der kalifornischen Wiese zeigt er sich völlig verängstigt, zieht buchstäblich den Schwanz ein und lässt sich als Außenseiter vom örtlichen Macho-Boß Rocco drangsalieren. Als dann auch noch „dessen Schöne“, die Collie-Lady Beverly, ihn „interessant“ findet, sind die üblichen Auseinandersetzungen, sind die bekannten Kraftmeierspielchen annonciert. Natürlich aber findet der tumbe Marmaduke in der Australian-Shepherd-Hündin Lucy und ihren chinesischen Schopfhunde-Kumpanen Dolly, Harry und Izzy verlässliche Vertraute. Und so weiter, und sofort. Als die Familie mal abhaut, lädt der Doggen-Heini zur Party ein, wobei natürlich das Haus demoliert wird. Lucy gerät in die reißenden Fluten der Kanalisation, wobei M. sie unter Lebensgefahr rettet. Außerdem müssen die Hunde auch noch im Surf-Wettbewerb antreten. Pah. Arg begrenzter Ulk, wortwitz-loser Debil-Jux. Running-Gag: Der Hundefurz im Ehebett.
Selbst die – deutschen - Stimmen nerven. CHRISTIAN ULMEN nölt als Titelhund M. dröge herum. NORA TSCHIRNER als Lucy piepst bräsig. Comedian BÜLENT CEYLAN verursacht als Burma-Kater Carlos einige stimmliche Lächler. (Im Original sprechen Owen Wilson, Emma Stone, George Lopez sowie Sam Elliott den English-Mastiff Bruno und Kiefer Sutherland den Beauceron-Rabauken Rocco). Nach filmischen Toll-Manövern a la „Marley & Ich“ oder „Bolt – Ein Hund für alle Fälle“ besitzt dieser tierische Ami-Streich weder Charme noch Esprit noch komischen Humor oder Pointen-Trabbel: „Marmaduke“ ist, leider, DIE plumpe, auf den Keks gehende Langeweile-Tiershow. Schade (= 2 PÖNIs).
„MARY & MAX – ODER SCHRUMPFEN SCHAFE, WENN ES REGNET?“ von Adam Elliot (B+R; Australien 2008; 92 Minuten; Start D: 26.08.2010); das Genre des „Brieffreundschaften-Movies“ gibt es nicht. Also erfinde ich es. Denn jetzt sind es schon zwei herausragende Filme, die zu diesem Genre passen. Bislang galt die amerikanisch-britische Co-Produktion „84, Charing Cross Road“ aus dem Jahr 1986, die hierzulande einst „nur“ auf Video unter dem Titel „ZWISCHEN DEN ZEILEN“ (s.Kritik im DVD-Archiv) herauskam, als DER Brieffreundschaften-Klassiker. Jetzt, 24 Jahre später, ist das 2. Meisterwerk dieses „spärlichen Genres“ zu annoncieren. Und: Nun immerhin auch in unseren Lichtspielhäusern!
ADAM ELLIOT wurde am 2. Januar 1972 im australischen Victoria als Sohn eines ehemaligen Akrobatik-Clowns und einer Friseuse geboren und wuchs auf einer Krabbenfarm auf. Seine Kindheit verlief „unkonventionell“, zum Beispiel zeichnete und bastelte der schüchterne Bengel gerne Pfeifenreinigermännchen. Als er auf der privaten Knabenschule in der Dudelsackband die Basstrommel spielte, verlor er, so schildert es das Presseheft, seine Schüchternheit. In der Oberstufe begeisterte er sich für den Schauspielunterricht. Nach der Schule bemalte er „originell“ T-Shirts und verkaufte sie auf einem kunstgewerblichen Markt. 1996 begann er das Studium der Animation auf dem „Victoria College of the Arts“. Vier Kurzfilme entstanden und wurden auf mehr als 500 Filmfestivals weltweit gezeigt. 2003 stellte er die 23minütige Knetanimation „HARVIE KRUMPET“ vor, mit Geoffrey Rush als Erzähler, die dann den „Oscar“ als „Besten Animationskurzfilm“ bekam und 2006 vom „Annecy International Animations Festival“ in die Liste der „100 weltbesten Animationsfilme“ aufgenommen wurde. Der unabhängige Filmemacher Adam Elliot ist der offizielle Schirmherr des „Other Film Festivals“, Australiens einzigem Filmfestival für Behinderte.
Animationsfilme sind in. PIXAR & Co. („Toy Story 3“; „Oben“; „WALL-E“) feiern Triumphe. Werden regelmäßig mit „Oscar“-Trophäen überhäuft, sind beim Publikum und bei Filmkritikern beliebt. Machen viel Sinn, bereiten dabei großes Vergnügen. Doch der Animationsfilm richtet sich in der Regel an ein kindliches Publikum. Egal ob jung oder älter. Es sind gerade die „jungen Motive“, die ansprechen, berühren. Der erwachsene Trickfilm beginnt gerade erst, sich „zu emanzipieren“, siehe neulich „Waltz with Bashir“ oder „Persepolis“. Nachdem Walt Disney vor Jahrzehnten mit seinem erwachsenen Trickfilm „FANTASIA“ grandios gescheitert war. „Mary & Max“ ist solch ein Animationsfilm für Erwachsene. Wenn DER als Realfilm konzipiert wäre, müsste man resignieren. Motto: Dermaßen viel Übel + Traurigkeit geballt, wäre schwer zu ertragen. Doch über die KNET-ANIMATION „funktioniert“ das menschen-befindliche Spiel ganz vorzüglich.
Wir schreiben das Jahr 1976. Mary ist 8 und lebt in einem öden Vorort von Melbourne. Weitgehend isoliert. Wegen ihres Muttermals auf der Stirn und wegen ihrer überdimensionalen Hornbrille wird Mary oft gehänselt. Ein kauziger Hahn ist ihr einziger Freund. Die „Nublets“ aus dem Comic-Fernsehen verehrt sie. Ansonsten aber ist Stille und Langeweile für das aufgeweckte Kind angesagt. Ihr Vater ist ein Sonderling und Spinner, der in einer Fabrik aufpasst, dass die kleinen Strippen an die Teebeutel gelangen. Ansonsten zieht er sich meist in „seine Hütte“ zurück. Die Mutter säuft ununterbrochen. Sherry. Und lallt ihrer Tochter schon mal entgegen, dass diese doch ein „Unfall“ gewesen sei. Mary versteht „Bahnhof“, will ES aber wissen. An einem dieser trostlosen, einsamen Nachmittage beschließt Mary, endlich Antworten zu suchen, zu bekommen. Auf ihre vielen Fragen. Woher zum Beispiel „Babys“ kommen? (Sie hat da schon sehr „skurrile“ Vorstellungen). Und so was alles. Aus einer zufällig herausgerissenen Telefonbuchseite entdeckt sie die Adresse von Max Jerry Horowitz aus der Hubert Street in New York. Noch in derselben Nacht schreibt sie ihm.
Max ist 44 und Außenseiter. Mit geringen sozialen Kontakten. Teilt sein Zimmer mit einem Fisch (gerade „Heinrich, der 4.“), Schnecken mit Physiker-Namen, einem Papagei, einem einäugigen Kater. Schokoladen-Hot-Dogs sind seine Lieblingsspeise. Max hat ein anfälliges Nervenkostüm, ist 1 Meter 80 groß, besitzt 8 Trainingsanzüge in gleicher Farbe und Größe und wiegt 352 Pfund. Max war U-Bahn-Kontrolleur, Nudelverpacker, Drucker für Frisby-Scheiben, Fast-Geschworener bei Gericht, städtischer Mülleinsammler, Lagerverwalter in der Armee und in einer Kondomfabrik. „Menschen verwirren mich oft; finde sie interessant, habe aber Mühe, sie zu verstehen“: Der einsame Max leidet am Asperger Syndrom, einer besonderen Art von Autismus. Bekommt – bei „Veränderungen“ – jedes Mal Panik-Attacken, spielt regelmäßig Lotto, geht ebenso permanent wie vergebens zu den Weightwatcher-Kursen, um abzunehmen, und gönnt sich ebenso regelmäßig den Besuch beim Psychiater Dr. Bernard Hector Hazelhoff. Auf den Mary-Brief reagiert er erst einmal panisch. Dann beruhigt er sich mit Schoko-Hot-Dogs und antwortet.
Das ist der Beginn einer 22 Jahre dauernden „komischen“, kessen, außergewöhnlichen wie grundehrlichen Brieffreundschaft. Mit viel herrlichem, entwaffnendem Naiv-Charme.
In Schwarz-Weiß, mit vielen Farbtönen und –tupfern. Je nach, auch räumlichen Stimmungen + Schwankungen. Entsprechend der aktuellen Emotionalität. Man saugt sich förmlich hinein. In dieses „merkwürdige“, ereignisreiche Knetmenschendasein. Das natürlich an die kauzigen britischen „Wallace & Gromit“-Figuren erinnert und in seiner liebenswerten Naiv-Ironie und seelischen Anarchie fein aufblüht. Und auf wundersame, zärtliche Poesie-Weise versteht, Elend nicht nur begreifbar, verständlich zu machen, sondern auch „lustig“ auszubreiten, zu erzählen, „normal“ zu vermitteln. Ohne aufgesetzte Empörung.
Ähnlich wie zuletzt die „lebenden Puppen“ bei „Toy Story 3“ entwickeln die beiden Figuren hier zutiefst „menschliche Nähe“. Dichte. Emotionen. Anteilnahme. „Erhebliche Neugier“. Und Faszination. Dabei vereinen sich Bild und Wort auf herrlichste wie HERZlichste Weise. Erklären diese „verrückte“, unmögliche Seelenverwandtschaft zwischen Mary & Max unaufdringlich, sinnlich, behutsam. Schön. Verständlich wie anrührend. Zudem: Pointen werden nicht gesetzt, gesucht, sondern ergeben sich auf bisweilen bitter-schöne, also tragikomische Lebensweise. Kein Denunzieren, kein Spektakel möglich. Ein wunderbar trauriger Spaßfilm! Mit viel melancholischem Lächel-Charme „auf hohem Niveau“.
Die feine, einfühlsame Stimmenbesetzung dazu: TONI COLLETTE spricht im Original Mary (deutsch: GUNDI EBERHARD); PHILIP SEYMOUR HOFFMAN den Max (HELMUT KRAUSS); BARRY HUMPHRIES gibt den Erzähler (auf deutsch genauso charme-hörig: „Tatort“-Kommissar BORIS ALJINOVIC).
Was für ein Juwel von Film! Was für ein grandioser Plastilinreichtum! Was für ein ganz und gar BESONDERER, GROßARTIGER „Menschen“film! Mit 132.480 Einzelbildern, an 133 verschiedenen Sets: Phantastische Knet-Poesie pur (FSK-Freigabe: Ab 12 Jahren) & (= 5 PÖNIs).
Die wilden alten Zeiten, die der Ex-“Beatle“ Paul McCartney in seinem Film
„MASKEN“ von Claude Chabrol (Co-B+R; Fr 1987; 100 Minuten; Start D: 24.07.1987); war diesjähriger französischer Berlinale-Wettbewerbsbeitrag.
In “Masken“ geht es um einen beliebten und umschwärmten Fernseh-Showmaste Der ist für die lieben Alten zuständig und umgarnt sie Woche für Woche in seiner rosa Studio-Watte. Lässt sie singen, tanzen, rezitieren, um sie dann mit einem Farbfernseher oder einer Reise zu beglücken. Monsieur ist populär und scheint auch in seinem Privatleben ein reiner Menschenfreund zu sein, denn in seiner Umgebung tauchen nur lachende und zufriedene Gesichter auf Dann aber kommt ein junger Journalist, der seine Biographie schreiben
soll, hinter eine ganz andere, heimtückische und gefährliche Seite dieses auf einmal gar nicht mehr so guten, braven Onkels.
“Masken“, das ist eine neuerliche, ebenso unterhaltsame wie hintergründige Spannungskomödie des brillanten Gesellschaftsspötters Claude Chabrol. Der für seine feinen Attacken keine spekulativen Handlungszüge und keinen besonderen Aufwand benötigt. Und keine Mätzchen, keine Tricks und wenig laute Töne anzuwenden braucht. Denn das Geheimnis der Filme von Chabrol ist die Normalität, die Boshaftigkeit des Alltäglichen, das eigene Wiedererkennen in den Normen, im Verhalten auf und vor der Leinwand. Nichts wirkt übertrieben, obwohl es das natürlich ist, schließlich befinden wir uns im Kino. Alles läuft so normal und gemein ab wie...wie vielleicht ein 24-Stunden-Programm bei einem selbst.
Der Regisseur dazu, der die offiziellen Moralisten mit all ihrem Anspruch und Getue gar nicht mag: “Ich will im Grunde nur eines, die Wahrheit zeigen und die Menschen, so wie sie wirklich sind“. Das vorzügliche
Ensemble um den überragenden Hauptdarsteller PHILIPPE NOIRET unterstützt ihn dabei ganz prächtig (= 4 PÖNIs).
„THE MASTER “ von Paul Thoma Anderson (B, Co-Pr. + R; USA 2011; K: Mihai Malaimare Jr.; M: Jonny Greenwood; 137 Minuten; Start D: 21.02.2013); natürlich wurde von Produktionsseite bestritten, dass dieser Film etwas mit dem Leben des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard zu tun hat. Wie überhaupt der Sektenname „Scientology“ hier nie vorkommt. Dennoch ist mehr als deutlich ersichtlich, dass hier mit der Sekte „The Cause“ („Die Ursache“) DIE gemeint sind. Ebenso wie ihr (An-)Führer, ein Buch-Autor und Psychologe mit Namen Lancaster Dodd, von allen aber nur „The Master / Der Meister“ genannt, eindeutige Verführungschefzüge von Hubbard besitzt. Doch in Hollywood legt man sich ungern mit den mächtigen Scientologen an, also dauerte die Arbeit an diesem Projekt rund fünf Jahre und wurde dann – so hieß es in Venedig im Vorjahr, anlässlich der dortigen Festival-Wettbewerbsvorführung – vom Anderson-Freund und ranghohen Promi-Scientologen Tom Cruise nach einer Privatvorführung „abgesegnet“.
ER zählt zu den spannendsten Filmemachern überhaupt, der am 26. Juni 1970 in Kalifornien geborene PAUL THOMAS ANDERSON. DER zwischen 1996 und 2012 nur sechs Langfilme realisiert hat, die aber SÄMTLICHST auf große cineastische Begeisterung und weltweites Publikumsinteresse stießen: „Last Exit Reno“; „Boogie Nights“ (3 „Oscar“-Nominierungen / mit Burt Reynolds); „Magnolia“ (3 „Oscar“-Nominierungen / mit Tom Cruise); „Punch Drunk Love“ (Preis für die „Beste Regie“ in Cannes / mit Adam Sandler und Philip Seymour Hoffman) sowie „THERE WILL BE BLOOD“ (8 „Oscar“-Nominierungen / „Oscar“ für den „Besten Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis) und nun „The Master“ (drei „Oscar“-Nominierungen). Beginnend in den USA-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.
„Ich bin Schriftsteller, Arzt, Kernphysiker, theoretischer Philosoph“: Lancaster Dodd (PHILIP SEYMOUR HOFFMAN) ist ein charismatischer Typ. Der sich und „sein Anliegen“ gut zu formulieren und geschickt „ans Volk“, an Immer-Mehr-Jünger, anzubringen versteht. „Erinnern“ und „Imaginieren“ lautet eine seiner Sinn-Botschaften, die über das „heiß“ erwartete „Buch Zwei“ verstärkt „fesseln“ soll. Das Buch, das dann den schön sinn-losen Titel trägt: „The Split Saber“. Und nicht kritisiert werden darf.
Dieser Freddie Dobbs (hinreißend kaputt: „Johnny Cash“ JOAQUIN PHOENIX) ist genau die Spezies Mensch, die Lancaster Dodd und seine Frau Mary Sue (AMY ADAMS) „benötigen“. Ein völlig traumatisierter Kriegsveteran, mit diversen Defiziten, von A wie Alkoholsucht bis S wie Sex-Besessenheit. Kein Wunder, dass er im zivilen Leben nur unangenehm „auffällt“. Stört. Sich quasi im selbstzerstörerischen Dauer-Rausch befindet. Auf einem Schiff, das „Wahrheit“ heißt, begegnen sie sich das erste Mal. Der neue Jünger und Der Meister. Der kultivierte Chef erweist sich als generös. Nimmt den blinden Passagier auf und mit offenen Armen an. Formt ihn zielstrebig zu einem „Freund“, aus dem er einen „besseren Menschen“ zu machen gedenkt. Bedingung: Abhängigkeit. Eingemeindung. In die Gemeinde. Und in deren spirituelle Triebfeder. Die da lautet: „The Master“ denkt, sagt, vermittelt die weitere Lebensrichtung. Ohne Kontra. Aber funktioniert DAS mit DIESEM Freddie? Einem permanenten Unruheherd? Innen wie außen? Dessen Fieber nie ganz erlöscht? Der sich wie ein streunender Hund nie völlig domestizieren lässt?
Zwei völlig unterschiedliche Kerle, zwei grandios aufregende sensationelle Schauspieler, zwei Charaktere, die wie ein permanenter Donnerhall kraftvoll „schäkern“. Eine Liebesgeschichte. Fast. The Bad & The Ugly. Der Böse und der Schlimme. Zwei Pole, die sich anziehen. Aufeinanderprallen. Intensiv „fighten“. Der (fast) stets beherrschte, überlegene, verführerische Mr. „Kultur“ Dodd und dieser bildungslose, wilde, amorale Unzivilisierte. DEN zu manipulieren eine echte Herausforderung ist. Für den Boss. Obwohl Dodds Weib diesen nervenden, störenden „Rivalen“ so schnell wie möglich loswerden möchte. Was für ein Ring. Für überragende Akteure wie „Oscar“-Star PHILIP SEYMOUR HOFFMAN („Capote“) und Beinahe-„Oscar“-Hero JOAQUIN PHOENIX („Walk The Line“). Ihr Psycho-Duell ist ein erstklassiger verbaler Boxkampf. Treffer hier, taktische Mätzchen und Listigkeit dort. Hoffman erinnert in seiner charismatischen Überlegenheit und in seinem cleveren Protz an den Orson Welles- „Charles Foster Kane“ aus „Citizen Kane“ von 1941; Phoenix wühlt sich in die Seelentiefen und das Aufbegehren von „Olymp“-Helden wie James Dean oder dem frühen Marlon Brando ein. Zwei Kult-Asse in ihrem faszinierenden und maßlosen Duell. Dabei für uns zuschauende, zuhörende Normalsterbliche bisweilen viel zu emotionslos erscheinend. Mit viel zu wenigen aussagestarken „K.O.-Treffern“. Natürlich geht es in „The Master“ hintergründig um eben jene Mechanismen einer totalitären Sippe, Sekte, vordergründig aber dominieren hier die ritualisierten „Spielchen“ um Macht, Vorrang, Bedeutung gegen Pöbel, Sündiger, Verlierer. Ungleich? Keineswegs. Beziehungsweise: Wer weiß? Es schon? Dieser Film „The Master“ wird gären. Wie ein überragender Wein. Wird öfters nachgesehen, möglicherweise neu interpretiert, filmisch umgedeutet werden. Müssen. In der Beschreibung von der Natur. Des Menschen. Seinem Klassen-Ich. Und seinem „irren“ Naturell. Wozu auch wieder dieser eigenwillige Soundtrack von „Radiohead“-Mitglied JONNY GREENWOOD beiträgt. Nix, was bloß rhythmisch „läuft“. Sondern eine eigene zusätzliche Ton-Stimme dazusetzt. Beeindruckend. Wie überhaupt:
„The Master“ zu sehen, ist hochinteressant. Lohnend. Man darf großartig „forschen“. Denken. Empfinden. Und begeistert Staunen über zwei herausragende Hauptdarsteller im Psycho-Punch: Prächtiges Erlebniskino für den Kopf! (= 4 PÖNIs).
Mit “Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ ist er auch hierzulande bekannt geworden. Ein Jahr zuvor, 1986, schuf er einen Film, der jetzt bei uns ins Kino kommt: „MATADOR“ von Pedro Almovódar (B+R; Spanien 1986; 110 Minuten; Start D: 19.07.1990).
In dem geht es um eine vielschichtige, hintergründige Geschichte, die sehr viel mit den Werken und Psychogrammen von Chabrol, Bunuel, Godard oder Fassbinder zu tun hat. Menschen und ihre dunklen Seelen. Oder: Die beiden Seiten des Möchtegern-Stierkämpfers Anchel. Der möchte so sein wie Diego, der anerkannte Matador. Doch seine streng religiöse Erziehung und Mutter halten ihn auch noch mit 20 Jahren unter Kontrolle. Alle behandeln ihn wie ein Kind, doch dann kommt ihm eine Idee. Der übt ein Verbrechen aus und gesteht danach gleich auch noch eine ganze Reihe anderer. Die Polizei ist happy, endlich den Täter gefunden zu haben. Doch dann stellt eine Ärztin fest, Anchel besitzt hellseherische Fähigkeiten. Und jetzt beginnt eine ganz andere Geschichte.
“Matador“ von Pedro Almovodar ist ein kitzliger, ein verschachtelter Film. Niemand ist so, wie er sich zeigt und am Schlimmsten sind die scheinbar braven, ganz bürgerlichen Leute. “Matador“, ein ungewöhnlicher, interessanter Film aus Krimi und Liebesfall: witzig, provokativ schamlos (= 4 PÖNIs).
„MAVERICKS“ von Curtis Hanson & Michael Apted (USA 2011/2012; 116 Minuten; Start D: 17.01.2013); das sind ja zwei gestandene „gute“ Regisseure, die „nacheinander“ hieran gearbeitet haben: Curtis Hanson, 66, kann auf Werke wie „Die Hand an der Wiege“, vor allem „L.A. Confidential“ („Oscar“ für das „Beste Drehbuch“), „Die WonderBoys“ („Oscar“ für den Titelsong „Things Have Changed“ von Bob Dylan), „8 Mile“ (mit Rapper Eminem) verweisen, gilt als einer der profiliertesten Filmemacher Hollywoods. Aufgrund gesundheitlicher Probleme von Curtis Hanson führte sein Kollege Michael Apted, Brite des Jahrgangs 1941 und Regisseur von hervorragenden Filmen wie „Nashville Lady“ („Oscar“ für Sissy Spacek), „Gorillas im Nebel“ (mit Sigourney Weaver), „Nell“ (mit Jodie Foster) oder des Bond-Films „007 – Die Welt ist nicht genug“ (1999), die letzten drei Drehwochen zu Ende.
JAY MORIARITY war von frühester Kindheit an leidenschaftlicher Surfer. Lebte im kalifornischen Santa Cruz, wo er über den erfahrenen einheimischen Surfer-Guru Ricky „Frosty“ Hesson an die gefährlichen wie „begehrten“ „Großen Wellen“, genannt Mavericks, herangeführt wurde. Jay Moriarity schaffte „sein Ding“, wurde zum professionellen Hero seines Fachs und ertrank am 15. Juni 2011 bei einem Tauchunfall, einen Tag vor seinem 23. Geburtstag. Dieser Film porträtiert Jay Moriarity.
Hauptakteure des Films sind Wasser und Wellen. Ist die prächtige Natur hier. Folglich entwickelt sich „Spannung“, Neugier, über die Akrobatik, durch die vielen rasanten, intensiven Bewegungen auf dem Wasser. Während die Menschen eher „nebensächlich“, zweitrangig und kaum „ausgereizt“ geschildert werden. Neuling JOHNNY WESTON spielt den netten, freundlichen Jay-Burschen mit dem Hang „aufs Brett, auf das Wasser“ und bleibt charakter-darstellerisch vieles lächelnd schuldig. Mit-Produzent und „väterlicher Star“ ist der „amerikanische Schotte“ GERARD BUTLER, bekannt aus „Der Kautions-Cop“, „Gesetz der Rache“ oder „300“. Der hier eher lieblos routiniert den „Frosty“-Mentor und dann Freund von Jay Moriarity mimt, der sich, wie zu hören war, bei einem Surfunfall während der Dreharbeiten im Dezember 2011 erheblich verletzte. Zwar ist es schön, endlich einmal auch wieder die attraktive ELISABETH SHUE, hier als gestresste Jay-Mutter, zu sehen, unvergessen bleibt ihr „Oscar“-nominierter Auftritt an der Seite von Nicolas Cage in dem Säufer-Drama „Leaving Las Vegas“ („Oscar“ für Nicolas Cage“/1996), doch die Wiedersehensfreude wird gebremst durch eine eher uninspirierte, blasse Figuren-Performance. Ausgelöst durch ein fades Drehbuch (von Kario Salem), das „den Menschen“ hier kaum eine reizvolle spannende Entwicklungsmöglichkeit bietet. Stattdessen mimen sie nur standardhafte, beliebige „Stichworte“ als Vorbereitung für einige originelle Shows auf dem Wasser. Was „an Land“ passiert, ist eher durchsichtig und blässlich.
Für Extremsportler mag diese Chose sicherlich optisch interessant sein. Und wirken. Vor allem gegen Ende, wenn’s dann „zur Sache“ geht. Und der Junge „erwachsen“ wird. Im aufgepeitschten Nass. Bei mir schlich sich der Film eher „so durch“. Wenig fesselnd, ziemlich lau und langatmig, nur hin und wieder mit bzw. bei diesen spektakulären Wasser-Aktionen aufbrausend. Ansonsten - der Film ist insgesamt zu „klein“ für die unterforderte große Kino-Leinwand (= 2 PÖNIs).