„DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND“ von Scott Derrickson (USA/Kanada 2008; 103 Minuten; Start D: 11.12.2008); einem amerikanischen Drehbuch-Autor und Regisseur. Seine Filme davor waren: „Love in the Ruins“ (1995/unbekannt); „Hellraiser V – Inferno“
(2000); „Der Exorzismus von Emily Rose“ (2005). Sein neuester Film ist ein Remake des gleichnamigen Science-Fiction-Klassikers aus dem Jahr 1951 von Robert Wise. Der adaptierte damals eine Kurzgeschichte von Harry Bates, die unter dem Titel „Farewell to the Master“ („Abschied vom Herrn“) zuerst in der Oktober-Ausgabe 1940 des Magazins „Astounding Science-Fiction“ veröffentlicht wurde. Tenor: Der Mensch braucht die Erde, die Erde aber den Menschen nicht. Waren bzw. sind Außerirdische in den meisten Film-Fällen zumeist Alien-Aggressoren, die die Menschheit vernichten wollen, ist es hier ganz anders: Mr. Klaatu betritt die (amerikanische) Erde. Er ist, in Menschengestalt, Vertreter einer außerirdischen Rasse und soll prüfen, ob die von Menschen verursachten Umweltschäden, Stichwort Klimawandlung bzw. globale Katastrophe, noch „zu beheben“ sind oder ob die Menschheit auf dem Planeten Erde keine Überlebenschance mehr hat: „Wenn die Erde stirbt, werdet ihr sterben. Wenn ihr sterbt, wird die Erde überleben“.
Natürlich reagiert die amerikanische Regierung einmal mehr mit Unverständnis und Panik. Das Militär wird beauftragt, „das Problem“ zu lösen. Während der Präsident und sein Vize an sicheren Orten getrennt warten, obliegt es der Verteidigungsministerin („Oscar“-Preisträgerin KATHY BATES/“Misery“), anfangs eine Hardlinerin, die Verhandlungen zu führen. Galt damals die Warnung vor der Atombombe, werden hier vorwiegend emotionale, familiäre Motive gestreut. Denn Klaatu lernt eine Wissenschaftlerin samt Stiefsohn kennen, die auf Veränderungen setzt und Menschen-Verständnis: „We could change“, lautet ihr Dauer-Credo.
Was für ein – aktuelles – Thema und wie wird es weitgehend verschenkt: KREANU REEVES („Matrix“) stakst stoisch im guten dunklen Anzug durch die lärmende Szenerie, während die Böller des Militärs krachen, weil die Mächtigen in dem Besucher nur einen „Feind“ sehen, der schnellstmöglichst zu vernichten ist. Inmitten einer nur uninspirierten Papperlapapp-Atmosphäre, in der JENNIFER CONELLY als Dr. Helen Benson nur naiv-staunend herumläuft und bittvoll-hilflose Friedensblicke verströmt. Unangenehm-naseweis an ihrer Seite, das altkluge Söhnchen Jacob (Will-Smith-Sohn Jaden als Nerv-Bubi). Weil sich der Film nicht traut, forsch wie vehement wie leise-durchtrieben politische Stellung zu beziehen und spannende Wechsel-Stimmung zu verbreiten, konzentriert er sich lieber auf das Fiction-SchnatterGebrüll, setzt lieber auf das öde Action-Spektakel als auf klug-gelenkte Öko-Gedanken. Ein bemühter Unterhaltungszwitter von Genre-Kino, der mehr in Richtung Langeweile denn gen (An-)Spannung tendiert. Spaßfaktor: MittelMÄßIG (= 2 ½ PÖNIs).
„TAGEBUCH EINES SKANDALS" von Richard Eyre (GB 2006; 92 Minuten; Start D: 22.02.2007); der als Intendant des Londoner "Royal National Theatre" über 100 Produktionen betreute und 27mal selbst Regie führte. Seine letzten Kinofilme waren die vielgepriesenen Werke "Stage Beauty" (2004/so etwas wie "Shakespeare in Love 2") und "Iris" (2001/"Oscar" für Jim Broadbent; Nominierungen für Judi Dench und Kate Winslet). Sein neuester Film basiert auf dem 2003 veröffentlichten Roman "Notes on a Scandal" von Zoe Heller (in Deutschland 2006 unter dem Taschenbuch-Titel "Tagebuch einer Verführung" erschienen und jetzt unter dem deutschen Film-Titel wiederveröffentlicht).
Inhalt: Barbara Covett ist ein verbitterter alter Drachen. Die sich als kurz vor der Pensionierung stehende Lehrerin an ihrer Londoner Schule mit rigoroser Hand Respekt verschafft. Was sie hinter ihrer "eisernen Maske" verbirgt: Barbara ist ein völlig vereinsamter, sich tief nach Zuneigung/Freundschaft/Ansprache sehnender verzweifelt-zynischer Mensch. Wenn sie allerdings einen Menschen gefunden hat, der es mit ihr "beginnt", wird sie extrem aufdringlich, wird dieser von ihr völlig bzw. rundum-rücksichtslos vereinnahmt.
Sheba Hart, die neue, schöne Kunstlehrerin, ist ein "solcher Mensch": Naiv-bewußt geht sie eine Affäre mit einem ihrer Schüler ein, was die ihre "Chance" witternde Barbara nun für sich listig-hinterhältig "zu benutzen" weiß. Der bei der soeben zu Ende gegangenen Berlinale im Wettbewerb/außer Konkurrenz präsentierte Film ist ein meisterliches Psycho-Duell. Bei/in dem es weniger um spektakuläre Aktionen oder um schrille Töne geht, sondern um das leise, bedrohliche Handeln und "Kämpfen" zweier spannender Seelen. Dass dies so eindringlich funktioniert/unter die Haut geht, ist den beiden weiblichen Hauptakteuren zu verdanken: Der wieder einmal einzigartigen, brillanten "Oscar"-Preisträgerin Dame JUDI DENCH (Königin Elizabeth in "Shakespeare in Love"; "Lady Henderson präsentiert"; "M" in den letzten James-Bond-Filmen) sowie "Oscar"-Preisträgerin CATE BLANCHETT (als Katharine Hepburn in "Aviator"; "The Good German"). Deren Körpersprache/Zwischentöne-Gefühl grandios, aufregend, packend ist. Wobei Judi Dench das prickelnde Kunststück gelingt, für ihre vom Leben enttäuschte, verzweifelte Negativ-Figur Barbara sogar gewisse Sympathien zu erzeugen. Zu Recht sind beide für ihre Darstellung in "Tagebuch eines Skandals" erneut für den "Oscar" nominiert worden.
Ein Klasse- Film, dessen stimmige atmosphärische Ensemble-Arbeit wie auch seine musikalische "Begleitung" (von Philip Glas) ebenfalls sehr beeindrucken. Ein Ereignis von Schauspieler-Glanz-Film (= 4 PÖNIs).
„TAGE DES HIMMELS“ von Terence Malick (USA 1978; 94 Minuten; Start D: 18.06.1992).
Sein Name: TERRENCE MALICK. Sein Beruf: Autor und Regisseur. Seine Leistung: 2 Spielfilme in den 70er Jahren. Weitere Angaben zur Person:
Unbekannt!
So ist ein amerikanischer Filmkünstler zu porträtieren, über dessen Debütfilm der Kritiker David Thompson schrieb: “‘BADLANDS‘ ist wahrscheinlich der überzeugendste- und selbstbewussteste Erstling eines Amerikaners seit "Citizen Kane" von Orson Welles“. Das war 1973. 5 Jahre später kam Terrence Malick mit der unabhängigen 2 ½ Millionen-Dollar-Produktion “Days Of Heaven“ heraus, die 1979 in der Bundesrepublik unter dem Titel “In der Glut des Südens“ startete. Diese wird jetzt von einem Münchner Klein- und Kunstverleih unter dem neuen deutschen Titel “Tage des Himmels“ wieder in die Kinos gebracht. Es ist die Entdeckung, das Erlebnis eines Meisterwerks. Thema: KINO als totale emotionale Wucht, KINO als ein optischer und akustischer Rausch, der noch lange “danach“ wirkt. Dabei erzählte der damals 33jährige Autorenfilmer auch von autobiographischen Eindrücken. Denn als Teenager arbeitete der in Texas geborene Malick bei der Weizenernte und folgte den Zügen der Weizen-Arbeiter von Texas nach Kanada.
“Tage des Himmels“ spielt 1916 im amerikanischen Süden. Er konzentriert sich hauptsächlich auf 3 Personen:
Auf den jungen Bill, seine Geliebte Abby und die kleine Schwester Linda. Sie müssen Chicago nach einem Unglücksfall in der Fabrik verlassen und
schließen sich dem Heer der Arbeitslosen und Saisonarbeiter an, die sich als Erntearbeiter in Texas verdingen. Bill und Abby geben sich dabei als Geschwister aus, um dem Gerede aus dem Weg zu gehen. Während Linda das Geschehen aus ihrer kindlichen Sicht kommentiert. Ein reicher, allein lebender Farmer wird auf Abby aufmerksam. Als Bill erfährt, dass er sterbenskrank ist, beschließt er “Schicksal“ zu spielen. Und tatsächlich: Der Farmer verliebt sich in seine “Schwester“.
Doch er täuscht sich, Liebe und Heirat geben dem Farmer neue, unverhoffte Kraft, lassen Körper und Seele gesunden. Aus den ersten “Tagen des Himmels“ werden bald Stunden des Misstrauens, des Feuers und des Todes. Eine dramatische, lyrische Dreiecksgeschichte. Aber: Zugleich auch eine tiefe, schöne Bilder- und Gefühlsgeschichte. Terrence Malick interessiert kein wortreiches Geschwätz, er mag keine langen Details. Viel lieber konzentriert er sich auf emotionale Wahrnehmungen, behutsame Andeutungen, stimmungsvolle Beobachtungen. Sein Film lebt von sich selbständig entwickelnden Gedanken und Zusammenhängen. Er nimmt den Zuschauer ernst, in dem er ihn mitfühlen, mitdenken, miterleben lässt.
Die wirkliche Sprache ist hier die der atemberaubenden schönen Bilder der Bewegungen von Natur und Mensch. Nestor Almendros, das kürzlich verstorbene Kamera-Genie, das einst die schönsten Truffaut-Filme fotografierte, erhielt für diese grandiose Optik 1979 den “Oscar“. Während Ennio Morricone eine passende, wunderbar-einschmeichelnde, aber nie aufdringliche Musik dazu schuf. RICHARD GERE als Bill war damals 27, als er in seinem 4. Film seinen ersten großen Auftritt hatte. An seiner Seite: BROOKE ADAMS, LINDA MANZ und erstmals überhaupt auf der Leinwand: SAM SHEPARD, der sich inzwischen als Theater- und Filmautor wie auch als Schauspieler einen großen Namen gemacht hat, als “der Farmer“.
“Tage des Himmels“ bekam 1978/79 insgesamt 6 hochkarätige internationale Auszeichnungen, darunter den Regie-Preis auf den Filmfestspielen von Cannes. Terrence Malick wurde gefeiert und hofiert und ...verschwand. Tauchte angeblich bei Recherchen in Paris unter und ward bisher, trotz zahlreicher Journalisten-Suche, nie mehr gesehen. Sein Film aber, “Tage des Himmels“, kehrt jetzt ins Kino zurück: Als unvergleichlich schönes, beeindruckendes Meisterwerk, bei dem die Visionen und Emotionen des Kinos aufblühen wie selten zuvor und danach (= 5 PÖNIs).
„TAKE SHELTER - EIN STURM ZIEHT AUF“ von Jeff Nichols (B+R; USA 2011; 120 Minuten; Start D: 22.03.2012); mit seinem Debütfilm „Shotgun Stories“ legte der am 7. Dezember 1978 in Little Rock/Arkansas geborene Schriftsteller, Drehbuch-Autor und Regisseur 2007 einen fulminanten, auf vielen internationalen Festivals gefeierten Leinwand-Start hin. Als faszinierendes Familien-Drama mit Western-Geschmack. Sein nunmehr zweites Werk ist ein ebensolches kinematographisches „Kraftpaket“. Das auch bereits auf zahlreichen internationalen Festivals (Cannes, Deauville, Hamburg, Zürich) hofiert wurde und tief in die aktuelle amerikanische Seele hineinblickt. In die arg verunsicherte Seele einer „ordentlichen“ amerikanischen Mittelstandsfamilie. Aus dem Mittelwesten der USA. In einer Kleinstadt nahe Ohio. Wo die „großen“ dramatischen Amerika-Gegenwartsthemen wie Banken-, also Geldkrise, Arbeitslosigkeit, Immobilienkonkurse und Umwelt-, sprich Naturkatastrophen bisher praktisch „woanders im Land“ stattfanden. Allerdings - die allgemeine existenzielle Verunsicherung der Menschen ist irgendwie ständig „zu riechen“. Merkbar zu spüren.
Die harmonische Familie LaForche ist ein „melancholisches“ Beispiel dafür. Bestehend aus Mann, Frau und kleiner Tochter. Die taub ist. Deshalb haben die Eltern die Gebärdensprache erlernt. Demnächst aber soll Hannah operiert werden. Über die bestehende Krankenversicherung. Die Curtis LaForche dank eines großzügigen Arbeitgebers für die Familie besitzt. Curtis ist Bauarbeiter. Sein Leben beginnt sich gerade existenziell in richtig feste Bahnen zu entwickeln, mit der geliebten Familie und dem guten wie festen Job, als sich die Lebensbedingungen dieser kleinen familiären Zelle merklich zu verändern beginnen. Der Grund sind diese seltsamen und zunehmenden nächtlichen Alpträume von Curtis. In denen „außergewöhnliche“, bedrohlich aufziehende Wolken und „merkwürdiger Regen“ eine Panik-Rolle spielen. Ebenso wie diese gewalttätigen anonymen Angreifer, die aus dem Nichts attackierend auftauchen. Riesige Vogelschwärme ziehen plötzlich am Himmel „eigenartige Runden“. Curtis verändert sich. Ohne sich seiner Frau zu erklären. Vernachlässigt die Arbeit und beginnt, einen größeren Schutzbunker im Garten zu bauen. Mit dem Geld, das eigentlich für die OP seiner Tochter gedacht war. Ehefrau Samantha, eine gestandene, „mitsprechende“ Gattin, fühlt sich schlimm übergangen. Zumal sich Curtis zwischenzeitlich auch um psychologische Hilfe bemüht hat. Ohne ihr auch davon etwas zu sagen. Seine Angst: Seine Mutter ist schon im Alter von Mitte 30 an paranoider Schizophrenie erkrankt und nun auf ständige Heimbetreuung angewiesen. Befindet sich in seinen Genen „auch so was“??? Oder mit anderen Worten: Ist Curtis LaForche ein düsterer Prophet oder ein pathologischer Irrer??? „Hast du den Verstand verloren?“, fragt ihn besorgt seine Frau.
Was passiert hier? Wirklich? Sind die bedrohlichen Träume des Antihelden hier tatsächlich „Nur-Spinnereien“? Oder ist an denen tatsächlich „was dran“??? Jeff Nichols hat quasi einen plausiblen Horrorfilm in der sozialen Realwelt eines verstörten Mannes angesiedelt. Und inszeniert. Irrationale Motive inmitten rationaler Existenz-Sorgen. Was ist wahr? Was tut sich hier wirklich? Auf? Wieso scheint ein bisher so festes Familien-Fundament plötzlich so vehement ins Wanken zu geraten? Die hypnotischen Bilder von Kamera-Tüftler ADAM STONE signalisieren ergreifende „apokalyptische Untergangsstimmungen“ ebenso wie die sensiblen Klänge von (Musik) DAVID WINGO ständige leise Schauersignale setzen. „Take Shelter“, also „Zuflucht“, ist ein erstklassiges atmosphärisches Psycho-Drama und eine packende Film-Metapher für die vorhandene amerikanische Heute-Unruhe in der Mittelschicht. Mit der Beobachtung, berechtigt oder „nur“ vorgemacht? Yes we can oder yes we can not, das ist die spannende Frage. Hier und gegenwärtig wohl überhaupt. „Drüben“. Und an vielen anderen Orten der Welt. Und mit Sicherheit mittlerweile auch hier. Bei uns. Im Ländle.
Ein grandioser Schauspieler-Film. Der 37jährige MICHAEL SHANNON ist ja spätestens seit seinem fulminanten Auftritt als „bekloppter Nachbar“ von Leonardo DiCaprio/Kate Winslet in „Zeiten des Aufruhrs“ (2008/„Oscar“-Nominierung) ein Geheimtipp in Sachen „gestörte/verstörte Typen“ im besseren US-Kino. Attraktiv großgewachsen tritt er als feinfühliger wie konsequenter Mentalist auf, der die „wahren Signale“ der Zeit früher aufnimmt. Erkennt. Und demzufolge für „die Anderen“ völlig unverständlich und egoistisch-verkrampft-verbissen handelt. Den traumatischen Seelen-Ballast im markanten Gesicht ständig mit-herum“schleppend“. Ein faszinierender Darsteller-Bursche. Der ein bisschen hübsch-„gefährlich“ ausschaut wie ein moderner BORIS KARLOFF („Frankenstein“). Und hervorragend „Seele“ auszudrücken versteht. Ohne dafür viele Worte zu benötigen. Ein körpersprachliches Multi-Talent. Mit Genie-Charme. An seiner Seite entwickelt die derzeit vielbeschäftigte JESSICA CHASTAIN (die Ehefrau von Brad Pitt im Cannes-Gewinner „The Tree of Life“ / kürzlich in „The Help“/“Oscar“-Nominierung) als Ehefrau Samatntha fesselnde bodenständige Sogwirkung. Ein brillantes Darsteller-Paar. In einem wunderbar bewegenden wie suggestiven Zivilisationsdrama. Das spannend unter die Haut kriecht. Mit beeindruckend wie wunderbar vielem klugem Denk-Potenzial (= 4 PÖNIs).
„TAKING WOODSTOCK“ von Ang Lee (USA 2008; 120 Minuten; Start D: 03.09.2009); einem der gegenwärtig bedeutendsten Regisseure überhaupt. Der 1954 in Taiwan geborene, seit 1978 in den USA lebende und arbeitende Filmkünstler schuf vielfach ausgezeichnete Werke wie „Das Hochzeitsbankett“ (1993); „Eat Drink Man Woman“ (1994); „Sinn und Sinnlichkeit“ (1995/“Oscar“ für Emma Thompson für ihr „adaptiertes Drehbuch“); „Der Eissturm“ (1997); „TIGER & DRAGON“ (2000); „Hulk“ (2003); natürlich „BROKEBACK MOUNTAIN“ (2005) sowie zuletzt „Gefahr und Begierde“ (2007). Er gewann 2 x den „Goldenen Berlinale Bär“ (für „Das Hochzeitsbankett“ + „Sinn und Sinnlichkeit“); 2 x den „Goldenen Löwen“ von Venedig („Brokeback Mountain“; „Gefahr und Begierde“) sowie 2 x den „Oscar“ („Tiger & Dragon“/Auslands-„Oscar“ + „Brokeback Mountain“/Regie-„Oscar“). Nach 6 durchweg tragischen Filmen hat sich der 55jährige einen innigen Wunsch erfüllt: „Ich habe mich danach gesehnt, endlich eine Komödie zu machen“, sagte er auf einer Pressekonferenz im Mai beim Cannes-Festival, wo sein Film Welturaufführung hatte.
„Taking Woodstock“ läßt sich am besten als „WOODSTOCK EROBERN“ übersetzen. Denn die Hauptfigur ist ein junger Bursche, der eigentlich nur das heruntergekommene Motel seiner Eltern retten möchte. Was sogleich mögliche Mißverständnisse von vornherein ausschließt: Es handelt sich hier um KEINEN Konzertfilm über das legendäre Rockfestival, sondern um eine „Privatgeschichte“ um das berühmte Rock-Weekend. „Taking Woodstock“ basiert auf dem 2007 veröffentlichten gleichnamigen Buch von Elliot Tiber und Tom Monte, das soeben auch bei uns erschienen ist. Zur Erinnerung: WOODSTOCK. 15. bis 17. August 1969, tatsächliches Ende jedoch erst am Montag-Morgen auf einer Farm in BETHEL im US-Bundesstaat New York, einem 4000-Seelen-Ort, gut 50 Kilometer von der Künstlerkolonie Woodstock entfernt. 32 Bands + Solisten traten insgesamt auf, darunter Santana, Joe Cocker, Janis Joplin, The Who, Jefferson Airplane, Canned Heat, Jimi Hendrix und Richie Havens. Aber UM DIE geht es hier, bei dieser 30 Millionen-Dollar-Produktion, NICHT. Stattdessen blicken wir auf einen etwas linkischen, naiven jungen Mann namens Elliot Tiber. Der lebt in New York City und träumt von einer Karriere als Innenausstatter. Kommt jedoch wie in jedem Sommer zurück in seine kleine Gemeinde, um seinen Eltern zu helfen.
Wir registrieren den Juli 1969. Als Elliot vernimmt, daß in einem nehegelegen Ort (in Wallkill) den Veranstaltern eines geplanten Oper-Air-Festivals die Erlaubnis entzogen wurde, wittert er eine Chance: Als Vorsitzender der örtlichen Handelskammer besitzt er eine Lizenz für eine Freiluftveranstaltung; ruft die Veranstalter an und bietet „seine Wiese“ an. Diese erweist sich zwar für das Vorhaben als viel zu klein, aber Elliot hat „eine Lunte“ in Gang gesetzt, die sich nun nicht mehr aufhalten läßt. Denn die Veranstalter um den charismatischen Michael Lang (Debütant JONATHAN GROFF) sehen buchstäblich „Land“ und beginnen, sich hier „groß auszubreiten“. Der Hippie-Tanz kann beginnen. In einem Umfang, wie es niemand für möglich gehalten hätte: Was für „einige Tausend“ geplant war, steckt Hunderttausende an. Ang Lee jedoch hält den Themen-Ball angenehm flach. Leistet es sich, die Auftritte wie die Promis völlig zu ignorieren. Stattdessen erzählt er davon, wie Elliot und das Festival-Team pausenlos damit beschäftigt sind, alles zu organisieren bzw. irgendwie in den Griff zu kriegen. Mit Tausenden von Statisten. Dabei will er vor allem den immensen Einfluß des Festivals zeigen; vor allem für DIE, die „nicht direkt neben der Bühne“ waren, sondern ganz einfach von dieser außergewöhnlichen, einmaligen Stimmung ÜBERHAUPT angesteckt wurden. Wie „Motor“ Elliot, der wie ein kleiner idealistischer Bruder von Dustin „Benjamin“ Hoffman in „Die Reifeprüfung“ (1967) ausschaut und vom 35jährigen amerikanischen Stand-Up-Komiker DEMETRI MARTIN wunderbar unbedarft als Charme-Bubi interpretiert wird. Der sich nach diesem Wochenende endgültig von seinen Eltern, vor allem von seiner herrischen, verbitterten Mutter (grandios: IMELDA STAUNTON/“Vera Drake“ sowie die garstige „Rosa“-Lächel-Pädagogin in „Harry Potter und der Orden des Phoenix“) abnabeln wird. Und DER hier zudem sein ganz privates „Coming Out“ erlebt und auf seinen ersten Drogen-Trip geht.
Ang Lee interessiert sich für die vielen kleinen Begebenheiten und Beobachtungen am Rande von Woodstock, Motto: Der endgültig erwachsen werdende Elliot; die tiefen Ängste der jüdischen Eltern; das Vietnam-Trauma eines Freundes aus der Nachbarschaft; die wirtschaftlichen Interessen der Veranstalter; das reaktionäre Spießertum im Ort, die friedliche Selbsterfahrung, das „ruhige Chaos“, die vielen kleinen Anekdoten drumherum, das berühmte Schlammrutschen. (Und sogar der „berühmte Toilettenmann“ aus der legendären, „Oscar“-gekrönten Dokumentation von Michael Wadleigh findet Beachtung). All das und noch viel mehr beschert „Taking Woodstock“ mit viel Atmosphäre, spannenden Geschehnissen und Typen, unangestrengtem Zeitkolorit (im Hintergrund sind die Bilder von Richard Nixon, der ersten Mondlandung und vom Vietnam-Trauma hör- und sehbar). Der Film wirkt wie ein verblüffendes, schönes Leuchten in der Erinnerungs-Nacht, lebt von vielen authentischen Details und besitzt unaufgeregten Wortwitz. Läßt diesen magischen, historischen Moment „Woodstock“ pointiert wiederaufleben und nachvollziehbar spüren. Diese einzigartige Aufbruchstimmung einer Generation, dieses Erlebnis, für einen kurzen Moment realistisch träumen zu dürfen. Denken und Fühlen: Das faszinierende FEELING, der sagenhafte Mythos von „Woodstock“, jetzt im guten Nostalgie-Kino (= 4 PÖNIs).
„TALK TO ME" von Kasi Lemmons (USA 2007; 118 Minuten; Start D: 07.02.2008); die heute 47jährige Tochter eines Biologielehrers und einer Psychotherapeutin debütierte 1979 als Schauspielerin ("Das 11. Opfer"/an der Seite von Nicolas Cage). In "Das Schweigen der Lämmer" (1991) spielte sie die Rolle der mit Clarice Starling (Jodie Foster) befreundeten Studentin an der FBI-Akademie. Als Drehbuch-Autorin und Regisseurin debütierte sie 1997 mit dem Drama "Eye´s Bayou" (mit Meagan Good und Samuel L. Jackson). Für diesen Film erhielt sie u.a. den "National Board of Review Award" als "Beste Regie-Debütantin" sowie 1998 den "Independent Spirit Award". 2001 war sie Jury-Mitglied beim renommierten SUNDANCE-Festival.
In "Talk To Me" lässt sie die 60er Jahre wieder auferstehen und erinnert - in einem packenden Porträt - an einen legendären Radio-Moderator namens RALPH WALDO GREENE, genannt "PETEY" GREENE. Der sitzt, als wir ihm erstmals Mitte der 60er begegnen, im Gefängnis. Im Rahmen des dortigen Beschäftigungs-/Resozialisierungs-Programms unterhält er zweimal am Tag seine Mitgefangenen mit einem hauseigenen Radio-Knast-Programm. Reißt Witze und plaudert mit seinem Schandmaul über Gott und die Welt. So hört ihn Dewey Hughes das erste Mal, der schwarze Programm-Direktor eines "weißen" Senders in Washington D.C. Der hier seinen Bruder besucht und von Dewey "angemacht" wird.
Nach seiner Entlassung begibt sich Greene unverzüglich zu Dewey, um im Sender als Moderator zu arbeiten. Über einige unfreiwillige wie urige Umwege und gegen alle Absichten des konservativen Bosses-hier (CHARLIE SHEEN) gelingt dies schließlich auch, und die afroamerikanische Plaudertasche wird zum Quoten-Hero. Weil er "ganz anders" in der Öffentlichkeit redet als bis dato bekannt und geduldet, über Ungerechtigkeiten zwischen Weißen und Schwarzen, über Politik, Rassismus, Drogen und Sex. Die 60er Jahre sind "in (die) Bewegung" gekommen, und "PETEY" GREENE startet mittendrin nun durch. Als am 4. April 1968 der Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen wird und aufgebrachte Schwarze ihrer Wut auf den Straßen freien Lauf lassen, wird Greene zum Sprachrohr der Gewaltlosigkeit. In einer legendär gewordenen Moderation gelingt es ihm, die Stimmung der Bevölkerung zu treffen; der sonst so clowneske, rotzige Ton weicht einer tiefempfundenen, ehrlichen Trauer. Ein Höhepunkt im Leben des Außenseiters, der zum Promi wird. Im Fernsehen auftritt und sogar ins Weiße Haus geladen wird. Doch "Petey" Greene besitzt auch eine andere, eine selbstzerstörerische, dunkle Seelen-Seite.
Eine spannende, nahegehende Menschen-Geschichte. Die weitgehend auf Rührseligkeiten verzichtet, dafür mit viel stimmungsvoll-überzeugender 60er Jahre-Atmosphäre und mit einem phantastischen Darsteller-Ensemble aufwartet. Aus dem die beiden Führungsakteure herausragen: Der aus Kansas stammende DON CHEADLE (einer der Mannen um Danny OCEAN alias George Clooney in "Ocean´s Eleven/Twelve/Thirteen"; "L.A. Crash"/wurde 2005 mit dem "Oscar" als "Bester Film" bedacht; "Hotel Ruanda"/"Oscar"-Nominierung als "Bester Hauptdarsteller") und CHIWETEL EJIOFOR aus London, der Sohn nigerianischer Eltern, der erstmals im Woody-Allen-Film "Melinda und Melinda" (2004) auffiel und kürzlich in den Genre-Filmen "Children Of Men" und "American Gangster" (von Ridley Scott) mitspielte.
Cheadle saugt sich förmlich in die Figur des "Petey" Greene hinein, präsentiert sie in allen (und nicht nur sympathischen) Facetten, übertreibt nicht, wirkt - vor allem auch körpersprachlich - absolut authentisch wie glaubwürdig. Ejiofor überzeugt als Mentor und Freund, der den Erfolg "seiner Entdeckung" genießt und ausbauen möchte und dabei an eigene (Lebens- wie Identitäts-)Grenzen stößt. Ein beeindruckendes "Paar". Klasse-Außenseiter-Kino, mit exzellenter Unterhaltungsdichte und feinem Außenseiter-Charme (= 4 PÖNIs).
Essen und Sex ist dasselbe. Jedenfalls in Japan. Das behauptet der 1986 dort gedrehte Streifen „TAMPOPO" von Jûzô Itami (B+R; Japan 1985; 114 Minuten; Start D: 25.05.1989).
In dem geht es in vielen Episoden, Anekdoten und Geschichten eben um das Speisen und die Lust. Und umgekehrt. Goro, ein einsamer Cowboy-Trucker, hilft der Witwe Tampopo, eine perfekte Nudelköchin zu werden. Ein Edel-Clochard entpuppt sich als Suppen-Professor, ein Chauffeur als Nudelexperte, ein Vorstadtschläger als erfindungsreicher Innendekorateur für das Schnellrestaurant. Spaghetti machen Musik, ein Gourmet-Gangster philosophiert über Essen und Kino und führt vor, wie ein roher Eidotter zur Liebeskugel werden kann und Garnelen zu Vibratoren.
Verrückt. Und schön-schräg. Was für ausgefallene Geschmäcker. “Tampopo“ von Juzo Itami, ein Tip für cineastische Leckermäuler (= 4 PÖNIs).