Counter  App Pönis Filmclub App Pönis Filmclub
  

Kinowoche 156/2014 ab 17.04.2014: The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro, Lauf Junge lauf und Yves Saint Laurent

THE AMAZING SPIDER-MAN 2: RISE OF ELECTRO" von Marc Webb (USA 2013; B: Alex Kurtzman, Roberto Orci, Jeff Pinkner; K: K: Daniel Mindel; M: Hans Zimmer; 142 Minuten); es geht also weiter - mit den Vonvorne-Geschichten um die legendäre Comic-Figur. Die ja eigentlich bereits vollständig „ab-/durchgefilmt“ war, als es 2011/2012 hieß, nochmal zurück.

Zum Anfang: Mit „The Amazing Spider-Man (siehe Kino-KRITIK). Anlässlich des 50jährigen Comic-Geburtstages. Stichwort: „REBOOT“. Also nicht Fortführung, sondern alles nochmal neu. Von Comic-Beginn an. Erstaunlicherweise funktionierte die erste Folge mit dem modernisierten Spinnenbengel prächtig. In der zweiten Neuauflage ist DAS aber nun nicht mehr ganz so. Hauptakteur und Titelheld ANDREW GARFIELD ist zwar inzwischen 30, geht aber als Hochschul-Absolvent Peter Parker gerade noch jünglich durch. Wirkt aber eigentlich, ebenso wie sein blondes Liebchen Gwen Stacy (EMMA STONE, 25), schon ein bisschen „zu reif“ für unschuldigen Highschool-Nachwuchs. Zudem - Peter ist nicht nur mit und in seinen „polizeilichen“ Spinnenfähigkeiten zwiegespalten, sondern eben auch in der Beziehung mit Gwen. Die will natürlich nun wissen, woran sie bei und mit ihm emotional und bindungsmäßig ist, er aber hatte ja ihrem Vater einst versprochen, sich ihr nicht „zu nähern“. Von wegen - wo ER ist, lauert auch ständig „die Gefahr“. Was der Tochter nicht gut täte. Deshalb musste er ihrem sterbenden Captain-Papa einst versprechen, von Gwen abzulassen. Was Peter natürlich schwerfällt. Praktisch wie erklärend. Also Normal-Thema 1: Liebe. Ziemlich unnötig breit ausgewalzt. Mit ollem Pusteblumen-Charme: Er mag mich ja, oder nein, was ist los, was soll ich davon halten? Bin sauer, oder etwa doch nicht? Gähn.

Peter ist gerne „aktiv“. Saust „amüsiert“ durch die New Yorker Häuserschluchten, genießt „seine Möglichkeiten“. Bekämpft begeistert die Bösen. Signalisiert „Botschaft“: GUT-Sein ist toll. GUTES-Tun ebenso: „Mensch, benehme dich wieder. Besser. Anständiger.“ Diese täglichen Abenteuer sind für ihn Pathos-Kick und weitaus verlockender, als sich jetzt schon in eine mögliche feste Bindung bürgerlich zurückziehen zu lassen. (Zumal ja da auch noch das gegebene Versprechen gegenüber ihrem Papa ständig im „Alibi“-Raum hallt). Motto: Wenn ich DIES schon habe und kann, also freihändig und im Kostüm herum zu hangeln, um Verbrecher zu jagen oder schlimme mögliche Unfälle „zu bereinigen“, dann muss ich dies gefälligst auch nutzen. Benutzen. Ausnutzen. ODER? Thema 2: Wer oder was bin ich oder will ich sein und werden? Sozusagen Action mit Psycho-Fragen. Bin doch schließlich ein exzellenter Super-Spinnen-Man. Oder? Da kann ich mich doch nicht so „normal“ benehmen wie alle anderen. Oder? Dieses zweite Oder- bzw. Sinn-Thema ist interessant. Aber auch nicht gerade übermäßig aufregend. Etwas-Gähn. Mit Verve. Also geschwätzigen Schwung.

Das große Plus - diese phänomenalen Action-Motive. Dabei werden die 200 Millionen Dollar Produktionskosten phantastisch sichtbar. Wenn ein heranfliegender LKW Menschen bedroht, was Spider lässig zu verhindern vermag; wenn ein riesiger Bus mit lauter Otto Normalbürger-Insassen bedrohlich wie rasend abzukippen scheint, was Spider prima-gut verhindert; wenn es also tricktechnisch voll und bestens zur (Computer-)Sache geht, kann Hollywood sich mit einem Jahrmarkts-Spektakel voll und ganz austoben. Mit 1 A-Radau. Also erster Krawall-Sahne. Hier dampft das Blockbuster-KINO ab. Fetzt ein ganz starker visueller Rock ´n Roll. Thema 3: Super – geil.

Die Schurken. Number One: Der Typ ist für alle – im Parkett – sichtbar, von Anfang an gestört. „Weitreichend“ bekloppt. Aber das eben erkennen nur WIR. Was blöd ist. Weil und wenn man UNS für so dusslig hält. Dass es „die Anderen“, also DIE im Film, nicht merken (dürfen). Er ist Elektro-Ingenieur beim Firmengiganten Oscorp, heißt Max Dillon und wird vom „Oscar“-Hero JAMIE FOXX („Ray“) als dann mächtiger Wüterich in Blau vorgeführt. Der Verklemmte kriegt irgendwann zu viel Strom ab und mutiert fortan zum Electro-„Frankenstein“. Fühlt sich nun erstmals „anerkannt“, ist zum ersten Lebensmale „stark“. Zum Beispiel – wunderbar dargeboten – beim Einsatz auf dem altehrwürdigen Times Square. Da sprühen und blitzen nur so die Funken. Wenn dieses feine New Yorker Wahrzeichen (mal wieder) in Schutt und Asche zerlegt wird. Dabei geht es um das Blut von Spider-Kerl. An DAS „die Üblen“ heranwollen.

Wie Peters ehemaliger Schulkamerad und dämonischer „Oscorp“-Erbe Harry (aalglatt: DANE DeHAAN). Was mit den Anfängen und den einstigen wissenschaftlichen Forschungen und Handhabungen von Peters verschwundenem Vater zu tun hat. Ein bisschen kompliziert, aber wurscht. In diesem Peter Parker-Spiderman-Kosmos. Wo es natürlich vor allem darum geht, in dem ganzen Sinn- und Seelen-Getue es auch mächtig wie atmosphärisch „krachen“ zu lasen. Was dann eben auch ordentlich funktioniert. Beeindruckt. Wenn es ans actionreiche Eingemachte geht, sind die Effekte wirklich spitze. Thema 3 a, die spektakuläre Verbindung zwischen das Böse-Sein und –Zeigen, überzeugt. Wobei auch der lakonische „Transporter“-Fiesling PAUL GIAMATTI (im stählernen „Kostüm“) und die zweifache „Oscar“-Lady SALLY FIELD als Peters Quasi-Mama in gewichtigen Nebenparts bei diesem Böse-Gut-Ansinnen „plausibel“ auftreten.

Die Amis können offensichtlich von dieser Supersuper-Helden-Nummer im Kino nicht genug bekommen, bei uns wirkt diese ewige Show um immer Dasselbe langsam ermüdend(er). Nach Außen hin durchaus noch originell trick-erfinderisch, im Story-Inneren aber eher lau. Gewöhnlich. Mit vielen Längen. Von wegen begehrende Liebe – verbale Hiebe – diese Triebe. Gähn. Aber es geht weiter. Wie wir beim rüden Abschluss erfahren. Nun denn… (= 3 PÖNIs).

LAUF JUNGE LAUF" von Pepe Danquart (D/Fr/Polen 2013; B: Heinrich Hadding, nach dem gleichnamigen Roman von Uri Orlev und der Lebensgeschichte von Yoram Fridman, unter Mitarbeit von Pepe Danquart; K: Daniel Gottschalk; M: Stéphane Moucha; 108 Minuten); es gibt Filme, die „vertragen“ keine herkömmliche Filmkritik-Betrachtung. DIE stehen emotional packend = gedanklich traurig und wütend „so“ für sich da. Deren politische Wucht und menschliche Empörung ist dermaßen enorm, dass die Form, also Gestaltung und Inszenierung, zweitrangig ist. Und auch vorab: „LAUF JUNGE LAUF“ gehört künftig in die filmischen Schulgeschichtsstunden. Zum Diskutieren und als historische Verbrechensaufarbeitung dringend wie nachhaltig empfohlen.

Zu den Fakten: Sein Name YORAM FRIDMAN. Als die Deutschen Polen überfallen, ist Yoram, der damals noch Strulik heißt – die Koseform von Israel – fünf Jahre alt. Er wird mit seiner Familie aus ihrem Heimatdorf Blonie, das für den Film in Wroclaw (im heutigen Breslau) nachgebaut wurde, ins Warschauer Getto deportiert. Im Sommer 1942, als die Massendeportationen beginnen, schmuggelt ein polnischer Bauer, der Abfallkübel aus dem Getto holt, den knapp neunjährigen Jungen auf seinem Fuhrwerk an den deutschen Wachen vorbei. Bringt ihn in den Wald. Zu einer Gruppe jüdischer Kinder. Der unglaubliche, unfassbare Überlebenskampf des jüdischen Jungen beginnt. Wäre dies eine fiktionale Geschichte, würde man sie für „nicht glaubwürdig“ abtun. Doch - sie ist passiert. Beschämend „so“ geschehen. Wobei der Film diese nicht chronologisch nacherzählt, sondern mit Rückblenden erklärt.

Ein kleiner Junge lebt wochen- und monatelang allein im Wald. Zieht von Gut zu Gut, arbeitet für die Bauern. Als seine Hand beim Antreiben der Pferde, die die Dreschmaschinen bewegen, zwischen die Mahlräder gerät und seine Finger zermalmen, weigert sich ein polnischer Arzt im Krankenhaus das Kind zu behandeln. Weil er es „für jüdisch“ hält. Als der Chefchirurg den Jungen am nächsten Morgen sieht, kann er ihm nur noch den Arm amputieren. Weil der die Behandlung ablehnende (junge) Arzt den kleinen Strulik, der sich jetzt „arisch“ Jurek nennt, an die Gestapo verrät, muss der Junge wieder zurück. In die Wälder. Allein. Bis zum Kriegsende kämpft er sich durch. Als Hühnerdieb und Erntehelfer. Inmitten des Erwachsenenwahns, ein Kind zu jagen, um es zu vernichten.

Der Film ist schlicht und bieder erzählt. Als ein trauriges „Huckleberry Finn“-Abenteuer in schlimmen Zeiten. Mit kindlichen rührenden Großaufnahmen. Musikalisch kitschig untermalt. Konzertant als Getöse begleitet. Die Bedrohlichkeiten, also Schmerzen und Angst, eher abschwächend. Das Fürchterliche wird in nur wenigen Motiven deutlich. Nahe. Berührend. Etwa wenn die widerwärtigen Höflinge der Nazis „auftreten“. Wie dieser junge Arzt, der aus Karrieregründen seinen Eid „vergisst“. Oder wenn ein SS-Oberst eine zwar eklige, aber immerhin doch auch etwas „differenzierte Person“ andeutet. Und sich nicht nur als plumpes Nazi-Abziehbild von Ungeheuer vorzeigt. Am Schluss allerdings wird es gänzlich „disharmonisch“.

Ein junger israelischer Amtsträger holt den Jungen nach Kriegsende aus seiner Pflegefamilie, wo er inzwischen liebevoll umsorgt aufgenommen und gut behütet ist, um ihn in ein jüdisches Waisenhaus zu transportieren. Weil der Staat Israel nun auf „solchen Nachwuchs“ setzt. Dem Jungen wird erst keine Wahl gelassen, dann aber doch. Das Bild und vor allem der gedankliche Ton versagen hier gänzlich. Die Abholung des Jungen sieht wie eine weitere Verschleppung aus. Ist zwar offensichtlich anders gemeint, kommt aber ziemlich „ungut“ ´rüber. Ist geradezu unangenehm inszeniert. Mit diesem aggressiven „jüdischen Befehlshaber“.

Ein schwacher starker Film. Dessen Wahrheit beziehungsweise Wahrheitsgehalt auch heute wieder fürchterlich erschreckt. Was imponiert. Zum Nie-Vergessen. Und wichtigen Immer-Wieder-Erinnern. Deshalb empfehle ich den Film nachhaltig. Auch, weil die Zwillingsbrüder ANDRZEJ und KAMIL THACZ, die sich die Rolle des introvertierten, sensiblen wie draufgängerischen Jungen teilen, in ihrer Körpersprache den seelischen Horror unangestrengt-überzeugend wie grausam zu vermitteln verstehen. Und deshalb lange im entsetzten Gedächtnis bleiben – werden (= 4 PÖNIs).

YVES SAINT LAURENT" von Jalil Lespert (Co-B + R; Fr 2013; Co-B: Marie-Pierre Huster, Jacques Fieschi, frei nach dem gleichnamigen Buch von Laurence Benaim; K Thomas Hardmeier; M: Ibrahim Maalouf; 104 Minuten); du bist bei der Arbeit, ach was – bei deiner Berufung einer der Besten, Größten, doch wenn es darum geht, „nebenbei“ auch noch „das Leben“ zu meistern, versagst du. Sinngemäß hat er sich „so“ einmal selbst beschrieben: YVES SAINT LAURENT (1. August 1936 – 1. Juni 2008). Was haben wir hier von ihm für Bilder im Kopf…das schmale schöne scheue Gesicht mit dieser überdimensionalen Brille; die Abkürzung YSL, die auf einen der bedeutendsten Modeschöpfer verweist; der 1971 nackt für sein Männerparfüm „YSL Homme“ posierte. Man hörte von den privaten, sprich depressiven Eskapaden, bei denen Alkohol und Drogen eine immense Rolle spielten. Eine komplexe Persönlichkeit. „Er war genial, modern und zutiefst unglücklich“, ortet ihn der 24jährige französische Nachwuchsstar PIERRE NINEY („It-Boy – Liebe auf Französisch“; „Die anonymen Romantiker“; „Der Schnee am Kilimandscharo“) ein, der in der Titelrolle brilliert.

Paris 1957. Yves ist 21, einer der talentiertesten Designer Frankreichs und rechte Hand d e s Modeschöpfers überhaupt, Christian Dior. Als dieser unerwartet stirbt, wird ER der künstlerische Leiter einer der renommiertesten Modemarken der Welt. Seine erste Kollektion wird zu einem triumphalen Erfolg für den schüchternen Jüngling („Ich kann nur zeichnen; jenseits davon fühle ich mich hilflos“). DER während einer Modenschau auf Pierre Bergé (GUILLAUME GALLIENNE) trifft. Eine Begegnung, die sein Leben von Grund auf verändert: Die beiden werden Geschäfts- und Lebenspartner. Bergé wird für Yves Saint Laurent Seelenverwandter wie „Coach“. Erweist sich als äußerst geschickter Business-Man und verschafft seinem melancholischen Partner den nötigen Freiraum, um seine Kreativität ungebremst entfalten zu können. Hier setzt der Film an. Und verliert „den tatsächlichen Menschen“ aus der biographischen Rundum-Sicht. Saint Laurent wird fortan eindimensional erklärt. Nur auf den ausschließlich labilen Künstler verdammt. Während sein „Kümmerer“ Pierre Bergé dessen Da-Sein pfleglich ordnet und dies aus dem Off auch schwärmerisch kommentierend begleitet.

Drumherum posieren wenig näher bekannt werdende Figuren. Die sich wie Marionetten bewegen. Von wegen - die bunte leere Bühne Glamour-Volk. Und was sich dafür hält. Mit Stichwort-Geplapper. Und was das kreative, bewunderungswürdige Handwerk Mode betrifft, findet der Film keinen Erklärungsbezug zu ihr. Sie ist da, extravagant, offensichtlich, und angesagt. Angezeigt, abgehakt wie vieles hier. Die Jahre werden über die Musik und mit dem passenden Ambiente definiert. Motto: Die Oberfläche und ihre fein gehauchten Smooth-Jazz-Töne dazu. Vom erstmals stimmungsreich kommerzielle Filmmusik komponierenden, arrangierenden Trompeterhero Ibrahim Maalouf.

Die Hauptakteure und diese grandiose visuelle Opulenz tragen den Film. Der ohne tiefere Seele langweilt, wiederum aber mit bisweilen reizvollen Magie-Bildern hübsch argumentiert. Aus dieser schön eingerichteten, extrem gepflegt aufgebauten Scheinwelt. Diese exquisite Ausstattung sättigt die Sinne. Erheblich. Bietet atmosphärisches Boulevard-Kino. Mit einem mimisch unglaublich beeindruckenden PIERRE NINEY an der Bühnenfront. Der bekanntlich mit 21 Jahren jüngstes Mitglied der „Académie Francaise“ wurde. Und hier eine äußerlich perfekte, stimmlich wie gestenreich bewegende Performance als melancholischer, selbstzerstörerischer Charmeur Yves Saint Laurent abliefert, die viel Respekt abverlangt. Und Anerkennung verdient. Und die bei all den vielen „Bastard-Masken“ drumherum Bestand hat. Nicht minder intensiv mimt GUILLAUME GALLIENNE den besonnenen Partner Pierre Bergé. Als diskreter Ruhepol im emotionalen Dauersturm des Yves Saint Laurent ist er ebenfalls von sensibler Spannungsgröße.

Insgesamt aber: „Mehr“ wäre drin gewesen. „Yves Saint Laurent“ ist ein solides Stück Promi- Biopic zum Schauen, aber nicht durchweg zum Mögen (= 3 PÖNIs).