„UNLEASHED - ENTFESSELT" von Louis Leterrier (Fr/USA/GB 2004; 102 Minuten; Start D: 12.05.2005); basiert auf einem Drehbuch von Luc Besson ("Das 5. Element") und stellt eine Art Kaspar-Hauser-Kampfsport-Maschine mit Namen Dany vor: Der wird seit jeher als Sklave von einem Gangster gehalten und duelliert sich für den in ebenso mörderischen wie lukrativen Gladiatorenkämpfen. Dann aber lernt Dany zufällig die "andere Welt" kennen: Humanität, Familie, Musik dringen in sein neues Leben ein. Doch das alte holt ihn schnell wieder ein.
Stereotyper, klischeehafter und vor allem mit düster-choreographierten Kampfszenen dominierendes Action-Drama, das "mehr" sein will als es billig ist. Trotz Prima-Besetzung - mit immerhin Bob Hoskins, Morgan Freeman (als blinder Klavierstimmer) und Jet Li - fehlen jegliche Tiefe und Glaubwürdigkeit (= 2 PÖNis).
„UNSERE ERDE - Der Film" von Alastair Fothergill (GB/USA/D 2007; 90 Minuten; Start D: 07.02.2008). Der 47jährige Fothergill, studierter Zoologe, schloss sich 1983 der "Natural History Unit", der Naturkunde-Abteilung der BBC, an. Nach einigen größeren Natur-Dokumentationen wurde er im Alter von 32 Jahren im November 1992 Leiter dieser BBC-Abteilung. Trat jedoch im Juni 1995 von diesem Posten zurück, um sich bis 2001 auf seine Aufgabe als Produzent der (auch bei uns bekannten/populären) TV-Serie "Unser blauer Planet" zu konzentrieren, der preisgekrönten Reihe über die Naturgeschichte der Weltmeere. 2004 entstand daraus der abendfüllende Dokumentarfilm "DEEP BLUE" ("...intelligenter und faszinierender Augen- und Ohrenschmaus"/Lexikon des Intern. Films), der weltweit das Interesse am ökologischen Dokumentarfilm neu belebte. Danach folgte seine Arbeit als Produzent und Regisseur der TV-Serie "Planet Erde" und schließlich dieser in deutsch-englischer Co-Produktion, mit Co-Regisseur Mark Linfield entstandene gewaltige Film (Produktionsfirmen: BBC Woldwide, Greenlight Media/Berlin, die Natural History Unit der BBC).
"Unsere Erde - Der Film" ist eine epische Weltreise in rd. 1 ½ Stunden vom Nord- zum Südpol. Mit zahlreichen Zwischenaufenthalten auf allen Kontinenten und vielen tierischen Begegnungen: Buckelwalen, Haien, Elefanten, Löwen, Paradiesvögeln und natürlich vielen Eisbären. Dabei stets im gedanklichen wie einzigartigen Blick- und Mittelpunkt: DIE WERTSCHÄTZUNG UNSERES PLANETEN. Denn diese Wertschätzung ist überhaupt erst der Garant, sich für den vernünftigen Erhalt einzusetzen. Dabei geht man zunächst keineswegs klimaschutz-klagend vor, sondern im Rhythmus der Bewegung der Natur, der Montage und der elegischen Musik (Komponist: George Fenton/Ausführende: Die Berliner Philharmoniker): Das Fließen der Wolken im Gebirge, das Streifen des Windes, das Aufscheinen der Sonne. Dazu: Die erklärenden Worte der deutschen Off-Stimme ULRICH TUKUR. Dann folgen die Tiere. Der Mensch bleibt hier außen vor, er taucht nur "im Sinn" als derjenige auf, der die Lebensräume-hier in große Gefahr gebracht hat.
"Der Mensch muss kennen, was er schützen soll", argumentiert Alastair Fothergill die aufwendige 5 Jahres-Arbeit an diesem Projekt, für die 40 Millionen EURO Produktionskosten aufgebracht wurden, für den Kinofilm sowie die parallel entstandene Fernsehserie: Gefilmt wurde an mehr als 200 Orten in 26 Ländern. Mehr als 40 Kamerateams waren an etwa 4000 Drehtagen im Einsatz. Sie machten etwa 250 Tage Luftaufnahmen und sammelten insgesamt etwa 1000 Stunden Filmmaterial. Mit Hilfe eines nepalesischen Aufklärungsflugzeuges z.B. wurden erstmals Aufnahmen vom Himalaya in 8800 Metern Höhe gemacht. Kameras, die sonst für das Filmen von Crashtests verwendet werden, wurden umgebaut und für das Drehen in freier Natur angepasst. So entstanden nie zuvor gesehene Aufnahmen der Beutejagd des Weißen Hais und des Geparden. Schließlich führt die 6.000 Kilometer weite Seereise einer Buckelwalmutter mit ihrem in warmen tropischen Gewässern geborenen Jungen zur Antarktis, dem südlichsten Punkt unseres Planeten. Es geht über die Taiga und Tundra, hinweg über tausende von Karibus, über Laubwälder mit den fast ausgestorbenen Amur-Leoparden bis hin zum Äquator, wo ein Paradiesvogel mit einem Konkurrenten um die Wette balzt; und...und...und... der Überlebenskampf der Eisbären: Ein wunderbarer, weil auch kein belehrender Film.
Ein Film, der die Schönheit wie Einzigartigkeit von Natur und Tieren beschreibt und zugleich die Bedeutung für das Gleichgewicht/die Existenz auf unserer Erde SPEKTAKULÄR-unterhaltsam vor Augen führt. Der die Sinne schärft für DIESEN TEIL der Erde, den es möglicherweise bald SO nicht mehr geben wird. In einer Zeit, in der weltweit das Bewusstsein um die Zerbrechlichkeit und Gefährdung unseres Planeten Erde immer stärker wächst, zieht dieser außergewöhnliche Film den Zuschauer in seinen Bann und signalisiert zugleich größte Aktualität.
In Frankreich hatte er nach 4 Wochen über eine Million Kino-Zuschauer; in Spanien entwickelte er sich zur inzwischen erfolgreichsten Natur-Leinwand-Dokumentation überhaupt. Fazit also: Ein GIGANT des Dokumentarfilms!!!! (= 4 PÖNIs).
„UNSERE OZEANE“ von Jacques Perrin und Jacques Cluzaud (Fr 2006-2009; 100 Minuten; Start D: 25.02.2010); nur wenige Filmemacher verfügen über die Sensibilität und über die künstlerische Kreativität, um GANZ BESONDERE aktuelle Naturfilme herzustellen. Diese beiden französischen Regisseure verfügen „über diesen speziellen Blick“ auf DIE, auf unsere Natur. Das haben sie mit ihren dokumentarischen Meisterwerken und Kino-Erfolgsfilmen „Mikrokosmos – Das Volk der Gräser“ (1996, prämiert mit 5 „Cesars“, den „französischen Oscars“) und mit „Nomaden der Lüfte – Das Geheimnis der Zugvögel“ (2001; „Oscar“-Nominierung + zig „Cesar“-Trophäen) bewiesen. Der heute 68jährige Jacques Perrin, den wir auch als Schauspieler kennen („Z“ von Costa-Gavras/1969; „Cinema Paradiso“/1989 als der erwachsene Salvatore), hat nun, gemeinsam mit seinem Partner Jacques Cluzaud, erneut für eine außergewöhnliche wie einzigartige Hymne auf die Natur gesorgt, diesmal mit dem Rundumblick auf die Welt unterhalb der Wasseroberfläche.
Unser Planet nennt sich zwar Erde, doch der größte Teil der Oberfläche auf unserem Globus besteht bekanntlich aus WASSER: 71% der Erdoberfläche sind von Meeren bedeckt, den Ozeanen und deren Nebenmeeren. DAS MEER ist Lebensblut und Geburtsstätte allen Lebens auf der Erde. Wenn die biologische Vielfalt der Ozeane weiter abnehme sollte, werden die Menschen die Folgen spüren: Stirbt das Meer, werden auch wir aufhören zu existieren. „Kooperation“ ist also angesagt. Doch WIE, wenn nur ein Drittel „Landfläche“ vorhanden ist, auf der sich immer mehr konsumierende Menschen drängeln? Doch Perrin & Cluzaud halten sich nicht mit Vorreden auf, wollen keineswegs oberlehrerhaft belehren oder gar „trockenen Bildungsstoff“ vermitteln, sondern durch ZEIGEN „sprechen“. „Ozean? Was ist das – ein Ozean?“, fragt eingangs ein kleiner Junge, bevor es sogleich an die tobende Sturm-See vor der bretonischen Küste geht. Der Lärm ist gewaltig, dann sinkt die Kamera unter die Wasseroberfläche, und auf einmal wird es ganz still. Was dann in den gut 100 Minuten folgt, ist SO NOCH NIE GESEHEN, ERLEBT worden. Bilder als Argumente. Für eine überwältigende Welt. „Eine Oper der Wildnis“, lautet eine Kollegen-Überschrift. Auf der tierischen Wasserbühne erleben wir, begleitet von den angenehm-unaufdringlichen Musiktönen eines BRUNO COULAIS („Die Kinder des Monsieur Mathieu“) sowie durch das originale „Sound-Design“ der Tiere (etwa beim „Gesang der Wale“), magische, poetische, sinnliche, berührende, überwältigende Motive. Deren Einzelschilderungen ich mir erspare, denn DIE MUß man selbst sehen, fühlen, genießen, erleben.
Mittels moderner Technik und neuesten Unterwasserkameras entsteht mal eine mitreißende Dynamik, mal eine Nähe zu den Lebewesen, ohne daß es sensationsheischend oder aufdringlich oder „zuviel“ wird. Spannende Gedanken, unterhaltsame Informationen, grandiose Bilder als Emotionen-pur: „Wir wollten neue Empfindungen auslösen und wirklich grundlegende Kenntnisse über die Ozeane und ihre Bewohner vermitteln“, erklärt Jacques Perrin, der im Original auch als Sprecher vermittelt (in der deutschen Fassung ist es MATTHIAS BRANDT). In der wohl beeindruckendsten Einstellung des Films beweisen die Macher nicht nur cinematographische Brillanz und filmische Erzählkraft, sondern auch symbolisches Feingefühl, wenn im Auge einer Riesenschildkröte sich der entfernte Start einer Ariane-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof im südamerikanischen Französisch-Guayana spiegelt. Der schmale Grat zwischen Natur und Technik, zwischen Ursprung und Neuzeit, zwischen Tier und Menschheit. Allerdings ohne Depressionsstimmungen, ganz im Gegenteil: „Soviel Schönheit und Harmonie, die vielleicht durch unsere Schuld verschwindet, kann niemanden gleichgültig lassen. Wir glauben, durch diese wunderbaren Bilder mehr bewirken zu können als durch Schock-Aufnahmen“ (J. Perrin).
Dennoch werden vor den zunehmenden negativen Auswüchsen und Meeres-Belastungen keineswegs die Kamera-Augen verschlossen: Etwa, wenn der viele Plastik-Müll an der Wasseroberfläche „herumtanzt“ und zur Bedrohung für die Unterwasser-Bewohner führt oder durch das Auslegen meterlanger Netze im Meer, in denen sich Delphine, Schildkröten und andere Meeressäuger verfangen. In der französischen Version ist eine Szene enthalten, bei der einem Haifisch eine Flosse abgeschnitten und das noch lebende Tier ins Meer zurückgeworfen wird (für die deutsche Fassung wurde sie herausgeschnitten, um die Freigabe ab 6 Jahren zu bekommen). 4 Jahre haben die Filmemacher mit ihrem Team, bestehend aus Tauchern, Wissenschaftlern und Technikern, an insgesamt 54 Drehorten auf dem ganzen Planeten gedreht (u.a. in Cornwall/GB; Lofoten/Norwegen; Aliwall Shoal/Südafrika; Yongala Wreck/Australien; Port Banks/Alaska; San Clemente/Kalifornien; Azoren/Portugal…..), um diese 50 Millionen EURO-Produktion zu realisieren. Entstanden ist ein phantastischer Abenteuerfilm, der tiefe Gefühle für eine Welt entwickelt, die wir SO noch nie betrachtet haben dürften, die es NATÜRLICH zu schützen, zu bewahren gilt. Packend, bewegend, großartig, aufwühlend: Der Film „Unsere Ozeane“ ist atemberaubend schön UND herrlich sinnvoll! (= 5 PÖNIs).
„UNSTOPPABLE – AUßER KONTROLLE“ von Tony Scott (USA 2010; 95 Minuten; Start D: 11.11.2010); der 66jährige Briten-Bruder des Meister-Regisseurs Ridley Scott („Blade Runner“) ist in Hollywood „für den Action-Krach“ erfolgreich zuständig („Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“; „Der Staatsfeind Nr.1“; „Top Gun“). Hier setzt er einmal mehr auf resolutes ADRENALIN-KINO, wobei der Titel „Programm“ ist: Wir befinden uns im herbstlichen Pennsylvania, unter Eisenbahnern. Dank menschlicher Schlamperei saust ein Güterzug führerlos durch die Gegend. Mit 8 Waggons hochgiftigen Chemikalien beladen geht es in Richtung Stanton, einer dortigen Großstadt. Nichts und niemand vermag ihn aufzuhalten. Sämtliche Versuche scheitern. Die Medien sind alarmiert, berichten/senden live. Alarmstimmung auch im Hauptquartier der Bahnverwaltung, wo die Rangiermeisterin Connie Hooper (Rosario Dawson) aufgescheucht ist. Doch der Zug lässt sich einfach nicht stoppen.
Der altgediente Zugführer Frank Barnes (Denzel Washington) ist angefressen. Hat man ihm heute so ein „Greenhorn“ als Partner zugewiesen: Will Colson (Chris Pine). Irgendwie kommen die Beiden nicht so recht „in Stimmung“ miteinander. Doch als sie unterwegs in ihrem Zug von dem Unglück erfahren, müssen sie sich trotz aller Dissonanzen zusammenraufen. Obwohl die Anweisungen aus der Firmen-Chefetage eindeutig sind, ignorieren sie diese und bemühen sich, in einem letzten, verzweifelten Versuch die bevorstehende Katastrophe noch abzuwenden. Ein Wettlauf gegen die Zeit, gepaart mit viel tapferem „Irrsinn“.
Natürlich ist die Story von Drehbuch-Autor Mark Bomback („Stirb langsam 4.0“) vorhersehbar. Doch was Tony Scott daraus macht, mit viel Krach, Bumm, Zisch, mit vielem Rattern, Quietschen und Dröhnen, ist rasant, effektvoll im Schnitt, in der schnellen Montage und der Zeitraffer-Atmosphäre sowie beschallungsmäßig „voll im Sound“. Während Kameramann BEN SERESIN („Transformers – Die Rache“) nicht nur die herben Landschaften der nordöstlichen USA-Drehorte Pennsylvania + Ohio einfängt, sondern auch die tristen, verwahrlosten Industriegebiete dort.
Doch der Hauptaugenmerk richtet sich natürlich auf die Helden, auf das Kerle-„Paar“: Auf den 2fachen „Oscar“-Preisträger DENZEL WASHINGTON (56/„Glory“; „Training Day“), der bereits zum 5. Male mit Scott zusammenarbeitet und mit routinierter Helden-Pose „rockt“; und auf seinen Kompagnon-Junior CHRIS PINE (30). DER war neulich im 11. „Star Trek“-Movie der jugendliche James T. Kirk und bleibt hier, zusätzlich gestresst mit privaten Eheproblemen, gegenüber „Boss“ Denzel Washington eher blass. Wirkungslos. Interessant dagegen der vehemente Auftritt von ROSARIO DAWSON (war 2007 Mitglied der toughen Weiber-Clique im Quentin-Tarantino-Rotz „Death Proof“; spielte in „Sieben Leben“ neben Will Smith/2008) als verzweifelte Rangier-Lady Connie Hooper, der nach und nach die praktischen Hilfs-Ideen ausgehen.
„Unstoppable – Außer Kontrolle“ ist als furioses, spannendes Action-Ding ein ordentlicher hollywoodscher Nerven-Kick. Pures Bedienungskino zum schnellen Augen-Verzehr (= 3 PÖNIs).
„UNTER BAUERN“ von Ludi Boeken (D/Fr 2008; 95 Minuten; Start D: 08.10.2009); basiert auf den Erinnerungen der 1912 in Oberaula geborene und heute in Münster lebende Marga Spiegel. In ihrem Bericht, der 1969 als Buch mit dem Titel „Retter in der Nacht“ erschienen ist, schildert sie, wie couragierte Bauern im Münsterland zwischen 1943 und 1945 ihre jüdische Familie versteckte und so vor der Deportation rettete. Die Retter, die teilweise überzeugte NSDAP-Mitglieder waren, handelten dabei nicht aus politischen, sondern aus humanen, moralischen Gründen.
Ihnen war der Bischof in Münster näher als der Führer in Berlin. Der Film ist differenziert, feinfühlig und unsentimental, mit einem zu Herzen gehenden Ende. Kommt ohne Pathos aus, ist spannend wie ein Thriller. Und stellt einmal mehr die Frage, was die Deutschen vom Holocaust gewußt haben. Im exzellenten Ensemble befinden die sich angenehm zurückhaltenden und sich „einordnenden“ Stars VERONICA FERRES und ARMIN ROHDE, die das außergewöhnliche Überlebensdrama genauso vorzüglich mit Leben füllen wie etwa Margarita Broich, Martin Horn und die junge Lia Hoensbroech. „Unter Bauern“ ist ein Plädoyer für Zivilcourage und eine Hymne auf die Menschlichkeit (= 4 PÖNIs).
"Strangers in Good Company“ heißt, der bei uns mit „UNTER FREMDEN“ von Cynthia Scott (Kanada 1990; 101 Minuten; Start D: 30.05.1991) betitelt wurde.
Die Geschichte ist ebenso simpel wie faszinierend: 7 Frauen im Alter zwischen 69 und 88 Jahren stranden irgendwo in einer menschenleeren Waldregion Kanadas. Sie befinden sich auf einem Ausflug, als der Motor ihres Busses schlappmacht. Jetzt sind sie mit ihrer jüngeren schwarzen Fahrerin allein auf sich gestellt. Sie quartieren sich in einem verlassenen, heruntergekommenen Haus ein und müssen sich nun selbst versorgen. Sie kennen sich kaum und fangen bald an miteinander freundschaftlich und respektvoll umzugehen. Es beginnt ihr ganz privates Alters-Abenteuer.
7 weibliche Robinsons und ihr fußkranker Freitag. Aus dieser Konstellation schuf Cynthia Scott einen hinreißenden Film. Dabei kam es ihr darauf an, keinen Film über alte Menschen zu machen, sondern über “Menschen, die ein hohes Lebensalter haben“. Wir lernen dazu keine Exotinnen kennen, sondern erleben ganz einfache, wunderbar-normale Frauen mit ihren Schicksalen und ihren Hoffnungen und Träumen. “Unter Fremden“ ist ein spannender Film der Würde. Hergestellt mit lauter zärtlichen, berührenden Überraschungen und mit 7 faszinierenden Laien-Darstellerinnen. Ein poetischer Film als Hymne auf Toleranz, Humor und Lebensfreude: “Unter Fremden“ von Cynthia Scott (= 4 PÖNIs).
„UNTER MENSCHEN“ von Christian Rost & Claus Strigel (D/Ö 2010-2012; K: Waldemar Hauschild; 95 Minuten; Start D: 21.03.2013); dieser lange Moment geht sichtlich tief unter die Haut. Sicherlich auch selbst abgehärtesten Zusehenden: Jahrelang lebten sie isoliert. „In Einzelhaft“. Als sie sich erstmals begegnen, nehmen sie sich nur stumm in die Arme. Minutenlang. Ergriffenheit. Aber auch: Kotz-Wut. Macht sich tief atmend breit. Der Dokumentarfilm mit dem zynischen Titel weiß von wahrem Schlimmem zu berichten. Zu erzählen. Vom menschlichen Horror. Gegenüber Tieren. Schimpansen. Die nächsten lebenden Verwandten des Menschen. Die im mittleren Afrika zu Hause sind. Eigentlich.
Mitte der 1980er Jahren werden 40 Schimpansen-Babys aus Sierra Leone von einem Pharmaunternehmen nach Österreich „geholt“. Zum Versuchsdienst „für die Menschheit“. Für die Entwicklung von Aids-, Hepatitis- und Grippe-Impfstoffen. Sie wurden einzeln in sechs Quadratmeter kleine Boxen aus Beton, Glas und Gitterstäbe eingepfercht. Ohne Tageslicht, ohne Kontakt zu ihren Artgenossen. Zwar gab es bereits seit Österreichs Beitritt zum Internationalen Artenschutzabkommen im Jahr 1984 strikte, dies untersagende Reglementierungen, doch heute offensichtliche Lobby-Seilschaften aus Wirtschaft / Politik und Juristerei ließen dies „amtlich“ zu. Ein Satz wie „Kameraden aus dem Zweiten Weltkrieg deckten sich gegenseitig“, fällt einmal im Film, ohne dass dies näher erläutert wird. Naturschützer beginnen frühzeitig diese „katastrophale Tierquälerei“ anzuprangern, doch vergeblich. Erst als der österreichische Pharmakonzern „Immuno“ nach 15 erfolglosen Versuchsjahren von einem amerikanischen („Baxter“) aufgekauft wird, endet die Praxis der quälenden Tierversuche. Wendet sich das schlimme Blatt. Etwas.
Stell dir vor, du erwachst in einer Kiste. Immerhin so hoch, dass du stehen kannst. Täglich bekommst du durch eine Klappe dein Essen. Ansonsten wirst du „behandelt“. Mit „allem Drum und Dran“. Über 15 Jahre lang. Isolationshaft. Die einem „höheren Zweck“ dienen soll. Sie heißen Bonnie und Clyde, Xsera und Gabi, Johannes und Pepi, Martha, Peter und Pünktchen. Sind krank, kaputt, traumatisiert. Sie hassen Menschen und haben allen Grund dazu. Die beiden deutschen Dokumentarfilmer Christian Rost, 1955 in Lörrach geboren, und Claus Strigel, Münchner des gleichen Jahrgangs und 1976, gemeinsam mit Bertram Verhaag, Mitgründer von DENKmal-Film, nennen ihren Film international „Redemption“, also „Erlösung“. Sie zeichnen diese Tier-Mensch-Geschichte akribisch – und ohne jedwede Off-Kommentierung – nach und begeben sich auf die Spuren einer Art begonnener „Wiedergutmachung“. Resozialisierung. Der Schimpansen. Die heute in und auf einer Anlage in Gänserndorf bei Wien das Leben nachlernen. Sollen. Mit ihren vier Pflegerinnen. Zwei von ihnen waren schon bei den Pharma-Experimenten für sie zuständig. Auch für sie ist es eine Art Hilfe. Resozialisierung. Für Annemarie Kuthi und für Renate Foidl ist die Weiterbeschäftigung mit „ihren Tieren“ ein großer Schritt, um sich selbst aus der Verstrickung mit dem Schicksal der Schimpansen zu befreien. Denn auch sie sind Gefangene - auf der anderen Seite des Gitters.
„Unter Menschen“ wirkt wie ein spannender Polit-Thriller. Nur eben nicht fiktiv. Rost & Strigels Bilder drücken. Etwa wenn es darum geht, keine Verantwortlichen dieser kriminellen Taten jemals zur Rechenschaft „zu bekommen“. Und bedrücken. Immens. Etwa, wenn die Affen bei ihren ersten Begegnungen nach den vielen Jahren ihre Kräfte nicht einzuschätzen wissen und untereinander wüste Verletzungen entstehen. Oder wenn ihr erster gemeinsamer Ausflug in die Natur im Außengehege „vorsichtig“ ansteht. Danach werden diese hochemotionalen Bilder so leicht nicht mehr aus dem Kopf zu kriegen sein. Wie gehen wir mit der Natur um. Wie mit den Tieren. Wie wollen wir zusammen existieren. Ein Film mit VIEL Wirkung. Von wegen Reflexion, von wegen vielem Bedenkens- und Nachdenkenswertem. In Sachen Zivilisation. In Sachen WIR. Auf der Erde.
Was für ein engagiertes Werk von „riesigem“ gutem Dokumentarfilm ist hier entstanden und - SEHR dringend wie nachhaltig UNBEDINGT zu empfehlen (= 5 PÖNIs).
Die Geschichte des neuen Films von Brian De Palma, das ist der Regisseur vor “Carrie“ oder “Dressed to kill“, ist nicht so neu, aber ein echter Knallbonbon.
Sie spielt in den dreißiger Jahren in Chicago, wo Prohibition, Gewalt und Korruption an der Tages- und Nachtordnung sind. Es ist die große Zeit von Al Capone, dem legendären Gangsterboss. Vier Männer stellen sich ihm entgegen. Drei Polizisten und ein Buchhalter. Ihr Anführer heißt Eliot Ness, ihm zur Seite steht der erfahrene Malone. Die Gegner sind also ausgemacht, der Kampf kann beginnen.
Mit „THE UNTOUCHABLES - DIE UNBESTECHLICHEN“ von Brian De Palma (USA 1987; 119 Minuten; Start D: 15.10.1987); hat er einen riesigen Gangsterfilm mit Western-Touch geschaffen. Vier gegen den Rest. Was bedeutet, dass sich die vier Helden eine ganze Menge einfallen lassen müssen, um nicht schon im ersten Kugelhagel unterzugehen.
“The Untouchables - Die Unbestechlichen“ ist ein harter, bisweilen überharter Unterhaltungsfilm, der in der Gestaltung, Kostümierung, in den Bauten und seiner Atmosphäre großen Gangster-Epen sehr nahekommt. In den Hauptrollen spielen nur Spitzenkräfte. ROBERT DE NIRO ist ein prachtvolles Ekelpaket Capone. Und KEVIN COSTNER, SEAN CONNERY und CHARLES MARTIN SMITH sind ebenbürtige Mit- und Gegenspieler. Einzelne, prächtig ausgetüftelte Sequenzen - so eine irre Bahnhofsszene - besitzen klassische Vorbilder und Qualität. Großes Spannungskino also (= 4 PÖNIs).
„UNTRACEABLE" von Gregory Hoblit (USA 2007; 101 Minuten; Start D: 03.04.2008); einem aus Abilene/Texas stammenden Hollywood-Regisseur, der über passable Genre-Streifen wie "Zwielicht" (1996/mit Richard Gere + Edward Norton) und "Frequency" (2000/mit Dennis Quaid) auch bei uns bekannt wurde. Hier nun erzählt er von einer besonders ekelhaften neuen Form von Mord + Technik (oder umgekehrt).
Der Betreiber einer Internet-Seite foltert live von ihm entführte Menschen. Das Perfide daran: Je mehr Internet-Benutzer die widerliche Seite anklicken, desto schneller wird der ausgeklügelte mörderische Mechanismus "aktiv". DIANE LANE ("Straßen in Flammen", "Cotton Club", "Der Sturm", "Untreu") spielt eine vom Leben ziemlich gebeutelte FBI-Spezialistin, die dem Verbrecher mit viel Mühe und Scharfsinn auf die Spur(en) kommt. Doch am Ende wird es für ihre kleine Tochter wie auch für sie selbst lebensgefährlich. Das wird spannend wie hart vorgeführt, wirkt aber vor allem in seiner ausführlichen spekulativen Detail-Gewalt dann auch eher abstoßend.
Die vermeintliche Kritik an immer "umfangreicheren" Gewaltexzessen in den Medien kommt SO nur verlogen wie unglaubwürdig ´rüber. Aber, zudem: Der Originaltitel kann mit "Unauffindbar" übersetzt werden. Warum der amerikanische Verleih allerdings seinen Thriller unter diesem - nur bei besten Englisch-Kenntnissen verständlichen Wort "Untraceable" in die deutschen Kinos bringt, bleibt rätselhaft und ist wissentlich eine Art eigene Geschäftsschädigung. Weil das hiesige Publikum bekanntlich nun einmal ungern Eintrittsgeld in einen Film investiert, dessen Titel erst im Wörterbuch nachgelesen/erklärt werden muss. Aber vielleicht ist das ja Absicht, die Leute hiervon fernzuhalten...und nicht die schlechteste Idee (= 2 PÖNIs).
„DER UNWIDERSTEHLICHE CHARME DES GELDES“ von Claude Zidi (Fr 1987; 104 Minuten; Start D: 13.08.1987)
“Es sind Kämpfe, es sind Sieger“, brüllt begeistert der Ansager auf dem Treffen eines ehemaligen Uni-Jahrgangs herum und meint damit die “vier Musketiere“ Gerard (CHRISTOPHE MALAVOY), Thierry (FRANCOIS CLUZET), Francis (GERARD LECAILLON) und Daniel (JEAN-CLAUDE LEGUAY), die schon auf der Hochschule die Elite bildeten und deren Jahresumsatz zehn Jahre später dank ihrer Aktivitäten im Sponsorengeschäft, in der Videobranche und im Bankgewerbe nicht unter 35 Millionen Franc Jahresumsatz liegt. Einzig bei Freund Daniel hat sich die großzügige Ausbildung noch nicht bezahlt gemacht, er ist ein Träumer und “Versager“ geblieben, der immer noch die Leute anmacht mit seinen verrückten Ideen, anpumpt und auf sein großes Geschäft wartet. Und dann existiert da noch Monsieur Hassler (JEAN-PIERRE BISSON), der schon während der Studienjahre der Intimfeind der Freunde war und heute getreu seinem allerheiligsten Grundsatz “Nur Geld macht uns glücklich“ linke Geschäfte pflegt und mit einem weißen Jaguar-Coupé seine weiße Weste spazieren fährt. Genau diesem arroganten Fiesling klauen Gerard und Thierry den Safe, damit Kumpel Daniel nicht ein weiteres Opfer der üblen Geschäftspraktiken dieses Saube
rmannes wird. Außerdem waren sie es ja, die zuvor ihren Freund Daniel mit einem vermeintlichen Lottogewinn ganz schön reingelegt haben.
Dessen Dauerbettelei ging ihnen ganz einfach auf den Keks, also glaubten sie ihm mal einen Streich spielen zu müssen. Dass daraus nun solch eine Affäre entstehen würde, die nicht nur die Existenz von Daniel gefährdet, haben sie nicht ahnen können. Aber “Musketiere“ halten nun mal zusammen, deshalb sitzen Gerard und Thierry mittenmal im tiefsten Schlamassel, werden sowohl von der Polizei als auch von Hassler gejagt, und Francois und Daniel unschuldig im Gefängnis. Jetzt heißt es besonders clever zu sein. Und in Sachen Cleverness können sie mit ihren Frauen rechnen, die attraktive Claire (CLAIRE NEBOUT) und die nicht minder reizvolle Polizeiinspektorin Monique (VERONIQUE GENEST), mit deren Unterstützung Hassler um mehr als nur 400.000 reingelegt wird. Alles scheint sich wohlgefällig aufzulösen, nur der hilfreiche Opa versteht Moral und Welt nicht mehr: “Ich mag zwar altmodisch sein, aber die 400 Riesen hätte ich mir gekrallt. Ihr aber macht euch aus dem Staub, weil ihr sie nicht geklaut habt. Das ist stark".
Es geht also wieder einmal ums Gewinnen und Verlieren, und dabei werden im Kino bekanntlich mit den Millionen nur so herum jongliert. Was durchaus seinen Reiz haben kann, wenn die Mechanismen der Komödie funktionieren, um die Unglaubwürdigkeiten zu überdecken: sie muss temporeich inszeniert sein und auf Überraschungseffekte setzen, sowohl in Wort als auch im Bild. Und damit kommt dieser hübsche, aber eben nicht mit 100%igen Einfällen ausgestattete Film nicht durchweg klar. Die Story wird eine zeitlang rasant und mit forschem Witz vorangetrieben, so dass gar keine Zeit für logische Überlegungen bleibt. Dann aber werden die Atempausen größer und länger, ermüden die Love-Momente, bricht die Atmosphäre und Stimmung abrupt ab.
Die Unterhaltungsfilme des heute 53jährigen Claude Zidi wandeln fast permanent auf dem schmalen Grad zwischen Klamotte ("Brust oder Keule“) und gehobener Komödie (“Die Bestechlichen“), während er für sich selbst propagiert, “die Tradition des Samstag-Abend-Kinos wieder beleben“ zu wollen. Dafür reicht dieser Spaß um betrogene Betrüger und gelackmeierte Ganoven allemal. Aber irgendwie ist seit dem Ruhestand von Experten wie Yves Robert ("Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“) oder Romantikern wie Robert Enrico ("Die Abenteurer“) die Unterhaltungschose noch nicht aus ihrem Tief heraus. Ansätze wie hier sind durchaus heiter, aber auch nur für den kurzen Moment. Das ist bedauerlich, dem Kinntop zum Schnellverbrauch haben wir derzeit viel zu viel (= 2 ½ PÖNIS).
In „DIE UNZERTRENNLICHEN" von David Cronenberg (B+R; USA 1988; 116 Minuten; Start D: 09.02.1989); der Regisseur von Erfolgen wie oder “Dead Zone“ stellt ein eineiiges Bruderpaar in den Mittelpunkt des Geschehens.
Sie sind nicht nur seit frühester Kindheit vereint, sondern Jahre später auch als besessene Wissenschaftler und Ärzte. Fragen zur menschlichen Anatomie und Sexualität sind ihr Spezialgebiet. Elliot und Beverly arbeiten zusammen, leben zusammen und teilen alles, bis eines Tages eine junge, schöne Schauspielerin in ihr Leben tritt und alles verändert. Beverly verliebt sich und will sich endlich von Elliot abnabeln. Doch das führt zu panischen Reaktionen auf beiden Seiten.
“Die Unzertrennlichen“ ist ein psychologischer Thriller, glänzend besetzt mit JEREMY IRONS in einer schwierigen Doppelrolle. Die Partnerin ist GENEVIEVE BUJOLD. Es ist ein Film, der einfach nicht aus seinen geistigen wie dramaturgischen Startlöchern kommt. Immer so tut, als ob, und dann passiert doch nicht viel mehr als vorher bekannt oder erwartet. Bilder, Ausstattung, Atmosphäre, Aufwand sind vom feinsten, aber dem Ganzen fehlt der Saft und die Kraft in der Geschichte.
“Die Unzertrennlichen“ ist eine mittelmäßig-spannende Seelen-Qual als laues, aber optisch schmuckes Genre-Spiel (= 2 ½ PÖNIs).