„WHISKY MIT WODKA“ von Andreas Dresen (D 2008; 104 Minuten; Start D: 03.09.2009); basiert auf einem Klasse-, weil pointiertem, witzigem wie schön-melancholischem Drehbuch des Autors und Schriftstellers WOLFGANG KOHLHAASE. Kohlhaase zählt zu den renommiertesten deutschen Film-Autoren und hat z.B. die Drehbücher zu „Baby“ (von Philipp Stölzl/2002), „Der Bruch“ (von Frank Beyer/1988); „Solo Sunny“ (von Konrad Wolf/1979) oder „Ich war 19“ (von Konrad Wolf/1968) sowie „Berlin – Ecke Schönhauser“ (von Gerhard Klein/1956/57) verantwortet und auch den Dresen-Film davor, „Sommer vorm Balkon“ (2005), „geschrieben“. Hier nun hat der heute 78jährige wieder ein Meisterstück verfaßt. Aus dem der 1963 in Gera geborene Andreas Dresen eine exzellente deutsche Komödie geschaffen hat, die innerhalb dieser „grobmotorigen“ deutschen Spaßfilm-Landschaft eine wunderbare Ausnahme bildet.
Thema. Das Kinomachen als Leben. Und umgekehrt. Wir befinden uns am Set eines deutschen Films. Wo Otto der Alt-Star ist, Otto Kullberg (HENRY HÜBCHEN). Der befindet sich zwar im „fortgeschrittenen Alter“, ist aber immer noch beim Publikum gut angesagt. Doch der populäre Typ ist auch ein Lebemann „mit Schwächen“, sprich - der Alkohol. Was die Arbeit mit ihm bisweilen zur Geduldsprobe ausarten läßt. Als er eines Morgens „ausfällt“, haben Regisseur und Produzent die Nase voll. Engagieren eine Zweitbesetzung, Arno Runge, vom Theater, einen unbedarften, forschen Typ, der fortan jede Kullberg-Szene „nachdreht“. Man kann ja nie wissen, sicher ist sicher. Otto ist empört. Und angepikst wie angestachelt. Steht nun unter „besonderem Druck“. Man beobachtet sich, belauert sich, der Alte und sein wuschelköpfiges „Double“. Und Otto muß erstmals erfahren, daß Niemand, also auch nicht ER, unersetzlich ist. Was ihn umsomehr „motiviert“. Von wegen alt, gestrig, aufgeben, denkste. Aber: Bei aller neuen Energie, der Alte ist auch „ins Denken“ gekommen. „Whisky mit Wodka“ erzählt nicht nur von Höhen und Tiefen, von den kleinen und großen Begebenheiten beim Drehen eines Films, sondern vor allem auch von den kleinen und großen Lebenslügen, von der Melancholie verpaßter Chancen im zwischenmenschlichen Miteinander, vom Opportunismus, mit dem sich Jeder seine eigene Wahrheit(en) zurechtbastelt. Am Kino wie im wirklichen Dasein.
Dabei aber geht es weder „anstrengend“ noch vorwurfsvoll noch „bitterlastig“ zu: Kohlhaase & Dresen spielen auf der wunderbaren Pointen-Tastatur der augenzwinkernden Poesie-Eitelkeiten. Dabei fein unsentimental, zutiefst menschlich und bisweilen höchstgradig amüsant. „Alle lieben die Wahrheit und jeder lügt“, zieht zwar Otto schließlich Bilanz, in der aber Komik und Melancholie süffisant-köstlich wie angenehm emotional ineinanderfließen. Ein toller Film, in dem es gerne zweideutig menschelt, etwa wenn Henry Hübchen als Otto zu einem starken Rundumschlag-Monolog über die Rücksichtslosigkeiten innerhalb der Filmbranche ausholt und dabei zugleich den bitteren Zustand unserer Leistungsgesellschaft gleich mitverhandelt, wo Schwächen und Versagen „nicht zugelassen“ werden. Man wird an das humane, berührende und dabei sehr unterhaltsame „Die amerikanische Nacht“-Meisterwerk von Francois Truffaut (von 1972/73) ebenso erinnert wie – über die jazzigen Moll-Klänge – an vorzügliche Woody-Allen-Lebenshappen, wenn auf höchst virtuos-ironische Weise die Grenzen zwischen Spiel(en) und Wirklichkeit zuweilen verwischen. Und ein Film, in dem die Aufnahmeleiterin eines im Entstehen befindlichen Films durchs Studio tönt, „Achtung, Beeilung bitte, DIE SCHAUSPIELER WERDEN ÄLTER“, der kann doch nur ein Volltreffer sein, oder? Aber auch „Wir leben in einer blöden Welt. Was haben die Russen denn erreicht? Die Verschiebung der Wodka-Grenze nach Westen“, ist auch „nicht ohne“.
HENRY HÜBCHEN führt das saustarke Ensemble prächtig in der überzeugenden Macken-Mixtur-Balance aus Komik und Rührung, aus Boß und Clowndolli, an. Ein „Alter“ mit „Schmackes“. Und vielen „netten“ Schrammen. An DEM bleibt man gerne dran, der REIZT toll. Um ihn herum scharen sich die ausdrucksstarke, weil sich sympathisch zurücknehmende CORINNA HARFOUCH als sozusagen „endlich mal ruhiges weibliches Alphatier“; der immer spannender werdende SYLVESTER GROTH (der Doppel-Goebbels von Tarantino/„Inglourious Basterds“ und Dani Levy//“Mein Führer“) als genervter Regisseur-Kauz sowie Newcomer MARKUS HERING als cooler Arno Runge mit viel Faustdick-hinter-den-Ohren-Debüt-Charme. Solch ein kluger, witziger, unterhaltsamer „Knaller“ gehörte doch eigentlich in das Wettbewerbsprogramm der diesjährigen Berlinale? Zumal diese ja im Frühjahr nur sehr mager mit einer„echten“ deutschen Produktion bestückt war („Alle Anderen“/bislang 177.962 Zuschauer in der 11. Woche)?
Andreas Dresen dazu im Interview mit der Agentur DPA:
Wir haben ihn der Berlinale auch angeboten und sie haben ihn für das Panorama-Spezial eingeladen, aber das wollten wir nun wieder nicht. Ich glaube, er hätte im Berlinale-Palast gut laufen können. Dieter Kosslickfand ihn zu branchenspezifisch. Das glaube ich gar nicht, ehrlich gesagt: Es ist zwar, oberflächlich betrachtet, ein Film über das Filmemachen, aber hinter der Kulisse läuft da was ganz anderes ab, das allen Menschen vertraut sein dürfte. Insofern habe ich die Entscheidung auch nicht wirklich verstanden. Aber das ist natürlich Sache der Berlinale. Wir haben uns dann für ein Sommerfestival entschieden, Karlovy Vary (Karlsbald in Tschechien). Es war super da; der Saal hat gerockt“. Es scheint, als müßte man sich wirklich einmal mit dem „merkwürdigen Filmgeschmack“ unseres Festivalleiters befassen, der ja schon vor einiger Zeit sogar den deutschen „Oscar“-Film „Das Leben der Anderen“ auch nicht für wettbewerbsfähig hielt…..!!!!! (= 5 PÖNIs).
„WHO KILLED MARILYN?“ von Gérald Hustache-Mathieu (Co-B+R; Fr 2011; 102 Minuten; Start D: 02.08.2012); hier ist es definitiv saukalt - in Mouthe, in der französischen Provinz. An der Schweizer Grenze. Für Zugereiste ist er wahrscheinlich der gefühlte kälteste Ort überhaupt. Daran vermag auch der von hier stammende berühmte Käse nicht viel zu ändern. Es schneit also wieder einmal. Hier. Heftig. Die tiefe weiße Landschaft. Prächtig wie atmosphärisch. Anzuschauen. Und ausgerechnet „solch eine Kälte-Szene“ unterlegt der (bei uns unbekannte) Regisseur mit dem soften Sonnen-Song „California Dreamin“, im November 1965 von „The Mama & The Papas“ erstmals veröffentlicht, lt. dem Magazin „Rolling Stone“ die Nr.89 in der Liste der 500 weltbesten Songs aller Zeiten und hier emotional gänsehaut-treibend interpretiert von JOSÉ FELICIANO (war 1968 die B-Seite seiner Hit-Single „Light My Fire“). Das funkt.
David Rousseau (JEAN-PAUL ROUVE) ist ein bekannter Krimi-Autor, der unter einer Schreibblockade leidet. Da ist es ganz gut, dass er „mal ´rauskann“. In die Provinz. Sprich, nach Mouthe. Wo ihn eine Erbschaft seines verstorbenen Onkels erwartet. In Gestalt eines ausgestopften Hundes. David ist frustriert. Und fast schon auf dem Rückweg von diesem trostlosen Ort, als er über Candice Lecoeur (SOPHIE QUINTON) – quasi – stolpert. Candice war hier die voll-blonde Dorfschönheit. Und DER Käse-Werbe-Star. Sowie die Wetterfee beim regionalen TV-Sender. Mit Marilyn Monroe-Appeal. Und ist jetzt tot. Begraben unter dem Schnee. Mit einer Pillendose in der Hand. Suizid. Kein Fremdverschulden, lautet der Befund des Oberpolizisten. Doch David „riecht ´was“. Wittert eine Geschichte. Einen geheimnisvollen Kriminalfall. Bleibt hier, im Hotel „Zur Flocke“, mit seiner lippenroten willigen Jungwirtin, und fängt an zu recherchieren. Was natürlich nicht auf allseitige Freude stößt. Aber David bleibt dran. Begibt sich auf die Spuren dieser jungen blonden Frau, deren Leben nicht nur äußerlich „so ähnlich“ wie das von Marilyn Monroe verlief. Kommt dabei dieser attraktiven Toten „ziemlich nah“. Und ihrer „unordentlichen“ Lebensgeschichte. Mit Pseudonym und örtlichen Machenschaften. Liebschaften. Bis in die hohe Regionalpolitik hinein. Stößt auf Parallelen zwischen dem Leben (und Sterben) des Hollywoodstars und dieser Candice. War Marilyn vielleicht weit mehr als nur ein Vorbild der hiesigen Blondine?
„Poupoupidou“, Originaltitel, ist einer jener kleinen feinen Film-Entdeckungen, auch „Sleeper“ genannt, die immer mal wieder „unangemeldet“ leise auftauchen. Und die einen so wunderbar zu becircen vermögen. Wie hier: Mit seinem dritten Spielfilm hat der 43jährige Drehbuch-Autor und Regisseur Gérald Hustache-Mathieu eine originelle, lakonische wie schwarzwitzige Thriller-Komödie geschaffen. Die lustvoll-cineastisch etwa an den Düster-Jux „Fargo“ der Coen-Brüder oder auch an den mysteriösen „Twin Peaks“-Charme eines David Lynch erinnert. Ernsthaft ironisch von Intrigen, Lügen und Verdächtigungen erzählt, dabei sich stets aber auch in einer Schmunzel-Distanz bewegt. In der die Verstorbene das „komische“ Treiben des angepieksten Krimi-Fachmanns (aus dem Off-Jenseits) süffisant kommentiert: „Ich musste warten bis ich tot bin, bis sich ein anständiger Karl für mich interessiert“.
Marilyn Monroes Todestag jährt sich am 5.August 2012 zum fünfzigsten Mal. Doch Norma Jeane Baker ist – filmisch – einfach nicht „totzukriegen“. Neulich erst, in „My Week with Marilyn“ (s.KRITIK), gab es respektablen Erinnerungsbeifall, jetzt steht die Ikone mit dem Blondinen-Mythos, „unverschuldet“, schon wieder im Blick- und Mittelpunkt eines neuen Films. Von der 35jährigen SOPHIE QUINTON sympathisch unangestrengt in neurotische Pose(n) gebracht. Während JEAN-PAUL ROUVE, bekannt als Gérard Depardieu-Partner in „Zwei ungleiche Freunde“ (2005), den „unauffälligen“ wie hartnäckigen Provinz-„Maigret“ mimt. Ohne Pfeife, dafür mit bärbeißiger Junior-Energie. Wie eine Kaurismäki-Anti-Figur: Als spannender Unheld. Inmitten einem dann auch musikalisch ulkigen „I Wanna Be Loved By You“-Musikmix. „Poupoudidou“ / Who killed Marilyn?“ lässt das Arthouse-Kino prima blühen (= 4 PÖNIs).