„MÜNCHEN" von STEVEN SPIELBERG (USA/Can./Fr 2005; 164 Minuten; Start D: 26.01.2006); der neueste Spielfilm vom 3fachen "Oscar"-Preisträger ("Schindlers Liste"/"Der Soldat James Ryan"), INSPIRIERT VON WAHREN EREIGNISSEN, wie es eingangs heißt. Wir erinnern uns: 5. September 1972, der 11. Tag der Olympischen Sommerspiele von München: 8 Palästinensische Terroristen dringen (unter dem Kommando-Namen "Schwarzer September") in das Olympische Dorf ein, nehmen 11 israelische Sportler als Geiseln, töten zwei von ihnen und fordern die Freilassung von 232 Palästinensern aus israelischer Haft. Bei einem chaotischen Befreiungsversuch durch die Polizei wurden die restlichen 9 Geiseln, 5 der Terroristen und ein Polizist erschossen. 3 Terroristen kamen in deutsche Haft und wurden später - nach der Entführung einer Lufthansa-Maschine - freigelassen.
Die damals neue Satelliten-Technik machte nicht nur den Sport zu einem der ersten weltweiten Live-Fernsehereignisse, sondern auch den Terror, der die als "heitere Spiele von München" gedachte Olympiade zur Tragödie verwandelte. Der Film folgt nun der "israelischen Rache": Mit Zustimmung der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir schickt in den Wochen danach der israelische Geheimdienst Mossad ein "hochqualifiziertes" 5köpfiges Killer-Kommando (unter dem Decknamen "Operation Zorn Gottes") um die Welt, um die Verantwortlichen "hinter den Kulissen" zu eliminieren (Telefonbombe in Paris/Anschlag in Beirut/Schüsse in Spanien...). Mögen auch die Details "fiktiv" und als "umstritten" gelten (der Film basiert auf dem 1984 erschienenen Buch "Die Rache ist unser" des kanadischen Journalisten George Jonas), die Ausgangslage ist historisch unumstritten: Bis 1992 verfolgte und tötete "Mossad" weltweit die Hintermänner des Anschlages von München.
Ein zweifellos (nach-)fragender, politischer Spannungsfilm bzw.: Hollywood beginnt ENDLICH auch einmal, provozierend wie brennend-aktuell, "politisch nachzudenken": Darf ein Staat, dessen Bürger von Terroristen bestialisch hingerichtet wurden, diese ebenfalls "so" hinrichten??? Das Gut/Böse-Schema "funktioniert" hier ebenso wenig wie es (natürlich) hier auch keine dramaturgische "Überraschungen" gibt/geben kann. Der "Spiegel" fragt auf dem Titel in dieser Woche: "DIE MORAL DER RACHE" oder: "Dürfen Demokraten Terroristen töten?" Der RICHTIGE Film also zur (leider) RICHTIGEN Zeit. Er ist weder "anti-israelisch" noch "anti-jüdisch", er ist ein guter, kluger, brisanter, packender "Kopf"-SPIELFILM. Der noch lange nach Kinoende nachwirkt. Mit dem Australier ERIC BANA ("Hulk", als Hector in "Troja") in der nicht sehr "dollen" Anführer-Rolle der Rekruten-Truppe (eine darstellerische Schwachstelle), die aber mit dem Briten (und künftigen James-Bond-Darsteller) DANIEL CRAIG, dem Deutschen HANNS ZISCHLER, dem Franzosen MATHIEU KASSOVITZ und dem Amerikaner CIARAN HINDS sowie - als Mossad-Kontaktmann - mit dem Australier GEOFFREY RUSH überzeugender besetzt wurde/ist (= 4 PÖNIs).
„MÜTTER UND TÖCHTER“ von Rodrigo Garcia (B+R; USA 2009; 126 Minuten; Start D: 28.04.2011); der 50jährige Sohn des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez („Hundert Jahre Einsamkeit“) fing als Lichtsetzer und Kamera-Assistent an, bevor er es mit ersten Independent-Filmen („Gefühle, die man sieht…“/2000; „Nine Lives“, 2005 sowie „Passengers“/2007, mit Anne Hathaway + Patrick Wilson) „probierte“. Für den renommierten amerikanischen Produktions-TV-Kabelkanal HBO inszenierte er zahlreiche Episoden der auch bei uns populären Serie „Six Feed Under“ (2001 – 2005).
„Gefühle, die man sieht“, könnte auch „Mother and Child“ (Originaltitel) betitelt sein.
Drei Frauen im Los Angeles von heute. Drei Schicksale. Drei Geschichten, die zunächst „einzeln“ ablaufen und sich dann zu einer Gesamtgeschichte zusammenfügen. 37 Jahre ist es her, dass die depressive Physiotherapeutin Karen (ANNETTE BENING) im Alter von 14 Jahren schwanger wurde und ihr Kind zur Adoption freigab. Was zu ihrem Lebenstrauma werden sollte. Die ambitionierte Karriere-Anwältin Elizabeth dagegen (NAOMI WATTS/zuletzt „Fair Game“) verbietet sich strikt Bindung .Totale Unabhängigkeit lautet ihr konsequent praktiziertes Lebensmotto. Sowohl beruflich wie privat. Als sie bei einer namhaften Kanzlei eintritt, beginnt sie eine Affäre mit ihrem Chef Paul, einem Witwer mit erwachsenen Töchtern (SAMUEL L. JACKSON/der herbe “Pulp Fiction“-Man, einmal ganz anders, mit bzw. in vielen Gefühlsposen). Und wird schwanger. Konditorei-Besitzerin Lucy (KERRY WASHINGTON („Lakeview Terrace“, 2008; mit Samuel L. Jackson) ist unfruchtbar und beschließt mit ihrem Mann, ein Kind zu adoptieren. In einer schwangeren Studentin finden sie bei der katholischen Adoptionsvermittlung auch eine abgabewillige Bald-Mutter, aber dann tauchen erhebliche Schwierigkeiten auf. In beider Familien. Die emotionalen wie personellen Fäden beginnen sich interessant auszubreiten.
Die weibliche Seelenlage. Gleich mehrfach. Östrogen pur. Die fließenden Hormone. Bei verschiedenen Generationen. Und spannenden Charakteren. Zwischen kratzbürstig, cool und irritiert. Als modernes Gefühls-Drama. Mit mehr Realitätsgeschmack als fiktionalem Süßholz. Einfühlsam wie psychologisch „stimmungsvoll“ vermittelt. Dank der hervorragenden weiblichen Akteurinnen. Und eben ungewöhnlich charmant sanften männlichen Stichwortbegleitern wie Samuel L. Jackson und Jimmy Smits als Annette „Karen“ Bening-Partner.
Apropos ANNETTE BENING: Die bislang dreifach „Oscar“-nominierte 51jährige („American Beauty“; „Being Julia“ und zuletzt „The Kids Are Allright“) brilliert erneut, diesmal in einem eher sperrigen Charakter-Part. Es wird höchste Zeit, sie einmal „offiziell“ zu würdigen. Eine erstklassige Schauspielerin. In einem reizvollen Frauenfilm (= 3 PÖNIs).
„MULLEWAPP - Das große Kinoabenteuer der Freunde" von Tony Loeser und Jesper Moller (D/It/Fr 2008; 77 Minuten; Start D: 23.07.2009); herrlich kleinkindgerechter Animationsspaß um die vom Kinderbuch-Autor HELME HEINE in seinen Büchern "Freunde" und "Mullewapp" erdachten Helden Maus Johnny, Hahn Franz, Schwein Waldemar und Lämmchen Wolke. Die leben zusammen auf dem friedlichen Bauernhof Mullewapp, müssen aber eines Tages in die große Welt, um Abenteuer zu bestehen und eine wolfige Entführung "zu korrigieren". Dabei geht es um Freundschaft, Solidarität, Toleranz untereinander und den gemeinsamen Zusammenhalt, wenn nur die eigenen "speziellen Fähigkeiten" gut abgestimmt ausgespielt/ausgereizt werden. Für den in Halle für rd. 8 Millionen EURO produzierten Streifen wurden Promi-Stimmen von (erstmals) Katharina Witt (als Vollweib-Henne Marilyn), Benno Fürmann, Christoph Maria Herbst und Joachim Krol mit viel Witz, Charme und Fröhlichkeit verwandt. Motto natürlich: MULLEWAPP trägt jeder von uns im Herzen, ganz klar. Auch für GROßE KINDER amüsant, deshalb (=4 PÖNIs).
„DIE MUPPETS“ von James Bobin (USA 2011; B: Jason Segel, Nicholas Stoller; 109 Minuten; Start D: 19.01.2012); seit dem Weihnachtsfest 2010 zählen SIE wieder zum festen Bestandteil des hiesigen Heimkinos. Nachdem es nämlich jahrelang aus rechtlichen Gründen nicht möglich war, die legendäre TV-Serie um die MUPPETS auf DVD herauszubringen, kam endlich am 2.12.2010 eine prächtige 4-Disc-DVD-Box mit der kompletten 1. Staffel, also insgesamt 24 Folgen, „per Scheibe“ heraus (s. KRITIK). Die phantastischen Siebziger Anarcho-TV-Jahre lebten wieder auf (1976 wurden in den USA die ersten Folgen ausgestrahlt; hierzulande lief die erste Muppets-Folge am 3.12.1977 im ZDF). Der Rest ist TV- wie Kino-Legende. Bis 1981 entstanden 120 Folgen, dazu wurden 6 lange Kinospielfilme hergestellt:: „Muppet Movie“ (1979); „The Great Muppet Caper“ (1981; mit Sir Peter Ustinov + Diana Rigg; kam bei uns nie ins Kino, sondern unter dem Titel „Der große Muppet-Krimi“ am 17.11.2005 auf DVD heraus); „Die Muppets erobern Manhattan“ (1984); „Die Muppets-Weihnachtsgeschichte“ (1992; nach Charles Dickens, mit Michael Caine als Ebenezer Scrooge); „Muppets – Die Schatzinsel (1996); „Muppets aus dem All“ (1999).
DIE MUPPETS - das bedeutete „komische Rebellion“. Aufstand gegen Anstand. Spielerisches Chaos. Sarkastische Pöbeleien. Ironische Stänkereien. Mit- und gegeneinander. Untereinander. Aber auch gegenüber den vielen Promi-Gästen, die damals gerne mitmachten. Das heißt - die Muppets durften all diesen herrlichen Schabernack bestrafungslos „ausüben“, der UNS verboten ist. Von wegen „Anstand“. Benehmen. Immer schön „sauber“ bleiben. DIE durften verbal wie auch „handwerklich“ viele schöne „Sauereien“ durchziehen. Waren dabei saukomisch. In den einzelnen Wiedererkennungs-Typen. Wie Grünfrosch-Moderator Kermit, das ebenso eitle wie füllige Miss Piggy-Schwein, Fozzie-Bär, „Stuntman“ Gonzo oder die Tribünen-Kritiker-Oldies Statler & Waldorf oder, mein Lieblingsviech, das am Schlagzeug angekettete TIER. The Animal. Wehe, wenn er losgelassen zum Einsatz kam: DER mit dem „umfangreichsten“ Störpotenzial: Laut, lauter, ohrenbetäubend. Eine hin-, eine mitreißende Truppe. Waren sie. Damals. Als JIM HENSON (24.9.1936 – 16.5.1990) sie „entdeckte“. Sie kreierte. Sie führte. Lenkte. Das Unternehmen „Muppets, Inc.“ gründete. Tolle Mitspieler wie den Puppenmann und Regisseur FRANK OZ fand. Die dann ihren Lieblingen I den passenden Ulk-Drive verpassten. Ihnen diesen „gestörten“ Schwung „mit frechem Schmackes“ verordneten. Mit vielen tollen Show-„Gemeinheiten“. Wunderbar locker. Hinterfotzig. Kess. „Die Muppets“: Eine fröhliche, stimmungsvolle tierische Chaos-Truppe. Mit vielen menschlichen Charakterzügen. Wahnsinnig erfolgreich.
Irgendwann war Schluss. Mit lustig. Man hatte ausgespielt. „Papa“ Jim Henson starb mit jungen 53 Jahren, der DISNEY-Konzern hatte die Regie-Geschäfte übernommen. Die Muppets tauchten immer mal wieder auf, in der Werbung, Online, in zahlreichen Wiederholungen. Eigentlich aber waren sie „gegessen“. Bis Disney-Hollywood sie nun wieder belebte. Für den 7. Kinofilm. DER genau SO ansetzt: Die Muppets sind verstreut. In alle Winde. Existieren nur noch solo. In der Anonymität des „unteren“ Entertainment. Fozzie Bär tritt in einem drittklassigen Casino „mühsam“ auf. In einer schwachmatischen Muppets-Tribute-Gruppe namens „The Moopets“. Das Tier steckt mitten in einer Therapie zur Aggressionsbewältigung. Um endlich „Ruhe“ zu finden. Vergeblich. Natürlich. Schließlich heißt der Gruppenleiter JACK BLACK. Und hat selber „einen Hammer“. Apropos - Gonzo hat Trompete & Kanonen abgelegt und die Branche gewechselt. Hat ein Klempner-Imperium aufgebaut. Würde aber zu gerne lieber wieder auf die Bühne zurück. Und so weiter, und so fort. Einzig Miss Piggy hat sich auf der Überholspur der Mode erfolgreich eingerichtet. Lebt mittlerweile in Paris und entzückt dort als Plus-Size-Redakteurin die Leser der französischen „Vogue“. Mit ihrem exzellenten Stil und Modegeschmack. Kermit & Friends holen sie alle wieder zusammen. Auslöser: Neu-Muppet und Super-Fan Walter. Mit seinem Menschen-Bruder Gary (JASON SEGEL) und dessen Braut Mary (AMY ADAMS) entwickelt er so vielen Enthusiasmus, dass Kermit gar nicht anders kann als wieder herumzutröten. Schließlich soll ihr Theater, das als heruntergekommenes Muppet-Museum zerfällt, abgerissen werden. Der schmierige Öl-Baron Tex Richman (CHRIS COOPER) wittert unter der Immobilie profitables Öl. Wenn nicht innerhalb kürzester Zeit 10 Millionen Dollar „eingespielt“ werden, ist ein- für allemal endgültig Feierabend. Mit dieser Muppet-Kultstätte.
Na ja, so „ganz scharf“ wie einst zünden sie nicht mehr. Eher nostalgisch softig. Als Musical-Verschnitt. Mit netten Liedchen-Liedern. Mehr süßlich. Kurzweilig peppig. Und schmunzelnd witzig. Die große Anarcho-Luft aber ist ´raus. Man duelliert sich jetzt weniger zotig und mehr „weinerlich“. So a la - Radau mit Sentiment. Eine mehr nette denn flotte Erinnerungsregung. Mit viel Lächeln, aber auch dussligem Storygewusel. Mehr Frechheiten hätten sicherlich gut getan. Im Zeitalter von „Shrek“, „Ice Age“ & Pixar-Toys. Aus den Muppets sind heute viel zu gutherzige Figuren geworden.
Ihr Film: Hübsch, melancholisch, aber auch im Menschen-Ensemble läppisch: JASON SEGAL, bekannt aus der „Emmy“-prämierten Erfolgs-Sitcom „How I Met Your Mother“ und als Jason aus der Komödie „Beim ersten Mal“ (2007), ist hier Co-Drehbuch-Autor und Mit-Produzent und besitzt als Darsteller eher Luschen-Format. Während AMY ADAMS („Verwünscht“; „Julie & Julia“) läppische Liedchen trällert. Und treu-doof auf den Antrag des Liebsten wartet. „Oscar“-Preisträger CHRIS COOPER („Adaption“) allerdings auch mal „peppen“ zu sehen, ist dagegen goldig.
Fazit: Der neueste Muppet-Film lässt zu viel belanglosen Singsang zu, öffnet den menschlichen Figuren zu sehr die Pforten und grenzt den Krawall-Freiraum der Puppen immens ein. Lotet DEN viel zu wenig aus. Zugunsten einer emotionalen Suppe, in der Mehr-Pfeffer `reingehört hätte (= 3 PÖNIs).
„MURIELS HOCHZEIT" von P.J. Hogan (B+R; Australien 1994; 106 Minuten; Start D: 19.01.1995).
Muriel Heslop (TONI COLLETTE) ist übergewichtig, unattraktiv und ohne jegliches Selbstbewusstsein. Wird von ihrer "schönen Umgebung" gehänselt wie gemieden; wird aber auch von ihrem herrischen/bescheuerten Vater, einem stinkigen wie mächtigen Regional-/Provinzpolitiker, wie ein Stück Dreck behandelt bzw. ständig nur gemaßregelt. Lebt demzufolge in einer Phantasiewelt, die aus ABBA-Songs und Träumen von einem Prinzen besteht, der sie endlich aus dieser miefigen Welt befreien möge. Doch dann "entdeckt" Muriel sich und ihre Qualitäten und legt los.
Mit seinem Debüt-Spielfilm gelang dem Autoren-(TV-)Regisseur P.J. Hogan ein ungewöhnlich einfaches, stimmungsvolles, sensibles Außenseiter-Porträt. Das nie gekünstelt wirkt, sondern intelligent durchdacht und dabei fein- pointiert argumentierend. Und eben von der außerordentlich beeindruckenden darstellerischen Leistung der Hauptdarstellerin Toni Collette lebt. Die sich vor Drehbeginn 22 zusätzliche Kilo anfraß, um für die Rolle "passend" zu sein. Sie strahlt einen innerlichen Glanz und eine emotionale Verletzbarkeit aus, die unsentimental und nachvollziehbar berühren. Das simple wie wunderbare Motto hier - WAHRE SCHÖNHEIT KOMMT EBEN STETS VON INNEN - wirkt bei Toni Collette absolut glaubwürdig/überzeugend.
Ein Prima-Film zum Nachholen oder Entdecken (= 4 PÖNIs).
„MUSIC BOX“ von Costa-Gavras (USA 1989; B: Joe Eszterhas; 124 Minuten; Start D: 12.04.1990).
In “Music Box“ geht es um eine ganz normale amerikanische Familie. Der Vater (ARMIN MUELLER-STAHL) ist vor langer Zeit aus Ungarn eingewandert, hat geheiratet, Kinder und Enkel gekriegt. Man lebt ruhig und zufrieden, bis sich eines Tages die Einwanderungsbehörde und der Staatsanwalt melden. Man klagt ihn an, in den letzten Kriegstagen an grässlichen Nazi-Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Die Tochter (JESSICA LANGE), eine Anwältin, ist entsetzt.
Es geht vor Gericht.
Während die Tochter an einen Irrtum glaubt und nicht begreift, warum man ihren Vater, diesen liebenswerten, guten Menschen, so attackiert, erkennen die Zeugen ihren Dad als den Kriegs-Verbrecher von einst wieder und schildern seine grauenvollen Taten. Doch immer wieder gelingt es Ann Talbot, die Klagepunkte zu zerpflücken, die Beschuldigungen als ‘zweifelhaft‘ hinzustellen. Das Duell mit dem Ankläger scheint gewonnen.
Es geht um Schuld und späte Sühne. “Music Box“, der Titel spielt auf‘ den allerletzten und unwiderruflichen Beweis im Film an, behandelt ein Thema und lässt dabei zwei weitere, wichtige, zusammenhängende aus. Warum war der Alte in jungen Jahren solch ein Monster in Menschengestalt und was sagt er heute dazu? Und: Wieso deckten jahrzehntelang CIA-Spitzen diesen Verbrecher und ermöglichten ihm sogar den Neuanfang in Amerika?
Davon erfahren wir nichts; der Film beschränkt sich auf das private Duell zwischen Tochter und Vater und auf das Gerichts-Drama. Doch auch dieses ist natürlich ehrenwert, unter die Haut gehend, nachdenklich stimmend, wenngleich Music Box“ einen seltsam unbefriedigten, lähmenden Eindruck zurücklässt. Jessica Lange und Armin Mueller-Stahl in seiner ersten Amerika-Rolle beherrschen die Szenerie und wirken überzeugend, ohne zu übertreiben.
Auf der Berlinale erhielt der Film kürzlich einen der beiden “Goldenen Bären“. Ein diskutabler Film "Music Box“ von Costa-Gavras (= 3 PÖNIs).
„THE MUSIC NEVER STOPPED“ von Jim Kohlberg (Prod.+R; USA 2010; 105 Minuten; Start D: 29.03.2012); ich könnte ausflippen…, vor Begeisterung. Denn dieser „völlig überraschende“ Film ist genau solch ein „Sleeper“, wie man ihn sich ab und an erhofft: „Sleeper“ sind kleine GROSSE Kinofilme, auf die man „vorher“ nicht „setzt“. Weil sie vom Titel her, vom Namen des Regisseurs her sowie zunächst „und überhaupt“ „nichts sagen“. Filme, die mit „wenig Geschrei“ daherkommen. Müssen. Weil nicht viel Geld da war und ist. Und wenn man dann solch einen „Sleeper“ erwischt, ist die Freude groß. Typische Sleeper-Movies waren in den letzten Jahren Entdeckungen wie „Eldorado“ aus Belgien, „Juno“ und „Little Miss Sunshine“ aus den USA, „Vitus“ aus der Schweiz oder „Kleine Wunder in Athen“ von Filippos Tsitos, eine feine Co-Produktion D/Griechenland. Wunderbare Entdeckungen. Wozu nun auch dieses Independent-Juwel aus den USA zählt. Das im Vorjahr beim renommierten „Sundance Festival“ seinen Start hatte. Um dann auf weltweite „Tournee“ zu gehen.
„The Music Never Stopped“ ist das Regie-Debüt des unabhängigen amerikanischen Produzenten Jim Kohlberg. Der mit seiner Dokumentation „TRUMBO“ - über den legendären Hollywood-Drehbuch-Autor Dalton Trumbo, der einst auf der „Schwarzen Liste“ des Kommunistenjägers Senator McCarthy stand – 2007 für gutes Aufsehen sorgte. Seinen Spielfilm-Erstling könnte man charmant als das „ZIEMLICH BESTE FREUNDE“-Pendant aus den USA bezeichnen. Denn darum geht es hier: ZWEI, hier Vater und Sohn, die sich auseinanderdividiert haben, finden „ungewöhnlich“ wieder zusammen: Über DIE Musik. Über den Rock ´n Roll. Aber der Reihe nach.
Am Anfang steht ein Essay. Über eine Fallstudie. Von Dr. OLIVER SACKS. Der am 9. Juli 1933 in London geborene Neurologe und Schriftsteller wurde international durch seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt, in denen er anhand von Fallbeispielen anekdotisch wie allgemeinverständlich über komplexe Krankheitsbilder schrieb. Berichtete. Sowie über deren „außergewöhnliche“ „Heilmethoden“. Hollywood-Filme wie „Zeit des Erwachens“ (1990/mit Robert De Niro + Robin Williams) und „Auf den ersten Blick“ (1999/mit Val Kilmer + Mira Sorvino) basieren auf der Literatur, der medizinischen Arbeit und den Erkenntnissen von Dr. Sacks. 1995 veröffentlichte er in seinem Buch „Eine Anthropologin auf dem Mars“ eine Kurzgeschichte unter dem Titel „The Last Hippie“. Diese ist der Ausgangspunkt für dieses großartige filmische Seelen-Stück:
„Der Film ist ein bewegendes Zeugnis nicht nur auf die Liebe zwischen einem Vater und seinem Sohn, sondern auf die wundersame Kraft der Musik, ein beschädigtes Gehirn zu heilen. Erinnerung an Musik ist ganz in der Gegenwart. Solange sie dauert, vermag sie sogar den Abgrund der extremen Amnesie oder Demenz zu überbrücken. MUSIK KANN MÄCHTIGER SEIN ALS ALLE DROGEN“ (Dr. Oliver Sacks).
Die Eheleute Helen + Henry Sawyer (Cara Seymour + J.K. Simmons) haben sich mit ihrem Sohn Gabriel vor langer Zeit zerstritten. Vor allem zwischen Vater und Sohn „zoffte“ es. In Sachen allgemeiner wie privater Lebens- und System-Werte. Also in der wandelbaren politischen (An-)Sicht ebenso wie vor allem auch in der „begleitenden Musik“. Beide vereinte über Jahre leidenschaftlich das gemeinsame Musik-Hören. Doch nach einem heftigen Streit mit seinem Vater verließ Gabriel einst das Elternhaus. Schloss sich der Anti-Vietnam-Protestbewegung an. Für ihn waren nicht mehr die „väterlichen“ Evergreens der Fifties wie zum Beispiel Bing Crosby wichtig, sondern nunmehr The Beatles, The Rolling Stones oder Bob Dylan. Und „The Grateful Dead“. Fast zwanzig Jahre später, 1986, ereilt die Eltern ein Anruf. Aus dem Krankenhaus. Gabriel leidet unter einem Gehirntumor. DER ist zwar gutartig, hat aber sein Erinnerungsvermögen schwer beschädigt. Hat insbesondere dem Kurzzeitgedächtnis schlimm zugesetzt. Gabriel (Lou Taylor Pucci) ist zu einer hilflosen Person geworden. Dessen Lebensgeister nur dann „erwachen“, wenn er Rock-Klassiker vernimmt. Hört. „Empfindet“. Wie die engagierte Musiktherapeutin Dr. Dianne Daly (JULIA ORMOND) herausfindet. Mit „Unterstützung“ des Beatles-Hits „All You Need Is Love“ kriegt sie ersten Zugang zu ihrem Patienten. Um endlich wieder „richtigen“ Kontakt zu seinem Sohn zu bekommen, beginnt der Vater mit einer eigenen „Therapie“: Befasst sich fortan eingehend mit „der Musik“ seines Sohns und taucht neugierig, verblüfft und mehr und mehr „angetörnt“ in die Rock-Welt von Gabriel ein und ab. Entdeckt, dass Bands wie Cream, Crosby, Stills & Nash, Steppenwolf und vor allem The Grateful Dead sowie Idole wie Bob Dylan, Donovan oder Peggy Lee ihm selbst etwas „mitteilen“. Bedeuten können. Schließlich ergattert er sogar Karten für ein ausverkauftes Grateful Dead-Live-Konzert, der Rock-Band aus San Franzisco. Vater und Sohn finden „so“ nach vielen Jahren endgültig zusammen. Die Musik macht’s möglich. Phantastisch.
Ein ruhiger Film. Ein heißer wie unsentimentaler, gefühlsehrlicher Stoff. Der sich wie eine Reise entwickelt. Also erwartungsvoll. Neugierig. Zunächst weitgehend unspektakulär. Behutsam. Nichts überstürzend. Sondern mit Bedacht. Anreise. Schauen. Empfinden. Erstes Berührungsatmen. Dann die aufkommende Lust. Die gute Seelen-Laune. Mit viel Glucksen. Spaß. Zahlreichen Verblüffungen. Dann – der Höhepunkt. Live ist Life! „Ziemlich beste Freunde“. Endlich. Hat ewig gedauert. Viel Zeit wurde vertan. Die Musik ebnet den Weg. Zurück. Zur Zusammengehörigkeit. Wieder. Zur Freundschaft. Was für eine emotionale Achterbahnfahrt. Gibt das Leben bisweilen vor. Mit einer satten Musik-Performance: Denn neben der Pop-Klassikern von Dylan & Co. sind es vor allem die Songs der GRATEFUL DEAD, die zünden. Als klangvoller Motor. Mit insgesamt 6 Songs sind sie vertreten. Darunter drei bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen (von 1971 und 2 x von 1989). Natürlich - allein schon der SOUNDTRACK ist hier phänomenal. Sensationell.
ER heißt Jonathan Kimble Simmons. Wurde am 9. Januar 1955 in Michigan geboren. Sein „Nebendarsteller“-Gesicht ist dem Kinobesucher und TV-Serien-Experten („The Closer“) viel bekannt, sein Name – bislang – allerdings weniger: J. K. SIMMONS, wie er sich nennt, trat zum Beispiel in den bisherigen 3 „Spiderman“-Abenteuern als Boss von Peter Parker auf. Jason Reitman besetzte seinen Freund u.a. in „Thank You For Smoking“, „Juno“, „Up In The Air“. Zuletzt tauchte er als Priester-Bruder in der bei uns (kürzlich) auf DVD erstaufgeführten US-Ironie-Komödie „A Beginners Guide To Endings“ auf. Ein, wenigstens bisher, „unauffälliger“ Klasse-Dahinter-Typ, der sich nun endlich einmal „ausführlich“ wie großartig Charakter-präsent zeigen darf. Und die Chance prächtig nutzt: Vom konservativen Autoritäts-Alten zum intensiven Lust-Oldie. Sein Dad Henry ist eine Wonne von Melancholie und Würde. Ist ein kluger Kraftkerl von „bekehrbarem“ Sühne-Vater. Der über den besseren, also zeitlosen Rock ´n Roll Zugang zu seinem Sohn wieder findet. Und dabei auch viel eigenen Lebens-Spaß „überrascht“ entdeckt. Herrlich!: WIE das J.K. Simmons unangestrengt, amüsant, „zerbrechlich“ präsentiert, so voller Erstaunen und wunderbar balancierter Emotionalität. Ohne jede Schmalz-Peinlichkeit. Eine grandiose, glaubwürdige Darstellung. Ebenso wie DIE von LOU TAYLOR PUCCI als „weggetretenem Sohn“ Gabriel. Pucci, bekannt aus den Filmen „Beginners“ (2010) und „Thumbsucker – Bleib wie du bist“ (2005), trifft hervorragend den sensibel-apathischen Körpersprachen-Ton dieser „musikalischen Seele“.
„The Music Never Stopped“ = 1.) Ein charmantes, respektvolles, berührend-spannendes Menschen-Drama. Als 2.) köstliche wie clevere Rock ´n Roll-Therapie. Zur unterhaltsamen „Benutzung“ dringend empfohlen (= 4 ½ PÖNIs).